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Die Predigt "Besser als Trostpflaster" von Christoph Fischer und alle dazu gehörigen Ressourcen (Predigtzettel, Aufnahme) sind lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz. Verwendete Bilder stehen eventuell unter eigenen Lizenzbedingungen. Ausdrücklich von der Creative Commons-Lizenz ausgenommen sind die Logos und Namen der Gemeinde, in der die Predigt gehalten wurde und ihrer Arbeitsbereiche.

Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!

Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus,

Im Urlaub ist die kleine Pia mal wieder gestolpert. Das passiert öfters einmal, wenn sie schnell rennt und vor Begeisterung vergisst, auf den Boden zu schauen. Natürlich fiel sie wieder voll auf's Knie. Und dann kam sie weinend zu mir. Glücklicherweise war diesmal gar nicht so viel passiert. Kein Blut, keine offene Wunde. Nur ein paar ganz leichte Abschürfungen. Aber weh tut so etwas natürlich trotzdem.

Was tun wir nicht alles, wenn sich die Kinder weh tun! Da kann man dann schon einmal erstmal auf die Wunde pusten, damit das "Aua wegfliegt." Medizinisch hat das keine Bewandtnis, aber es hilft ganz oft. Kaltes Wasser drauf oder ein Kühlkissen, das sind auch ganz beliebte Heilmittel. Und, wenn sonst gar nichts hilft, dann kleben wir auch dann, wenn es eigentlich gar nicht nötig ist, ein Pflaster drauf. Am besten ein großes, buntes, mit irgendwelchen lustigen Motiven, an denen man sich dann erfreuen kann. Ein "Trost-Pflaster" eben. Nicht für die Verletzung, sondern für's Herz, für die Seele, für die gute Laune und für neuen Mut. Oder einfach Ablenkung. Was immer eben hilft.

In unserem Bibeltext geht es heute um die Begegnung mit einem Gelähmten. Der hat nicht nur Schürfwunden am Knie. Da hilft auch kein Pusten. Der Mann ist von Geburt an gelähmt. Wir würden sagen, er ist behindert -- ein Wort, das damals noch nicht üblich war. Als Bettler sitzt er am "Schönen Tor", am Durchgang zwischen einem der Vorhöfe des Tempels in Jerusalem und dem inneren Bereich, wo die waren Gläubigen (also zumindest die Männer) hindürfen. Kein schlechter Platz eigentlich für einen Bettler, der auf den guten Willen der Menschen angewiesen ist. Menschen, die zum Beten gehen und dabei auch noch von vielen anderen gesehen werden, dürften sich leichter zum Almosengeben motivieren lassen. Man will sich ja vor Gott nicht blamieren. Und vor den Nachbarn schon gleich gar nicht! Da sitzt er also, der Mann, von dem ich nicht einmal den Namen kenne. Gelähmt. Behindert. Und er bettelt. Mehr bleibt ihm gar nicht übrig, denn einen eigenen Lebensunterhalt kann er sich in seiner Lage nicht verdienen. Damals jedenfalls nicht. Lange vor "Inklusion" und "integrativen Einrichtungen".

Ehrlich gesagt ist es gar nicht so leicht, sich aus heutiger Perspektive in die Lage dieses Mannes zu versetzen. Die Dinge sind heute einfach anders, meine Lebenswelt ist ganz weit weg vom antiken Jerusalem und wenn ich zur Kirche gehe, sitzt in der Regel kein gelähmter Bettler an der Tür.

Und doch glaube ich, dass es auch in meiner Umgebung ganz ähnliche Situationen gibt. Und in deiner auch. Bei uns sehen die nur eben ein wenig anders aus. Und sie sind ganz unterschiedlich. Aber natürlich gibt es auch hier, auch heute, die Menschen, die in einer Notlage sind. Manche ganz existenziell, wie dieser Mann eben auch, so dass selbst das allernötigste fehlt. Vielleicht, weil sie ein Schicksalsschlag getroffen hat. Vielleicht, weil sie aus ihrer Heimat fliehen mussten, weil dort Krieg herrscht, oder Verfolgung, oder einfach so krasse Armut, dass die Flucht als einziger Ausweg erscheint. Vielleicht, weil einfach ganz viel schief lief, und das Geld jeden Monat weniger wurde, und der Schuldenberg immer größer und irgendwann blickte einfach keiner mehr durch und es war, als würden einem die Wellen über dem Kopf zusammenschlagen. Kein verzweifelter Schrei, nur noch ein leises Versinken. Vielleicht -- da blicken wir mal ein Stück über unseren gewohnt engen Tellerrand hinaus -- hat letzte Woche der große Wirbelsturm das Dach abgedeckt und das Haus zerlegt und die ganze Habe davongespült. Auf den Bahamas. Auch das gibt's, hier und heute.

Vielleicht ist auch gar nicht das Geld, das fehlt. Vielleicht ist es wirklich eine körperliche Not, eine Krankheit, eine Behinderung -- irgendetwas, was das, was wir als "normales Leben" betrachtet, nicht möglich macht. Vielleicht ist es eine zwischenmenschliche Sache -- eine Ehe, die zerbrochen ist; eine gescheiterte Berufslaufbahn; zerbrochene Freundschaften; oder einfach die Einsamkeit, wenn langsam alle Altersgenossen weggestorben sind und die Verwandten sind unendlich weit entfernt. Vergessen. Allein. Leid und Notlagen gibt es in so vielen Formen.

Eines haben sie alle gemeinsam: Wie bei dem Bettler am "Schönen Tor" schließen sie Menschen aus, versperren den Zugang zu dem, was alle als "Normal" sehen. Das ist vielleicht auch das Schlimmste. Nicht dabei sein zu können. Nicht dazu gehören zu dürfen. Weil man einfach "nicht richtig" ist, in welcher Weise auch immer.

Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus,

Aus der Apostelgeschichte haben wir eine Wundergeschichte gelesen. Die persönliche Geschichte des Bettlers findet ein "Happy End", das, wenn man weiterliest, mit Staunen und Tanzen und Jubel gefeiert wird. Wenn es doch nur mehr solcher Wunder gäbe!

Ja, wenn... Was wäre eigentlich, wenn?

Dass es Wunder gibt, sollte uns doch nicht wundern, wenn wir an den allmächtigen Gott glauben! Und weil jedes Wunder einzigartig ist, sehen sie vielleicht bei unterschiedlichen Menschen und unterschiedlichen Situationen ganz unterschiedlich aus. Wer weiß, welche Wundergeschichten es in unserer Umgebung zu erzählen gäbe...

Wunder kann man nicht machen. Auch nicht bestellen. Weder bei Amazon, noch bei Gott, noch irgendwo anders. Wunder geschehen, wenn Gott es will. Da gibt es kein Patentrezept. Das kann ich heute Morgen daher auch nicht behaupten.

Das wäre doch toll, oder? Wenn es da eine bestimmte Formel gäbe, oder eine bestimmte Art zu glauben oder zu beten, und dann wird automatisch alles gut. Gibt es aber nicht. Leider. Oder vielleicht auch nicht "leider", denn sonst wären die Wunder ja keine Wunder mehr.

Es fällt aber doch auf, dass in dieser Wundergeschichte Menschen eine ganz wichtige Rolle spielen. Menschen, die Jesus Christus nachfolgen. "Jünger", Petrus und Johannes, wirken hier ganz entscheidend mit. Und auch wenn es allein Gott bleibt, der das Wunder tut, und es weiterhin keine Zauberformel gibt, kann ich mir doch zumindest bei diesen Jüngern etwas abkucken. Etwas, was wirkt. Besser als Trostpflaster.

Und das habe ich entdeckt:

Erstens: Ich schaue auf den Anderen. Was braucht der denn?

Das fällt auf den ersten Blick gar nicht auf in der Geschichte. Und beim Nachdenken dann wieder doch: Im Gedränge einer Hauptgebetszeit vor dem Tempel in Jerusalem ist ein Mann am betteln. Sicher nicht nur einer. Eine ganz alltägliche Sache. Irgendwo zwischen den Füßen der Massen, die sich in den Tempel drängen. Was ist da schon dabei? Ab und zu klimpern ein paar Münzen, aber die meisten werden sich geschäftig vorbeigeschoben haben. Oder vielleicht im Vorübergehen aus Gewohnheit eine Münze werfen, ohne sich groß etwas dabei zu denken.

Plötzlich stockt der Verkehrsfluß. Zwei Männer bleiben stehen. "Petrus aber blickte ihn an mit Johannes und sprach: Sieh uns an!" Der Bettler schaut erwartungsvoll die Jünger an. Aber viel wichtiger: Die Jünger schauen den Bettler an.

In einem einzigen Augenblick reduziert sich die Perspektive dieser beiden Männer auf eine einzige Person. Auf den, der da sitzt. Der Bettler. Unwichtig. Ausgegrenzt. Niemand. Von allen übersehen. Das ist vielleicht ja gerade das Schlimme: Wenn einen keiner mehr sieht. Keiner mehr beachtet. Und selbst die, bei denen man noch auf dem Radar auftaucht, die haben nur ein schnelles Trostpflaster, ein kurzes Münzklimpern und dann sind sie wieder weg -- und ihr Gewissen ist beruhigt. Wer nimmt denn die "Gelähmten" unserer Welt überhaupt wahr? Wer hat denn die Zeit, sie zu sehen. Zu fragen, wer sie sind. Was sie umtreibt. Und was sie wirklich brauchen.

Das will ich lernen von den Jüngern.

Also erstens: Ich schaue auf den Anderen. Was braucht der denn?

Aber es gibt noch mehr zu lernen:

Zweitens, ich schaue auf mich selbst: Was habe ich denn?

"Silber und Gold habe ich nicht", muss Petrus eingestehen. Das muss wohl eine ziemliche Enttäuschung für den Bettler sein. Weitergehen! Vielleicht kommen noch andere, die was dabei haben!

"Silber und Gold habe ich nicht", denke ich auch oft, wenn ich die Notlagen um mich herum in den Blick nehme. Was kann ich denn da schon tun? Ich kann doch nicht die Welt retten! Auch nicht das Klima. Ich kann keine Wunder tun, keine Menschen heilen. Ich kann nicht für jeden Alles sein. Ich kann nicht die Probleme aller lösen. Ich kann nicht für jeden grenzenlos Zeit, Geld, Energie und Mitgefühl aufbringen. Meine Mittel sind begrenzt. Vieles von dem, was es dringend bräuchte, kann ich gar nicht anbieten.

"Silber und Gold habe ich nicht". Eine Bankrotterklärung. Ich habe die Lösung nicht!

Vielleicht muss ich gerade das von den Jüngern lernen: Mir einzugestehen, dass mir die Lösung nicht zur Verfügung steht. Dass es nicht immer auf mich ankommt. Dass ich nicht alle Antworten habe. Dass ich nicht alles tun kann. Dass mir so vieles fehlt.

Gerade an dieser Stelle werden nämlich oft die Trostpflästerchen hervorgeholt. Ein motivierender Spruch, eine Durchhalteparole, eine Binsenweisheit, ein gut gemeinter Ratschlag oder eine schnelle Hilfsaktion, auch gut gemeint, aber schlecht gemacht und an der Sache vorbei. "Das wird schon wieder!" Ach echt? Frustrierend für den, dem damit nicht geholfen ist. Manchmal macht das alles nur noch schlimmer.

"Silber und Gold habe ich nicht". Diese Bankrotterklärung ist oft dringend nötig. Ich kann dir nicht helfen!

Also zweitens, ich schaue auf mich selbst: Was habe ich denn? Kein Silber und Gold... aber...

Aber -- jetzt kommt das entscheidende Aber! ICH kann dir nicht helfen. Aber vielleicht ist das auch gar nicht nötig.

"Silber und Gold habe ich nicht, aber was ich habe, gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi von Nazareth..."

Das ist das dritte und wichtigste was ich lernen will:

Ich schaue auf Gott. Was kann er denn tun?

In unseren oft vergeblichen und wenig hilfreichen menschlichen Lösungsversuchen kommt Gott so oft gar nicht vor. Warum auch? Wir sind doch selbst groß. Wir bekommen die Dinge schon selbst in den Griff. Und so kleben wir ein Trostpflästerchen nach dem anderen auf und nichts hilft wirklich. Dabei liegt die Lösung doch auf der Hand: "Was ich habe, gebe ich dir: Im Namen Jesus Christi von Nazareth..."

Was ich habe... Kann man Gott denn "haben"? Nein, nicht im Sinn eines "Wunderautomaten".

Aber was ich habe: Habe ich nicht das Evangelium? Die gute Nachricht, dass Gott die Menschen liebt? Dass ihm jeder Einzelne so wichtig ist, dass er sich zu uns herunterbeugt, um mitten in unseren menschlichen Schwachheiten und Unzulänglichkeiten, in unseren Notlagen und unserem Leid, in unserem Leiden und unserer Einsamkeit -- mitten da drin Gott zu sein? Ist es nicht genau das, was er uns in Jesus Christus verspricht und ganz praktisch vorlebt?

Wenn es eines gibt, was ich von den Jüngern lernen möchte, dann das: Gott gerade in den Lagen, in denen ich keine Lösung zu bieten habe, mit im Auge zu haben. Das Evangelium gerade in diesen Nöten zu hören und neu zu verstehen und dann an den anderen weiterzugeben. Diese gute Nachricht: Gott sieht dich. Ihm bist du nicht egal. Er weiß, was du brauchst. Er ist an deiner Seite. Du bist ihm wichtig. Du bist gesehen. Du bist geliebt.

Das ist mehr als ein Trostpflaster. Wo Gott einem Menschen nahe kommt, da geschehen Wunder. Nicht immer gleich die ganz spektakulären Heilungswunder, wo Lahme springen und tanzen und jubeln und allen vor Staunen der Mund offen bleibt. Aber immer das ganz große Wunder, nämlich das, dass der große, unendliche Gott sich ganz tief in eines Menschen Not herunterbeugt und ihm das Herz mit seiner Liebe füllt.

Was dann noch kommt, ist Gottes Sache. Und mir bleibt das Staunen über seine Wunder.

Also drittens: Ich schaue auf Gott.

Mögen seine Wundergeschichten in deiner, in meiner, in unserer Welt geschehen. Gott schenke uns die offenen Augen dazu: für die Menschen, die in Not sind; für unsere eigenen Grenzen und für das Evangelium von seiner grenzenlosen Liebe.

Amen.

Predigttext

Apostelgeschichte 3,1-10

In aller Kürze

Menschen in Not gibt es überall: Rund um und her gibt es viele, denen es nicht gut geht. Wie begegne ich ihnen? Sehe ich sie überhaupt? Und, wenn ja, was kann ich ihnen denn sagen, das wirklich hilft?

Hauptpunkte der Predigt

Wie ich Menschen in Not begegne:
  1. Ich schaue auf den Anderen: Was braucht der denn?
  2. Ich schaue auf mich: Was habe ich denn?
  3. Ich schaue auf Gott: Was kann er denn?

Fragen zur Vertiefung

Zu dieser Predigt hat Christoph eine Reihe von Fragen hinterlegt, die in der Kleingruppe zur Vertiefung weiter besprochen werden können:

  1. Wo könnten in deiner Nähe die "Gelähmten" sitzen?
  2. Welche "Trostpflaster" kennst du?
  3. Was könnte Gott denn an der Lage ändern?

Über Christoph

Christoph Fischer (* 1978) ist Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg auf der Pfarrstelle „Erlöserkirche“ in Albstadt-Tailfingen.

Christoph ist verheiratet mit Rebecca. Gemeinsam haben sie drei Töchter.

Pfarrer