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Die Predigt "Auf dass eure Freude vollkommen sei" von Christoph Fischer und alle dazu gehörigen Ressourcen (Predigtzettel, Aufnahme) sind lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz. Verwendete Bilder stehen eventuell unter eigenen Lizenzbedingungen. Ausdrücklich von der Creative Commons-Lizenz ausgenommen sind die Logos und Namen der Gemeinde, in der die Predigt gehalten wurde und ihrer Arbeitsbereiche.

Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!

Liebe Schwester und Brüder in Jesus Christus,

Wenn doch nur Jesus hier wäre! Wenn es doch heute noch wäre wie in den alten Geschichten, als der Sohn Gottes sichtbar bei den Menschen war. Als er Wunder tat. Als Menschen geheilt wurden und Not gelindert wurde und die Macht des Bösen zum Erliegen kam. Als selbst Tote auferweckt wurden. Als plötzlich alles möglich schien. Und als er durch's Land zog und vollmächtig vom Reich Gottes predigte, das mit ihm selbst angebrochen sei. Und alle hörten mit geöffnetem Mund staunend zu, weil vor ihm noch keiner von Gott gesprochen hatte, wie er es tat. Da waren Antworten, auf Fragen des Lebens, so existentiell und grundlegend, dass keiner damit gerechnet hätte, jemals so etwas zu hören. Wer an seiner Seite war, kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Wer an seiner Seite war, der wusste sich Gott näher als je zuvor.

Wenn doch nur Jesus hier wäre! Wir könnten ihn wahrlich brauchen in dieser Welt. In Klimawandel und politischen Umwälzungen und Missbrauchsskandalen und einer Schere zwischen Arm und Reich, die weit auseinanderklafft. Wir könnten ihn brauchen, in Einsamkeit und Perspektivlosigkeit und in Krankheit und in unseren ganz persönlichen Fragen, jeder Einzelne von uns. Wenn doch nur Jesus hier wäre!

Wenn doch nur Jesus hier wäre, haben schon viele vor uns gedacht. Von den ersten Christen bis ins 21. Jahrhundert hätten sich Menschen immer wieder zurückgewünscht zu jenen goldenen drei Jahren, von denen die Evangelien berichteten. Das fing schon ganz am Anfang an. Es ist ganz passend, dass wir heute, ein paar Tage vor dem Himmelfahrtsfest, einen Ausschnitt aus der großen Abschiedsrede des Johannesevangeliums lesen. Ihr werdet sehen, schon damals, selbst als Jesus noch da ist, sind diese Gedanken bereits greifbar nahe.

Wir lesen also aus dem 16. Kapitel des Johannesevangeliums, ab Vers 23. Jesus Christus spricht:

Und an jenem Tage werdet ihr mich nichts fragen. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, wird er's euch geben. Bisher habt ihr um nichts gebeten in meinem Namen. Bittet, so werdet ihr empfangen, auf dass eure Freude vollkommen sei. Das habe ich euch in Bildern gesagt. Es kommt die Stunde, da ich nicht mehr in Bildern mit euch reden werde, sondern euch frei heraus verkündigen von meinem Vater. An jenem Tage werdet ihr bitten in meinem Namen. Und ich sage euch nicht, dass ich den Vater für euch bitten werde; denn er selbst, der Vater, hat euch lieb, weil ihr mich liebt und glaubt, dass ich von Gott ausgegangen bin. Ich bin vom Vater ausgegangen und in die Welt gekommen; ich verlasse die Welt wieder und gehe zum Vater.
Sprechen zu ihm seine Jünger: Siehe, nun redest du frei heraus und nicht in einem Bild. Nun wissen wir, dass du alle Dinge weißt und bedarfst dessen nicht, dass dich jemand fragt. Darum glauben wir, dass du von Gott ausgegangen bist.
Jesus antwortete ihnen: Jetzt glaubt ihr? Siehe, es kommt die Stunde und ist schon gekommen, dass ihr zerstreut werdet, ein jeder in das Seine, und mich allein lasst. Aber ich bin nicht allein, denn der Vater ist bei mir. Dies habe ich mit euch geredet, damit ihr in mir Frieden habt. In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden. (Johannes 16,23-33)

Wenn doch nur Jesus hier wäre! Das Gespräch zwischen Jesus und seinen Jüngern nimmt vorweg, was bald schon Realität sein würde: "Ich bin vom Vater ausgegangen und in die Welt gekommen; ich verlasse die Welt wieder und gehe zum Vater." Jahre des gemeinsamen Wanderns, des Zuhörens, des Staunens, des Wunderns, des Gott-nahe-seins, kommen an ihr Ende. Nur kurze Zeit später: Himmelfahrt. Jetzt ist er nicht mehr da. Wenn er doch bloß nicht gegangen wäre...

Der kurze Textausschnitt enthält aber auch schon genügend Hinweise auf das, woran sich seit Himmelfahrt alle festhalten. "An jenem Tag...", sagt Jesus. Es gibt da etwas, was vor uns liegt. Auf dass sich unsere Hoffnung richtet. Das, was wir mit unseren Augen noch nicht sehen, aber was unseren Herzen bereits zur Gewissheit geworden ist. "An jenem Tag...", sagt Jesus. " Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und seht gen Himmel? Dieser Jesus, der von euch weg gen Himmel aufgenommen wurde, wird so wiederkommen, wie ihr ihn habt gen Himmel fahren sehen.", sagen die Engel im Himmelfahrtsbericht der Apostelgeschichte. Hoffnung. Alle Augen nach vorne. Zukunft. Wenn er doch nur schon wieder da wäre...

Zwischenzeit

Das Spannende an der Hoffnung ist die Gegenwart. Diese Zwischenzeit. Ungefährt siebzig Jahre nach der Himmelfahrt entsteht der Bericht des Johannesevangeliums. Die Gemeinde Jesu befindet sich mitten drin in dem, was Jesus hier so treffend beschreibt. "In der Welt, da habt ihr Angst." Von Zerstreuung hat er geredet und vom Alleinsein. Vom Gefühl der Verlassenheit. "In der Welt, da habt ihr Angst." Eine treffende Zustandsbeschreibung für das, was die Christen am Anfang des 2. Jahrhunderts erleben.

Damals dachten viele noch, die Zwischenzeit wäre bald vorbei. Die Hoffnung auf "jenen Tag" schien greifbar nahe. Die Briefe des neuen Testaments zeugen davon. "Wir, die wir leben und übrig bleiben", schreibt der Apostel Paulus an die Christen in Thessaloniki, "[...] [werden] entrückt werden, dem Herrn entgegen." Hoffnung. Vorfreude. Sehnsucht nach einem Ende dieser angsterfüllten Zwischenzeit.

Als das Johannesevangelium entsteht, sind es schon siebzig Jahre. Inzwischen sind es schon fast zweitausend. Und wir sind immer noch in der Zwischenzeit. "In der Welt, da habt ihr Angst"? Da hat sich nichts wesentliches dran geändert! Die Gefühle von Angst und Zerstreuung und Verlassenheit sind uns wohlbekannt. O, wenn doch nur Jesus hier wäre!

Bitten im Namen Jesu

Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus,

Vor lauter Zerrissenheit und Weltangst kann man in diesem Text glatt überlesen, was Jesus für diese Zwischenzeit in Aussicht stellt. "Seid getrost", sagt er da unter anderem. "... damit ihr Frieden habt", sagt er und "... auf dass eure Freude vollkommen sei. Mut und Friede und Freude, das klingt doch gleich ganz anders! Haben wir da etwas übersehen? Wie kommt es denn dazu, wenn wir auf Jesus hören, dass Mut und Friede und Freude -- ja, sogar "vollkommene Freude" -- Teil unseres Lebens sind?

"Bittet", sagt Jesus, "so werdet ihr empfangen, auf dass eure Freude vollkommen sei." "Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, wird er's euch geben." Das ist keine Zukunftsmusik. Das ist eine Zusage für hier und heute, für die Zwischenzeit. Auch wenn Jesus, in dem Gott den Menschen nahe kam wie nie zuvor, nun nicht mehr sichtbar unter uns ist, so bleibt Gott uns dennoch ganz nahe. Er ist ansprechbar. Er ist da für uns. Er hat ein offenes Ohr für unsere Fragen, für unsere Nöte, für das, was uns umtreibt.

Gelobt sei der Herr, der mein Gebet nicht verwirft, noch seine Güte von mir wendet.

Nein, er ist nicht weg in dieser Zwischenzeit. Er ist da, wo er immer war: Er ist nahe bei uns Menschen, nahe bei mir. Ich darf zu ihm kommen -- haben wir nicht damit die Passionszeit dieses Jahr begonnen? Invokavit: "Lasst uns hinzutreten mit Zuversicht zu dem Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zu der Zeit, wenn wir Hilfe nötig haben." (Hebräer 4,14-16)

Nein, er ist nicht weg in dieser Zwischenzeit. Und Jesus Christus, der in den Himmel ging zum Vater, hat uns nicht nur einfach hilflos zurückgelassen. Nein: Er hat uns verändert zurückgelassen. Sein Sterben am Kreuz und sein Sieg über den Tod ändern alles für uns! In Christus dürfen wir zu Gott kommen, wie er es uns gelehrt hat: Als Kinder zu einem Vater. Als Bedürftige zu dem, der uns liebt und will, dass unsere Freude vollkommen sei. Wir sind keine Bettler. Wir sind Kinder.

"Moment mal!", denkst du jetzt vielleicht. "Das habe ich aber schon irgendwo anders gehört." "Wir sind Bettler" war der letzte überlieferte Satz Martin Luthers, den man nach seinem Tod auf seinem Schreibtisch fand. "Wir sind Bettler, das ist wahr." Recht hat er, der liebe Bruder Martin, denn vor Gott hat keiner von uns irgendetwas vorzuweisen, was irgendwie beeindruckend erscheint. Keine eigene Gerechtigkeit. Wir sind Bettler. Und das wäre auch der letzte Satz, der bleibende, die einzige Aussage über uns, wenn wir nicht Jesus Christus hätten. Denn das ist -- "sola gratia", allein aus Gnade -- genau der Ort, wo das Evangelium in unser Leben dringt. Aus Gnade gibt Gott uns, die wir Bettler sind, die wir keine Gerechtigkeit haben, die Gerechtigkeit seines Sohnes Jesus Christus. Ein admirabile commercium ist das, sagt Martin Luther, ein "fröhlicher Tausch". Wir würden heute treffend übersetzen: ein guter Deal! Da werden Sünder heilig, Ungerechte gerecht und Bettler, die nichts vorzuweisen haben, werden zu Kindern Gottes, die unverzagt zum Vater kommen dürfen.

Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, wird er's euch geben.

Beziehung statt Kaugummiautomat

Damals, auf dem Weg zur Grundschule, kamen wir jeden Tag an einem Kaugummiautomaten vorbei. Einem von der alten Sorte, einem roten Metallkasten mit einem Sichtfenster, hinter dem Kaugummikugeln in allen Farben leuchteten. Vielleicht kennt ihr diese alten Automaten noch: kein Wechselgeld, keine Kartenzahlung. Einfach nur ein ganz simpler Mechanismus mit einem Drehknopf. Oben steckte man ein Zehnpfennigstück rein, man drehte, der Automat gab die Öffnung frei und eine Kaugummikugel kullerte unten heraus.

"Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, wird er's euch geben."

Ich habe eine Menge Christen getroffen, die Gott irgendwie so ähnlich wie diesen Kaugummiautomaten betrachteten. "Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, wird er's euch geben." Gebet oben rein, den festen Glauben noch dazu, einmal dran drehen, dann kommt unten die Erhörung heraus. "Bittet, so wird euch empfangen", sagt Jesus doch, "auf dass eure Freude vollkommen sei." Und wenn nicht rauskommt aus dem Automat, dann hast du vielleicht noch nicht genügend bezahlt -- äh, geglaubt. Dann braucht es vielleicht noch irgendetwas von dir, damit Gott dann richtig funktioniert. Und dein Kaugummi rauskommt. Deine Sorgen sich in Luft auflösen. Deine Krankheit geheilt wird. Deine Not verschwindet. Und deine Freude vollkommen ist.

Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus,

Wer Gott als Kaugummiautomaten behandelt, der hat nichts verstanden vom Evangelium. Wer Gott als Kaugummiautomaten behandelt, dem entgeht das Beste an dem, was uns Jesus Christus hier für diese spannende Zwischenzeit verspricht:

"Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, wird er's euch geben."

Da geht es um Beziehung, hört ihr das? Da geht es um das, was Gott in seiner Gnade in meinem Leben verändert hat, um genau das admirabile commercium, das wunderbare Handeln Gottes an mir. Er, Gott selbst, der Allmächtige, der Schöpfer des Himmels und der Erde; der, dessen Atem das Leben schafft und dessen Wort das Universum formt; er, dieser große Gott, wird zu meinem Vater. Das muss man sich erst einmal auf der Zunge zergehen lassen, bevor es überhaupt weitergeht.

"Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, wird er's euch geben."

Ich darf "in seinem Namen", im Namen Jesu Christi bitten. Ich komme nicht als Bettler zu Gott, als einer, der in Lumpen dasteht und nichts vorzuweisen hat. Ich komme als sein Kind, als Erlöster, als einer, der durch Jesus Christus lebt und in dem Jesus Christus lebt. Ich komme als einer, dem Gott sein "Ja" zugesprochen hat in Jesus Christus; als einer, auf dessen Leben der Name des dreieinigen Gottes geprägt ist; zu dem er selbst gesprochen hat: "Siehe, ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein."

"Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, wird er's euch geben."

Ich darf zu Gott kommen im Namen meines Vaters und ich darf wissen, er hört mein Gebet, denn, so sagt es Jesus hier, "er selbst der Vater, hat euch lieb." Ich komme als Geliebter. Ich komme als Kind. Ich komme zuversichtlich vor den Thron der Gnade.

Und das, meine Lieben, ist mehr wert als jedes Kaugummi der Welt.

So lasst uns beten, meine lieben Geschwister, in dieser Zwischenzeit. Lasst uns uns nicht verstecken, sondern zuversichtlich zu dem Thron der Gnade kommen. Lasst uns bitten, in dem Wissen, dass Gott unser Vater ist und Christus unser Leben, und dass Gott uns liebt als seine Kinder. Lasst uns leben und lieben und Mut und Frieden und Freude finden aus dieser Beziehung, aus dieser Gewissheit, dass wir geliebt sind. Lasst uns diese Beziehung zur Grundlage unseres Lebens, Denkens, Handelns -- und, ja, auch unseres Betens machen.

Auf dass unsere Freude vollkommen sei.

Amen.

 

Predigttext

Johannes 16,23b-33

In aller Kürze

Wenn doch nur Jesus hier wäre...! Tatsächlich ist Gott nur ein Gebet von uns entfernt: Durch das, was Jesus für uns getan hat, können wir als Gottes Kinder zu unserem Vater kommen!

Über Christoph

Christoph Fischer (* 1978) ist Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg auf der Pfarrstelle „Erlöserkirche“ in Albstadt-Tailfingen.

Christoph ist verheiratet mit Rebecca. Gemeinsam haben sie drei Töchter.