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Die Predigt "An meiner Seite" von Christoph Fischer und alle dazu gehörigen Ressourcen (Predigtzettel, Aufnahme) sind lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz. Verwendete Bilder stehen eventuell unter eigenen Lizenzbedingungen. Ausdrücklich von der Creative Commons-Lizenz ausgenommen sind die Logos und Namen der Gemeinde, in der die Predigt gehalten wurde und ihrer Arbeitsbereiche.

Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!

Liebe Schwestern und Brüder,

Ich habe heute extra meine schöne Stola angezogen. Die würde ich zum Beispiel bei einer Taufe tragen. Sie soll ein Zeichen sein, dass wir ein großes Fest feiern -- ein Fest bei dem es um Gottes Verheißung für uns geht. Wie bei dem Regenbogen, dessen Farben sich auf meiner Stola finden. Der soll ja auch ein Zeichen sein für Gottes unverbrüchliche Treue zu uns Menschen. Bei der Taufe feiern wir diese Zuwendung Gottes. Wir sprechen dem Getauften -- egal ob Kind oder Erwachsenen -- zu: Gott sagt sein "Ja" zu dir. Gott nimmt dich an als sein Kind. Er will dir ein gnädiger Gott sein. Er vergibt dir deine Sünde aus lauter Gnade um Jesu Christi willen. Er macht dich zu einem Erben seiner Herrlichkeit und zu einem Teil seiner Kirche. Dann staunen wir gemeinsam über die Gnade Gottes, der das alles ohne irgendeine menschliche Leistung zusagt. Und wir, die wir dabei stehen, freuen uns mit und erinnern uns an unsere Taufe. Auch uns hat Gott das alles ja zugesprochen. "Fürchte dich nicht. Siehe, ich habe dich erlöst. Siehe, ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein."

Damals war alles anders. In der Wüste, am Jordanfluss, weit weg von allen Annehmlichkeiten der Zivilisation, hält ein wilder, bärtiger Mann die Menschen in seinem Bann. Faszinierend ist es, was er von Gott erzählt. Er nimmt kein Blatt vor den Mund, scheut sich nicht, seine Zuhörer als "Otterngezücht" und ähnliches zu bezeichnen und hält ihnen ständig die Schwere ihrer Sünden vor. Seine Predigten sind keine leichte Kost und wer ihm zuhört, bekommt ganz schnell ein schlechtes Gewissen. Trotzdem -- irgendwas ist da, das die Menschen anzieht. Und so strömen sie in Scharen hinaus in die Wüste, um diesem seltsamen Kauz im Kamelhaarmantel zuzuhören. Und -- um sich taufen zu lassen.

Diese Taufe ist ganz anders, als wir sie kennen: Keine Liturgie, keine Kerzen, keine besinnliche Musik. Keine schön gekleideten Menschen, die andächtig singen und beten. Hier in der Wüste ist alles anders. Da drängen sie sich in den Fluss. Da werden verschwitzte Menschen von diesem rauen Typen in das Wasser des Jordan getaucht -- einmal ganz unter Wasser -- und dann kommen sie wieder hoch, klatschnass und glücklich. Und alle haben begriffen: Was hier geschieht ist ein Zeichen. Ein Zeichen der Umkehr. Ein Glaubensbekenntnis von Menschen, die begriffen haben: So wie bisher ist mein Leben nicht in Ordnung. Gott kann das nicht gutheißen, wie ich lebe. Ich will umkehren. Ich will mich ändern. Ich will anders werden. Besser. Mehr nach Gott fragen. Der alte Lebensstil hat da keinen Platz mehr. Der muss weg. Abgewaschen werden. Zumindest symbolisch. Ein Zeichen der Umkehr. Ein Schuldbekenntnis. Eine Selbstverpflichtung: Ab hier nur noch mit Gott!

Dringlich ist er, der Aufruf des Täufers, jetzt und hier das eigene Leben zu überprüfen und zu verändern. Johannes predigt unter dem Eindruck des nahenden Gottesreichs. Er ahnt, -- nein, er glaubt, er hofft, er rechnet fest damit: Gott wird etwas verändern. Wir alle werden es sehen. Er sendet seinen Messias. Den Retter. Den, der alles gut macht. Der das Böse besiegt. Und wir -- das ruft er den Menschen dort am Jordan zu -- sollten dafür bereit sein. Jetzt ist die Zeit zur Umkehr, denn diese Zeit wird bald vielleicht vorbei sein: "Ich taufe euch mit Wasser zur Buße; der aber nach mir kommt, ist stärker als ich, und ich bin nicht wert, ihm die Schuhe zu tragen; der wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen. Er hat die Worfschaufel in seiner Hand und wird die Spreu vom Weizen trennen und seinen Weizen in die Scheune sammeln; aber die Spreu wird er verbrennen mit unauslöschlichem Feuer." (Matthäus 3,11-12)

Wahrscheinlich hat jeder der Zuhörer (und auch Johannes selbst) so seine ganz eigene Vorstellung davon, wie das aussehen wird, wenn Gott kommt, als Richter und Retter. Für viele ist das ein Anlass, jetzt diesen mutigen Schritt zu wagen und sich taufen zu lassen. Zeichenhaft umzukehren zu Gott. Damit er kommen kann.

Und dann kommt er. Plötzlich steht er da -- der, von dem Johannes gesprochen hat und die Propheten schon Jahrhunderte vor ihm. Er taucht genau da auf: am Jordan, bei Johannes und den Menschen, die sich taufen lassen. "Zu der Zeit kam Jesus aus Galiläa an den Jordan zu Johannes, dass er sich von ihm taufen ließe." (Matthäus 3,13)

Moment mal!

So hat sich das niemand vorgestellt. Johannes nicht. Die Leute nicht. Wir eigentlich auch nicht, wenn wir drüber nachdenken.

Warum will sich Jesus taufen lassen?

Johannes wehrte ihm und sprach: "Ich bedarf dessen, dass ich von dir getauft werde, und du kommst zu mir?" (Matthäus 3,14)

Die Taufe des Johannes ist doch für Sünder. Für Menschen, die Schuld auf sich geladen haben. Für Versager. Für die, die selbst erkennen, dass ihr Leben nicht in Ordnung ist. Dass sie sich eigentlich schämen müssen. Eine Schande ist das, was sie getan haben. Oder gesagt. Oder gedacht. Nicht das, was Gott möchte. Nicht das, was einen frommen Menschen ausmacht. Gar ein Vorbild. Einen Nachfolger Gottes, des Herrn. Nein. Versagt. Schuldig. Beschämt. Sündig. So kommen Menschen zum Jordan und bekennen sich zu ihren Fehlern. Der Jordan ist ein Ort der Buße geworden, der Abkehr von dem was bisher war. Weil es nämlich nicht so weitergehen kann. Der Buße, der Hinwendung zu einem radikal veränderten Leben.

Warum will sich Jesus taufen lassen?

Du bist falsch hier, Jesus. Du gehörst doch da gar nicht dazu. Du bist doch anders als die ganzen Sünder hier. Besser. Viel besser. Es gibt eigentlich gar nichts, was dich mit denen verbindet, die hier getauft werden. Nicht einmal mit mir, Jesus. Selbst der Täufer ist nicht gut genug, um ihm die Schuhe zu tragen. Geschweige denn, um ihn zu taufen. Ich müsste von dir getauft werden, wenn überhaupt, Jesus.

Warum will sich Jesus taufen lassen?

"Lass es jetzt zu! Denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen."

Alle Gerechtigkeit zu erfüllen. Genau! Dazu ist er doch gekommen. Er ist doch keiner von denen. Kein Sünder. Er gehört doch da gar nicht dazu.

Doch, sagt Jesus. Genau hierhin gehöre ich. Die Gerechtigkeit Gottes ist nämlich anders, als alle sie sich vorgestellt haben. Johannes. Die Leute. Die Propheten vor ihnen und die religiösen Experten ihrer Zeit. Und wir? Wir vielleicht auch. Wir haben vielleicht auch noch viel zu oft ganz falsche Vorstellungen von dem, wie Gottes Gerechtigkeit funktioniert.

Einen strengen Richter hatte Johannes erwartet: Einen, der kräftig dreinschlägt und kurzen Prozess mit dem Bösen macht. Mit dem Bösen und mit den Bösen. "Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt. Darum: Jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen. ... Er hat die Worfschaufel in seiner Hand und wird die Spreu vom Weizen trennen und seinen Weizen in die Scheune sammeln; aber die Spreu wird er verbrennen mit unauslöschlichem Feuer." (Matthäus 3,10.12). Gericht. Strafe. Einer, der Ordnung schafft. Der aufräumt. Das wäre doch "Gerechtigkeit", oder?

Aber Gottes Gerechtigkeit ist anders. Gott kommt nicht "gegen" seine Menschen. Auch "gegen" die Sünder nicht. Nur gegen die Sünde. Gegen das Böse. Er stellt sich an die Seite der Sünder. An die Seite derer, die versagt haben. Die ihr Leben nicht auf die Reihe bekommen haben. Die nicht in allem ein Vorbild sind. Vielleicht sogar in gar nichts. Er stellt sich zu denen, die nichts vorzuweisen haben, nichts geleistet haben und ihr Leben, das Gott ihnen gegeben hat, mehr oder weniger in den Sand gesetzt haben. Zu denen kommt er. Für die kommt er. "Die gesunden bedürfen des Arztes nicht, aber die Kranken.", wird er einige Zeit später sagen. Und: "Ich bin gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist."

Johannes weiß das noch nicht. Die Menschen um ihn herum auch nicht.

Du gehörst doch da nicht dazu, Jesus!

Doch, sagt Jesus. Genau hierhin gehöre ich. An die Seite der Sünder. An die Seite derer, die Vergebung brauchen und Umkehr. Taufe. Die reingewaschen werden müssen. An deren Seite stelle ich mich. Freiwillig, nicht weil ich es nötig hätte. Aus der Liebe Gottes zu seinen verlorenen Menschen heraus.

Das hätten wir eigentlich wissen können, wenn wir gerade von Weihnachten herkommen. Und von Epiphanias. Welt ging verloren, Christ ist geboren. Christ ist erschienen, uns zu versühnen. Freue, freue dich, o Christenheit!

Aus Liebe zu uns Menschen kommt Gott in Jesus in diese Welt. Aus Liebe stellt er sich an die Seite der Sünder. Aus Liebe wird er ein Teil der Gemeinschaft der Getauften -- derer, die Vergebung und Umkehr brauchen.

Als er klatschnass auf dem Jordan aufsteigt, geht der Himmel auf. Der Geist Gottes wird sichtbar für alle. Und Gott selbst spricht den Taufspruch: "Das ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe."

Jüdische Ohren hören in diesem Moment die Worte der Krönungszeremonie aus dem 2. Psalm: "Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt. Bitte mich, so will ich dir Völker zum Erbe geben
und der Welt Enden zum Eigentum." Und das ist richtig, denn der, der hier aus dem Wasser steigt, ist der wahre König. Der Ewige. Der Einzige. Und doch sitzt er eben nicht auf einem Thron und regiert von oben herab, aus der Ferne. Er kommt herunter, zu seinen Menschen und wird einer von ihnen. Bis hinab in diesen Moment der Schande, der Schuldeingeständnis, der Buße. Er wird einer von ihnen, ganz und gar. Einer von uns.

Wenn Jesus sich freiwillig einreiht in die Gemeinschaft der Getauften, dann hat das für mich heute Bedeutung. Durch meine Taufe bin ich Teil dieser Gemeinschaft geworden. Teil derer, denen die Sünde vergeben ist. Ich gehöre dazu: zu der Gemeinschaft, zu der auch Jesus gehört. Ich bin mit ihm verbunden. Wir gehören zusammen.

Nichts was ich getan habe oder tun könnte ist dafür der Grund. Jesus ist der Grund. Er hat sich selbst in diese Gemeinschaft hineinbegeben. In die Gemeinschaft mit mir.

Du gehörst doch da nicht dazu, Jesus!

Doch, hat Jesus gesagt. Ich gehöre zu denen. Ich gehöre zu dem hier. Ich will nämlich zu ihm gehören.

"Denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen."

Und da wurde mir die Gerechtigkeit Gottes zuteil. Und dir.

Wenn das kein Grund ist, sich zu freuen...

Amen.

 

Predigttext

Matthäus 3,13-17

In aller Kürze

Jesus lässt sich taufen. Moment mal -- wie bitte? Warum das denn? Warum reiht er sich in die Schar der Sünder ein? Da gehört er doch gar nicht hin! Oder doch?

Über Christoph

Christoph Fischer (* 1978) ist Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg auf der Pfarrstelle „Erlöserkirche“ in Albstadt-Tailfingen.

Christoph ist verheiratet mit Rebecca. Gemeinsam haben sie drei Töchter.

Pfarrer