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Achtung, eine Durchsage!

Was kommt an, wenn Gott durch uns redet?

Gepredigt am 10. Juni 2018 , Volksmission Mötzingen.
Image: pixabay / Dale86, Lizenz: CC0
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Die Predigt "Achtung, eine Durchsage!" von Christoph Fischer und alle dazu gehörigen Ressourcen (Predigtzettel, Aufnahme) sind lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz. Verwendete Bilder stehen eventuell unter eigenen Lizenzbedingungen. Ausdrücklich von der Creative Commons-Lizenz ausgenommen sind die Logos und Namen der Gemeinde, in der die Predigt gehalten wurde (Volksmission Mötzingen) und ihrer Arbeitsbereiche.

1.Korinther 14,1-3,20-25

Tolle Neuigkeiten! Gott hat etwas zu sagen und es ist die beste Einladung aller Zeiten. Alle sollen es hören und alle dürfen mit dabei sein. Gott will durch uns zu allen reden. Kommt das an? Was hören wir und was hören die Menschen, wenn Gott zu und durch uns redet? Es wird spannend… Ende der Durchsage.

Hauptpunkte der Predigt

  1. Gott redet: Die Welt ist eingeladen!
  2. Gott redet durch Menschen: Die Welt braucht Propheten.
  3. Gott will durch uns reden: Was kommt bei den Menschen an?

Fragen zur Vertiefung

Zu dieser Predigt hat Christoph eine Reihe von Fragen hinterlegt, die in der Kleingruppe zur Vertiefung weiter besprochen werden können:

  1. Was möchte Gott vor allem durch uns reden? Worin besteht seine Einladung?
  2. Wie hast du Gottes Einladung gehört und erlebt?
  3. Was hörst du, wenn du versuchst, mit den Ohren "der Anderen" zu hören -- im Gottesdienst, in deinem Alltagsleben?

Einleitung

Gnade und Frieden sei mit euch von dem, der da war und der da ist und der da kommt.

Ich lese uns einen Text aus dem ersten Brief, den der Apostel Paulus an die Korinther schreibt. Es ist mir bewusst, dass ihr euch gerade mitten in einer Predigtreihe über die Geistesgaben befindet. Dieser Text passt da gut hinein, denn er greift dieses Thema, über das Paulus ja im 1. Korintherbrief einiges sagt, mit auf. Es ist ein beliebter Text in einer Pfingstgemeinde und ich bin mir sicher, dass du ihn schon öfters gehört hast. Trotzdem will ich dich einladen, ihn vielleicht noch einmal ganz neu zu hören. Ich lese nur einige wenige Verse aus dem 14. Kapitel des 1. Korintherbriefs und zwar Vers 1 bis 3 und dann die Verse 20 bis 25.

Strebt nach der Liebe! Bemüht euch um die Gaben des Geistes, am meisten aber darum, dass ihr prophetisch redet! Denn wer in Zungen redet, der redet nicht zu Menschen, sondern zu Gott; denn niemand versteht ihn: im Geist redet er Geheimnisse. Wer aber prophetisch redet, der redet zu Menschen zur Erbauung und zur Ermahnung und zur Tröstung.

Liebe Brüder und Schwestern, seid nicht Kinder, wenn es ums Verstehen geht; sondern seid Kinder, wenn es um Bosheit geht; im Verstehen aber seid erwachsen. Im Gesetz steht geschrieben: »Ich will in andern Zungen und mit andern Lippen reden zu diesem Volk, aber auch so werden sie nicht auf mich hören, spricht der Herr.« Darum ist die Zungenrede ein Zeichen nicht für die Gläubigen, sondern für die Ungläubigen; die prophetische Rede aber ein Zeichen nicht für die Ungläubigen, sondern für die Gläubigen. Wenn nun die ganze Gemeinde an einem Ort zusammenkäme und alle redeten in Zungen, es kämen aber Unkundige oder Ungläubige hinein, würden sie nicht sagen, ihr seid von Sinnen? Wenn aber alle prophetisch redeten und es käme ein Ungläubiger oder Unkundiger hinein, der würde von allen überführt und von allen gerichtet; was in seinem Herzen verborgen ist, würde offenbar, und so würde er niederfallen auf sein Angesicht, Gott anbeten und bekennen, dass Gott wahrhaftig unter euch ist.

Wer hört mir eigentlich zu?

„Achtung, eine Durchsage!“ Kurz vor der großen Pause klickt der Lautsprecher in der Decke des Klassenzimmers. Der Direktor räuspert sich und beginnt dann eine bunte Reihe von Ankündigungen, jeden Tag mit den selben Worten: „Achtung, eine Durchsage!“ Was dann kam, war nicht immer für alle gleich interessant. Aber zumindest an heißen Sommertagen haben wir aufmerksam zugehört. Es gab zu meiner Schulzeit nämlich noch die Möglichkeit, die folgenden, heiß begehrten Worte zu hören: „Aufgrund der hohen Temperaturen endet der Unterricht heute nach der fünften Stunde.“ So hörten wir ab „Achtung, eine Durchsage!“ aufmerksam zu, um diese Worte auf keinen Fall zu verpassen. Oft haben wir sie umsonst  herbeigesehnt. Aber wenn sie dann zu hören waren, war der Jubel umso größer.

„Achtung, eine Durchsage!“ — ein anderer Moment, eine andere Schule. Es ist Sommer, Schulfest und der Schulhof ist voll von Kindern, Eltern, Großeltern. Es wird gegrillt, gebastelt und gespielt. Schüler und Lehrer haben sich ein tolles Programm für den Nachmittag ausgedacht. In der Ecke steht mein Freund, der Schulleiter. Was er zum Angebot anzusagen hat, ist wirklich interessant. Nur hört ihm keiner zu. Der Lautsprecher ist zu klein, das Mikrofon, das vor ihm steht, zu leise eingestellt. Seine Einladung zu Kaffee und Kuchen geht einfach unter. Kein Jubel, keine Begeisterung, obwohl die Botschaft gut war. An diesem Tag tat mir mein Freund wirklich leid.

An manchen anderen Tagen fühle ich mich selbst so wie er. Hier bin ich, mit der besten Botschaft der Welt unterwegs: „Gott lädt dich ein. Er liebt dich. Er will dein Freund sein. Er will dein Leben verändern. Er will alles verändern. Und aus Gnade schenkt er dir alles, sich selbst eingeschlossen.“ Ist das nicht eine großartige Botschaft? Mein Leben hat sie total verändert. Ich bin überzeugt, dass sie das Leben jedes anderen total verändern kann und dass Gott das möchte. Ich glaube fest daran, dass er will, dass „alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.“ Und ich weiß auch, dass er mich gerne gebrauchen möchte, um diese gute Nachricht (denn das heißt ja „Evangelium“) weiterzusagen. Nur: Wer hört mir eigentlich zu? Interessiert das denn keinen?

Ein paar Gedanken aus der heutigen Bibellese…

Gott redet: Die Welt ist eingeladen!

Strebt nach der Liebe! Bemüht euch um die Gaben des Geistes, am meisten aber darum, dass ihr prophetisch redet! Denn wer in Zungen redet, der redet nicht zu Menschen, sondern zu Gott; denn niemand versteht ihn: im Geist redet er Geheimnisse. Wer aber prophetisch redet, der redet zu Menschen zur Erbauung und zur Ermahnung und zur Tröstung.

Über diesen Text darf man nicht einfach so hinweglesen. Man muss innehalten, ihn beobachten und dabei vielleicht Dinge neu entdecken, die uns manchmal schon so selbstverständlich erscheinen, dass wir sie gar nicht mehr beachten. Also lesen wir diesen kleinen Abschnitt noch einmal, langsam und denken darüber nach, was uns auffällt:

Strebt nach der Liebe! Bemüht euch um die Gaben des Geistes, am meisten aber darum, dass ihr prophetisch redet! Denn wer in Zungen redet, der redet nicht zu Menschen, sondern zu Gott; denn niemand versteht ihn: im Geist redet er Geheimnisse. Wer aber prophetisch redet, der redet zu Menschen zur Erbauung und zur Ermahnung und zur Tröstung.

Was ist dir aufgefallen? Vielleicht springt dir wie mir ins Auge (oder, beim Zuhören besser gesagt: ins Ohr), dass es ein Wort gibt, dass sich ständig wiederholt in diesem Text: „redet“. Es geht um’s Reden, ganz konkret um prophetisches Reden oder das Reden in neuen Sprachen, also um ein Reden, dass seinen Ursprung nicht nur in menschlichem Denken, sondern in Gott selbst hat. Und wer bereit ist, sich einmal neu mit lange geglaubten Selbstverständlichkeiten auseinanderzusetzen, der kommt schon hier ganz am Anfang aus dem Staunen nicht mehr heraus: Gott redet!

Gott redet! „Natürlich redet er“, denkst du. Dabei ist das gar nicht so natürlich. Wir glauben an einen Gott, der redet, der sich zeigt, der aus sich herausgeht und mit uns in Beziehung tritt, der sich mitteilt und uns anspricht, der uns ganz nahe kommt.

Das ist überhaupt nicht selbstverständlich. Denn wir glauben auch an einen Gott, der völlig anders ist als wir Menschen. Als Schöpfer des Himmels und der Erde steht er über allem. Als unendlicher Gott ist er unfassbar für meinen kleinen Verstand. Als unsichtbarer Gott, als Geist, ist er mir völlig unzugänglich. Ich kann Gott nicht sehen, nicht anfassen, nicht schmecken und riechen. Er ist für mich nicht greifbar. Ich kann ihm nicht gegenübertreten um mal herauszufinden, wie Gott so ist. Ich kann ihn schon gar nicht unter ein Mikroskop legen, um ihn zu untersuchen und ihn dann zu verstehen. Ich kann aus der Beschaffenheit der Welt, aus der Natur, dem Leben und aus Erfahrungen meines Lebens Schlüsse ziehen und vermuten, dass hinter all dem wohl ein großer Gott stehen müsste. Aber dieser Gott bleibt mir völlig verborgen. Was mir zugänglich ist, ist viel zu klein für diesen Gott.

Und dann redet Gott! Er macht von sich aus den Schritt auf mich zu, den ich in seine Richtung nie machen könnte. Theologisch sagen wir, „Gott offenbart sich“ und man darf ruhig einmal über den Inhalt dieses Wortes nachdenken: Gott öffnet sich. Er zeigt sich. Er wird zugänglich, wo er vorher verborgen war. Gott redet.

Und Gott redet viel. Von Anfang an. Durch sein Wort wird alles geschaffen. Er geht auf seine Geschöpfe zu. Er redet mit Adam, mit Noah, mit Abraham, mit Mose, David und den Propheten. Er redet mal hörbar, mal tief drin, mal laut, mal leise, in Träumen und Visionen, in deutlichen Worten, ganz unterschiedlich. Aber er redet. Wo Menschen sein Wort weitergeben, redet er durch Menschen weiter. Wo Menschen sein Wort niederschreiben, redet er nun auch durch die Schrift. Man kann durch die Welt gehen und sein Reden in der Natur erahnen. Oder er schickt einen Engel und redet unüberhörbar und außergewöhnlich.

Aber am größten, am schönsten und am eindrücklichsten redet er, als er selbst Mensch wird und in Jesus Christus zu uns kommt. Dieser Jesus ist die deutlichste Offenbarung Gottes. Gott wird Mensch und Menschen können wir sehen, hören und erfassen, wir können in Beziehung treten und uns ansprechen lassen. In Jesus wird Gott sichtbar, den wer ihn, den Menschen Jesus, sieht, der „sieht den Vater“, so sagt er selbst. In Jesus wird Gottes Reden deutlicher als jemals sonst hörbar, denn er ist selbst das ewige Wort, Mensch geworden, das “ das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben“, wie es in der Barmer Theologischen Erklärung heißt. Wer Jesus begegnet, der hört den redenden Gott. Darum haben Menschen unter der Leitung des Heiligen Geistes ihr Zeugnis von diesem Jesus aufgeschrieben: Damit auch wir dieses Reden Gottes hören.

Gott redet–am deutlichsten in Jesus. Gott redet, und er redet viel. Er erklärt seine Liebe zu uns Menschen. Er erklärt seine Freundschaft, seinen Rettungswillen. Er schließt einen Bund mit den Menschen, weil er Gemeinschaft haben will. Aus dem brennden Busch heraus stellt er sich selbst vor: „Ich bin Jahwe. Ich bin für euch da.“ Welcher Glaube kann das noch von seinem Gott sagen? „Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erläßt die Schuld denen, die übriggeblieben sind von seinem Erbteil; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er ist barmherzig!“ (Micha 7,18). Und auch sein liebevolles Reden wird am hörbarsten, wenn man das Leben Jesu betrachtet. „Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, daß Gott seinen eingebornen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen.“ (1. Johannes 4,9). Jesus ist die Fleisch gewordene „Menschenfreundlichkeit Gottes“ (Titus 3,4). Wer sieht, wie er sich den Menschen zuwendet, mehr noch, wer selbst seine Zuwendung erfährt, der hört klar und deutlich Gottes Reden in sein Leben hinein.

Gott redet. Das ist nicht selbstverständlich. Das ist ein Wunder. Wir sollten neu darüber staunen und uns daran freuen. Gott redet, immer und immer wieder und was er sagt, ist eine Einladung an die Welt: „So sehr liebe ich euch, dass ich meinen einzigen Sohn gebe, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben haben“ (nach Johannes 3,16). Gott redet: Die Welt ist eingeladen.

Gott redet durch Menschen: Die Welt braucht Propheten.

Wer das verstanden und darüber gestaunt hat, der darf auch die zweite Grundvoraussetzung der heutigen Bibellese nicht übersehen: Gott redet nicht nur „irgendwie“ und „einfach so“. Er redet vor allem immer und immer wieder durch Menschen. Wenn es in diesem Text um prophetisches Reden und um Reden in neuen Sprachen geht, dann doch um Menschen, die, getrieben von Gottes Geist, aussprechen, was Gott ihnen eingibt–mal verständlich in eigenen Worten, mal ohne es selbst zu verstehen in einer anderen, neuen Sprache. Der große, unfassbare, verborgene Gott öffnet sich–„offenbart sich“–und redet nicht nur zu, sondern durch Menschen. Durch uns! Durch mich! Welch eine Ehre!

Deshalb schreibt hier nun auch Paulus:

Strebt nach der Liebe! Bemüht euch um die Gaben des Geistes, am meisten aber darum, dass ihr prophetisch redet! Denn wer in Zungen redet, der redet nicht zu Menschen, sondern zu Gott; denn niemand versteht ihn: im Geist redet er Geheimnisse. Wer aber prophetisch redet, der redet zu Menschen zur Erbauung und zur Ermahnung und zur Tröstung.

Jetzt kann es an dieser Stelle durchaus sein, dass du dich zunächst einmal gar nicht angesprochen fühlst. Wenn Paulus hier alle Leser auffordert, nach den Gaben des Geistes zu streben und dabei die prophetische Rede als besonders erstrebenswert hervorhebt, dann scheint ein gewisser Widerspruch zu dem zu bestehen, was er im 12. Kapitel desselben Briefs bereits einführend über die Geistesgaben gesagt hat. Steht dort nicht, dass Gottes Geist die Gaben nach seiner eigenen Entscheidung ganz unterschiedlich und vielfältig an jeden Einzelnen in der Gemeinde verteilen will? Vielleicht landest du bei dieser Verteilung eben nicht bei den Propheten, sondern erhältst eben eine ganz andere Gabe aus der wunderbaren Vielfalt, die Gottes Geist austeilt. Hier scheint Paulus nun plötzlich zu sagen, jeder solle danach streben, ein Prophet zu sein. Was stimmt denn nun?

Vielleicht hilft es, wenn wir einfach noch einmal darüber nachdenken, was ein Prophet eigentlich ist. Da gibt es dann natürlich Bilder, die einem sofort in den Sinn kommen–besonders dann, wenn man schon länger in pfingstlich-charismatischen Gemeindekreisen zu Hause ist und da auch manches erlebt und gesehen hat. Ein Prophet, so muss man dann annehmen, hat die besondere Gabe, in einer besonderen, geistlich geprägten Atmosphäre (vielleicht idealerweise eine starke Anbetungszeit) tief in sich zu gehen, auf Gottes Geist zu hören und sich dann an Menschen zu wenden, um ihnen von Gott eingegebene Geheimnisse über ihr persönliches Leben oder das Leben ihrer christlichen Gemeinschaft mitzuteilen. Böse Zungen könnten sagen, solch ein Prophet ist eine Art christliches Orakel, ein Geist-Hörer, nur ohne bunten Jahrmarktsstand und das übliche Drum-Herum (dafür aber regelmäßig mit Floskeln wie „so spricht der Herr“, „siehe“, „mein Kind“ und einer Sprache, die der unrevidierten Lutherbibel aus dem 16. Jahrhundert ziemlich nahe kommt). Ich muss zugeben, dass ich durchaus schon einzelne Beobachtungen gemacht habe, die davon gar nicht so weit entfernt waren.

Man könnte an dieser Stelle aber auch ganz anders an die Frage nach dem Wesen eines Propheten herangehen: zum Beispiel, indem man feststellt, dass ein nicht ganz unwesentlicher Teil unserer Bibel aus Berichten über Propheten besteht. Da gibt es eine Menge Vorlagen, die man anschauen und beobachten kann. Wer das aufmerksam tut, der wird schnell feststellen, dass die biblischen Propheten nur in den wenigsten Fällen tiefe, anderen verborgene Geheimnisse oder gar übernatürlich offenbartes Wissen über die Zukunft mitteilen. Die überwiegende Mehrheit des prophetischen Redens besteht in von Gottes Geist geleiteten Aussagen über das aktuelle Geschehen, den aktuellen Zustand der Gesellschaft und das aktuelle Leben der Menschen um den Propheten herum. Zentrale Themen der biblischen Propheten sind der Abfall von Gottes Geboten, ganz besonders von den zwei zentralen Liebesgeboten, in denen auch Jesus das ganze Gesetz zusammengefasst weiß: Statt „du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen“ gilt die Aufermerksamkeit des Volkes Gottes plötzlich anderen Göttern–den Götzen. Konkret heißt das oft zum Beispiel politisch, dass Israel sich nicht auf Gott, sondern auf menschliche Verbündete verlässt. Statt „du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ steht plötzlich nur noch das eigene Interesse im Vordergrund. Konkret heißt das oft zum Beispiel sozial, dass die Reichen und Mächtigen die Armen ausbeuten. Das sind die zentralen Kritikpunkte der Propheten! Diese werden eingerahmt von einer immer wieder wiederholten Warnung, dass Gott dem allem nicht ewig zuschauen wird. Die Ankündigung des Gerichts ist die eine Seite des Rahmens, der aber immer erst vollständig ist, wenn man auch die andere Seite sieht: das beharrliche Werben eines geduldigen, gnädigen und treuen Gottes, der immer wieder zur Umkehr und zur Gemeinschaft mit ihm einlädt.

Propheten sind also in erster Linie gar keine geistlichen Superhelden, sondern Menschen, die aus dem Hören auf den redenden Gott zu seinem Sprachrohr in der Welt werden: Menschen, die den Mut haben, das Gehörte weiterzusagen–auch (und gerade) dann, wenn es unbequem ist; Menschen, die die Welt erstaunen, weil sie einen ganz anderen (nämlich Gottes) Blickwinkel auf das Geschehen um sie herum haben; Menschen, die die Welt verändern, weil durch sie Gottes lebensspendendes Wort ausgeteilt wird; Menschen, die die Einladung des liebenden Gottes an die Welt weitergeben. Solche Menschen braucht die Welt heute genauso dringend wie zu jeder anderen Zeit! Gott will durch uns reden! Die Welt braucht Propheten! Und das können nicht nur einzelne geistliche Überflieger sein. Prophetisches Reden hat seinen Ort nicht nur in einem besonderen Gottesdienst, sondern muss seinen Ort überall da haben, wo wir im Alltag Menschen begegnen. Der redende Gott — der durch uns redende Gott — braucht hörende Menschen, die bereit sind, das Gehörte weiterzusagen, in Wort und Tat, überall. „Bemüht euch um die Gaben des Geistes, am meisten aber darum, dass ihr prophetisch redet!“ Gott redet durch uns. Und die Welt braucht Propheten. Dich zum Beispiel.

Gott will durch uns reden: Was kommt bei den Menschen an?

Genau an dieser Stelle wird es nun am spanndendsten. Irgendwann in jeder Predigt kommt der Punkt, wo man sich fragen muss: Geschieht das eigentlich so? Erleben wir das in unserer Gemeinde? Erlebe ich das in meinem Leben? Und bei diesem Thema ganz konkret: Bekommen die Menschen um mich her tatsächlich etwas mit davon, dass Gott mit mir und durch mich redet? Der Maßstab, den Paulus anlegt, ist ja kein Geringer: „Wer aber prophetisch redet, der redet zu Menschen zur Erbauung und zur Ermahnung und zur Tröstung.“ Und dann im zweiten Teil des Textes, den wir gelesen haben: “ Wenn aber alle prophetisch redeten und es käme ein Ungläubiger oder Unkundiger hinein, der würde von allen überführt und von allen gerichtet; was in seinem Herzen verborgen ist, würde offenbar, und so würde er niederfallen auf sein Angesicht, Gott anbeten und bekennen, dass Gott wahrhaftig unter euch ist.“ Ist das so? Passiert das denn? Heute morgen hier, in unseren Gottesdiensten, in unseren Alltagsbegegnungen? Werden Menschen dort so vom Reden Gottes durch uns angesprochen, dass sie überführt werden, Gott anbeten und seine Gegenwart bekennen?

Noch spannender werden diese Fragen, wenn man diesen Text Hand in Hand mit dem Evangeliumstext liest, der dem heutigen Sonntag zugeordnet ist:

Es war ein Mensch, der machte ein großes Abendmahl und lud viele dazu ein. Und er sandte seinen Knecht aus zur Stunde des Abendmahls, den Geladenen zu sagen: Kommt, denn es ist alles bereit! Und sie fingen an alle nacheinander, sich zu entschuldigen. Der erste sprach zu ihm: Ich habe einen Acker gekauft und muß hinausgehen und ihn besehen; ich bitte dich, entschuldige mich. Und der zweite sprach: Ich habe fünf Gespanne Ochsen gekauft und ich gehe jetzt hin, sie zu besehen; ich bitte dich, entschuldige mich. Und der dritte sprach: Ich habe eine Frau genommen; darum kann ich nicht kommen. Und der Knecht kam zurück und sagte das seinem Herrn. Da wurde der Hausherr zornig und sprach zu seinem Knecht: Geh schnell hinaus auf die Straßen und Gassen der Stadt und führe die Armen, Verkrüppelten, Blinden und Lahmen herein. Und der Knecht sprach: Herr, es ist geschehen, was du befohlen hast; es ist aber noch Raum da. Und der Herr sprach zu dem Knecht: Geh hinaus auf die Landstraßen und an die Zäune und nötige sie hereinzukommen, daß mein Haus voll werde. Denn ich sage euch, daß keiner der Männer, die eingeladen waren, mein Abendmahl schmecken wird. (Lukas 14, 16-24)

Einen kurzen Moment lang möchte ich euch gerne noch in diese Geschichte, die Jesus erzählt, mit hineinnehmen. Sie bietet sich für das heutige Thema durchaus an, weil es ebenfalls um eine Einladung geht. Bei dieser Geschichte konzentriert man sich oft auf die, die am Schluss beim Festmahl sitzen–die von den „Straßen und Gassen der Stadt“, von den „Hecken und Zäunen“. Gott lädt alle ein. Er macht keinen Unterschied. Niemand ist zu gering, um zu seinem Fest zu kommen!

Aber ich mache mir so meine Gedanken über die, die zuerst eingeladen waren. Die haben die Einladung zum Fest doch bekommen! Warum drängen die sich eigentlich nicht, um möglichst als Erster dieser Einladung zu folgen? Warum kommen nur billige Ausreden? „Ich habe einen Acker gekauft und muß hinausgehen und ihn besehen“ — wie bitte? Hast du das nicht vorher gemacht, bevor du ihn gekauft hast? “ Ich habe fünf Gespanne Ochsen gekauft und ich gehe jetzt hin, sie zu besehen.“ Häh? „Ich habe ein Auto gekauft und vergessen, vorher eine Probefahrt zu machen“? „Ich habe eine Frau genommen“–na, dann bring sie doch mit zum Fest! Das klingt alles ungefährt so überzeugend wie, „Ich habe die Formulare von Finanzamt bekommen und sehne mich nun danach, endlich meine Steuererklärung machen zu dürfen.“ Ja, klar! Das sind doch Ausreden! Aber warum?

Mir drängt sich der Verdacht auf, dass es an dem liegen könnte, was bei den Eingeladenen ankam. Vielleicht kennt ihr das ja auch: Es gibt Einladungen, in bester Absicht ausgesprochen, da denke ich als Eingeladener: „Oh nein, bitte nicht!“ Und dann fällt mir „glücklicherweise“ ein, dass ich an diesem Termin „leider“ verhindert bin und ich heuchle Bedauern und bin tief in mir drin doch froh, dass dieser Kelch an mir vorüber geht. War es das, was diese Menschen gehört hatten? War die Einladung so gestaltet, dass keiner sie annehmen wollte? Kam die frohe Botschaft am Ende so gar nicht an?

Wir springen wieder nach Korinth, in einen fiktiven Gottesdienst, den Paulus uns hier ausmalt: „Wenn nun die ganze Gemeinde an einem Ort zusammenkäme und alle redeten in Zungen, es kämen aber Unkundige oder Ungläubige hinein, würden sie nicht sagen, ihr seid von Sinnen?“ Stellt euch das vor, da kommt einer, den Gott einladen möchte und er hört die frohe Botschaft, das Evangelium, aber er kann sich gar nicht eingeladen fühlen, weil der eigentliche Inhalt der Botschaft einfach an ihm vorbeigeht. Da bin ich wieder beim Anfang, bei meinem Freund, dem Schulleiter, der in seiner Ecke steht und zu Kaffee und Kuchen einlädt und keiner hört ihm zu. Und jetzt sagt mir bitte nicht, dass das heute nicht passiert. Da braucht es gar nicht erst ein gemeinsames Zungenreden, wie Paulus es hier beschreibt. Wir Christen sind auch so ganz gut darin, die frohe Botschaft, die Gott durch uns reden möchte, gut zu verstecken–sei es, durch eine christliche Geheimsprache, die kein Außenstehender versteht; sei es durch Gewohnheiten und Rituale, die ein Uneingeweihter nur verständnislos beobachtet; sei es durch unser Auftreten mit einer Vielzahl von Themen, unter denen der Kern der frohen Einladung Gottes einfach untergeht; sei es durch ein Verhalten, dass dem Inhalt dieser Botschaft widerspricht. Die Möglichkeiten sind unendlich und der fiktive Gottesdienst von Korinth, er findet hier und heute an ganz vielen Orten immer wieder statt. Und das ist tragisch.

Stell dir vor, was stattdessen geschehen könnte: „Wenn aber alle prophetisch redeten und es käme ein Ungläubiger oder Unkundiger hinein, der würde von allen überführt und von allen gerichtet; was in seinem Herzen verborgen ist, würde offenbar, und so würde er niederfallen auf sein Angesicht, Gott anbeten und bekennen, dass Gott wahrhaftig unter euch ist.“ Das wäre doch gewaltig! Im Alten Testament gab es Prophetenschulen–vielleicht bräuchten wir so etwas ja wieder, alle von uns. Oder vielleicht reicht es für den Anfang ja auch, wenn wir neu hören, wozu Paulus uns hier auffordert: „Bemüht euch um die Gaben des Geistes, am meisten aber darum, dass ihr prophetisch redet!“

Gott redet nämlich und will gehört werden. Gott lädt die Welt zu sich ein. Gott redet zu uns, und — das wünscht er sich — auch durch uns, denn die Welt braucht heute noch dringend seine Propheten. Und es wäre unendlich schade, wenn diese beste Botschaft aller Zeiten, die Einladung Gottes an die Menschen, nicht beim Empfänger ankommt!

Schluss

So bete ich: Öffne mir die Ohren her, und hilf mir, neu zu hören und zu verstehen, was du redest. Ergreife mich neu mit einer tiefen Begeisterung über deine Einladung, deine Liebe zu mir und zu der ganzen Welt. Hilf mir zu hören Herr, zu verstehen und dann gib mir den Mut, auch zu reden. Rede du durch mich. Gebrauche mich als dein Sprachrohr. Rede durch mich zu den Menschen um mich herum. Heiliger Geist, ich stelle mich dir zur Verfügung. Ich will dein Bote sein, deine Liebe, deine Einladung, frohe Botschaft, Evangelium sagen und leben, so dass noch viele Menschen ergriffen werden von deiner Liebe. Amen.


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Über Christoph

Christoph Fischer (* 1978) ist seit mehr als 15 Jahren im hauptamtlichen pastoralen Dienst, zuletzt bei der Volksmission Freudenstadt. Ab August 2018 wechselt Christoph in den Pfarrdienst der Evangelischen Landeskirche in Württemberg.

Christoph ist verheiratet mit Rebecca. Gemeinsam haben sie drei Töchter, Ann-Céline (* 2005), Emma (* 2007) und Pia (*2012).