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Die Predigt "Elend, nackt und bloß" von Christoph Fischer und alle dazu gehörigen Ressourcen (Predigtzettel, Aufnahme) sind lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz. Verwendete Bilder stehen eventuell unter eigenen Lizenzbedingungen. Ausdrücklich von der Creative Commons-Lizenz ausgenommen sind die Logos und Namen der Gemeinde, in der die Predigt gehalten wurde und ihrer Arbeitsbereiche.

Gnade mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!

Zum heutigen Karfreitag lesen wir den Predigttext aus dem 19. Kapitel des Johannesevangeliums:

Sie nahmen ihn aber, und er trug selber das Kreuz und ging hinaus zur Stätte, die da heißt Schädelstätte, auf Hebräisch Golgatha. Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere zu beiden Seiten, Jesus aber in der Mitte.

Pilatus aber schrieb eine Aufschrift und setzte sie auf das Kreuz; und es war geschrieben: Jesus von Nazareth, der Juden König. Diese Aufschrift lasen viele Juden, denn die Stätte, wo Jesus gekreuzigt wurde, war nahe bei der Stadt. Und es war geschrieben in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache. Da sprachen die Hohenpriester der Juden zu Pilatus: Schreibe nicht: Der Juden König, sondern dass er gesagt hat: Ich bin der Juden König. Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben.

Die Soldaten aber, da sie Jesus gekreuzigt hatten, nahmen seine Kleider und machten vier Teile, für jeden Soldaten einen Teil, dazu auch den Rock. Der aber war ungenäht, von oben an gewebt in einem Stück. Da sprachen sie untereinander: Lasst uns den nicht zerteilen, sondern darum losen, wem er gehören soll. So sollte die Schrift erfüllt werden, die sagt (Psalm 22,19): "Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und haben über mein Gewand das Los geworfen." Das taten die Soldaten.

Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, die Frau des Klopas, und Maria Magdalena. Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er lieb hatte, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, das ist dein Sohn! Danach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.

Danach, als Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, spricht er, damit die Schrift erfüllt würde: Mich dürstet.
Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und legten ihn um einen Ysop und hielten ihm den an den Mund. Da nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht. Und neigte das Haupt und verschied. (Johannes 19,16-30)

Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus,

Ein Bild geht um die Welt. Ein ganz aktuelles Bild aus den Nachrichten dieser Woche. Nachdem wir alle im Fernsehen oder im Internet live mit verfolgen konnten, wie die Menschen in Paris um die brennende Kathedrale Notre Dame de Paris gebangt haben, sahen wir am Tag danach die traurigen Überreste: Verkohlte Dachbalken, verrußte Kirchenbänke, ein vom Löschwasser beschädigter Altar hinter einem Haufen von schwarzen Dachsparren. Und obendrüber, verrußt und doch leuchtend: Das Kreuz. Ein faszinierendes Bild. Leuchtende Hoffnung -- das unbeschädigte Kreuz über den qualmenden Resten. Und doch auch ein verstörender Gegensatz: das goldene Kreuz mitten in den schwarzen Trümmern.

Wer die Evangeliumstexte zu Karfreitag liest, der merkt ganz schnell: Genau so muss es sein! Das Kreuz gehört nicht in eine beschauliche Stille, in einen gepflegten Raum, an einen heilig-andächtigen Ort. Das Kreuz, ein römisches Folterinstrument für verurteilte Verbrecher, hat seinen eigentlichen Platz nicht in einer aufgeräumten Kathedrale unter den bewundernden Blicken eines andächtigen Gottesvolks. Das Kreuz passt nicht in wohlgeordnete Religiosität. Es ist anders. Es ist dunkel und schmerzvoll. Es ist barbarisch und verstörend. Es liegt quer zu all dem, was wir gerne hätten.

Und der Jesus vom Kreuz gleich mit. Geschlagen und geschunden schleppt er sich durch die Straßen. Verlassen und einsam hängt er dort am Rand der Stadt. Draußen, nicht drinnen. Ausgestoßen. Verachtet. Bei den Verbrechern. Gefoltert, bespuckt und ausgelacht. "König der Juden" -- welch ein Hohn! Heute würde man das als Satire bezeichnen. Das sieht doch jeder gleich, dass das kein König ist, haben sie gedacht. Mit dieser Zurschaustellung wird für alle erkennbar, wie lächerlich sein Anspruch ist: Ein König will er sein. Gottes Sohn gar. Der Messias. Der Retter. Lachhaft. Und das zeigen sie allen überdeutlich. Und jeder kann selbst sehen, wie der "König", der das "Reich Gottes" bringen wollte, vor der Macht des Imperiums kapitulieren muss.

Dort hängt er am Kreuz. Ohnmächtig. Leidend. Durstig. Und die ultimative Erniedrigung: lachend verlosen die Soldaten noch seine letzten Kleidungsstücke. Und er hängt oben drüber. Elend, nackt und bloß.

Unter dem Kreuz steht der klägliche Überrest seiner Anhänger. Deprimierte Menschen, die die Welt nicht mehr verstehen. Hatten wir nicht so viel Hoffnung? Haben nicht alle Zeichen tatsächlich auf das Kommen des Reiches Gottes hin gezeigt? Und wir haben es gesehen und haben alles für ihn hinter uns gelassen. Wir haben alles auf eine Karte gesetzt. Auf die richtige, so schien es uns: Blinde sehen, Lahme gehen, selbst die Toten weckt er auf. Und Gottes Güte kommt den Menschen nahe wie noch nie zuvor. Hoffnung, Begeisterung! Evangelium! Und jetzt das! Die meisten stehen schon gar nicht mehr da. Nur von dem einen Jünger berichtet dieses Evangelium. Und von ein paar Frauen. Nur die halten noch durch. Der Rest hat wohl schon längst aufgegeben. Und Jesus hängt oben drüber. Und leidet. Elend, nackt und bloß.

Elend, nackt und bloß.

Und wir sitzen vor diesen Bildern und versuchen es zu verstehen und damit fertig zu werden und diesen unsäglichen Karfreitag irgendwie einordnen zu können. Weil wir es auch nicht fassen können. Weil wir ihn auch nicht so sehen wollten, diesen Jesus, der uns lieb geworden ist: Elend, nackt und bloß.

Elend, nackt und bloß.

Was soll das? Warum nur?

Elend, nackt und bloß!

Bin ich der Einzige, der hier Anklänge an ein Weihnachtslied hört? Noch ist es doch gar nicht lange her, dass wir das miteinander gesungen haben:

Lobt Gott, ihr Christen alle gleich in seinem höchsten Thron, der heut schließt auf sein Himmelreich und schenkt uns seinen Sohn.

Er kommt aus seines Vaters Schoß und wird ein Kindlein klein, er liegt dort elend, nackt und bloß in einem Krippelein.

Und standen wir dann nicht mit offenem Mund an der Krippe und fragten uns, wie es sein kann, dass der König der Könige, der Herr und Heiland der Welt, der Sohn Gottes selbst, in dem alle Herrlichkeit und Weisheit Gottes liegt, in einer Futterkrippe liegt, auf schmutzigem Heu und Stroh, bei Ochs und Esel im Stall? Und dann machte sich in uns langsam die Ahnung breit, dass Gottes Plan nicht nach menschlicher Logik funktioniert. Dass sein Einzug Welt nicht triumphierend geschieht, als der Allherrscher, der selbst die Allermächtigsten dieser Welt noch übertrumpft. Dass sein Reich nicht alles überwältigend in unsere Welt hereinbricht. Sondern, dass er sich klein macht. Freiwillig. Ganz klein. Ein Mensch wird. Ein Kind sogar, ein Baby. Und dort, umringt von nach Schafmist riechenden Hirten, auf Heu und Stroh in der Krippe liegt. Elend, nackt und bloß.

Elend, nackt und bloß.

Wie konnten wir das so schnell vergessen? Dabei sind doch nur wenige Monate vergangen seit Weihnachten. Wenige Jahre in der Geschichte damals. Aus dem Kind in der Krippe ist ein Mann geworden. Der Mann vom Kreuz. Der da hängt, über allem. Elend, nackt und bloß.

"Er äußert sich all seiner G’walt,", haben wir gesungen,  "wird niedrig und gering und nimmt an eines Knechts Gestalt, der Schöpfer aller Ding." "Er wechselt mit uns wunderlich: Fleisch und Blut nimmt er an und gibt uns in seins Vaters Reich die klare Gottheit dran." "Er wird ein Knecht und ich ein Herr; das mag ein Wechsel sein." All das haben wir gesungen. Aber so ganz verstanden, hatten wir's noch nicht. Wahrscheinlich auch heute noch nicht. Wahrscheinlich braucht man ein ganzes Leben lang, um das nur ansatzweise zu verstehen:

Gott wird Mensch. Er nimmt unseren Platz ein. Er tritt in unsere Fußstapfen. Er identifiziert sich mit uns. Er nimmt das ganze Mensch-sein auf sich, mit allem, was dazu gehört. Mit allem. Sorgen und Leid und die alltäglichen Fragen nach Essen und Trinken und Kleidung und einem Dach über dem Kopf. Nach einem Ort, wo er sein Haupt niederlegen kann. Er geht in den Spuren der Menschen und nimmt ihre Zweifel wahr, ihre Krankheiten, ihre Schmerzen.

Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. (Johannes 3,16)

Aber erst am Kreuz wird uns klar, wie weit Gott dabei bereit ist, zu gehen. Dass er nicht halt macht, wenn es brenzlig wird. Dass er keine rote Linie zieht: Bis hierher und nicht weiter. Dass nicht irgendwann der eigene Komfort, die eigene Sicherheit oder auch nur das eigene Leben doch im Vordergrund stehen. Nein, dieser Jesus geht voll und ganz in die menschliche Lebenswirklichkeit hinein. In die Ohnmacht. In das Leiden. In die Gottverlassenheit, die existenziellen Fragen und Zweifel. Völlig ausgeliefert, ein Spielball der anderen, der Welt, des Leidens. Bis in den Tod. Elend, nackt und bloß.

Elend, nackt und bloß geht er den Weg der Menschheit. Elend, nackt und bloß stirbt er dort am Kreuz. Gott nimmt auf sich, was die traurige Realität seiner Menschen in dieser Welt ist. Elend, nackt und bloß, hängen sie gewissermaßen alle mit ihm dort. Die Elenden. Die Armen. Die Geschlagenen und Geschundenen. Die Ausgestoßenen. Die Ungewollten. Die Leidenden. Die Slumbewohner. Die Kindersklaven und Kindersoldaten der sogenannten "dritten Welt." Die Flüchtlinge auf dem Mittelmeer und anderwo. Mädchen, die in die Prostitution gezwungen wurden. Arbeitslose, die ihre Wohnung verloren haben. Kinder mit vor Unterernährung geschwollenen Bäuchen. Krebskranke, die unter Qualen sterben. Schüler, die gemobbt werden. Alte Menschen, die unter der Einsamkeit zerbrechen. Menschen, für die das Leben keinen Sinn mehr zu machen scheint. Menschen, die sich schämen. Menschen, die Schuld auf sich geladen haben. Große und Kleine mit Großen und Kleinen Sorgen und Nöten. Alle. Alle hängen sie dort mit ihm am Kreuz, wenn dieser Jesus das Leid der Menschheit auf sich nimmt. Elend, nackt und bloß: Nie wahr Gott den Menschen näher als in diesem Moment.

Bis zum bitteren Ende hält er das aus. "Niemand hat größere Liebe als der sein Leben lässt für seine Freunde." Elend, nackt und bloß hängt er dort und stirbt. Erst da, im letzten Moment, kann er sagen: "Es ist vollbracht." Erst hier ist die Mission von Weihnachten beendet. Erst jetzt hat Gott gezeigt, wie unendlich weit seine Liebe für uns Menschen wirklich geht:

Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. (Johannes 3,16)

Elend, nackt und bloß geht an den meisten Menschen unter dem Kreuz die Ironie verloren, dass hier tatsächlich ein König hängt. Nicht nur ein Großer, sondern der Größte. Nicht nur ein Prophet, sondern der Messias, der Retter. Nicht nur ein religiöser Führer, sondern Gottes Sohn. Elend, nackt und bloß nimmt Gott die Menschheit in sich auf und trägt sie an dieses Kreuz. Und stirbt. Für uns. Nie war Gott den Menschen so nahe!

"Spoiler Alert" sagen meine Kinder, wenn jemand zum Beispiel eine Szene aus einem Film im Voraus erzählt und damit die ganze Spannung wegnimmt. Also Spoiler Alert: Der elend, nackt und bloß gestorbene Jesus wird auferstehen, wie er es selbst vorhergesagt hat. Das wissen wir, weil wir auch diesen Teil der Geschichte schon kennen. Das werden wir am dritten Tag, an Ostern miteinander feiern. Im Osternachtsgottesdienst werden wir das Licht des auferstandenen Jesus Christus aufleuchten sehen und uns miteinander freuen: Er ist wahrhaftig auferstanden!

Und dann werden wir entdecken, dass es nur so hell und froh werden kann, weil Jesus bereit war, durch die dunkelste Dunkelheit zu gehen. Durch den Tod selbst. Elend, nackt und bloß hat er das alles mitgenommen. Überwältigt ist er davon nicht worden. Nein, wir wissen bereits: Jesus ist Sieger! Er ist wahrhaftig auferstanden. Und allen denen, die er mitnimmt in seinen Tod -- uns allen -- verspricht er in seiner Auferstehung neues Leben.

Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. (Johannes 3,16)

Und dann, wenn der elend, nackt und bloß gestorbene Jesus mit uns durch die Dunkelheit zum Licht hindurchdringt, dann werden wir vielleicht ein kleines Bisschen besser verstehen, was wir an Weihnachten schon gesungen haben und was er dann am Kreuz "vollbracht" hat:

Heut schließt er wieder auf die Tür zum schönen Paradeis; der Cherub steht nicht mehr dafür. Gott sei Lob, Ehr und Preis!

Amen.

Predigttext

Johannes 19,16-30

In aller Kürze

Wer kann ermessen, wie tief menschliches Leid geht? Hilflos und voller Furcht stehen wir davor. "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" Wer so schreit, fühlt sich ganz allein. Doch Gott weicht dem tiefsten menschlichen Leid nicht aus...

Über Christoph

Christoph Fischer (* 1978) ist Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg auf der Pfarrstelle „Erlöserkirche“ in Albstadt-Tailfingen.

Christoph ist verheiratet mit Rebecca. Gemeinsam haben sie drei Töchter.

Pfarrer