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Die Predigt "Er ruft" von Christoph Fischer und alle dazu gehörigen Ressourcen (Predigtzettel, Aufnahme) sind lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz. Verwendete Bilder stehen eventuell unter eigenen Lizenzbedingungen. Ausdrücklich von der Creative Commons-Lizenz ausgenommen sind die Logos und Namen der Gemeinde, in der die Predigt gehalten wurde und ihrer Arbeitsbereiche.

Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!

Aus dem Evangelium nach Johannes, aus dem 5. Kapitel:

Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern er ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Es kommt die Stunde und ist schon jetzt, dass die Toten hören werden die Stimme des Sohnes Gottes, und die sie hören, die werden leben.
Denn wie der Vater das Leben hat in sich selber, so hat er auch dem Sohn gegeben, das Leben zu haben in sich selber; und er hat ihm Vollmacht gegeben, das Gericht zu halten, weil er der Menschensohn ist. Wundert euch darüber nicht. Es kommt die Stunde, in der alle, die in den Gräbern sind, seine Stimme hören werden, und es werden hervorgehen, die Gutes getan haben, zur Auferstehung des Lebens, die aber Böses getan haben, zur Auferstehung des Gerichts. (Johannes 5,24-29)

Liebe Brüder und Schwestern,

Es ist November.

Die Tage sind kurz geworden und das Wetter trüb und grau. Kalt ist es draußen und ungemütlich. Wer morgens einen Blick aus dem Fenster wirft, sieht Nebel und Nieselregen. Da möchte man am liebsten drin im Haus bleiben oder gar ins Warme Bett zurücksteigen. Eisig bläst der Wind und die Autoscheiben müssen erst einmal freigekratzt werden. Die langen Sommertage und die lauen Sommernächte scheinen schon wieder ewig her zu sein. Das fröhliche Lachen der Sommerfeste ist längst verhallt.

Es ist November.

In den Gottesdiensten ist die Rede von der Vergänglichkeit, vom Ende des Lebens, von Tod und Gericht. Das passt gut zum trüben Novemberwetter.

Trüb ist auch die Seele manches Mal. Viele von Ihnen sind dieses Jahr schon an einem Grab gestanden. Sie haben die trüben Momente erlebt, wenn der Nebel der Trauer und der Einsamkeit sich auf unser Leben senkt. Sie kennen den dumpfen Schmerz, wenn die erste Schaufel Erde ins Grab fällt. Sie haben erlebt, was es heißt, an diesem Loch zu stehen und zu wissen: Das war's jetzt. Das ist der endgültige Abschied. Sie haben sich losgerissen von diesem Ort, mit Tränen und Schmerzen und vielleicht haben Sie sich so gefühlt, als bliebe ein Teil Ihrer selbst dort liegen. Dort auf dem Friedhof. Viele von Ihnen haben die nagende Einsamkeit gespürt, als Sie nach Hause kamen und ein geliebter Mensch war nie wieder da.

Das ist wie November.

Lange, dunkle Nacht. Nebel, der die Freuden des Lebens nur noch verschwommen erscheinen lässt, weil sich über alles der Schleier der Trauer zieht. Ein eisiger Wind, der die frühere Leichtigkeit des Lebens weggeblasen hat. Manchmal muss man sich regelrecht zwingen, um noch die Kraft für den neuen Tag zu haben. Am liebsten würde man sich wieder ins Bett legen, die Decke über den Kopf ziehen und alles vergessen. Schlafen. Ruhe. Vielleicht wäre dann alles gut?

Aber der unerbittliche Alltag ruft. Hinaus, in die Dunkelheit, in den Nebel, in den eisigen Wind.

Das ist wie November.

Längst ist das fröhliche Lachen vergangener Zeiten verhallt.

Und es wird still.

Und immer stiller.

Auch die vielen Stillen, die da waren, verstummen irgendwann. Wenn alles Beileid gewünscht ist, und alle warmen Worte gewechselt sind. Wenn keiner mehr weiß, was er sagen soll. Wenn die anderen noch stumm nicken und dann wieder ihre eigenen Wege gehen -- die anderen, deren Leben noch intakt ist, während Sie da in der Kälte stehen und der Schmerz des Abschieds sich in Ihr Herz bohrt.

Ganz still ist es dann. Unheimlich still.

[Stille]

Doch, halt! War da nicht was?

Hat da nicht jemand gerufen?

Sie strengen sich an. Sie beugen sich vorwärts und hören aufmerksam hin.

War da was? War da mehr als das Rauschen des eisigen Winds, der wie Nadeln in ihr Herz und ihr Leben dringt? War da mehr als Dunkelheit und Kälte, als Einsamkeit und Trauer und Schmerz und verblassende Erinnerungen?

Doch, halt! Da war etwas!

Da ruft jemand.

Im halbdunklen Nebel der Seelennacht ist noch nichts zu sehen. Nur ahnen kann man, dass da jemand ist.

Er ruft. Er ruft von ferne.

Er ruft nach Ihnen.

Er ruft Ihnen zu. Hören Sie ihn?

Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Es kommt die Stunde und ist schon jetzt, dass die Toten hören werden die Stimme des Sohnes Gottes, und die sie hören, die werden leben.

Worte von Jesus Christus. Eine Zusage.

Er ist es, der ruft. Er ruft die Toten. Und damit meint er gar nicht in erster Linie die, die in den Gräbern liegen.  "Es kommt die Stunde und ist schon jetzt, dass die Toten hören werden." Jetzt ist der Moment, in dem man ihn hören kann. Er ruft die Toten.

Haben Sie sich auch schon einmal wie tot gefühlt? Hat es sich nicht angefühlt, als wäre das Leben, wie es vor der Trauer war, zu Ende? Hat es nicht den Anschein, als ziehe das wahre Leben nun hinter den Nebelschwaden an einem vorbei. Quasi "ungelebt"?

Es kommt die Stunde und ist schon jetzt, dass die Toten hören werden die Stimme des Sohnes Gottes, und die sie hören, die werden leben.

Er ruft. Er ruft Sie.

Er ruft, um zu sagen, dass Gott Sie nicht vergessen hat.

Er ruft, um zu sagen, dass Gott bei Ihnen ist, auch und gerade mitten in Ihrem Schmerz.

Er ruft Sie, um Sie zu sich zu ziehen, um Ihnen Gottes Liebe und Gottes Frieden und Gottes Güte und Gottes Wärme nahezubringen.

Er ruft Sie, um Ihnen Leben zu schenken.

Es kommt die Stunde und ist schon jetzt, dass die Toten hören werden die Stimme des Sohnes Gottes, und die sie hören, die werden leben.

Er ruft.

Er schickt keine Karte, still und heimlich im Briefkasten abgelegt, als Sie nicht hingesehen haben. Mit einem geschmackvollen Motiv auf der Vorderseite, wie die vielen anderen auch, die Sie bekommen haben. Und innen drin ein paar gut gemeinte Worte, die Sie anstarren, bis die Buchstaben vor Ihren Augen zu tanzen beginnen. Eine Botschaft, die gar nicht bis zu Ihnen durchdringt, weil sich schon wieder der Nebel der Trauer über alles legt und der dumpfe Schmerz des Abschieds jeden klaren Gedanken unmöglich macht.

Er ruft. Er ist ganz nahe. Er ist schon in Hörweite.

Er ruft. Er ist ganz persönlich. Er nimmt sich Zeit für Sie. Er bleibt da, auch im Nebel und in der Kälte.

Er ruft. Er ruft ins Leben. Seine Worte haben Kraft, wenn man sie einfach nur hört.

Das sollte uns nicht überraschen. Wer die Bibel auch nur einmal auf den ersten Seiten aufgeschlagen hat, der ist diesem Wunder schon begegnet. Der kennt den Gott, der spricht, und Dinge entstehen aus dem Nichts.

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.
Und die Erde war wüst und leer, und Finsternis lag auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser.
Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. (Genesis 1,1-3)

Er sprach. Und es ward. Er spricht und es wird. So schafft Gott die Welt. So ruft er die Pflanzen ins Leben und die Tiere und die Menschen. Er spricht und es wird. Er spricht und es lebt.

Es kommt die Stunde und ist schon jetzt, dass die Toten hören werden die Stimme des Sohnes Gottes, und die sie hören, die werden leben.

Er ruft Sie zum Leben. Hören Sie das? Wollen Sie das?

Wer glaubt, das Leben bereits verloren zu haben, zu dem dringt seine Stimme in den tiefsten Lebensnovember und verspricht, noch einmal Leben zu schenken. Echtes Leben. Er verspricht, wieder Frieden zu geben und Trost und Kraft und Hoffnung. Er verspricht, den Nebelschleier wegzuziehen und mit seiner Hoffnungssonne in ihr Leben zu scheinen.

Es kommt die Stunde und ist schon jetzt, dass die Toten hören werden die Stimme des Sohnes Gottes, und die sie hören, die werden leben.

Hören Sie das? Wollen Sie das?

Er ruft Sie. Hier und jetzt. Heute. Und wer seine Stimme hört, wird leben.

Und wenn Sie sich nicht wie tot fühlen? Wenn Sie heute einfach hier sind, weil es Sonntag ist und Sie die Gemeinschaft mit anderen Christen genießen und die Sommersonne in ihrem Leben noch scheint?

Es gibt viele Gründe, warum Menschen das echte Leben, das Gott geben will, verpassen. Man kann ganz wunderbar hier existieren und doch nie im wahren Sinne, in Gottes Sinne, leben.

Oder man kann es sich schenken lassen.

Er ruft nämlich. Er ruft auch Sie.

Es kommt die Stunde und ist schon jetzt, dass die Toten hören werden die Stimme des Sohnes Gottes, und die sie hören, die werden leben.

Hören Sie das? Wollen Sie das?

Er ruft Sie. Hier und jetzt. Heute. Und wer seine Stimme hört, wird leben.

Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern er ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen.

Wer aufmerksam hinhört, der merkt schon, dass das noch größere Dimensionen annimmt.

Wenn Gott ins Leben ruft, dann nicht nur die, die völlig benebelt sind. Auch nicht nur die, die das wahre Leben verpassen.

Wenn Gott ins Leben ruft, dann dringt sein Ruf in die tiefsten Tiefen. Da gibt es niemand, der ihn überhören kann:

Denn wie der Vater das Leben hat in sich selber, so hat er auch dem Sohn gegeben, das Leben zu haben in sich selber; und er hat ihm Vollmacht gegeben, das Gericht zu halten, weil er der Menschensohn ist. Wundert euch darüber nicht. Es kommt die Stunde, in der alle, die in den Gräbern sind, seine Stimme hören werden, und es werden hervorgehen, die Gutes getan haben, zur Auferstehung des Lebens, die aber Böses getan haben, zur Auferstehung des Gerichts.

Hier geht es ganz offensichtlich um mehr. Da ist noch ein anderer Moment im Blick, den wir hier und heute noch nicht erleben. Wir können ihn nur im Glauben erahnen, erhoffen. Jetzt heißt es nicht mehr "Es kommt die Stunde und ist schon jetzt...". Hier heißt es nur noch "Es kommt die Stunde."

Aber das reicht, dass man darauf zählen kann. Wenn Jesus Christus uns das zusagt, dann können wir gewiss sein: Diese Stunde kommt. Und auch wenn wir heute noch nichts davon sehen, kann uns die Hoffnung darauf durch Höhen und Tiefen tragen: Seine Stunde kommt!

Es kommt die Stunde, in der alle, die in den Gräbern sind, seine Stimme hören werden...

Wenn diese Stunde kommt, dann wird es nicht mehr wie ein Ruf aus dem Nebel sein. Wenn diese Stunde kommt, dann muss man nicht mehr angestrengt hinhören. Wenn diese Stunde kommt, dann dringt sein Ruf bis in die Gräber.

Und wer seine Stimme hört, wird leben. "Vom Tode zum Leben durchgedrungen."

Noch ist es totenstill um unsere Gräber. Kein Laut stört die Ruhe auf dem Friedhof. Und diese Stille, die lastet schwer auf uns, bedrückend, niederdrückend, wie Blei.

Noch ist es dunkel in den Gräbern. Kein Lichtstrahl durchdringt die Nacht des Todes. Und diese Nacht umfängt ganz schmerzlich unser Leben.

Nach den trüben Novembertagen kommt der Dezember. Es wird noch dunkler.

Und es wird... Advent.

Wir zünden ein Licht an. Ein Licht der Hoffnung. Noch ist kaum etwas zu sehen. Wir reden vom Warten. Und wir spüren: etwas Neues beginnt.

Dann kommt Weihnachten. Ganz viele Lichter brennen. Wir staunen mit Hirten und Engeln und Weisen und können es kaum begreifen: Gott kommt zu uns. Er kommt in unsere Welt, er kommt in unser Leben. In Nacht und Nebel und Winter kommt er, ganz nahe zu uns. Weil er uns liebt.

Dann kommt das Frühjahr. Die Ahnung von neuem Leben erwacht.

Und ganz am Horizont: das größte Fest. Der Ostermorgen. Christ ist erstanden von der Marter allen! Er ist wahrhaftig auferstanden.

Der Tod hat nicht das letzte Wort. Christus hat den Tod besiegt.

Und sein Leben ist unser Leben. Sein Leben ist das Leben derer, die wir ins Grab gelegt haben.

Wo wir glaubten, alles sei endgültig zu Ende, schenkt Gott uns die Hoffnung auf einen neuen Anfang.

Es kommt die Stunde, in der alle, die in den Gräbern sind, seine Stimme hören werden...

Und wer ihn hört, der wird leben.

Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern er ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen.

 

Liebe Schwestern und Brüder in Christus,

Es ist November.

Noch verdecken Nebel, Dunkelheit und Kälte unseren Blick auf das Leben. Wir sind noch hier und trauern, leiden. Wenn wir nachher die Namen der Verstorbenen lesen, wird es für viele von uns schmerzhaft sein.

Aber lassen Sie sich die Gewissheit nicht rauben: Mit dem November ist nicht alles zu Ende. Hören Sie auf Ihn und lassen Sie sein Licht der Hoffnung in die Dunkelheit hineinleuchten.

Es kommt die Stunde, in der alle, die in den Gräbern sind, seine Stimme hören werden...

Und wer ihn hört, der wird leben.

Damit wir das nicht vergessen, ist er uns heute nahe. In seinem Evangelium ruft er uns zum Glauben; ruft uns auf, uns ganz ihm anzuvertrauen. In ihm ist das, was wir noch nicht sehen, sicher und gewiss.

Er ruft uns. Hören Sie Ihn?

Er ruft uns. Und wer ihn hört wird leben.

Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern er ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen.

Amen.

Predigttext

Johannes 5,24-29

In aller Kürze

Novemberwetter gibt es nicht nur draußen. November gibt es auch im Leben, wenn sich der Nebel und die Kälte der Trauer und der Einsamkeit dort breit machen. Mitten hinein in diese eisige Zeit hallt ein Ruf, der alles verändert. Wer ihn hört, wird leben.

Über Christoph

Christoph Fischer (* 1978) ist Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg auf der Pfarrstelle „Erlöserkirche“ in Albstadt-Tailfingen.

Christoph ist verheiratet mit Rebecca. Gemeinsam haben sie drei Töchter.

Pfarrer