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Aufnahme der Predigt (15:32)
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Die Predigt "Dann gnade uns Gott" von Christoph Fischer und alle dazu gehörigen Ressourcen (Predigtzettel, Aufnahme) sind lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz. Verwendete Bilder stehen eventuell unter eigenen Lizenzbedingungen. Ausdrücklich von der Creative Commons-Lizenz ausgenommen sind die Logos und Namen der Gemeinde, in der die Predigt gehalten wurde und ihrer Arbeitsbereiche.

Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!

Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus,

Aus dem Brief des Apostels Paulus an die Epheser lese ich den Predigttext zum heutigen Tag aus dem zweiten Kapitel:

Auch ihr wart tot durch eure Übertretungen und Sünden, in denen ihr früher gewandelt seid nach der Art dieser Welt, unter dem Mächtigen, der in der Luft herrscht, nämlich dem Geist, der zu dieser Zeit am Werk ist in den Kindern des Ungehorsams. Unter ihnen haben auch wir alle einst unser Leben geführt in den Begierden unsres Fleisches und taten den Willen des Fleisches und der Vernunft und waren Kinder des Zorns von Natur wie auch die andern.
Aber Gott, der reich ist an Barmherzigkeit, hat in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat, auch uns, die wir tot waren in den Sünden, mit Christus lebendig gemacht - aus Gnade seid ihr gerettet -; und er hat uns mit auferweckt und mit eingesetzt im Himmel in Christus Jesus, damit er in den kommenden Zeiten erzeige den überschwänglichen Reichtum seiner Gnade durch seine Güte gegen uns in Christus Jesus.
Denn aus Gnade seid ihr gerettet durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es, nicht aus Werken, damit sich nicht jemand rühme. Denn wir sind sein Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, dass wir darin wandeln sollen. (Epheser 2,1-10)

Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus,

Dass Advent "Ankunft" heißt, wissen--glaube ich--inzwischen alle. Wir warten voller Hoffnung. In unserer Dunkelheit leuchten langsam Lichter auf--Lichter der Hoffnung. Wir freuen uns. Wir bereiten uns vor. Er kommt.

Er kommt.

Wer kommt?

Heute ist ja der 6. Dezember und da kommt zunächst einmal der Nikolaus. Meine Kinder haben gestern Abend ihre Schuhe geputzt--die einen sehr bereitwillig und andere eher gezwungenermaßen. Sie haben sie rausgestellt vor die Tür, in der Hoffnung, das heute Nacht etwas passiert. Und heute morgen war nach dem Aufstehen der erste Gang der zu den Stiefeln, um zu sehen, ob der "Nikolaus" etwas hinterlassen hat. Zwei meiner Töchter sind groß genug, um zu wissen, dass da nicht wirklich der Nikolaus unterwegs war. Sie bedanken sich auch artig bei den Eltern, denn sie wissen, wer die Stiefel tatsächlich gefüllt hat. Aber das hindert sie nicht, mit genauso großem Eifer die Stiefel rauszustellen und sich morgens über ein paar kleine Geschenke zu freuen. Die Zeiten, in denen man sich nachts rausschlich, um den Nikolaus vielleicht zu erwischen, sind allerdings vorbei.

Er kommt.

Anderswo muss man sich gar nicht auf Zehenspitzen aus dem Bett schleichen, um den Nikolaus zu sehen. In den Niederlanden, zum Beispiel, kommt der "Sinterklaas" -- so heißt der Nikolaus dort--in einer riesigen Zeremonie mit dem Schiff im Hafen an. Früher kam er mit dem Segelschiff, heute hat er ein Dampfschiff--das "Pakjesboot 12"--, mit dem er aus Spanien angefahren kommt. Zusammen mit seinen Helfern verteilt er dann Lebkuchen, Spekulatius, Marzipan und Schokolade an die wartenden Kinder. Und da warten viele: Die ganze Stadt ist auf den Beinen. Es ist ein richtiges Volksfest! Zuhause bekommen die Kinder weitere Geschenke--größer als an Weihnachten, das eher eine Nebenrolle spielt. "Sinterklaas" ist der Held der Stunde.

Er kommt.

Man muss aber gar nicht in die Niederlande reisen, um den Nikolaus zu sehen. Bei meiner jüngsten Tochter war er gestern in der Schule. In vielen Kindergärten, Schulen und auch in Kirchen--besonders in katholischen--taucht der Nikolaus in diesen Tagen auf. Dort kann man dann auch beobachten, dass der Nikolaus keineswegs mit dem Weihnachtsmann zu verwechseln ist. Der Nikolaus ist ja eine wirkliche, historische Figur und trägt deshalb keine rote Zipfelmütze, sondern die Mitra eines Bischofs--eben des Nikolaus von Myra, in der heutigen Türkei, wo er vor etwa 1.700 Jahren gelebt hat. Hirtenstab und Bischofsmantel vervollständigen das Kostüm. Und natürlich das große, goldene Buch.

Er kommt.

Vor ein paar Jahren war ich selbst einmal der Nikolaus: in einem sonderpädagogischen Zentrum mit Kindergarten und Grundschule habe ich Kinder mit Behinderungen besucht und ihnen kleine Geschenke überreicht. Vorher hatten die Erzieherinnen und Lehrerinnen für jedes Kind etwas passendes in das große, goldene Buch geschrieben. Schließlich bekommen ja bekanntlich nur brave Kinder etwas vom Nikolaus. Und so las ich mit wichtiger Stimme die Einträge vor. Da war bei Einzelnen durchaus auch etwas Kritik dabei. Aber am Ende war glücklicherweise jedes Kind doch gut genug, dass es etwas bekam.

Er kommt.

Das ist so eine Sache mit diesem Nikolaus und seinem Buch. Seine Ankunft ist ja gar nicht für alle unbedingt ein freundliches Erlaubnis. "Sind's gute Kind, sind's böse Kind?", tönt die strenge Stimme des beeindruckenden fremden Mannes hinter dem dicken Bart hervor. Und plötzlich sind sich nicht mehr alle Kinder sicher, ob sie den wirklich mögen sollten. Vor allem, wenn sich in diesem Moment das schlechte Gewissen meldet. Als Kind habe ich einmal eine Rute in meinen Stiefel bekommen. Da hingen zwar auch noch ein paar kleine Schokoladen dran, aber es war schon ernüchternd. Und ich wusste genau warum.

Traditionell wird der Nikolaus an vielen Orten auch noch von noch beeindruckenderen Helfern begleitet. "Zwarte Pieten" heißen sie in Holland. "Knecht Ruprecht", "Krampus" oder "Pelzmärtel" heißen sie anderswo. Während die guten Kinder vom Nikolaus beschenkt werden, erwartet die, die im goldenen Buch auf der negativen Seite stehen, eine Begegnung mit diesen Begleitern. In ihre Hände möchte eigentlich keiner fallen. Also lieber brav sein, das Jahr über. Denn:

Er kommt.

Als aufgeklärte Erwachsene haben wir das ja längst überwunden. Wir wissen, wer hinter der Maske des Nikolaus steckt. Wir haben keine Angst vor dem Knecht Ruprecht. Aber: Das schlechte Gewissen meldet sich doch manches mal. Zu Recht. Leider.

Er kommt.

Advent heißt Ankunft. Er kommt. Er kommt zu uns.

Nicht der Nikolaus!

Gott selbst kommt zu uns. In Jesus Christus.

Darum geht es doch im Advent.

Er kommt nicht mit einem goldenen Buch. Er kommt nicht mit Knecht Ruprecht und Krampus. Er prüft nicht erst, ob wir es verdient haben, dass er zu uns kommt. Zum Glück! Er kommt auch nicht nur zu denen, die immer brav waren und alles richtig gemacht haben. Wie froh können wir darüber sein. Sonst wäre er nämlich gar nicht gekommen, das ist sicher.

Schonungslos beschreibt der Apostel Paulus die Lage, die der kommende Christus auf dieser Welt vorfindet:

Auch ihr wart tot durch eure Übertretungen und Sünden, in denen ihr früher gewandelt seid nach der Art dieser Welt, unter dem Mächtigen, der in der Luft herrscht, nämlich dem Geist, der zu dieser Zeit am Werk ist in den Kindern des Ungehorsams. Unter ihnen haben auch wir alle einst unser Leben geführt in den Begierden unsres Fleisches und taten den Willen des Fleisches und der Vernunft und waren Kinder des Zorns von Natur wie auch die andern.

Das ist eigentlich eine Bankrotterklärung. Mit so einer Bilanz würde ich gewiss nicht vor den Nikolaus treten wollen und noch viel weniger vor Jesus Christus. Für solche Menschen steigt bestimmt kein Sinterklaas in Spanien auf sein Dampfboot und Gott bleibt gewiss auch lieber zu Hause. Und wenn das so ist, bleiben wir auch, wie wir waren: "Tot", sagt Paulus, "durch eure Übertretungen und Sünden."

Und dann kommen die schönsten Worte dieses Textes:

"Aber Gott..."

Aber Gott, der reich ist an Barmherzigkeit, hat in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat, auch uns, die wir tot waren in den Sünden, mit Christus lebendig gemacht - aus Gnade seid ihr gerettet -; und er hat uns mit auferweckt und mit eingesetzt im Himmel in Christus Jesus, damit er in den kommenden Zeiten erzeige den überschwänglichen Reichtum seiner Gnade durch seine Güte gegen uns in Christus Jesus.

Aber Gott -- Gott ist ganz anders, als wir es erwartet hätten. In Jesus kommt er uns entgegen, obwohl es keiner von uns verdient hat.

Er kommt.

Er kommt, und wie beim größten Nikolausfest packt er Geschenke aus. Geschenke für alle--ganz ohne goldenes Buch: reich an Barmherzigkeit, schenkt er uns Liebe, schenkt er uns Leben, erweckt er uns von unserer Totenstarre und setzt uns ein im Himmel mit Jesus Christus.

Er kommt.

Keiner muss sich vor dem Kind in der Krippe verstecken. Vor ihm muss man keine Angst haben. Er kommt nicht mit Rauschebart und strenger Stimme, sondern wird einer von uns und bringt uns in Jesus Christus seine ganze Liebe entgegen. Eine Liebe, die so weit reicht, dass er für uns sogar bis ans Kreuz geht. In den Tod. Und durch den Tod ins Leben, damit auch wir Leben haben.

Wer ein schlechtes Gewissen hat, wer ein Sünder ist, der darf kommen. Der muss sich nicht verstecken, der ist hier genau richtig. Hier und nur hier, gibt es Gottes Zuwendung für alle, die sie nicht verdient haben. Gnade heißt das. Unvervdiente Zuwendung. "Denn aus Gnade seid ihr gerettet durch Glauben."

Er kommt.

Welch eine befreiende Nachricht.

Kein goldenes Buch. Kein strenges Gericht. Kein Knecht Ruprecht und keine Rute. Nur Gnade.

 

Und doch...

Die Kundigen werden es schon gemerkt haben: das stimmt ja noch nicht ganz. Schon in diesem Text haben wir Andeutungen gelesen, die über die Vergangenheit, über die Krippe und die Geschichte von Bethlehem weit hinaus reichen. Von "kommenden Zeiten" war da die Rede. Und dann fällt uns plötzlich wieder ein:

Advent heißt Ankunft. Er kommt.

"Er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters. Von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.", heißt es im Glaubensbekenntnis.

Ach ja.

Advent heißt Ankunft. Er kommt ja noch einmal.

Und wir warten, wir hoffen, wir bereiten uns vor.

Dann kommt er nicht mehr als Kind in der Krippe, der Herr der Welt. Dann werden alle vor ihm stehen. Er kommt als Richter.

Also doch goldenes Buch? Also doch Knecht Ruprecht und Rute? Also doch Gericht?

War alles nur aufgeschoben? Nur eine zynische Täuschung, um dann doch die Keule rauszuholen? Ist Gott am Ende doch nicht gnädig?

Weit gefehlt!

Aber Gott, der reich ist an Barmherzigkeit, hat in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat, auch uns, die wir tot waren in den Sünden, mit Christus lebendig gemacht - aus Gnade seid ihr gerettet -; und er hat uns mit auferweckt und mit eingesetzt im Himmel in Christus Jesus, damit er in den kommenden Zeiten erzeige den überschwänglichen Reichtum seiner Gnade durch seine Güte gegen uns in Christus Jesus.

Gottes Gnade reicht bis in die Ewigkeit. Wer ihn kennt, der muss keine Angst haben vor dem Gericht. Unverdient, ja völlig unverdient, schenkt er uns in Jesus Christus seine Gerechtigkeit, sein Leben. In ihm ist der Ausgang schon bekannt. Oder vielmehr: der Eingang. Der Eingang zu seiner Herrlichkeit. Das schenkt er uns in Jesus Christus.

Advent heißt Ankunft.

Er kommt. Er ist gekommen. Er wird wiederkommen.

Und wir wissen: Jedes Mal ist es für uns ein Fest seiner Gnade.

Amen.

Predigttext

Epheser 2,1-10

In aller Kürze

Über Christoph

Christoph Fischer (* 1978) ist Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg auf der Pfarrstelle „Erlöserkirche“ in Albstadt-Tailfingen.

Christoph ist verheiratet mit Rebecca. Gemeinsam haben sie drei Töchter.

Pfarrer