Manifest des Willkommens

Flüchtlingsströme am Grenzübergang Gevgelija, Mazedonien Image: Bundesministerium für Europa, Integration und Äusseres

In diesen Tagen, in denen der zunehmende Flüchtlingsstrom die Nachrichten beherrscht und kein Ende der Not absehbar ist, fühle ich mich mehr und mehr gedrängt, ein paar grundsätzliche Gedanken zu diesem Thema aufzuschreiben. Die folgenden Punkte sind zunächst einmal meine persönliche Position, von der ich natürlich hoffe, dass sie von vielen geteilt werden wird. Sie stellen aus meiner Sicht die Grundlage des Willkommens, eine Art „Manifest des Willkommens“ dar.

  1. Ich stelle fest, dass sich Gott, auch und ganz besonders in seiner Selbstoffenbarung in Jesus Christus, immer auf die Seite der Armen, Unterdrückten, Ausgegrenzten, am Rand der Gesellschaft stehenden stellt. Gott nimmt sie an, sieht sie als wertvoll, achtet nicht auf ihren gesellschaftlichen Status und räumt einigen von ihnen sogar einen besonderen Platz in der Heilsgeschichte ein. Ich sehe nichts, was darauf hindeutet, das seine Position den Flüchtlingen der heutigen Zeit gegenüber eine andere sein sollte.
  2. Ich erkenne, dass Jesus Christus bei seiner Begegnung mit Menschen keine Unterschiede macht. Bei ihm spielen Herkunft, Geschlecht, gesellschaftlicher Status und andere menschlichen Kategorien keine Rolle. Ich kann nicht erkennen, dass nationalstaatliche Grenzen für ihn eine Relevanz besitzen. Ich kann aus seiner Perspektive keine Unterscheidung zwischen „Kriegsflüchtlingen“ und „Wirtschaftsflüchtlingen“–in meinen Augen das Unwort des Jahrhunderts–nachvollziehen und glaube nicht, dass er die eine Gruppe angenommen, die andere aber zurückgewiesen oder gar weggeschickt hätte.
  3. Ich verstehe den Ruf in die Nachfolge Jesu Christi als die Forderung, seine Haltung nachzuahmen — in meiner Beziehung zu Gott als Vater, aber gleichwertig auch in meinen Beziehungen zu anderen Menschen. Ich sehe mich daher von Christus selbst zu der ausnahmslosen Annahme der Bedürftigen, also auch der Flüchtlinge, gerufen.
  4. Ich bekenne mich zu Jesus Christus als meinem Herrn und habe mit diesem Bekenntnis seinen Ruf zur Nachfolge über alle anderen Maßstäbe, Kriterien und Überlegungen gestellt.
  5. Ich verwehre mich ausdrücklich gegen die Idee, dass es Lebensbereiche geben könnte, in denen mein Glaube und der Ruf Christi in seine Nachfolge eine unterschiedliche oder vielleicht sogar gar keine Rolle spielen sollte. Die Idee dass Fragen des Staates oder der Gesellschaft auf eine andere Weise zu bedenken seien–oft als „Zwei-Reiche-Lehre“ formuliert–hat in der Geschichte (besonders auch in der deutschen) bereits zu großen Verirrungen geführt. Zu recht haben sich Karl Barth und andere in der „Barmer Theologischen Erklärung“ gegen diese Denkweise gewandt.
  6. Ich beobachte mit Sorge, wie Staatsräson, die Sicherung von Wohlstand oder die Bewahrung von historisch gewachsenen Gesellschaftsformen in der Argumentation mancher Brüder und Schwestern in Christus größeres Gewicht haben als das Gebot der Nächstenliebe gegenüber den Menschen, die auf der Flucht sind. Als Christ sehe ich keines dieser Anliegen als meine vordringliche Aufgabe, sondern weiß mich vor allem anderen von Christus zu seinem Auftrag berufen.
  7. Ich habe vollstes Vertrauen, dass Gott zu seinen Kindern steht. Der Zustrom von Flüchtlingen wird unsere Gesellschaft sicher auch langfristig verändern. Vielleicht werden wir einen Teil unseres aktuellen Wohlstands verlieren, wenn er mit mehr Menschen geteilt werden muss. Dieses Szenario macht mir keine Angst. Ich weiß meine Zukunft in Gottes Hand.
  8. Ich glaube auch, dass der Gewinn, der in der Nachfolge Jesu liegt, jeden materiellen Verlust mehr als aufwiegt.
  9. Ich sehe angesichts des Vorbilds und Auftrags Jesu keine Basis dafür, irgendeinem in Not geratenen Menschen die Aufnahme in unserem Land zu verweigern. Als Christ kann ich diese klare Position nicht wegen ungelöster Finanzierungs- und Logistikfragen zurückstellen oder aufgeben.
  10. Ich sehe mich und jeden anderen Christen persönlich gerufen, auf die Flüchtlinge zuzugehen und ihnen die Liebe Jesu Christi zu allererst in Taten, dann auch in Worten, zu bezeugen.

Über Christoph

Christoph Fischer (* 1978) ist Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg auf der Pfarrstelle „Erlöserkirche“ in Albstadt-Tailfingen.

Christoph ist verheiratet mit Rebecca. Gemeinsam haben sie drei Töchter.