Aufnahme der Predigt (15:58)
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Die Predigt "Am Tisch des Hirten" von Christoph Fischer und alle dazu gehörigen Ressourcen (Predigtzettel, Aufnahme) sind lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz. Verwendete Bilder stehen eventuell unter eigenen Lizenzbedingungen. Ausdrücklich von der Creative Commons-Lizenz ausgenommen sind die Logos und Namen der Gemeinde, in der die Predigt gehalten wurde und ihrer Arbeitsbereiche.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und von Jesus Christus, unserem Herrn.

"Der Herr ist mein Hirte. Mir wird nichts mangeln."

Innerhalb kurzer Zeit werde ich gleich mehrmals gefragt, bei einer Beerdigung über diesen Text zu predigen. Überhaupt ist es ein sehr gängiger Beerdigungstext. Fast alle kennen ihn auswendig. Gerade noch haben wir diesen 23. Psalm gemeinsam gebetet. Viele Menschen hat er ein ganzes Leben lang begleitet. Selbst in hohem Alter, auch wenn das Gedächtnis in vielen anderen Dingen oft nicht mehr zuverlässig ist, können Menschen den 23. Psalm mitsprechen. "Der Herr ist mein Hirte. Mir wird nichts mangeln."

Aber es ist eben nicht nur der Text, der einen ein Leben lang begleitet. Es ist vielmehr der, um den es in diesem Text geht. Der Herr. Gott selbst. An meiner Seite. Ein ganzes Leben lang. Als guter Hirte hat er versprochen, auf allen Wegen unseres Lebens an unserer Seite zu gehen. Auf grünen Auen und am frischen Wasser, genauso wie in den beängstigenden dunklen Tälern des Lebens. Uns zu versorgen, mit allem, was wir zum Leben brauchen. Und die Wege unseres Lebens recht zu leiten -- auf rechter Straße. "Der Herr ist mein Hirte."

Ihnen, lieber Herr Hipp, ist der 23. Psalm ganz besonders am 6. November 1954 nahe gekommen. Damals waren diese Verse nämlich der Trautext anlässlich der Hochzeit mit ihrer Frau Elsbeth, von der wir heute Abschied nehmen. "Der Herr ist mein Hirte. Mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen." Diese Worte und der Hirte, der darin beschrieben ist, haben Sie als Ehepaar begleitet und immer wieder ermutigt. Ein Buch zum Psalm hat seit Jahrzehnten seinen festen Platz auf Ihrem Nachttisch. Umso passender also, wenn wir heute noch einmal miteinander darüber nachdenken.

So würde ich Sie alle gerne noch einmal in Gedanken mitnehmen auf den Weg eines Schäfchens dieses Hirten, eines Schäfchens mit Namen Elsbeth Hipp. Ganz sicher können wir auf diesem Weg auch neu die Spuren des Hirten selbst entdecken.

Elsbeth Boss wurde am 8. Juni 1932 in Tailfingen geboren, wo sie auch ihre Kindheit verbrachte. Ein Jahr nach Beginn des 1. Weltkrieges wurde sie 1940 eingeschult. Christophschule, Fröbelschule, Bismarckschule waren in den ersten Schuljahren ihr Lernbereich, dann die Mittelschule. Die Kriegsjahre waren damals für sie sehr hart. Ihr Vater wurde zur Wehrmacht eingezogen. Die Lebensmittel waren sehr knapp. Das letzte Schuljahr ist durch Fliegeralarme, sowie Mangel an Holz und Kohle zum Heizen, fast ganz ausgefallen.

Am 23. März 1947 wurde Elsbeth in der Pauluskirche konfirmiert. Ihr Konfirmationsspruch lautete: "Ihr seid teuer erkauft, werdet nicht der Menschen Knechte" (aus 1. Korinther 7,23).

Nach der Schulentlassung hat sie im damaligen Konsum eine Lehrstelle als Verkäuferin angetreten, wo sie dann später als Leiterin einer Filiale tätig war.

Am 6. November 1954 heiratete sie in der Pauluskirche Manfred Hipp. Eine besondere Hochzeit war das: Eine Doppelhochzeit mit der Schwägerin, Erika Hipp und deren Mann Georg Bitzer. Den Trauspruch kennen wir bereits: "Der Herr ist mein Hirte. Mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen."

Die ersten fünf Ehejahre verbrachte sie mit ihrem Mann im elterlichen Haus. Im Jahr 1959 fanden sie ein neues Zuhause im Fabrikgebäude in der Vogelsangstraße, 1972 dann im eigenen Haus in der Liegnitzer Straße, wo sie viele schöne Jahre miteinander verbrachten. Drei Kinder wurden Ihnen geschenkt: Christa, Hartmut und Dorit. Inzwischen sind 3 Enkel dazu gekommen: Jessica, Steffen und Marvin. Elsbeth war für die Familie da, versorgte den Haushalt, und half nebenher noch im Betrieb mit, wo es am Nötigsten war -- vor allem in der Legerei.

Sie haben mir von einem schönen gemeinsamen Leben erzählt. Dass sie zufrieden sind. Viele schöne gemeinsame Zeiten haben Sie miteinander durchlebt. 2004 haben Sie die goldene Hochzeit miteinander gefeiert. Auch die diamantene Hochzeit haben sie noch erlebt und nun fast noch die eiserne. "Der Herr ist mein Hirte. Mir wird nichts mangeln." Das wollten Sie gewissermaßen auch als Schlußsatz stehen lassen. Voll zufriedener Dankbarkeit.

Dabei gab es natürlich auch die schwierigen Zeiten: Besonders die letzten Jahre waren von Elsbeths Krankheit geprägt. Einige Zeit haben Sie, Herr Hipp, sie noch zu Hause gepflegt, auch mit der Hilfe von Pflegerinnen aus Serbien. Irgendwann erlaubte es auch Ihre eigene Gesundheit nicht mehr. Im Seniorenheim in Truchtelfingen hat Elsbeth ihre letzten Jahre mit zunehmender Demenz verbracht. Dass Sie sie beinahe jeden Tag besucht haben, das möchte ich an dieser Stelle noch einmal sagen, lieber Herr Hipp, ist ein außergewöhnlicher Beweis ihrer Liebe, wie ich ihn auch als Pfarrer selten erlebe. Auch diese letzten Jahre haben Sie als Ehepaar ganz intensiv miteinander verbracht.

Am vergangenen Sonntag, hat Gott, der Herr über Leben und Tod, Elsbeth Hipp aus diesem Leben zu sich gerufen. Als guter Hirte war er bei ihr auf dieser letzten irdischen Wegstrecke und -- das wissen wir und glauben wir -- begleitet er sie auch über den Tod hinaus. Nichts kann sie aus seiner Hand reißen.

"Der Herr ist mein Hirte. Mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen."

Haben Sie seine Spuren entdeckt? Ist Ihnen die gute Hand des Hirten aufgefallen? Oder gar sein berühmter "Stecken und Stab", die selbst im dunklen Tal Trost und Halt verleihen?

"Der Herr ist mein Hirte. Mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen."

Aus der reichen Bilderwelt des 23. Psalms möchte ich gerne zwei kurz herausgreifen, die mir am Dienstagabend, als Sie von Elsbeths Leben erzählt haben, vor Augen leuchteten.

Zuerst das Bild des Weges. Der Hirte und seine Schafe sind im Psalm ja nicht stationär. Sie sind unterwegs. Zu Auen und Bächen und manchmal auch in dunklen Tälern. Nie ist das Schaf allein. Stets ist der Hirte da, meistens sichtbar und im dunklen Tal zumindest auch spürbar: "Dein Stecken und Stab trösten mich." Und, egal an welchem Ort, immer sind sie dank des Hirten "auf rechter Straße."

Mit Wegen kennen Sie sich aus: Das Wandern war Ihr gemeinsames Hobby. Sie sind oft und gerne verreist, 4-5 mal im Jahr. Die Berge hatten es Ihnen angetan (wenn auch nicht immer zur Freude der Kinder, die erst nicht mit wollten, am Ende des Urlaubs dann aber auch nicht mehr nach Hause). Gemeinsam haben Sie viel Zeit in Berchtesgaden verbracht, im Kleinwalsertal, in Südtirol. Die Berge waren Ihre Freude. Wie viele Wege haben Sie sich wohl gemeinsam erwandert? Und auch außerhalb des Urlaubs, zu Hause, waren Sie viel am Wandern. Sie sind, das haben Sie mir gesagt "gelaufen und gelaufen." Jedes Wochenende marschiert. Und Elsbeth war dazu noch viele Jahre täglich mit Ihrem geliebten Pudel unterwegs, mindestens einmal zum Heiligbrünnle und zurück, begleitet vom Pfeifen der Lerchen. Die Hundefriseurin meinte einmal, der Hund habe außergewöhnliche Muskeln, weil er so viel laufen musste.

Über das Unterwegs-sein wissen Sie Bescheid. Mit Wegen kennen Sie sich aus. Und wahrscheinlich auch mit Wanderführern und Landkarten und all dem, was man wissen muss, um den richtigen Weg überhaupt erst zu finden und sich unterwegs nicht hoffnungslos zu verlaufen. Das haben Sie den Schafen aus der Bilderwelt des 23. Psalms voraus: Die haben alle diese Hilfsmittel nämlich nicht. Und auch keinen guten Orientierungssinn. Die sind, auf sich selbst gestellt -- zumal in einer Wüstengegend wie in Judäa, wo im Sommer nur an wenigen Stellen "grüne Auen" zu finden sind -- hoffnungslos verloren. Die brauchen einen Hirten. Und der Psalm redet von der guten Nachricht, dass Sie einen haben. Zum Glück. Der führt Sie auf rechter Straße.

Im Psalm geht es aber natürlich nicht um Schafe. Es geht um Menschen. Es geht um uns. Für unsere Lebenswege gibt es nämlich keine Landkarte. Da kann man ganz schön in die Irre gehen! Das ist übrigens ein widerkehrendes Bild in der Bibel: Menschen, die sich verirren, "wie Schafe, die keinen Hirten haben." Wir haben einen Hirten, sagt der 23. Psalm. Das haben Sie gemeinsam erlebt mit Elsbeth. Und dieser Hirte, das ist auch eine gute Nachricht, ist auch jetzt weiter da, wenn der Weg hier ohne Elsbeth weitergeht. Er ist bei jedem Schritt an Ihrer Seite.

"Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen", heißt es im Psalm. Das hat mich an Ihren berühmten Namensvetter erinnert: Claus Hipp. Der wirbt im Fernsehen für die Qualität seiner Lebensmittel mit den Worten: "Dafür stehe ich mit meinem Namen." Als Christen denken wir gerade in den Schlüsselmomenten des Lebens -- also auch beim Abschied von einem geliebten Menschen -- an die Taufe zurück. Dort hat man uns zugesagt: Gott ruft dich bei deinem Namen. Er liebt dich und sagt sein ewiges, unverbrüchliches "Ja" zu dir. Genauso wichtig ist aber, dass über uns, über Elsbeth und über Ihnen und über mir, in der Taufe Gottes Namen ausgerufen wurde: "Ich taufe dich auf den Namen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes." Wie Claus Hipp sagt Gott: "Dafür stehe ich mit meinem Namen." "Ich führe dich, Elsbeth; ich führe dich, Manfred; ich führe dich, Christoph; ich führe dich (jetzt können Sie alle in Gedanken ihren eigenen Namen einsetzen) auf rechter Straße." Und bei Gott ist das nicht nur Werbung. Als guter Hirte beweist er Tag für Tag, dass das Realität ist.

Das zweite Bild aus dem Psalm, an das ich heute gerne erinnern möchte, stammt aus der zweiten Hälfte, die bisher noch nicht zitiert wurde: Es ist das Bild des gedeckten Tisches. "Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein. Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar."

Als ich am Dienstagabend fragte, wie Sie denn Elsbeth als Person beschreiben würden, da haben Sie mir als Erstes davon erzählt, was für eine hervorragende Hausfrau und Mutter sie war. Und davon habe ich im Lauf des Abends noch einiges gehört. Elsbeth hat für sie gekocht und gebacken und das konnte sie wirklich gut. Als Familie durften sie sich an viele gedeckte Tische sitzen. Und als Rentner haben Sie, Herr Hipp, so manche Zeit draußen im Garten verbracht, bis Ihre Elsbeth sie dann zu Tisch rief, während sie durch das geöffnete Fenster schon das köstliche Essen riechen konnten."

"Du bereitest vor mir einen Tisch." Dieser Satz folgt spannenderweise im Psalm auf das dunkle Tal, wörtlich: das Tal der Todesschatten. Mit der Nase stößt uns der Psalm darauf, dass wir eine Hoffnung haben, die über den Tod hinausgeht. Gott hat in Jesus Christus den Tod überwunden. Seine Auferstehung, die wir bald an Ostern wieder feiern, war nur die erste, lesen wir in der Bibel. An seinem Tag wird er wiederkommen und die Toten werden auferstehen und wir werden für immer bei ihm sein. Er bereitet eine Wohnung für uns, sagt Jesus Christus selbst. Und in vielen Bilder erzählt die Bibel vom Festmahl an seiner Seite, von dem Tisch den er bereitet, von einem Leben in Fülle und Ewigkeit bei unserem Gott.

"Du bereitest vor mir einen Tisch", selbst im Angesicht des größten Feindes der Menschen: des Todes. Denn der Tod ist besiegt. Was auf uns wartet, was auf Elsbeth wartet, ist Gottes reich gedeckter Tisch, ist Gutes und Barmherzigkeit. "Und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar."

Der Apostel Paulus würde an dieser Stelle sagen: "Tröstet einander mit diesen Worten." Mögen Sie uns heute wirklich ein Trost sein.

Begleitet vom guten Hirten, der auch unser Hirte ist, können wir dann getrost auf rechter Straße weiterziehen in der Hoffnung auf ein Wiedersehen an Gottes gedecktem Tisch.

"Der Herr ist mein Hirte. Mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen."

Amen.

Predigttext

In Kürze

Als guter Hirte hat Gott Elsbeth Hipp das ganze Leben lang begleitet. Auch jetzt, angesichts des Todes, lädt er sie an seinen Tisch ein.

Über Christoph

Christoph Fischer (* 1978) ist Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg auf der Pfarrstelle „Erlöserkirche“ in Albstadt-Tailfingen.

Christoph ist verheiratet mit Rebecca. Gemeinsam haben sie drei Töchter.