Eselsreiter

Vom Einzug eines seltsamen Königs

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Aufnahme der Predigt (16:25)
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Die Predigt "Eselsreiter" von Christoph Fischer und alle dazu gehörigen Ressourcen (Predigtzettel, Aufnahme) sind lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz. Verwendete Bilder stehen eventuell unter eigenen Lizenzbedingungen. Ausdrücklich von der Creative Commons-Lizenz ausgenommen sind die Logos und Namen der Gemeinde, in der die Predigt gehalten wurde und ihrer Arbeitsbereiche.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und dem Herrn Jesus Christus!

Liebe Schwester, lieber Bruder in Christus,

Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin. (Sacharia 9,9)

Freude ist angesagt! Der Advent hat begonnen: Diese jährlich wiederkehrende Zeit vor Weihnachten, in der wir ruhig werden sollen. Wir besinnen uns auf das was kommt: Weihnachten, ein Fest, an dem wir Gottes Zuwendung zur Welt feiern. Gott, der Große, der Allmächtige, ist sich nicht zu schade, sich selbst in die Niederungen unserer Welt zu begeben. In Jesus Christus wird er selbst Mensch und kommt uns ganz nahe. Er bringt Frieden, sagen die Engel bei den Hirten auf dem Feld. Er bringt Gerechtigkeit, weiß Maria, der auch ein Engel erschienen ist. Er bringt Freude, heißt es immer wieder--auch in unserem Wochenspruch. Und wer wirklich verstanden hat, was da geschieht, der kann auch gar nicht anders, als sich mitzufreuen. Oder? Darüber müssen wir heute vielleicht miteinander nachdenken.

"Siehe, dein König kommt zu dir!" Danach sieht es dann in Bethlehem in der ärmlichen Krippe zunächst nicht aus. Kein Gold, kein Thron, kein herrschaftlicher Glanz. Eigentlich bekommt es ja kaum jemand überhaupt mit, als das Licht der Herrlichkeit Gottes in die dunkle Nacht dieser Welt eindringt. Das gewaltigste Projekt des Himmels nimmt seinen Lauf und keiner ist da. Na ja, fast keiner. Die paar stinkigen Hirten zählen da ja wohl kaum. "Dein König kommt zu dir?" Dieser Text scheint völlig unpassend. Das hat sich der Prophet Sacharja Jahrhunderte vorher sicher auch anders vorgestellt.

"Siehe, dein König kommt zu dir!" Die erste Adventwoche ist nicht der einzige Moment im Jahr, an dem wir diesen Text lesen. Das ist euch vielleicht auch schon aufgefallen. Wie in vielen Adventstexten entsteht hier eine ganz besondere Brücke hin zur Passionswoche. Krippe, Kreuz und leeres Grab kann man nicht trennen. Gott wird in Jesus Christus Mensch, um die Welt am Kreuz mit sich zu versöhnen und uns in seiner Auferstehung neues Leben zu schenken. Weihnachten, Karfreitag und Ostern sind sich näher, als wir das oft denken.

"Siehe dein König kommt zu dir!", das ist der Text vom Palmsonntag. Diesen Text werden wir im April wieder lesen und uns an den Tag erinnern, als Jesus in Jerusalem einzieht. Umgeben von seinen Jüngern reitet er in die Stadt hinein. Die Straße ist von Menschen gesäumt. Sie jubeln ihm zu. Sie rufen ihn als den Gesalbten Gottes aus. Sie brechen Zweige von den Palmen und legen sie zu seinen Füßen. Sie rollen ihm mit ihren eigenen Kleidern den sprichwörtlichen roten Teppich aus. "Siehe, dein König kommt zu dir!" Das sieht doch schon eher danach aus. Oder doch nicht? Auch darüber müssen wir heute nachdenken.

Wenn es irgendetwas gibt, das das Bild dieses "königlichen" Einzugs trübt, dann ist es vermutlich die Sache mit dem Esel. Das fällt uns heute gar nicht mehr so sehr aus. Wir haben längst alle Reittiere gegen Autos getauscht und nehmen diese Abstufungen vielleicht gar nicht mehr so war. Im ersten Jahrhundert in Jerusalem war das anders. Um so mehr so, als die Leute damals ja wussten, wie ein echter herrschaftlicher Einzug aussehen muss. Das lässt sich historisch ganz gut an einer Person zeigen, die wir auch aus der Geschichte der Osterwoche kennen: dem berühmten Pontius Pilatus, der Jesus dann am Karfreitag zum Tod am Kreuz verurteilen wird. Pontius Pilatus war der oberste Vertreter der römischen Besatzungsmacht im Land, Gouverneur der Provinz Judäa. Auch wenn er uns in der Bibel in Jerusalem begegnet, hatte er seinen eigentlichen Dienstsitz gar nicht dort, sondern in einer prächtigen Hafenstadt am Ufer des Mittelmeers: in Cäsarea Philippi. Allerdings kam er mehrmals im Jahr hinauf ins judäische Mittelgebirge, dort nach Jerusalem, wo er eine oder mehrere Wochen verbrachte, um Verwaltungsangelegenheiten zu regeln und Gericht zu halten.

Pontius Pilatus, das wissen wir heute, muss etwa eine Woche vor dem Passahfest--also etwa eine Woche vor Jesus--in Jerusalem eingezogen sein. Als hochrangiger römischer Beamter zog er ind er Regel hoch zu Ross oder auf einem Wagen dort ein. Begleitet wurde er von seinem ganzen "Hofstaat", von Verwaltungsbeamten und Militärpersonal, vor allem aber auch von einer ganzen Kohorte römischer Soldaten: Eintausend Mann, ausgerüstet mit großem Schild, Brustpanzer, Helm, Langschwert, Speer, Axt und Pickel, außerdem auch Reiter mit Brustpanzer, Helm, Schwert, Schild und mehreren Speeren--eine riesige Parade, eine Demonstration römischer Macht und Stärke, bewusst inszeniert, um jeden Gedanken an einen möglichen Aufstand im Keim ersticken zu lassen. Auch bei Pilatus müssen Menschenmengen die Straßen gesäumt haben: Manche waren vielleicht nur wegen des Schauspiels da. Andere kamen ganz gezielt: Die politisch-religiöse Elite der Sadduzäer, um sich mit den Römern gut zu stellen und damit ihre Macht zu erhalten. Die frommen Pharisäer, um zu zeigen, dass man von ihnen politisch nichts zu befürchten hatte. Die Geschäftsleute der Stadt, um sich die Gunst der Regierung zu sichern. Alle waren sie da. Und die besonders wichtigen hielten Reden, um den hohen Herrn in der Stadt willkommen zu heißen.

Das alles ist den Menschen in Jerusalem noch frisch im Gedächtnis, als Jesus auf seinem Esel nach Jerusalem reitet. Dagegen wirkt sein Einzug doch sehr klein. Primitiv. Enttäuschend. Sicher hatten sich auch da viele mehr erwartet. Der Gesalbte des Herrn, der Messias, der versprochene und lang erwartete Retter--der muss doch anders aussehen! Der muss doch stärker sein als die verhassten Römer, die er mit Schimpf und Schande aus dem Land jagen sollte! Und nun kommt er auf einem Esel! Ist das wirklich ein König? Ist das wirklich der von Gott gesandte? Oder haben wir uns geirrt? Kann man mit so einem überhaupt etwas anfangen?

Spätestens seit der umjubelte Jesus nicht einmal eine Woche später schändlich am Kreuz stirbt, können wir diese Gedanken recht gut nachvollziehen. Natürlich versöhnt uns die Auferstehung etwas mit ihm, aber seit seiner Himmelfahrt lässt auch sein Versprechen, in Macht und Herrlichkeit wiederzukommen, schon sehr lange auf seine Erfüllung warten. Das ist schon sehr ernüchternd. Viele hätten sich diesen Gott-gesandten König schon etwas anders vorgestellt: irgendwie größer, und mächtiger und schöner. Viele wären ganz zufrieden gewesen mit einem, der einfach mal Gottes Macht sichtbar werden lässt, der "aufräumt" auf dieser Welt mit all ihren unmoralischen Sümpfen. Viele wüssten schon ganz genau, wem er es mal so richtig zeigen hätte sollen, damit dann endlich Gerechtigkeit hergestellt ist auf dieser ungerechten Welt.

Und da kann man schon etwas enttäuscht sein. Das Kind in der ärmlichen Krippe in Bethlehem passt nicht in dieses Bild. Der König auf dem Esel passt so gar nicht in dieses Bild. Der leidende Christus, der in unseren Kirchen am Kreuz dargestellt wird, passt nicht ins Bild. Seine Aufrufe zu Sanftmut, zu Barmherzigkeit, zu Feindesliebe passen nicht ins Bild. Das ist alles so gar nicht das, was wir uns vielleicht erhofft und vorgestellt haben. Kann man mit so einem "König" überhaupt etwas anfangen? Oder, weil gerade Advent und bald Weihnachten ist, und wir so viel von Gott, der uns beschenkt, singen: "Bringt" dieser Jesus uns wirklich etwas?

Und doch ist es der einzige, den uns Gott zu bieten hat: "Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin."

Vielleicht müssen wir eben doch noch einmal genauer hinschauen, dürfen uns nicht von Oberflächlichkeiten ablenken lassen: Ein Gerechter kommt. Das hat man von Pilatus auch behauptet. Der kam ja, um Gericht zu halten, das heißt, um Recht zu schaffen. Die Realität sah aber ganz anders aus. Pilatus setzt sich selbst über Gesetze hinweg. Er ist bestechlich. Er sucht den eigenen Vorteil. Die Armen im Land haben kaum eine Chance, Gerechtigkeit zu erfahren. Im Gegenteil, sie werden immer ärmer. Das Land blutet aus, während Pilatus und seine Freunde immer reicher werden.

Ganz anders der König auf dem Esel: Gott wird Mensch und wird eben gerade nicht einer der Mächtigen. Er setzt in einer Welt, wo die Starken die Schwachen beherrschen und die noch Stärkeren die Starken, nicht noch einen obendrauf. Gott kommt eben nicht als der "Allerstärkste" und macht die bisher Mächtigen nieder, weil er noch größer ist. Dann wäre er ja auch nicht besser als das, was wir schon haben! Das wäre ja nur eine neue Ebene im gewaltsamen Gegeneinander dieser Welt, in der die Schwächsten ganz unten leiden und zerdrückt werden. Nein, das Kind in der Krippe kommt genau zu diesen Ärmsten. Der König auf dem Esel ist der Freund der Ausgegrenzten, derer, die in dieser Welt schon lange verloren haben. Der Retter der Welt hängt am Kreuz, mit einem spöttischen Schild "Jesus von Nazareth, König der Juden". Das ist Satire. Da wollten sie es allen zeigen, dass es auch der Letzte kapiert: So sieht doch kein König aus! Doch! Unser König schon! Der geht so weit, dass er für die Elendsten, Velassensten, Ausgestoßensten und Sündigsten dieser Welt alles auf sich nimmt, was sie sonst zu tragen haben. Selbst den Tod.

So einen König brauche ich. Ich bin froh, dass er nicht als mächtiger Gewaltherrscher kam. Ich bin froh, dass er sich nicht mit Macht durchsetzt--sonst hätte ich wahrscheinlich auch ganz schnell verloren. Ich freue mich, dass er so anders ist. Mit so einem König kann ich etwas anfangen--und er mit mir. Für Menschen wie dich und mich ist er nämlich gekommen. Selbst wenn kein irdischer König oder Herrscher sich jemals mit uns abgeben würde: er tut es. Er kommt zu uns. Er identifiziert sich mit uns. Er teilt unser Leid, unseren Schmerz, unsere Sünde, unsere Einsamkeit, unseren Tod. Und er beschenkt uns: mit Frieden, mit Freude, mit Leben. Das ist unser König. Der König auf dem Esel. Einen anderen will ich nicht!

Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze (und Volk von Onstmettingen, sei fröhlich im Advent) ! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin. (Sacharia 9,9)

Amen.

Predigttext

Sacharja 9,9

In aller Kürze

Der Wochenspruch zur 1. Adventswoche verbindet Palmsonntag und Advent und verknüpft Gewissheit, Erwartung und Heilsfreude miteinander. Der König kommt! Aber es ist ein seltsamer König: Ein König auf einem Esel! Können wir damit überhaupt etwas anfangen? "Bringt" uns dieser Jesus überhaupt etwas?

Über Christoph

Christoph Fischer (* 1978) ist Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg auf der Pfarrstelle „Erlöserkirche“ in Albstadt-Tailfingen.

Christoph ist verheiratet mit Rebecca. Gemeinsam haben sie drei Töchter.