Christus vor Augen

Von Forderungen, Leistung und dem, was wirklich wichtig ist

Bild: pixabay / pixel2013, Lizenz: CC0
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Die Predigt "Christus vor Augen" von Christoph Fischer und alle dazu gehörigen Ressourcen (Predigtzettel, Aufnahme) sind lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz. Verwendete Bilder stehen eventuell unter eigenen Lizenzbedingungen. Ausdrücklich von der Creative Commons-Lizenz ausgenommen sind die Logos und Namen der Gemeinde, in der die Predigt gehalten wurde und ihrer Arbeitsbereiche.

Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater und von Jesus Christus, unserem Herrn!

Beim Öffnen des Briefumschlags schnellt der Pulsschlag in die Höhe. "Letzte Mahnung" steht oben auf dem offiziellen Schreiben. "Bitte begleichen Sie die ausstehende Forderung innerhalb von sieben Tagen, sonst sehen wir uns gezwungen, die Angelegenheit dem Gerichtsvollzieher zu übergeben." Eine "ausstehende Forderung". Ich mag es nicht, wenn man etwas von mir fordert. Viel lieber bekomme ich Angebote. Oder gar Geschenke. Danach kann ich hier aber lange suchen. Oder lieber nicht lange: Das Ende der Frist naht und ich bin jemand etwas schuldig geblieben.

"Sicher ist Ihnen entgangen..." beginnen solche Schreiben meistens. Wohl dem, der tatsächlich nur im Eifer des Gefechts vergessen hat, eine Rechnung zu bezahlen. Dann holt man das eben nach, entschuldigt sich vielleicht auch noch einmal und die Angelegenheit kann zu den Akten gelegt werden. Viel schlimmer ist es, wenn man das, was gefordert wird, gar nicht bezahlen kann. Wenn dann vielleicht die Stadtwerke damit drohen, den Strom abzustellen. Oder der Vermieter eine Kündigung in Aussicht stellt. Oder die Bank damit droht, das Haus zu verkaufen.

"Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern." (Lukas 12,48) Solche Sätze wie der Wochenspruch, der uns die nächsten Tage begleiten soll, klingen unangenehm. Kommt Gott jetzt auch noch mit Forderungen? Schickt er am Ende gar auch eine Mahnung?

Noch gemeiner ist es ja dann, uns an dieser Stelle ausgerechnet den Paulus unter die Nase zu reiben. Den Vorzeigeapostel. Vom Saulus zum Paulus -- radikal ist dieser Mann von Anfang seines Auftretens in der Bibel an. Schon bevor er sich zu den Jesusjüngern zählte, reiste im sein Ruf voraus. Ein Elitestudent, Schüler eines der größten Rabbis seiner Zeit. Ein "Pharisäer unter Pharisäern" sei er gewesen, gibt er selbst an. Da hätten sich viele eine Scheibe abschneiden können. Wenn es nur mehr solche Leute gäbe, müssen sich viele gedacht haben. Und Saulus, von stolzen Eltern nach dem ersten König seines Volkes benannt, macht den kühnen Hoffnungen, die in seinem Namen mitschwingen, alle Ehre. Der Eifer für seinen Glauben verzehrt in fast. Und als dann diese neue Sekte, diese Anhänger eines zum Tode verurteilten Predigers aus dem kleinen Dörfchen Nazareth, plötzlich immer größer wird, da scheut dieser Saulus keine Kosten und Mühen um diesem Frevel -- wie er ihn sieht -- möglichst schnell ein Ende zu machen. Und zwar nicht nur in seiner Nachbarschaft (und vielleicht noch zwei Straßen weiter). Nein. Überall! Koste es, was es wolle.

Radikal bleibt er auch, als er längst vom Saulus zum Paulus geworden ist. Mit sogar noch größerem Eifer stürzt er sich nun in die Aufgabe, das Evangelium, die Gute Nachricht von Jesus Christus, der ganzen Welt bekannt zu machen. Keiner ist so viel gereist wie er. Keiner hat so viele Gemeinden gegründet wie er. Keiner hat so viel auf sich genommen wie er.

Ich habe mehr gearbeitet, ich bin öfter gefangen gewesen, ich habe mehr Schläge erlitten, ich bin oft in Todesnöten gewesen. Von Juden habe ich fünfmal erhalten vierzig Geißelhiebe weniger einen; ich bin dreimal mit Stöcken geschlagen, einmal gesteinigt worden; dreimal habe ich Schiffbruch erlitten, einen Tag und eine Nacht trieb ich auf dem tiefen Meer. Ich bin oft gereist, ich bin in Gefahr gewesen durch Flüsse, in Gefahr unter Räubern, in Gefahr von meinem Volk, in Gefahr von Heiden, in Gefahr in Städten, in Gefahr in Wüsten, in Gefahr auf dem Meer, in Gefahr unter falschen Brüdern; in Mühe und Arbeit, in viel Wachen, in Hunger und Durst, in viel Fasten, in Frost und Blöße; und außer all dem noch das, was täglich auf mich einstürmt, die Sorge für alle Gemeinden...

... schreibt er an die Korinther. Und überhaupt, er schreibt: Paulus ist nicht nur der erste Schreiber des Neuen Testaments, sondern auch der eifrigste.

Weh dem, der sich mit diesem Mann zu messen hat! Und ausgerechnet ihn hält man uns vor, heute, im Predigttext in der Woche, in der es schon im Wochenspruch um Gottes Forderungen geht. Wie soll das den gut ausgehen? Was meint ihr denn, wie wir dastehen, wenn dieser fordernde Gott, der uns kennt und den Paulus, zu uns kommt und Rechenschaft verlangt. Ob es da mit einer Mahnung getan ist?

Wie schnell man doch in so ein leistungsorientiertes Fahrwasser geraten kann! Vielleicht spricht das ja auch uns Schwaben besonders an, mit unserer "schaffe, schaffe, Häusle baue"-Mentalität. Wo es eben auch immer um Leistung geht. Wo es so oft drum geht, was denn die anderen sagen, wenn wir nicht... Und dann müssen wir dringend dies und dringend das. Und der Rasen muss auch noch gemäht werden (natürlich mit akurat getrimmten Kanten -- was sollen sonst die Nachbarn denken). Und der Müll muss nach raus. Und das Auto gewaschen. Und die Kinder zum Sport gefahren werden und Muffins backen für die Schule muss man ja auch noch, weil die Emma Geburtstag hatte und die Nele, letzte Woche, die hatte ja auch für alle Kinder etwas dabei, und wenn jetzt meine Tochter nichts mit dabei hat (oder nur etwas Gekauftes), was sollen dann die anderen denken? Und überhaupt ... ich sollte ja auch noch... o Gott, o Gott, wie soll ich denn das alles schaffen? Und wenn wir abends dann müde ins Bett fallen, dann sind die Eltern trotzdem wieder nicht angerufen worden und die Nachbarin, die gerade im Krankenhaus liegt, wollte ich ja eigentlich auch mal besuchen und ...

Längst raten die Autoren schlauer Lebensberatungsbücher dazu, zwischen "dringend" und "wichtig" zu unterscheiden. Dringend ist ja irgendwie immer alles und am Ende des Tages ist das wirklich wichtige oft liegen geblieben. Und überhaupt, was ist denn "wirklich wichtig"?

Vielleicht ist es die Zwangsruhepause im Gefängnis, die Paulus dazu bringt, im Brief an die Philipper sein eigenes Leben zu reflektieren. Und dabei festzustellen, dass er selbst auch nicht immer zwangsweise die richtigen Prioritäten gesetzt hat: "Aber was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden erachtet."

Was dann kommt, ist reines Evangelium: Die Erinnerung daran, dass wir es aus eigener Kraft sowieso nie schaffen werden, irgendwelchen Standards zu genügen. Dass, wenn wir uns den Forderungen der guten Ordnungen Gottes stellen wollen, immer nur Unzulängliches dabei herauskommen wird. Dass keiner von uns es schaffen wird, schaffen kann, vor Gott irgendwie toll, "gerecht" dazustehen. Und -- das ist doch der Kern des Evangeliums -- dass es keiner muss, weil Gott das nicht einfach fordert, sondern uns in Jesus Christus mit seiner Gerechtigkeit beschenkt: "... auf dass ich Christus gewinne und in ihm gefunden werde, dass ich nicht habe meine Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz, sondern die durch den Glauben an Christus kommt, nämlich die Gerechtigkeit, die von Gott kommt durch den Glauben."

Das ist es, was Martin Luther die Unterscheidung zwischen "Gesetz" und "Evangelium" nennen würde: Die Feststellung, dass vor allen Forderungen, vor jedem Anspruch Gottes an uns immer zuerst sein Zuspruch kommt -- die Zusage seiner Gnade und seiner Gerechtigkeit an uns, die wir selbst nichts vorzuweisen haben. Das zu wissen ist ungeheuer befreiend. Ich kann die ganzen Mahnungen, die sich auf meinem inneren Schreibtisch stapeln, zerreißen und in den Papierkorb werfen. Gott hat in Jesus Christus einen dicken Stempel draufgedrückt: "Bezahlt" steht da drauf. Bezahlt! Und der ganze Druck ist weg.

Befreit von diesem Druck kann ich dann daran gehen, in Freiheit und aus Liebe zu dem Gott, der das für mich getan hat, gerne auch etwas zu tun, was ihm gefällt.

Wer an dieser Stelle meint, jetzt würden ganz schnell durch die Hintertür die ganzen Forderungen wieder eingeführt, der hat die Gnade schon wieder aus den Augen verloren. So schnell kann das gehen! So schnell kann man sich selbst wieder unter Druck setzen oder unter Druck setzen lassen, gerne auch mit sehr geistlich klingenden Worten.

Und genau das ist es, was Paulus nicht mehr haben will. Er will den Jesus Christus vor Augen behalten, in dem ihn Gott so sehr beschenkt hat: "Ihn möchte ich erkennen und die Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft seiner Leiden und so seinem Tode gleich gestaltet werden, damit ich gelange zur Auferstehung von den Toten." Wer in dieser Anspielung auf Tod und Auferstehung den Gedanken der Taufe mit heraushört, der ist auf der richtigen Spur: Genau das ist es, was wir in etwa einer Stunde in der Erlöserkirche feiern werden, wenn dort zwei Kinder getauft werden: Das radikale "Ja" Gottes, sein Versprechen, uns in Jesu Tod und Auferstehung zu neuem Leben mit hineinzunehmen, ohne dass wir etwas dazu zu tun hätten. Das ist noch radikaler als alles, was Paulus vorzuweisen hatte. Gott kommt uns ohne Vorleistung entgegen.

Wenn Reformatoren wie Martin Luther uns zurufen, man solle "jeden Tag neu in seine Taufe hineinschlüpfen", dann laden sie uns ein, genau das im Auge zu behalten. Wie schnell schleichen sich all die Forderungen wieder ein. Wie schnell trimmen wir selbst unseren Blick wieder auf Leistung. Statt dessen sollten wir Christus vor Augen behalten. Er ist das Einzige, was zählt. Er ist das, was über allem anderen wichtig ist. Er ist Anfang und Ziel unseres Lebens.

Befreit durch seine Gnade kann ein Paulus sich nun mit ganz anderer Motivation nach diesem Christus ausstrecken:

Nicht, dass ich's schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei; ich jage ihm aber nach, ob ich's wohl ergreifen könnte, weil ich von Christus Jesus ergriffen bin.
Meine Brüder und Schwestern, ich schätze mich selbst nicht so ein, dass ich's ergriffen habe. Eins aber sage ich: Ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich aus nach dem, was da vorne ist, und jage nach dem vorgesteckten Ziel, dem Siegespreis der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus.

Befreit durch seine Gnade können auch wir das tun. Mögen wir ihn nie aus den Augen verlieren.

Amen.

 

Predigttext

Philipper 3,7-14

In aller Kürze

Wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern. Wer sich angesichts dieses Wochenspruchs auch noch mit dem Superapostel Paulus messen will, der zieht schnell den Kürzeren. Aber auch ohne Paulus: Aus eigener Kraft kann keiner von uns sich vor Gott als genügend darstellen. Wie gut, dass wir das auch nicht müssen! Nie sollten wir die Gnade Gottes aus den Augen verlieren.

Fragen zur Vertiefung

Zu dieser Predigt hat Christoph eine Reihe von Fragen hinterlegt, die in der Kleingruppe zur Vertiefung weiter besprochen werden können:

  1. Wo entdeckst du bei dir selbst Leistungsdenken?
  2. Was verändert sich, wenn du dir Christus und seine Gnade vor Augen hältst?
  3. Was kann dir helfen, Christus nicht aus den Augen zu verlieren?

Über Christoph

Christoph Fischer (* 1978) ist Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg auf der Pfarrstelle „Erlöserkirche“ in Albstadt-Tailfingen.

Christoph ist verheiratet mit Rebecca. Gemeinsam haben sie drei Töchter.

Pfarrer