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FOKUS

Worauf ich schaue, wenn es brenzlig wird

Gepredigt am 4. März 2018 , Volksmission Geislingen an der Steige.
Image: pixabay / tookapic, Lizenz: CC0
Aufnahme der Predigt (34:23)
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(Volksmission Geislingen an der Steige)
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Die Predigt "FOKUS" von Christoph Fischer und alle dazu gehörigen Ressourcen (Predigtzettel, Aufnahme) sind lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz. Verwendete Bilder stehen eventuell unter eigenen Lizenzbedingungen. Ausdrücklich von der Creative Commons-Lizenz ausgenommen sind die Logos und Namen der Gemeinde, in der die Predigt gehalten wurde (Volksmission Geislingen an der Steige) und ihrer Arbeitsbereiche.

1. Petrus 1,13-21

Krisen, Sorgen, Leid – das alles kann mich ganz schön runterziehen. Dabei sollte ich das als Christ doch siegreich und heilig meistern. Wo ich die Schwierigkeiten sehe und mutlos werde, da schenkt ein neuer Blickwinkel mir wieder Hoffnung.

Hauptpunkte der Predigt

  1. Der Blick um mich her: Ich krieg die Krise.
  2. Der Blick in den Spiegel: Das kann nichts werden.
  3. Der Blick auf Gott: Es gibt Hoffnung!

Fragen zur Vertiefung

Zu dieser Predigt hat Christoph eine Reihe von Fragen hinterlegt, die in der Kleingruppe zur Vertiefung weiter besprochen werden können:

  1. Sollte ein Leben als Christ nicht von Schwierigkeiten befreit sein?
  2. Was kann ich aus eigener Kraft in meinen Schwierigkeiten leisten?
  3. Was hat Gott schon für mich getan? Was tut er gerade? Was lässt sich daraus für die Zukunft schließen?

Einleitung

Gnade und Friede sei mit euch von dem, der da war und der da ist und der da kommt. Amen.

Richtet euch daher ganz auf Jesus Christus aus; lebt so, dass ihr für sein Kommen bereit seid! Bleibt wachsam und besonnen und setzt eure Hoffnung völlig auf die Gnade, die euch erwiesen wird, wenn er in seiner Herrlichkeit erscheint. 14 Richtet euch als gehorsame Kinder Gottes nicht mehr nach den eigensüchtigen Wünschen aus jener früheren Zeit, als ihr noch nichts´von Christus` wusstet. 15 Der, der euch berufen hat, ist heilig; darum sollt auch ihr ein durch und durch geheiligtes Leben führen. 16 Es heißt ja in der Schrift: »Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig.« 17 Und wenn ihr Gott im Gebet als Vater anruft, dann´vergesst nicht, dass` er auch der unbestechliche Richter ist, der jeden nach dem beurteilt, was er tut. Führt daher, solange ihr noch hier in der Fremde seid, ein Leben in der Ehrfurcht´vor ihm`.

 18 Ihr wisst doch, dass ihr freigekauft worden seid von dem sinn- und ziellosen Leben, das schon eure Vorfahren geführt hatten, und ihr wisst, was der Preis für diesen Loskauf war: nicht etwas Vergängliches wie Silber oder Gold, 19 sondern das kostbare Blut eines Opferlammes, an dem nicht der geringste Fehler oder Makel war– das Blut von Christus. 20 Schon vor der Erschaffung der Welt war Christus´als Opferlamm` ausersehen, und jetzt, am Ende der Zeit, ist er euretwegen´auf dieser Erde` erschienen. 21 Durch ihn habt ihr zum Glauben an Gott gefunden, der ihn von den Toten auferweckt und ihm Macht und Herrlichkeit verliehen hat, und deshalb ruhen jetzt euer Vertrauen und eure Hoffnung auf Gott. (1. Petrus 1,13-21)

Klick. Ein Bild.

Ein Schnappschuss, mitten aus dem Leben. Eine Momentaufnahme.

Was wir gelesen haben, ist kein universaler Text, geschrieben irgendwo im leeren Raum für Menschen damals und heute, hier und jetzt und in einer unbestimmten Zukunft. Ein Lehrbuch, quasi, das alle möglichen Facetten und Situationen des Lebens abdeckt und für immer und alle Zeit zum Lexikon des Lebens wird: Ein Blick in den Index, die richtige Seite gefunden und schon hast du die Lösung für alle Dinge. Schön wär’s, irgendwie!

Die Bibel ist nicht nur einfach ein „heiliges Buch“, ein Gottestext, vom Himmel gefallen oder von besonders heiligen Menschen, sicher auch unter der Wirkung des Heiligen Geistes, als Nachschlagewerk für alle Zeiten verfasst. Was wir sehen, sind Zeugnisse. Geschichten, wie das Leben sie schreibt. Schnappschüsse, Momentaufnahmen, vom ganz normalen Leben der Menschen, die sich in einem bestimmten Augenblick ihrer Zeit getrieben sahen, das, was sie erlebten, niederzuschreiben.

Klick, ein Bild.

Aber nicht irgendein Bild. Im Zentrum der Bilder, der Schnappschüsse, der Momentaufnahmen, die wir hier sehen, stehen Begegnungen. Begegnungen, mitten im Leben, mit einem, der oft ganz überraschend daherkommt: mit Gott, der ins Bild des Lebens tritt und für Momentaufnahmen sorgt, die keiner so erwartet hätte. Schnappschüsse, die es wert sind, gesehen zu werden und die deshalb, bis heute, im großen Album dieser Lebenszeugnisse überliefert sind.

Klick, ein Bild.

Auch dieser Text ist so ein Bild, der Spiegel eines konkreten Moments im Leben von echten Menschen in einem echten Alltag. Gegossen ist er in Form eines Briefes, geschrieben, so wird berichtet, von Petrus, „einem Apostel Jesu Christi“ (1,1). Wenn wir davon lernen wollen (und davon gehe ich aus, wenn ihr hier seid, um dieser Predigt zuzuhören), dann müssen wir diese Form ernstnehmen—das heißt, herausfinden, warum dieser Verfasser glaubt, einen Brief an bestimmte Empfänger schreiben zu müssen. Den Anlass. Heute würde man sagen, die Betreffzeile. Oder, um im Titelbild zu bleiben, den Inhalt des Bildes.

Klick, ein Bild.

Ich bin mit einer Hobbyfotografin verheiratet. Überall hat sie ihren kleinen roten Fotoapparat mit dabei. Digital geht das ja ganz gut: Klick, klick, klick – und was nichts geworden ist, kann man hinterher ganz einfach wieder löschen. Letztes Jahr hat die belgische Bibelgesellschaft ein Andachtsbuch mit Rebeccas Fotos herausgegeben und auch online häufen sich die „likes“ und lobenden Kommentare, wenn sie ihre Bilder ins Netz stellt. Woran liegt das? Manche fragen nach der Marke der Kamera, aber das Geheimnis ist etwas ganz anderes: Man braucht ein Auge für den richtigen, ganz besonderen Blickwinkel. Klick, das ist nicht einfach ein Schnappschuss ins Blaue hinein. Klick, das braucht Fokus. Fokus – das ist der Punkt, auf den die Kamera scharfstellt. Der wichtigste Punkt des Bildes. Was man sieht, worauf man zielt und was im Mittelpunkt steht, das macht das Bild aus.

Klick, ein Bild.

Im klassischen Kirchenkalender heißt der heutige Sonntag „Oculi“, „die Augen.“ Und passend dazu geht es heute Morgen ganz viel um Blickwinkel, um’s Scharfstellen auf verschiedene Punkte und die Frage, wie das mein Leben prägt und vielleicht dann auch verändert. Und vielleicht entdecken wir dabei auch – vielleicht ganz überrascht – worauf Gott eigentlich schaut, scharfstellt, fokussiert, wenn er in meine Lebenswelt hineinschaut.

Klick, ein Bild.

Der Blick um mich her: Ich krieg die Krise!

Klick, ein Bild.

Es liegt nahe, zunächst einmal die Umgebung zu fotografieren. B-Roll nennt man das beim Film, der Blick ins Umfeld, damit der Zuschauer sich orientieren kann. Ein Blick in eine andere Welt: In eine andere Zeit, im 1. Jahrhundert nach Christus. In ein anderes Land, das römische Reich. In eine andere Kultur, ein anderes Sprachfeld, andere Denkweisen, Situationen, Gebräuche, Lebensweisen, Situationen. Vieles, vielleicht fast alles an dieser Welt ist uns fremd. Man kann nicht einfach hineinspringen und glauben zu verstehen. Gut, wenn man sich erst einmal umschauen kann.

Im Zentrum der Aufnahme stehen Menschen, echte Menschen, aus einer vergangenen Zeit. Gläubige Menschen, „von Gott erwählte“, die – so lesen wir im ersten Vers – „über die Provinzen Pontus, Galatien, Kappadozien, Asien und Bithynien verstreut sind.“ Heute würden wir diese Gegend „Türkei“ nennen, damals war sie Teil des römischen Reiches. Eine ganz andere Welt. Eine Welt, in der es damals nicht einfach war, zu der noch kleinen Gruppe der Christen zu gehören. Zum Alltag der Menschen, um die es hier geht, gehörte die Ablehnung durch die Anderen, die einen Anderen hatten. Und „Ablehnung“ klingt hier eigentlich ganz harmlos. Hätten wir tatsächlich damals fotografiert, würde sich erst die ganze Schärfe des Leides zeigen:

Klick – Eine betreten schweigende Menge. Ein Bild vom Marktplatz. Eine Familie bahnt sich den Weg durch die Menge. Der ganz normale Wocheneinkauf. Aber viele drehen sich nur empört weg. An manchen Ständen werden sie gar nicht bedient. An anderen nennt man ihnen den doppelten Preis. Und auf dem Weg da weicht man ihrem Blick, und ihnen selbst aus. Sie sind Ausgestoßene, Verachtete. Sie glauben an einen (und nur einen!) anderen Gott, dessen Sohn, so hört man, ein Verbrecher sei. Sie sind verdächtig, seltsam, anders, ungeliebt. Keiner will mit denen etwas zu tun haben. Klick.

Klick – Eine schreiende Menge. Heulend, wütend, manche raufen sich die Haare. Keiner will wahrhaben, was hier gerade passiert ist. Das geliebte Kind, ganz plötzlich gestorben. Gestern war der Kleine noch ganz munter, dann ein schnelles, hohes Fieber, Schmerzen, Keuchen, ein ringen um Atem, und auf dann: gar nichts mehr. Die Familie ist im Schock. Verwandte, Freunde, Nachbarn auch. „Wie kann das passieren?“, fragt man sich. Und plötzlich weiß es einer, wissen es alle: „Die Christen sind schuld! Die vergiften unsere Brunnen! Die töten unsere Kinder!“ Was dann passiert, wollen wir gar nicht fotografieren. Heute würde man es ein „Pogrom“ nennen.

Klick – Eine gröhlende, jubelnde Menge. Das Kolosseum in Rom ist bis zum letzten Platz ausverkauft. Heute wird so richtig Action geboten: Die Staatsfeinde werden vor aller Augen hingerichtet. Die Löwen sind bereit, seit Tagen hungrig. Gleich werden sie sich brüllend auf ihre Opfer stürzen und sie vor dem begeisterten Publikum zerfleischen. Ein wohlverdienter Tod, finden alle. Geschieht ihnen recht, den Verrätern, die sich weigern, den Gott-Kaiser anzubeten. Die alles verraten, was unserer Nation lieb und heilig ist. Die einen gekreuzigten Aufrührer Gott nennen und ihn den Sitten unseres Volkes vorziehen. Weg mit ihnen! Lasst die Löwen frei! Klick.

Klick, klick, klick … Entsetzliche Bilder des Leides, der Verfolgung, von Schmerz und Tod, von Schwierigkeiten und Angst und Sorgen. Keine schönen Bilder. Klick.

Klick, ein Bild.

Ganz ähnliche Bilder könnte man auch heute schießen.

Klick. Brennende Kirchen in Indonesien.

Klick. Unmenschliche Straflager in Nordkorea.

Klick. Bomben auf Ost-Ghouta.

Klick. Hunderttausenden von Menschen auf der Flucht, ohne Heimat, ohne Hoffnung, ohne Ausweg.

Klick. Ein LKW rast in den beschaulichen Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz in Berlin.

Klick. Aus einer Highschool in Florida werden Särge mit erschossenen Jugendlichen getragen.

Klick. Ein Boot mit toten Geflüchteten treibt auf dem Mittelmeer.

Man braucht gar nicht erst ins erste Jahrhundert zurückzureisen. Ablehnung, Leid und Verfolgung gibt es

Klick, ein Bild.

Man muss gar nicht erst in Not und Verfolgung leben, um solche Bilder zu kennen. Manches davon könnte man sicher auch in meinem Leben fotografieren. Sicher, das gäbe andere Bilder. Aber harmloser sind die deshalb auch nicht. Zumindest nicht für mich. Ablehnung, Krisen, Leiden, Sorgen, Schmerzen, sind ja auch in unseren „ganz normalen“ Alltagsleben nicht unbekannt.

Klick.

Klick.

Klick, klick, klick.

Klick. Ich kann es nicht mehr hören.

Klick. Ich will es nicht mehr sehen.

Klick. Vielleicht ist es Zeit, den Fokus zu ändern. Wenn ich auf mein Umfeld schaue, kriege ich doch nur die Krise.

Der Blick in den Spiegel: Das kann nichts werden!

So mache ich mich also auf die Suche nach einem neuen, sinnvollen Motiv und lande bei einer der Hauptpersonen in der aktuellen Situation – bei mir selbst. Ein „Selfie“, sozusagen.

Klick. Ein Bild. Ein Selfie.

Wer schon einmal Selfies gemacht hat, der kennt das Problem: Es ist gar nicht so einfach, dass das etwas wird.

Klick – der Winkel hat nicht gestimmt.

Klick – die Augen halb zu.

Klick – die Frisur sitzt schief.

Klick – im Hintergrund läuft etwas Peinliches.

Klick.

Klick.

Klick. Klick.

Klick. Das gefällt mir nicht. Das wird nichts. Ich schaffe das nicht. Ich bin einfach nicht fotogen. Und überhaupt, wer will das sehen? Klick.

Klick. Ein Bild. Ein Selfie mitten aus dem Leben.

Auch da stimmt so manches nicht, gerade dann, wenn’s schwierig wird und kriselt. Und Texte wie der Brief von Petrus machen es nur noch schwieriger:

Richtet euch daher ganz auf Jesus Christus aus; lebt so, dass ihr für sein Kommen bereit seid! Bleibt wachsam und besonnen und setzt eure Hoffnung völlig auf die Gnade, die euch erwiesen wird, wenn er in seiner Herrlichkeit erscheint. 14 Richtet euch als gehorsame Kinder Gottes nicht mehr nach den eigensüchtigen Wünschen aus jener früheren Zeit, als ihr noch nichts´von Christus` wusstet. 15 Der, der euch berufen hat, ist heilig; darum sollt auch ihr ein durch und durch geheiligtes Leben führen. 16 Es heißt ja in der Schrift: »Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig.« Und wenn ihr Gott im Gebet als Vater anruft, dann´vergesst nicht, dass` er auch der unbestechliche Richter ist, der jeden nach dem beurteilt, was er tut. Führt daher, solange ihr noch hier in der Fremde seid, ein Leben in der Ehrfurcht´vor ihm`.  (1. Petrus 1,13-17)

Da geht es um große, religiöse Schlagworte wie „Heiligkeit“. „Wachsam“, „besonnen“, „bereit“ zu sein, „die Hoffnung völlig auf die Gnade setzen“ – das ist nicht das, was auf meinem Selbstportrait besonders deutlich hervorsticht. „Gehorsames Kind“ war ich schon als Kind nicht immer – und als Erwachsener ist es nicht leichter geworden, besonders, weil die „eigensüchtigen Wünsche“ heute vielleicht zwar anders sind – aber da sind sie trotzdem, wie eh und je.

Klick. Ein Bild. Ein Selfie.

Aber was er zeigt ist nicht schön, heilig, glänzend, religiös und vorzeigbar. Das gefällt mir nicht. Ich gefalle mir nicht. Und je mehr ich klicke, lösche, klicke, schaue, klicke, editiere, klicke und klicke und immer verzweifelter klicke, desto mehr drängt sich mir der Gedanke auf: Das wird nichts mit mir.

Klick. Ein Bild. Ein Selfie.

Wieder einer von den missratenen. Wer sich die Zeit nimmt, darüber nachzudenken, der merkt irgendwann, dass das Hauptproblem gar nicht so sehr ist, dass ich mir nicht gefalle. Das Problem ist viel eher, dass ich mir sorgen mache, was passiert, wenn andere mein Bild sehen.

Klick. Die Falten.

Klick. Die Runzeln.

Klick. Die Stirn die immer höher wird.

Klick. Die Pickel.

Klick. Klick. Klick.

Ich habe ja schon angekündigt, dass es irgendwann auch darum gehen soll, wo Gott wohl hinschaut – und der ist mir von allen Zuschauern der Unheimlichste. Er ist ja „heilig“ und trägt diese Heiligkeit, so lese ich auch hier wieder, als Anspruch an mich heran. Als ob ich nicht schon genug Probleme hätte mit den Schwierigkeiten aus dem ersten Bild, mit meinen mir gut bekannten Schwächen und Unzulänglichkeiten und der Frage, was wohl die anderen denken – jetzt kommt auch noch er und stößt mich mit seinem alles erhellenden Licht erst recht auf alles, was ich nicht auf die Reihe hinbekomme. Denn wo Gott hinschaut, da kommt alles ans Licht, oder?

Und dass er hinschaut, das weiß ich genau. Das hat man mir auch immer erzählt. „Gott sieht dich. Gott hat ein Auge auf dich.“ Und die Konsequenzen waren immer erdrückend. „Pass auf kleines Auge, was du siehst. Pass auf kleines Ohr, was du hörst. Pass auf, kleiner Fuß, wohin du gehst. Pass auf, kleine Hand, was du tust. Denn der Vater in dem Himmel schaut herab auf dich…“ Puh! In Gottes Fokus zu stehen, seinen strengen Blick auf mir zu spüren, wohl gemeinte, aber zumindest von mir nicht einzuhaltende Worte über Heiligkeit zu hören, dass hilft mir nicht. Das macht alles nur noch schlimmer.

Klick. Das kann nichts werden.

Klick. Klick. Klick. Ah!

Der Blick auf Gott: Es gibt Hoffnung!

Welch ein Glück, dass es noch andere Motive gibt, dass ich nochmals den Fokus wechseln kann, hineinzoomen in meine Lebenssituation und dann entdecke, worauf ich bisher meine Aufmerksamkeit noch nicht gerichtet habe. Denn jetzt kommt Gott ins Spiel – darum geht es ja – und das ändert alles.

18 Ihr wisst doch, dass ihr freigekauft worden seid von dem sinn- und ziellosen Leben, das schon eure Vorfahren geführt hatten, und ihr wisst, was der Preis für diesen Loskauf war: nicht etwas Vergängliches wie Silber oder Gold, 19 sondern das kostbare Blut eines Opferlammes, an dem nicht der geringste Fehler oder Makel war– das Blut von Christus. 20 Schon vor der Erschaffung der Welt war Christus´als Opferlamm` ausersehen, und jetzt, am Ende der Zeit, ist er euretwegen´auf dieser Erde` erschienen. 21 Durch ihn habt ihr zum Glauben an Gott gefunden, der ihn von den Toten auferweckt und ihm Macht und Herrlichkeit verliehen hat, und deshalb ruhen jetzt euer Vertrauen und eure Hoffnung auf Gott. (1. Petrus 1,18-21)

Das ist übrigens streng genommen der eigentliche Predigttext für den heutigen Sonntag. Da stehen die entscheidenden Punkte drin, die man so leicht übersieht, wenn man tief im Schlamassel steckt und selbst eben nicht der über-heilige Superheld ist. Das galt im ersten Jahrhundert genauso, wie es heute bei mir und bei dir gilt.

Klick. Ein Bild.

Streng genommen nicht wirklich ein Bild, denn Gott kann ich ja nicht sehen, geschweige denn fotografieren. Aber ich kann ihn wahrnehmen, weil er sich nämlich offenbart hat, am allerbesten in Jesus Christus, seinem Sohn. Wer ihn sieht, sagt er selbst, der sieht den Vater. Der sieht, wie Gott ist und was Gott tut, mitten im Leben – auch in meinem Leben und an mir. Und plötzlich sieht das Bild ganz anders aus…

Klick.

Er stirbt am Kreuz. Blutig, grausam, schrecklich, da muss man kein detailliertes Bild machen, weil ich schon das Hinsehen das gar nicht ertragen kann. Er schaut nicht bloß zu, er ist selbst der, der ans Kreuz genagelt wird. Und jeder Hammerschlag, den er erträgt, ist eine Liebeserklärung des Gottes, der da in Jesus am Kreuz hängt. Für mich. Aus Liebe zu mir. Er stirbt, damit ich leben kann.

Klick.

Er liegt im Grab. Aber die scheinbar endlose Trauer von diesem verzweifelten Karsamstag und die undurchdringliche Dunkelheit der Osternacht, die werden wie weggeblasen von dem Licht des Ostermorgens mit der freudigen Botschaft: Er lebt! Er lebt und mit ihm lebe ich!

Klick.

Er macht mich frei. Die Fesseln, die Zwänge, die Beschränkungen fallen ab und wen Gott frei macht, der ist wirklich frei.

Klick.

Er schenkt mir Glauben. Den muss ich gar nicht selber machen. Ich muss kein großer, heiliger, selbstgemachter Held sein. Nein, Gott schenkt mir in Jesus alles, was es braucht. Er schafft Glauben, macht mich heilig, gibt mir Kraft, Mut, und Zuversicht.

Klick. Ein Bild.

Ein Klick, der Hoffnung weckt. Seit sich mein Blick auf Jesus richtet, hat sich das ganze Bild verändert. Das ist es, was Petrus den Menschen im ersten Jahrhundert schreibt, mitten in all ihren Schwierigkeiten, mitten in die schrecklichste Verfolgung, mitten hinein ins Grauen. Das ist es, was er mir heute schreibt, mitten hinein in meine Situation, und in deine – egal, was es genau ist, was dir zu schaffen macht: Klick, schau hin: Gott ist da und steht an deiner Seite.

Klick. Ein Bild.

Ein Klick, der Hoffnung weckt. Hoffnung auch bei Menschen, die es damals schon gab, die es heute noch gibt und zu denen ich gehöre (und ich habe den Verdacht, du vielleicht auch. Aber das musst du selbst wissen)—Hoffnung, dass selbst da, wo es mit meiner Kraft und meinen Fähigkeiten nichts werden kann, Gott selbst das Entscheidende schon getan hat und bei mir ist, um weiter das Entscheidende zu tun. Denn es geht eben nicht um das, was ich erreichen kann, sondern einzig und allein darum, dass ich mich auf ihn verlassen kann. „[D]eshalb ruhen jetzt euer Vertrauen und eure Hoffnung auf Gott.” (1. Petrus 1,21)

Klick. Ein Bild.

Ein Schnappschuss, mitten aus dem Leben. Egal in welcher Situation, in welchem Moment die Aufnahme entsteht: Es geht nicht um die Umgebung. Es geht nicht um mich. Im Mittelpunkt des Geschehens steht Gott, der Gott, der mich liebt und der in Jesus Christus alles Entscheidende für mich tut. Und ich darf einfach nur vertrauen.

Die Entdeckung

Wohin schaut eigentlich Gott?

Wie gesagt, der heutige Sonntag heißt „Oculi“, „die Augen“. Wenn du heute Morgen in einem evangelischen Gottesdienst sitzen würdest, hätte man dir die Lösung bereits ganz am Anfang verraten: „Oculi mei semper ad Dominum“, „Meine Augen schauen auf den Herrn.“, heißt es in Psalm 25,15. Das ist der richtige Fokus.

Und dann hättest du, gemeinsam mit allen anderen, Worte aus dem sogenannten Wochenpsalm gebetet – Worte, in denen es auch um Augen geht. Aber um Gottes Augen und die versprochene Frage nach dem, worauf er nun tatsächlich schaut. Diese Frage lohnt es sich nämlich schon, noch einmal zu stellen. Deshalb reiche ich hier den Wochenpsalm (Auszüge aus Psalm 34) nach:

16 Die Augen des HERRN merken auf die Gerechten und seine Ohren auf ihr Schreien.  17 Das Angesicht des HERRN steht wider alle, die Böses tun, daß er ihren Namen ausrotte von der Erde.  18 Wenn die Gerechten schreien, so hört der HERR und errettet sie aus all ihrer Not.  19 Der HERR ist nahe denen, die zerbrochenen Herzens sind, und hilft denen, die ein zerschlagenes Gemüt haben.  20 Der Gerechte muß viel erleiden, aber aus alledem hilft ihm der HERR.  21 Er bewahrt ihm alle seine Gebeine, daß nicht eines zerbrochen wird.  22 Den Gottlosen wird das Unglück töten, und die den Gerechten hassen, fallen in Schuld.  23 Der HERR erlöst das Leben seiner Knechte, und alle, die auf ihn trauen, werden frei von Schuld.  (Psalm 34,16-23)

Gott sieht mich

Ich bin gesehen.

Klick.

Wieder ein Bild. Gott schaut auf meine Situation. Ich bin genau in seinem Blickfeld.

Klick. Ein Bild.

Das Umfeld kommt in seinen Fokus. Er sieht, was mir zu schaffen macht. Er weiß, was mich beschäftigt. Er kennt meine Sorgen, meine Ängste, meine Zweifel, meine Nöte, meine Schmerzen, alles das, was mich zerreißt.

Klick. Ein Bild.

Er schaut auf mich. Und plötzlich merke ich, dass mir das keine Angst macht. Er schaut mich gar nicht an, um mich zu kontrollieren. Er schaut nicht mit dem strengen Blick des Ordnungsamts auf ein falsch geparktes Auto. Er blickt mich nicht an, um alle Fehler, alle Zweifel, alle Schwächen, alles Unheilige in meinem Leben aufleuchten zu lassen. Er will mich nicht bloßstellen, lächerlich machen, verurteilen oder einfach als unfähig abtun. Er kennt mich, ja. Und er weiß, was ich brauche. Ich brauche ihn. Gut, dass er mich anschaut. Seine Augen leuchten voll Liebe. Er sieht mich an wie ein Vater sein Kind. Er lässt mich nicht aus seinen Augen.

Klick. Ein Bild.

Im Fokus meiner eigenen Schnappschüsse, meiner Momentaufnahmen mitten aus den schwierigsten Zeit meines Lebens, leuchtet er auf. Und wenn es klickt und blitzt und der Moment für immer im Album meines Lebens verewigt ist, dann zeigt sich dort im Mittelpunkt, dort wo ich Gott ins Visier genommen habe, vor allem eines: seine Augen. Ich schaue ihn an und er schaut zurück.

Klick. Ich bin gesehen.

Ich habe Hoffnung.

Ich bin gesehen.

Gott ist da.

 

Schluss

Klick.

Klick.

Klick. Klick. Klick.

So viele Bilder. So viele Leben. So viele unterschiedliche Situationen. Sicher sieht es bei dir gerade ganz anders aus, als bei mir.

Aber eines bleibt gleich, auf allen Bildern: Wo du den Blick auf Gott richtest, gibt es Hoffnung. Da strahlen seine liebevollen Augen mitten in den Rest deines Bildes hinein.

Klick.

Das halte fest. „Oculi mei semper ad Dominum“, „Meine Augen schauen auf den Herrn.“, heißt es in Psalm 25,15. Das ist der richtige Fokus.

 

 


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Über Christoph

Christoph Fischer (* 1978) ist seit mehr als 15 Jahren im hauptamtlichen pastoralen Dienst, zuletzt bei der Volksmission Freudenstadt. Ab August 2018 wechselt Christoph in den Pfarrdienst der Evangelischen Landeskirche in Württemberg.

Christoph ist verheiratet mit Rebecca. Gemeinsam haben sie drei Töchter, Ann-Céline (* 2005), Emma (* 2007) und Pia (*2012).