Brot brechen

Wie der Erntesegen noch viel größer wird

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Aufnahme der Predigt (12:09)
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Die Predigt "Brot brechen" von Christoph Fischer und alle dazu gehörigen Ressourcen (Predigtzettel, Aufnahme) sind lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz. Verwendete Bilder stehen eventuell unter eigenen Lizenzbedingungen. Ausdrücklich von der Creative Commons-Lizenz ausgenommen sind die Logos und Namen der Gemeinde, in der die Predigt gehalten wurde und ihrer Arbeitsbereiche.

Aus dem Buch der Propheten Jesaja, aus dem 58. Kapitel:

Heißt das nicht: Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!
Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen. Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich.
Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest, sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag.
Und der HERR wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt. Und es soll durch dich wieder aufgebaut werden, was lange wüst gelegen hat, und du wirst wieder aufrichten, was vorzeiten gegründet ward; und du sollst heißen: "Der die Lücken zumauert und die Wege ausbessert, dass man da wohnen könne".

I

Jetzt muss ich doch einmal vorsichtig nachfragen: Wir reden hier über Erntedank, über das Dankbar-sein und haben gerade von dem vielen Brot hier an alle verteilt. Jeder, der wollte, hat davon etwas abbekommen. Und wir hätten auch noch mehr Brot, falls jemand noch Hunger hat. Wir haben ja gerade sogar noch ein frisches Brot gebacken. Brot, Brot ohne Ende.

Aber: Ist das nicht ein bisschen wenig? Nur Brot? Also wenn ich das meinen Kindern zum Essen vorsetzen würde, gäbe es lange Gesichter. Eher nicht viel Dankbarkeit. Was, nur Brot? Da wollen die schon noch Butter drauf. Das mag ich übrigens auch lieber. Und Wurst und Käse. Oder Marmelade. Oder Nutella. Findest du echt, nacktes Brot ist etwas Tolles? Etwas für das man dankbar sein sollte?

II

Hast du dich hier einmal umgeschaut? Klar, Brot ist heute unser Thema und deshalb haben wir Brot verteilt. Aber es geht doch um viel mehr als nur Brot? Schau doch einmal die vielen Erntegaben an. Wir haben doch von allem so viel! Und das ist ja noch gar nicht alles: Wenn morgen wieder die Supermärkte öffnen, dann gibt es da noch viel, viel mehr. Es gibt Menschen auf dieser Welt, die wären tatsächlich schon für ein einziges Stück nacktes Brot dankbar -- weil sie eben nicht immer genug zum Leben haben. Wir leben da wirklich in einem reichen Land. Uns geht es gut. Wir haben so viel! Jede Menge Gründe, Gott zu danken.

I

Du hast natürlich recht! Mir fällt gerade ein, dass ich das doch eigentlich schon längst gelernt habe. Schon Martin Luther hat in seinen Erklärungen zum Vaterunser darüber geredet, dass wir zwar bitten "unser tägliches Brot gib uns heute", dass es dabei aber doch wirklich um viel viel mehr geht:

Tägliches Brot ist alles, was Not tut für Leib und Leben, wie Essen, Trinken, Kleider, Schuh, Haus, Hof, Acker, Vieh, Geld, Gut, fromme Eheleute, fromme Kinder, fromme Gehilfen, fromme und getreue Oberherren, gut Wetter, Friede, Gesundheit, Zucht, Ehre, gute Freunde, getreue Nachbarn und desgleichen.

Also sogar noch mehr, als das, was hier vorne bei den Erntegaben zu sehen ist! Wir sind wirklich gesegnet!

II

Ja, wir sind reich. Gott schenkt uns mehr, als wir zum Leben brauchen. Dafür wollen wir ihm heute danken.

Im Alltag vergessen wir das manchmal. Wenn wir im Supermarkt unseren Einkaufswagen füllen, dann denken wir meistens nicht an Gott. Wir sind froh, dass wir genügend Geld haben, um uns das alles leisten zu können. Vielleicht denken wir beim Obst und Gemüse auch an den Bauern, auf dessen Bäumen und Feldern das gewachsen ist. Und an alle, die gearbeitet haben, damit diese guten Dinge zu uns kommen.

I

Oder vielleicht haben wir ja sogar selbst ein paar Dinge in unserem Garten geerntet. Dann erinnern wir uns, wie wir die Samen gesäht haben. Wie wir den Boden bearbeiten mussten. Und das ganze Unkraut jäten, das dazwischen wuchs. Und natürlich mussten wir gießen, im Sommer als es heiß war. Wie viele Liter Wasser wir da durch den Garten geschleppt haben! Dann das Ernten, das war auch nicht gerade wenig Arbeit...

II

Ich kann verstehen, dass man da Gott aus den Augen verlieren kann. Schließlich haben wir selbst, oder andere wie der Bauer, so viel getan, dass es überhaupt zur Ernte kommen konnte. Und mit der Ernte ist ja dann auch noch nicht alles vorbei. Brot zum Beispiel kann man nicht auf dem Acker ernten. Da muss der Mähdrescher die Körner aus den Ähren dreschen und dann müssen die in die Mühle. Dort werden sie gemahlen und das Mehl muss dann zu Teig verarbeitet werden. Der Bäcker steht ganz früh auf, mitten in der Nacht noch, damit wir morgens frisches Brot kaufen können... Ganz viel Arbeit eben, bis das Brot bei uns dann auf dem Tisch steht oder hier in der Kirche verteilt wird.

I

Aber Gott dürfen wir trotzdem nicht vergessen: Stell dir mal vor, der hätte nichts getan! Stell dir vor, wir legen den Samen in die Erde und dann passiert... nichts. Wir können ja dann nicht hingehen und versuchen, einen grünen Halm aus der dem vergrabenen Samenkorn zu ziehen. Körner können wir auch nicht an der Ähre wachsen lassen. Wir haben zwar viel Arbeit, aber dann gibt es auch ganz viel, wo wir nichts dazutun können. Wachsen lassen kann nur Gott die Ähren, und die Früchte und das Gemüse. Wind und Regen und Sonne dazu schenken kann auch nur er. Ohne ihn würde der Samen jetzt immernoch irgendwo im Boden liegen. Und wir hätten nichts von all der vielen Arbeit.

II

Genau! Hinter all dem Guten, was wir haben, steht Gott, der versprochen hat, uns zu versorgen. Dass er das auch tut, das sehen wir an diesen vielen schönen Erntegaben. Deshalb wollen wir Gott heute danken. Wir feiern ein Fest, weil Gott so gut zu uns ist.

I

Ein Fest! Das finde ich gut! Das wird Gott sicher gefallen...

Aber: Findest du es nicht auch ein wenig seltsam, dass wir so viel haben, dass wir Feste feiern können, während andere viel zu wenig zum Leben haben? Hat Gott nur uns versprochen, uns zu versorgen? Ist er für die anderen nicht da?

II

Das ist keine einfache Frage. Schließlich gab es immer Menschen, die viel hatten und andere, denen viel gefehlt hat. Das war auch zu der Zeit schon so, als der Bibeltext von heute geschrieben wurde. Der Prophet hat deshalb einen Vorschlag für alle, die genug haben -- etwas, was Gott noch viel besser gefällt als jedes Fest, das wir für ihn feiern: "Brich dem Hungrigen dein Brot", sagt er. Gott gefällt es, wenn wir von unserem Überfluss an andere abgeben, die nicht so viel haben wie wir. Wenn wir unseren Reichtum teilen.

I

Teilen, das klingt nach einer guten Idee! Ich dachte zuerst: Wenn ich das, was ich habe, weggebe, dann habe ich ja selbst nichts mehr. Dann hat der Hungrige etwas, von dem er satt wird, und ich bin in Zukunft hungrig. Aber dann habe ich mich einfach noch einmal hier umgeschaut. Ich sehe die vielen Erntegaben und ich erinnere mich daran, dass es uns so gut geht, wie nur wenigen anderen. Wir haben wirklich genug, um abzugeben. Und für uns bleibt immernoch genug übrig. So wie bei dem Brot vorher, das auch für alle gereicht hat.

II

So wie wir vertrauen, dass Gott uns vertraut, können wir ihm auch vertrauen, wenn wir anderen von seinem Segen abgeben. Wir müssen nicht befürchten, dann selbst zu kurz zu kommen. Auf Gott können wir uns auch weiterhin verlassen. Deshalb beten wir ja auch immer wieder: "Unser täglich Brot gib uns heute." Wir wissen: Er hat uns schon so viel geschenkt und gibt uns auch weiterhin das, was wir brauchen.

I

"Brich mit dem Hungrigen dein Brot". Heute morgen waren sicher ein paar hier in der Kirche schon ein bisschen hungrig. Die haben sich dann gefreut, als es im Gottesdienst zu essen gab. Aber eigentlich haben doch hier bei uns sowieso alle genug zu essen, oder? Hungrige, die kein eigenes Brot haben, gibt es bei uns doch gar nicht! Meine Nachbarn würden sich sicher wundern, wenn ich heute Nachmittag einen Laib Brot rüberbringe...

II

Auch bei uns gibt es Menschen, denen notwendige Dinge fehlen. Die sich manches nicht leisten können. Und selbst wenn sie Brot haben, gibt es vielleicht etwas anderes, was ihnen fehlt.

I

Ach ja, jetzt sind wir wieder bei Martin Luther: Tägliches Brot ist alles, was Not tut für Leib und Leben, wie Essen, Trinken, Kleider, Schuh, Haus, Hof, Acker, Vieh, Geld, Gut, usw. Da ist sicher etwas dabei, was ich mit anderen teilen kann.

II

Mit dem Teilen fangen wir gleich hier an Erntedank an: Die Gaben, die heute hier her gebracht wurden, spenden wir anschließend an die Wohngruppe des Diasporahauses in Ebingen. Die können das gut gebrauchen, um für die Menschen, die dort wohnen zu kochen.

I

Das Teilen kann dann auch weitergehen, wenn dieser Gottesdienst zu Ende ist. Nämlich dann, wenn wir alle das ganze Jahr über die Augen offen halten, wo wir von der Fülle, die wir haben, auch an andere weitergeben können.

II

Und dann kommt erst das Beste: Hast du bemerkt, dass in unserem Prophetentext noch viel mehr drinsteht als "Brich dem Hungrigen dein Brot"?

I

Ja! Das ist ein ganz toller Segenstext. Fast so eine Art Gedicht...

Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte,
und deine Heilung wird schnell voranschreiten,
und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen,
und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen.

II

Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten.
Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich.

I

[d]ann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen,
und dein Dunkel wird sein wie der Mittag.

II

Und der HERR wird dich immerdar führen
und dich sättigen in der Dürre
und dein Gebein stärken.

I

Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten
und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt.

II
Und es soll durch dich wieder aufgebaut werden, was lange wüst gelegen hat,
und du wirst wieder aufrichten, was vorzeiten gegründet ward;
und du sollst heißen: "Der die Lücken zumauert und die Wege ausbessert, dass man da wohnen könne".

I

Toll! Das klingt ja so, als ob der wahre Segen, das wahre Geschenk von Gott, erst noch auf uns wartet. Dann... dann... dann... hieß es da immer wieder. Steht da auch drin, wann das passieren soll?

II

Ja. Eben dann, wenn wir unser Herz für die Menschen um uns her öffnen. Wenn uns nicht egal ist, wie es ihnen geht. Wenn wir bereit sind, alles mit ihnen zu teilen. Angefangen mit dem Brot.

I

Das heißt, Gottes Segen liegt heute nicht fertig vor uns. Auch nicht hier bei den Erntegaben. Dieser Segen, den wir hier sehen und für den wir heute danken, der kann sich noch viel mehr entfalten, wenn wir ihn mit anderen teilen.

II

Dann sind wir noch mehr gesegnet und andere freuen sich mit uns.

I

Dann wird das Fest ja noch viel größer!

II

Du, das machen wir!

I

Ja, das probieren wir aus! Seid ihr alle mit dabei?

II

Also: "Brich mit dem Hungrigen dein Brot."

I

Amen.

Predigttext

Jesaja 58, 7-12

In aller Kürze

Wem danken wir an Erntedank eigentlich wofür? Haben wir nicht selbst gepflanzt und geerntet? Ein Dialog am Erntedanktisch mit der Entdeckung, dass auch der große Erntesegen noch viel mehr wachsen kann.

Über Christoph

Christoph Fischer (* 1978) ist Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg auf der Pfarrstelle „Erlöserkirche“ in Albstadt-Tailfingen.

Christoph ist verheiratet mit Rebecca. Gemeinsam haben sie drei Töchter.

Pfarrer