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Aufnahme der Predigt (14:44)
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Die Predigt "Drinnen und draußen" von Christoph Fischer und alle dazu gehörigen Ressourcen (Predigtzettel, Aufnahme) sind lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz. Verwendete Bilder stehen eventuell unter eigenen Lizenzbedingungen. Ausdrücklich von der Creative Commons-Lizenz ausgenommen sind die Logos und Namen der Gemeinde, in der die Predigt gehalten wurde und ihrer Arbeitsbereiche.

Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!

Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus,

Dem Apostel Petrus knurrt der Magen. Das ist verständlich: Es ist Mittagszeit. Bald wird es etwas zu essen geben. Die Sonne steht hoch über dem Haus, in dem Petrus seit einiger Zeit zu Gast ist. Oben, auf dem flachen Dach, hat sich der Apostel zurückgezogen, um zu beten. Gar nicht so einfach, wenn einem der Magen knurrt und es von unten schon lecker nach Essen riecht. Kennen Sie das auch? Da stehen einem plötzlich Bilder vor Augen: Man kann den gefüllten Teller schon förmlich vor sich sehen. Das Wasser läuft einem schon im Mund zusammen. Und das Verlangen nach Essen wird immer größer.

Nicht so bei Petrus: Die Bilder, die ihm vor Augen stehen, sind nämlich keineswegs Appetit-anregend. Die Speisen, die er sich in diesem Moment ganz bildhaft vorstellen kann, würde in seinem Kulturkreis niemand anrühren. Auch Petrus wurde so erzogen, dass ihm nun bei der Vorstellung eher schlecht wird. Igitt! Wer isst den sowas? Das ist ungefähr so, als würde man uns ein leckeres Hundesteak oder ein Rattengulasch anbieten. Pfui!

Immer wieder drängen sich Petrus diese Bilder auf, bis er versteht, dass es sich um mehr als um Hungerfantasien handelt. Es ist Gott selbst, der ihm in einer Vision etwas zeigen möchte. "Was Gott rein gemacht hat, nenne du nicht unrein."

Plötzlich verschwinden die Bilder. Der hungrige Petrus bleibt allein zurück. Nein, nicht allein. Denn kaum ist die Vision zu Ende, steht Besuch vor der Tür. Abgesandte eines römischen Hauptmanns. Ausländer. Heiden. Militär auch noch. Die verhaßte Besatzungsmacht. Menschen, mit denen ein anständiger Mensch in Petrus' Kultur nichts zu tun haben möchte. Und da ist es wieder: Das flaue Gefühl in der Magengrube, wie nur wenige Minuten zuvor, als es ums Essen ging.

"Was Gott rein gemacht hat, nenne du nicht unrein."

Was Petrus nun tut, würde viele seiner Zeitgenossen ins Staunen versetzen. Er öffnet weit die Tür. Er lädt die Menschen zum Essen ein. Er beherbergt sie über Nacht. Und am nächsten Tag bricht er mit ihnen auf. Nach Caesarea. In die Römerstadt. Den Sündenpfuhl. Zu denen... Mitten hinein in die Höhle des Löwen.

Kornelius heißt der Hauptmann, der ihn eingeladen hat. Ein Soldat, stationiert fern von seiner Heimat. Einer, der sich auf die Menschen, denen er dort begegnet, einlässt. Der bereit ist, zuzuhören. Zu lernen. Zu teilen, wo andere bedürftig sind. Einer, der sich für die ihm fremde Kultur interessiert und für den Glauben der Menschen auch. Einen guten Ruf hat er, hört Petrus. Selbst bei den Juden. Das will etwas heißen, für einen römischen Hauptmann. So groß ist sein Interesse am Glauben Israels, dass er von Petrus mehr hören will. Schließlich war Petrus ja bis vor kurzem mit diesem Jesus unterwegs, von dem man überall hörte. Von dem will er mehr wissen, der Römer. Den Jesus scheint ja eine ganz besondere Beziehung zu diesem interessanten Gott der Juden zu haben.

So groß ist das Interesse des Hauptmanns am Glauben, dass er inzwischen selbst schon zu diesem Gott betet. Und auch er hat eine Vision gesehen: Ein Engel Gottes war es, der ihn auf die Idee brachte, Petrus einzuladen. Von selbst wäre er da wahrscheinlich nie drauf gekommen. Undenkbar, dass ein wichtiger religiöser Führer sich mit ihm, einem Heiden, einlassen würde! Aber dann, ermutigt von seiner Vision, setzte Kornelius alles auf eine Karte und schickt seine Boten nach Joppe zum Apostel. Jetzt ist er hier und alle sind gespannt: "Nun sind wir alle hier vor Gott zugegen, um alles hören, was dir vom Herrn befohlen ist."

Und Petrus kann nur staunend kommentieren: "Nun erfahre ich in Wahrheit, dass Gott die Person nicht ansieht; sondern in jedem Volk, wer ihn fürchtet und Recht tut, der ist ihm angenehm."

Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus,

Hier wird in wenigen Zeilen Geschichte geschrieben. Revolutionäre Geschichte. Was hier geschieht, dass wäre bisher undenkbar gewesen. Bis zu diesem Moment war es allen klar, dass man die Menschen in verschiedene Kategorien unterteilen kann. Da gibt es auf der einen Seite Israel, Gottes auserwähltes Volk. Die Menschen, die zu ihm gehören. Die er sich selbst ausgesucht hat, angefangen mit ihren Stammvätern Abraham, Isaak und Jakob. Die er vor Jahrhunderten schon aus Ägypten befreit hat. Mit denen er einen Bund geschlossen hat. Denen er seine Gebote gegeben hat und ein Land noch dazu. Zu denen er durch Propheten geredet hat, und -- davon ist Petrus einer der Augenzeugen -- nun besser als je zuvor, durch seinen Sohn Jesus Christus. Den Messias. Den versprochenen Retter.

Und dann gibt es eben die anderen. Den großen Rest. Alle die, die nicht dazu gehören. Die "Heiden" eben. Wäre es heute noch so, würden wir auch zu dieser Gruppe gehören.

Drinnen und draußen. Hell und dunkel. Schwarz und weiß. Die einen gehören dazu, die anderen eben nicht.

"Wäre es heute noch so...", habe ich soeben gesagt. Ist es denn heute nicht mehr so?

Wir Menschen waren schon immer gut daran, einander einzuteilen. Wir haben schon immer gerne genau festgelegt, wer eigentlich dazugehören darf und wer nicht. Wir wissen immer ganz genau, wem man trauen kann und wem nicht. Wer anständig und ehrbar ist und wer nicht. Mit wem wir gerne gesehen werden wollen und mit wem nicht. Wem wir uns anvertrauen würden und wem nicht. Wem wir helfen würden und wem nicht. Drinnen und draußen. Im Einteilen sind wir ganz gut.

Manchmal geschieht diese Gruppierung ganz bewusst und hat klare Regeln, die formuliert und allen bekannt sind. Manchmal geschieht das Einteilen eher unbewusst, vielleicht auch nur auf der Basis eines flauen Gefühls in der Magengegend. Dann ist die Frau mit dem Kopftuch verdächtig, der schlecht gekleidete und unrasierte Mann ein Penner, die Arbeitslose mit dem kleinen Kind vielleicht dumm und faul und der junge Mann, der mich am Bahnhof nach einem Euro für eine Fahrkarte fragt, bestimmt ein Drogensüchtiger. Oder ein Verbrecher. Manchmal zeigen sich die Gruppen, die wir bilden, darin, dass die Frau mit dem Kopftuch auf der Straße nicht gegrüßt wird, dass die rumänische Familie immernoch nach einer Mietwohnung sucht und dass die dicke junge Frau mit dem Kinderwagen und den lila Haaren einfach nervt.

Zu anderen Zeiten sind Menschen auch weiter gegangen. Dann wurden Gruppen ganz offiziell benachteiligt und mit Häme, Hetze oder gar Gewalt überzogen. In ganz extremen Zeiten schrieb man die Trennung der Gruppen in Rassengesetze. Da kamen die, die nicht dazu gehörten, in ein Konzentrationslager. Völkermorde geschahen. In anderen Zeiten ertrinken, die, die nicht dazu gehören, im Mittelmeer oder stehen auf der falschen Seite eines Grenzzauns. Draußen eben.

Drinnen und draußen. Das konnten wir schon immer gut.

Sogar wenn es um Gott ging, haben Menschen das immer geschafft. Wir wussten schon immer genau Bescheid, mit wem sich Gott abgeben will und mit wem nicht. Wer für ihn okay und akzeptabel ist, und wer nicht. Welche Art, den Glauben zu leben, noch in Ordnung ist, und welche nicht. Auch da haben wir immer schon Gruppen gebildet. Drinnen und draußen. Und dann haben wir die Gruppen auch gerne noch weiter gespalten, damit auch die letzen, die nicht dazugehören, endlich aussortiert werden. Und wir unter uns sind. Denn eines ist sicher: Wir sind ja drinnen. Auf jeden Fall. Immer. Egal, wo wir stehen.

Drinnen und draußen.

Bei Gott gibt es das so nicht. Nirgends hat er uns das klarer gezeigt, als in Jesus Christus, der alle Erwartungen der Menschen durchkreuzt. Gott wird Mensch. Ein Kind. Ein Baby. In einer Krippe. Das haben wir gerade noch an Weihnachten gefeiert. Gott kommt als Mensch, ganz anders, als wir uns das vorgestellt hätten. Und er geht zu Menschen, mit denen keiner gerechnet hätte. Zu Betrügern, die mit der Besatzungsmacht kollaborieren. Zu stadtbekannten Außenseitern mit unverkennbaren moralischen Defiziten. Zu ansteckenden Kranken. Zu Frauen und Kindern ohne gesellschaftlichen Status. Zu Randgruppen. Bei ihm verschwimmen die bekannten und allseits akzeptierten Grenzen des "Drinnen und Draußen" so sehr, dass es am Ende keine solchen Grenzen mehr gibt.

"Nun erfahre ich in Wahrheit, dass Gott die Person nicht ansieht..."

Petrus und Kornelius schreiben Geschichte. Und das erstaunlichste an dieser Geschichte ist nicht, dass der Apostel nach seiner Vision bereit ist, zu einem zu gehen, den er sonst bestimmt nicht besucht hätte. Sondern, dass er dort einem Mann von "draußen" begegnet, der selbst schon eine Vision hatte. Der selbst schon seine Geschichte mit Gott mitbringt. Das ist keine Begegnung mit einem moralischen Gefälle: Hier der tolle Christ, dort der arme Heide. Drinnen und draußen. Nein: Hier begegnen sich zwei auf Augenhöhe. Zwei Menschen, die Gott liebt.

Eigentlich sollte uns das nicht überraschen. Gott selbst ist Mensch geworden. Gott begegnet Menschen, unabhängig von den Grenzen, die wir ziehen. Gott begegnet uns in Menschen, egal, ob sie nach unseren Maßstäben "drinnen" oder "draußen" sind. In Menschen, die nach seinem Ebenbild geschaffen sind. Nur dass wir das verpassen, wenn wir in unseren gewohnten Gruppen denken. Wie schade, wenn uns da die Begegnung mit Gott entgeht!

Am Ende unseres Bibeltexts ist nicht wirklich klar, wer eigentlich mehr gewonnen hat aus dieser Begegnung: Petrus oder Kornelius? Aber was klar ist, ist, dass sie beide Gott begegnet sind -- auch im anderen -- und dass die ganze Welt davon gewonnen hat.

Nun erfahre ich in Wahrheit, dass Gott die Person nicht ansieht; sondern in jedem Volk, wer ihn fürchtet und Recht tut, der ist ihm angenehm.

Möge Gott uns in unseren Begegnungen mit anderen Menschen diesen Blick schenken. Nicht "drinnen und draußen", sondern offene Augen dafür, wo uns Gott im anderen entgegen kommt. Das ist dann ein Gewinn für uns, für die anderen und für die ganze Welt. Und genau darin wird Gott verherrlicht und sein Evangelium sichtbar.

Amen.

 

Predigttext

Apostelgeschichte 10,21-35

In aller Kürze

Wir Menschen waren schon immer gut darin, einander einzuteilen. Wir wissen genau, wer dazu gehört und wer nicht: drinnen und draußen. Gott sieht das ganz anders!

Über Christoph

Christoph Fischer (* 1978) ist Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg auf der Pfarrstelle „Erlöserkirche“ in Albstadt-Tailfingen.

Christoph ist verheiratet mit Rebecca. Gemeinsam haben sie drei Töchter.

Pfarrer