Alles oder nichts

Danken, essen, leben

27.09.2018, 15:30 Uhr, Seniorenzentrum Augustenhilfe: Erntedankgottesdienst im Seniorenzentrum "Augustenhilfe"
05.10.2018, 11:00 Uhr, Haus Raichberg: Erntedankgottesdienst im Haus "Raichberg"
Aus den Reihen: Seniorengottesdienste , Trinitatiszeit 2018 (IV)
Bild: pixabay / congerdesign, Lizenz: CC0
Aufnahme der Predigt (15:58)
Um die Datei zu speichern, klicke mit der rechten Maustaste auf den Link und wähle "Ziel speichern ..."
Begleitzettel zur Predigt
Um die Datei zu speichern, klicke mit der rechten Maustaste auf den Link und wähle "Ziel speichern ..."
Begleitzettel zur Predigt (leer)
Um die Datei zu speichern, klicke mit der rechten Maustaste auf den Link und wähle "Ziel speichern ..."
Die Predigt "Alles oder nichts" von Christoph Fischer und alle dazu gehörigen Ressourcen (Predigtzettel, Aufnahme) sind lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz. Verwendete Bilder stehen eventuell unter eigenen Lizenzbedingungen. Ausdrücklich von der Creative Commons-Lizenz ausgenommen sind die Logos und Namen der Gemeinde, in der die Predigt gehalten wurde und ihrer Arbeitsbereiche.

Gnade und Frieden mit euch von unserem Herrn Jesus Christus!

Der Predigttext zum diesjährigen Erntedankfest kommt aus dem ersten Brief des Paulus an seinen Freund Timotheus, aus dem vierten Kapitel, die Verse 4 bis 5:

Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird; denn es wird geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet. (1. Timotheus 4,4-5)

Ein kurzer Text -- aber einer der es in sich hat. Steile Thesen stellt der Apostel hier auf, wenn er sehr absolute Worte verwendet: "Alles" und "nichts." Worte, die keine Ausnahmen zulassen. Sätze, die die Gesamtheit der Schöpfung Gottes, in der wir leben, umfassen. Die Aussagen des Apostels geben uns Grund, nachzudenken. Dieses Erntedankfest soll nicht nur ein kurzer Gedenkmoment bleiben. Worum es hier geht, ist mehr und größer als das, was ein kurzer Gottesdienst und ein -- wenn auch gut gefüllter -- Erntedanktisch. Es geht um "alles oder nichts." Es geht ums Ganze. Diese Bibelworte sind so breit, dass sie die Welt, die uns in unserem Alltag umgibt, in ihrer gesamten Breite mit einbeziehen. Sie werden uns also vermutlich auch über diesen Gottesdienst hinaus Stoff zum Nachdenken liefern. Und das wollen sie auch: Uns zum Nachdenken, zum bewussteren Wahrnehmen dieser von Gott geschaffenen Welt und zu ihrer Wertschätzung anregen. Diese Worte sollen unseren Blick über den tristen Alltag auf die Schönheit des von Gott geschenkten und auch darüber hinaus auf den Schöpfer selbst lenken. Aus dem Wahrnehmen wird Staunen, aus dem Staunen Danken und das Lob unseres großen Gottes, aus dessen Hand wir alles nehmen.

Alles...

Alles. Da ist es wieder, dieses Wort. "Alles" hat Gott geschaffen, ruft uns der Christushymnus des Kolosserbriefs ins Gedächtnis:

Denn in ihm [Christus] ist alles geschaffen, was im Himmel und auf Erden ist, das Sichtbare und das Unsichtbare, es seien Throne oder Herrschaften oder Mächte oder Gewalten; es ist alles durch ihn und zu ihm geschaffen. Und er ist vor allem, und es besteht alles in ihm. (Kolosser 1,16-17)

Alles. Alles ist in ihm und durch ihn geschaffen und "alles, was Gott geschaffen hat, ist gut", schreibt Paulus hier an Timotheus. Natürlich soll das an den Schöpfungsbericht erinnern--vielmehr, an den Schöpfer erinnern. An den, der ins große leere Nichts hineinspricht und es entstehen Himmel und Erde. An den, dessen Geist schon damals die Tiefe durchdringt und über der neuen Erde singt. Der ins Dunkel hineinspricht und plötzlich wird es hell. Und es ist gut. Der Tag und Nacht voneinander trennt und dessen Sonne alle Morgen wieder über uns aufgeht und uns daran erinnert, dass seine Güte und Treue kein Ende hat. Und dass das Licht seiner Hoffnung immer die Dunkelheit besiegt--selbst die Allerdunkelste. Und es ist gut. Der das Meer schafft und die Flüsse und Seen, genauso wie das Land, die Täler und Berge, den Bodensee und die Schwäbische Alb. Und es ist gut. Der Schöpfer lässt Gras sprießen und "Kraut", heißt es bei Martin Luther. Damit ist nicht nur (aber auch) das Kraut von den Fildern gemeint, sondern alles was wächst und blüht und was wir dann zum Teil auch ernten und Essen. Und Bäume lässt er wachsen und Früchte bringen und wieder sind wir die Beschenkten am Ende, wenn wir die Äpfel pflücken und die Birnen ernten und die Zwetschgenernte dieses Jahr über alle Maßen gut ist. Und es ist gut, was er macht. Alles. Gut.

Da sind wir ja übrigens wieder bei der Ernte angekommen. Seit über 100 Jahren sind profitieren wir zunehmend von der modernen Landwirtschaft. Nur mit ihrer Hilfe können die vielen Menschen, die heute auf dieser Erde leben, überhaupt ernährt werden. Wir haben große Maschinen und schlaue Hilfsmittel. Wir verstehen in zunehmendem Maße die biologischen und chemischen Prozesse, die beim Wachstum von Pflanzen ablaufen. Wir wissen, wann und wie man düngen muss, wie man Schädlinge fernhält und den Ertrag der Felder optimiert. Wir haben durchaus Grund, auf manchen Fortschritt der letzten Jahrzehnte stolz zu sein. Aber bei allem Fortschritt, bei aller Technik und allem Wissen: Es gibt etwas ganz Entscheidendes, was bis heute kein Landwirt und kein Wissenschaftler kann: Niemand auf dieser Erde kann das in die Erde gelegte Samenkorn dazu bewegen, zu treiben und Frucht zu bringen. Das Leben, das aus der Erde kommt, das schenkt nur Gott allein. Er ist und bleibt der Schöpfer. Und das ist gut.

Diese Einsicht erinnert uns dann wieder neu daran, was unser Platz in dieser Welt ist. Über die Schöpfung von Tieren und Menschen, von lebenden Wesen, haben wir ja noch gar nicht geredet. Das kommt ja dann erst noch im Schöpfungsbericht und auch das ist gut. Wir ahnen es schon: Wir gehören da mit dazu. Wir sind Geschöpfe. Wir sind Abhängige von diesem großen Schöpfergott, dem wir unsere Existenz auf dieser Erde und unsere fortdauernde Lebensgrundlage verdanken. Ohne ihn wären wir nicht da. Und ohne ihn wären wir längst nicht mehr da.

Das ist vielleicht zuerst einmal ein großer Dämpfer für uns. Wir sind so gerne unabhängig. Wir bilden uns etwas darauf ein, unser Leben selbständig zu meistern. Wir mögen es nicht, wenn wir auf andere angewiesen sind. Stark, autark, eigenständig: das ist unser Idealbild für den Menschen von heute. Nur ungern lassen wir uns daran erinnern, dass wir Geschöpfe sind und immer abhängig bleiben werden. Dabei ist das eigentlich gerade die gute Nachricht: Von Gott, dem Schöpfer aller Dinge, kann man gut abhängig sein. Wir denken an Abhängigkeiten, die Menschen großen Schaden zufügen. Wir haben gelernt, dass andere uns auch mal enttäuschen und im Stich lassen und dass machmal der verloren ist, der auf die Hilfe anderer baut. Aber Gott ist anders. Er hat all das Gute gemacht, was uns umgibt. Er hat uns gemacht, mit einem guten Plan. Und er hat uns nicht nur in seine gute Schöpfung "hineingeworfen", um dann als kritischer Beobachter zu sehen, wie es mit uns weitergeht. Nein, er hat mit seiner Schöpfung den besten Startpunkt für unser Leben geschaffen und dann versprochen, auch weiter bei uns zu sein. Jeden Tag. Immer. Bis ans Ende der Welt kommt alles Gute von ihm. Alles. Und das ist gut. Von so einem Gott kann man gut abhängig sein. Wer sich auf ihn verlässt, der wird nicht enttäuscht.

Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut. Alles. Gut. Gott sei dank!

... oder nichts?

"Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich", schreibt Paulus. Alles und nichts. Das "Nichts", das hier plötzlich auftaucht, erinnert uns daran, dass es auch anders sein könnte. Dass es nicht selbstverständlich ist, dass man die Welt und das Leben genießen kann. Dass es nicht automatisch so ist, dass der Erntedanktisch gedeckt ist und die Regale im Supermarkt voll. Dass die Welt, wie wir sie kennen und erleben, kein ungetrübtes Paradies ist. Dass es Gefahren und Risiken gibt und Mangel und Leiden. Dass der Schönheit und Genialität von Gottes Schöpfung auch mancher Schrecken gegenübersteht und manches Böse. Dass auch wir Menschen viel Gutes zerstört und pervertiert und ins Gegenteil verwandelt haben. Und dass wir auch als Glaubende uns keine Traumwelt erschaffen dürfen, die alle diese dunklen Schatten bunt einfärbt, weichzeichnet oder wegradieren will. Echter Glaube muss mit beiden Füßen auf dem Boden des Lebens stehen. Dieses Lebens in dieser Welt, weil es die einzige Welt ist, die wir haben. Mit allen ihren Schattenseiten.

Das klingt gleich ganz anders. Alles oder nichts? Oder gar: Alles nichts? Wer die Nachrichten einschaltet oder die Zeitung aufschlägt, der wird überflutet von Zeugnissen von diesen Schattenseiten des Lebens: Mord und Totschlag, Krieg und Leid, Umweltzerstörung und menschengemachter Klimawandel. Alles weit weg von dem wunderbaren Bild der schönen Schöpfung Gottes. Alles nichts? Alles Gute verschwunden? Muss "es war gut" heute heißen "es ist schlecht"? Man könnte es fast meinen. Mancher meint es auch schon, weil wir Menschen schon immer besser darin waren, das Schlechte zu beklagen, als das Gute zu bemerken. Manche gehen sogar soweit, diese Welt hier komplett abzuschreiben--manchmal auch im frommen Gewand einer "Heiligkeit", die in Weltflucht und Weltfremdheit ihren Ausdruck findet. Askese. Verzicht auf das Geschöpfliche. Rückzug von hier und volle Konzentration auf das Geistliche, auf Gott. Das gab es damals schon bei Paulus und das gibt es bis heute immer wieder.

Aber der Apostel ist nicht einverstanden. Und gerade deswegen ruft Paulus hier unsere abschweifenden Gedanken wieder zum Anfang zurück: "Alles ist gut, was Gott geschaffen hat. Und nichts ... ist verwerflich." Nein, wir können es nicht damit bewenden lassen, die Fehler und Schattenseiten unserer Welt zu beklagen. Wir tun unserem Schöpfer unrecht, wenn wir das allumfassende Gute, mit dem er uns beschenkt in irgendeiner Weise einschränken oder relativieren wollen.

Alles ist gut, was Gott geschaffen hat. Geschaffen und uns geschenkt. Geschaffen (gut!) und uns damit versorgt, jeden Tag neu, in seiner unendlichen Treue.

Alles ist gut, was Gott geschaffen hat.

Danke!

"Und nichts ist verwerflich", schreibt Paulus, "was mit Danksagung empfangen wird." Dieser letzte Teilsatz ist entscheidend. Er erst schafft die Wendung vom Nichts zum Alles. Denn man könnte mit Recht sagen: "Ohne Gott ist alles nichts." Damit meine ich nicht nur, dass es ohne ihn alles gar nicht gäbe. Auch mich nicht gäbe. Sondern ich meine damit auch (oder besser gesagt: Paulus meint damit auch), dass ich all das Gute, das Gott mir und uns allen gibt, erst dann richtig schätzen und genießen kann, wenn ich es unter dem richtigen Blickwinkel betrachte. Denn gerade das heißt ja Danken: das Gute, das mich umgibt als Geschenk meines Schöpfers anzunehmen.

Wer alles nur für selbstverständlich nimmt, wer sich vielleicht gar für berechtigt hält, alles Gute zu bekommen, der wird sich hier ganz schnell übervorteilt fühlen. Um sein Recht betrogen. Ungerecht behandelt, denn Leid und Ungerechtigkeit begegnen auch mir, begegnen jedem von uns in dieser Welt.

Wer dagegen dankbar auf seinen Schöpfer schaut, wer sich selbst als Geschöpf, als Abhängiger, sehen kann, der ist immer der Beschenkte. Da merke ich in jedem aufmerksamen Moment ein Stück mehr, wie viel Gutes tatsächlich gegeben hat und täglich gibt. Und nein, ich verliere über dem Allem nicht die Schattenseiten der Welt und des Lebens aus dem Blick. Aber aller Mangel hier verblasst unter dem Wissen, dass Gott auch (und gerade!) auf Durststrecken, im Schatten und im Mangel bei mir ist und mich immer wieder neu beschenkt. Dass ich als sein Geschöpf nie verlassen bin, sondern mich tatsächlich voll Vertrauen von ihm abhängig machen kann. Dieses Vertrauen enttäuscht er nicht.

In den Worten des 23. Psalms, den wir vorher gebetet haben, wird das ganz eindrücklich beschrieben: Ja, es gibt das dunkle Tal. Ja, es gibt auch Schattenseiten im Leben. Aber selbst da ist er bei mir. Stecken und Stab, Trost und Hoffnung. Und mir wird nichts mangeln. Denn er weiß um das, was ich brauche. Um alles. Und das ist gut.

Amen.

Predigttext

1. Timotheus 4,4-5

In Kürze

"Alles Gute kommt von oben" sagt man im Sprichwort. Aber was ist wirklich gut für mich? Wie kann ich Gottes gute Gaben wirklich genießen? Zum Erntedankfest machen wir uns Gedanken über die Fülle, mit der Gott uns beschenkt.

Hauptpunkte der Predigt

  1. Alles hat Gott gut geschaffen.
  2. Nichts sollte davon ablenken.
  3. Wer dankt, ist immer Beschenkter.

Fragen zur Vertiefung

Zu dieser Predigt hat Christoph eine Reihe von Fragen hinterlegt, die in der Kleingruppe zur Vertiefung weiter besprochen werden können:

  1. Welche guten Geschenke Gottes sind dir in letzter Zeit aufgefallen?
  2. Welche guten Geschenke Gottes nimmst du vielleicht gar nicht mehr wahr?
  3. Was bedeutet es für dich, Gottes Geschöpf zu sein? Hat das praktische Konsequenzen?
  4. Was heißt es, von Gott abhängig zu leben?

Lebensbezüge

Folgende Grundvollzüge glaubenden Lebens sind in dieser Predigt angesprochen:

#danken #essen #feiern #nehmen

Kompetenzen

Mit dieser Predigt versuche ich, folgende Kompetenzen meiner Hörer weiter zu trainieren:

Über Christoph

Christoph Fischer (* 1978) ist Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg auf der Pfarrstelle „Erlöserkirche“ in Albstadt-Tailfingen.

Christoph ist verheiratet mit Rebecca. Gemeinsam haben sie drei Töchter.