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Aufnahme der Predigt (18:42)
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Die Predigt "Freudige Erwartung" von Christoph Fischer und alle dazu gehörigen Ressourcen (Predigtzettel, Aufnahme) sind lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz. Verwendete Bilder stehen eventuell unter eigenen Lizenzbedingungen. Ausdrücklich von der Creative Commons-Lizenz ausgenommen sind die Logos und Namen der Gemeinde, in der die Predigt gehalten wurde und ihrer Arbeitsbereiche.

Gnade und Frieden mit euch von Gott, unserem Vater, und von Jesus Christus, seinem Sohn, unserem Herrn.

Liebe Schwestern, liebe Brüder in Christus,

Es weihnachtet sehr! Überall in der Stadt leuchtet und funkelt es. Die Weihnachtsbäume sind geschmückt und die Kerzen brennen und die Aufregung der Kinder kennt keine Grenzen. Die mancher Erwachsener auch nicht. Bald ist es endlich soweit! Man zählt die Tage und kann es gar nicht erwarten, dass Weihnachten endlich kommt und damit auch diese Warterei, diese Adventszeit endlich ein Ende hat. Wir wollen jetzt feiern, uns freuen, uns beschenken und beschenken lassen.

Fast ein wenig traurig sitzt dazwischen, ganz am Ende der Adventszeit, am kommenden Sonntag der vierte Advent. Vermutlich wird er weitestgehend untergehen, vor allem, da dieses Jahr der Heiligabend mit seinen zahlreichen Gottesdiensten und Festen, mit Krippenspiel und Weihnachtsbaum und Bescherung ja gleich am nächsten Tag folgt. Wer braucht da noch den vierten Advent? Schade eigentlich, denn die Botschaft dieses Sonntags handelt genau von der großen Freude, nach der wir uns alle so sehnen. Sie ist es wert, gehört zu werden. Und da dachte ich mir, ich helfe dem einfach ein wenig nach und lese heute schon mit euch den Text zum vierten Advent. Dann können wir uns heute und in den nächsten Tagen daran freuen, bevor dann in der kommenden Woche die Engel im Weihnachtsevangelium endgültig die "große Freude" verkündigen. Ich lese also aus dem ersten Kapitel des Lukasevangeliums ab Vers 39. Einen Teil dieses Texts haben wir vorher bereits als Psalm miteinander gebetet.

Maria aber machte sich auf in diesen Tagen und ging eilends in das Gebirge zu einer Stadt in Juda und kam in das Haus des Zacharias und begrüßte Elisabeth. Und es begab sich, als Elisabeth den Gruß Marias hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leibe. Und Elisabeth wurde vom Heiligen Geist erfüllt und rief laut und sprach: "Gesegnet bist du unter den Frauen, und gesegnet ist die Frucht deines Leibes! Und wie geschieht mir, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt? Denn siehe, als ich die Stimme deines Grußes hörte, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leibe. Ja, selig ist, die da geglaubt hat! Denn es wird vollendet werden, was ihr gesagt ist von dem Herrn."

Und Maria sprach: "Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freuet sich Gottes, meines Heilandes; denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder. Denn er hat große Dinge an mir getan, der da mächtig ist und dessen Name heilig ist. Und seine Barmherzigkeit währet für und für bei denen, die ihn fürchten. Er übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen. Er gedenkt der Barmherzigkeit und hilft seinem Diener Israel auf, wie er geredet hat zu unsern Vätern, Abraham und seinen Nachkommen in Ewigkeit."

Und Maria blieb bei ihr etwa drei Monate; danach kehrte sie wieder heim.

Liebe Schwestern und Brüder, dass Besuche Freude auslösen können, brauche ich ausgerechnet euch nicht zu erklären. Wie schön, wenn liebe Menschen vorbeischauen und zeigen, dass man nicht vergessen ist. Wie wunderbar, wenn überraschend jemand vorbeikommt, mit dem man gar nicht gerechnet hätte. Besuche machen Freude und dieser heutige Text redet von einem besonders freudigen Besuch: Maria unternimmt die weite Reise aus ihrer Heimatstadt Nazareth in Galiläa, ganz im Norden Israels, in das judäische Bergland im Süden, um ihre Cousine Elisabeth zu besuchen. Noch weiß niemand, dass Maria schwanger mit Jesus ist. Noch ahnt niemand, dass sie Besuch von einem Engel hatte, der ihr ein Kind durch den Heiligen Geist ankündigte. Noch sind die Geschichten von der Krippe und den Hirten und dem Besuch der Sterndeuter in Bethlehem unbekannte Zukunft. Dass Elisabeth schwanger ist, ist sichtbar und bekannt. Auch das ist ein Wunder, das sich niemand erklären kann. Und weil Gott hier auch seine Hand im Spiel hat, erkennt Elisabeth, was anderen noch verborgen ist: Hier geschieht ein noch viel größeres Wunder. Gott selbst wird ein Kind und kommt auf die Welt zu, noch tief verborgen im Bauch der Maria. Überwältigt vor Freude fallen sich die zwei Frauen in die Arme. Besuch macht Freude. Aber hier kündigt sich ein noch viel größerer Besuch an, der alle bisher gekannte Freude übertreffen wird.

Freude in anderen Umständen

Dabei ist Freude hier alles andere als selbstverständlich: Versetzt euch doch einmal in die Situation der Maria. Ein junges, unverheiratetes Ding aus einem kleinen Dorf im fernen Norden wird plötzlich schwanger. Noch weiß es keiner, und das ist vielleicht auch besser so, denn die Umstände passen so gar nicht. Der Vater -- unbekannt. Ein Engel soll im Spiel gewesen sein und der Heilige Geist. Hat man so etwas schon einmal gehört? Wer soll das glauben? Eine Schande ist das. Man wird sich das Maul über sie zerreißen im Dorf, denn man weiß ja, wie solche Geschichten wirklich laufen. Eigentlich müsste man sie steinigen nach jüdischem Gesetz. Und Josef, ihr Verlobter, wird sich entschließen, heimlich bei Nacht und Nebel das Dorf zu verlassen, um nicht selbst mit hineingezogen zu werden. Da braucht es noch einmal einen Engelsbesuch, um wenigstens das wieder geradezubiegen. Und das Schlimmste wissen sie ja alle noch gar nicht: Das junge Paar mit der hochschwangeren Maria wird hineingezogen werden in das üble Spiel der Mächte dieser Welt: Ein größenwahnsinniger Kaiser und seine gierigen Steuerpläne werden sie zum ungünstigsten Zeitpunkt zu einer Reise ins ferne Bethlehem zwingen. Ein eifersüchtiger König wird seine Schergen auf sie hetzen und ein Blutbad in Bethlehem anrichten. Mit ihrem kleinen Kind werden sie schon bald als Flüchtlinge auf dem Weg ins Ausland sein. Vielleicht ist es besser, dass Maria das alles noch nicht weiß. Aber wahrscheinlich ahnt sie schon, dass da noch manches Problem auf sie zukommen wird. Und trotzdem kann sie sich hier vorbehaltlos freuen!

Natürlich, wir kennen den Fortgang der Geschichte und wir wissen um ihre Höhepunkte. Wir lesen diesen Text und hören schon von Ferne den Lobpreis der Engel auf den Feldern von Bethlehem, ihr Jauchzen, nachdem sie es den staunenden Hirten verraten haben: "Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird. Denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids." Das haben die beiden Frauen noch nicht gehört. Aber die Vorahnung ist da und die Freude wirft ihr Licht voraus. Maria preist Gott in einem Psalm, der bis heute gesungen und gebetet wird: Magnificat. Magnificat anima mea Dominum -- Meine Seele erhebt den Herrn! Und mitten in dieser überschwänglichen Freude hören wir heute einfach noch einmal genauer hin und hören, worüber sich diese junge Frau aus Nazareth denn eigentlich so freut.

Gott hat uns nicht vergessen

"Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freuet sich Gottes, meines Heilandes; denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen.", jauchzt Maria. "Ich bin gesehen", weiß sie, diese junge, völlig unbedeutende Frau aus einem kleinen Kaff auf dem Land. "Was soll aus Nazareth schon Gutes kommen", sagen die Leute und tun mit einem Satz gleich alle Bewohner dieses kleinen Fleckens als völlig unwichtig ab. "Ich bin gesehen", weiß Maria. "Gott hat mich gesehen. Er kennt mich. Er weiß um mich. Ich bin ihm wichtig."

"Ich bin gesehen", weiß Maria, diese Frau im sozialen Dilemma, die eine Ausgegrenzte sein wird, sobald ihr Bauch sich sichtbar wölbt. "Gott hat mich gesehen. Er grenzt mich nicht aus. Er nimmt mich an. Er beschenkt mich. Ich bin ihm wichtig."

"Ich bin gesehen", weiß Maria, eine Frau -- auch das ist damals revolutionär. Frauen sind nicht wichtig in der Gesellschaft. Kinder, Küche, harte Arbeit, das ist ihr los. Die Männer bestimmen das Leben. Die Frauen spielen kaum eine Rolle. Sie werden klein gehalten, chancenlos und ungebildet. "Einer Frau die Torah (das Gesetz Gottes, die hebräische Bibel) zu lehren, ist, wie Perlen vor die Säue zu werfen", sagt der berühmte Rabbi Elieser. Wer schert sich schon um eine Frau? Gott schert sich um diese Frau! "Ich bin gesehen. Gott hat mich gesehen. Für ihn bin ich wichtig und wertvoll. Bei ihm bin ich geliebt. Er segnet mich."

"Ich bin gesehen", weiß Maria, eine Jüdin. Teil des Volkes Israel, Nachkomme von Abraham und Isaak und Jakob und den vielen anderen Vätern, mit denen Gott einen Bund geschlossen hat. Die er als sein Volk erwählt hat. Denen er ein Land geschenkt hat und versprochen hat, dass Davids Nachfahren ewig auf dem Thron sitzen werden. Und die er dann vergessen hat. So scheint es zumindest. Denn wo ist denn Gott jetzt und sein Bund? Was hat er getan für sein Volk, in all den Jahrhunderten. Die Versprechen der Propheten klingen nach: "Das Volk, das im Finstern wohnt, sieht ein großes Licht." Aber zu sehen ist nur Finsternis. Und Feinde, die das Land beherrschen. Und Trostlosigkeit. Und Not. "Gott hat uns vergessen.", sagen manche im Volk. "Nein, hat er nicht," sagt Maria. "Er hat mich gesehen. Er hat uns gesehen. Und er gedenkt der Barmherzigkeit und hilft seinem Diener Israel auf, wie er geredet hat zu unsern Vätern, Abraham und seinen Nachkommen in Ewigkeit."

"Gott hat mich nicht vergessen. Gott hat uns nicht vergessen. Deshalb erhebt meine Seele den Herrn."

Das gilt auch 2018 in Tailfingen: Gott hat mich nicht vergessen. Gott hat uns nicht vergessen. Deshalb erhebt meine Seele den Herrn.

Gott stellt die Welt auf den Kopf

Aber Maria -- könnte man fragen --, freust du dich nicht zu früh? Was hat sich denn geändert, an deiner Situation, die höchstens noch schlimmer geworden ist, jetzt wo du unerklärlich schwanger geworden bist? Was hat sich verbessert? Sind die verhassten Römer, die Besatzungsmacht, aus dem Land verschwunden? Nein. Gibt es Gerechtigkeit für die einfachen Leute? Nein. Sitzt ein Nachkomme Davids auf dem Thron? Nein. Gibt es Frieden im Land, oder gar auf der Erde? Nein. Warum freust du dich also, Maria?

"Gott hat große Dinge getan", sagt Maria. "Zuerst einmal an mir." Das ist das Zeugnis. Darin liegt Hoffnung für die anderen. Gott wird an allen Großes tun. Jeder wird es sehen. Denn Gott hat sich nicht verändert: "Seine Barmherzigkeit währet für und für bei denen, die ihn fürchten. Und ihr werdet sehen, was er tut: Er stellt die ganz ungerechte Welt auf ihren Kopf: Die Hochmütigen, die Mächtigen, die, die andere unterdrücken und sich selbst dabei die Taschen füllen: Sie werden ihre Macht verlieren. Throne wanken und Reiche zerbrechen und Mächtige werden gestürzt, während er die Kleinen, Armen, Unterdrückten aus dem Staub erhebt. Die Reichen, die es gewohnt sind, ihr Vermögen, das sie auf dem Rücken anderer erworben haben, zu verprassen, sitzen plötzlich an einer leeren Tafel. Und die Armen, Hungernden, denen deckt Gott selbst den Tisch. Und Israel, das Volk, das am Boden liegt, richtet er auf zu neuem Stolz und einer ganz neuen Größe."

Gott hat uns nicht vergessen. Nein, er tut Großes. Er tut das, was er immer getan hat. War er nicht immer auf der Seite der Unterdrückten? Hat er nicht immer Position bezogen für die, die keinen Fürsprecher haben. Er hat heimatlosen Nomaden ein Land und Erbe geschenkt. Als Gott der hebräischen Sklaven ist er Mose begegnet, der aus Ägypten die Götter nur als Verbündete der Mächtigen kannte. Ein Sklavengott, wo gibt's den sowas. "Hier", sagt Gott, "bei mir. Ich bin es. Ich bin, der ich bin. Ich bin für euch da." Er befreit die Gefangenen. Er teilt das Meer für die Flüchtenden und das Heer des mächtigen Pharao geht darin unter. Er führt die Umherirrenden in der Wüste. Er gibt Gebote zum Schutz von Waisen und Witwen, von Armen und von Menschen am Rande der Gesellschaft, von Verfolgten und Fremden und Flüchtlingen und ausgebeuteten. Er schickt Propheten, die die Mächtigen zurechtweisen und Stellung für die ganz unten beziehen.

Er war immer ein Gott der Kleinen. Und jetzt tut er an diesen ganz Kleinen etwas ganz Großes: Er wird selbst klein. Ein Kind. Ein Baby, in einer Krippe (auch wenn Maria, das noch nicht weiß). Er kommt nach ganz unten und er mischt diese ungerechte Welt von unten auf. Er stellt sie auf den Kopf. Und das ist gut so. Das ist dringend nötig.

Heute übrigens auch. Da sind die Mächtigen auch zu mächtig und die Reichen zu reich und die Gewaltigen zu gewalttätig und so viele geraten unter die Räder dieser ungerechten Welt. Da ist es gut, dass Gott kommt und sich auf die Seite der Armen, Unterdrückten, Hungrigen, Vergessenen stellt. Das hat er immer getan. Er stellt die WElt auf den Kopf.

Auch 2018 in Tailfingen. Auch wenn du dich so fühlst, als sei die ganze Welt gegen dich. Oder klein. Oder am Rand. Oder ausgeschlossen. Oder vergessen. Da gibt es Grund zur Freude. Gott stellt diese ganze Ordnung auf den Kopf.

"Deshalb erhebt meine Seele den Herrn", sagt Maria.

Und ich freue mich mit. Weil Gott auch mich sieht. Uns. Weil er auch zu mir kommt. Zu uns. Weil sein Reich mit Jesus auf diese Erde gekommen ist und seither das System dieser Welt, unter dem ich oft leide, auf den Kopf stellt. Deshalb erhebt meine Seele den Herrn und mein Geist freuet sich Gottes, meines Heilandes. Wie bei Maria. Amen.

 

 

Predigttext

Lukas 1,39-56

In Kürze

Kurz vor Weihnachten feiern wir noch einmal miteinander die Vorfreude auf das, was in Jesus Christus auf uns zukommt: Wenn Gott in die Welt kommt, ändern sich die ungerechten Verhältnisse. Hungrige werden satt, Gewaltige werden vom Thron gestoßen: So singt es Maria, die Mutter Jesu, im „Magnificat“. 

Hauptpunkte der Predigt

Gründe zur Freude:
  1. Gott hat uns nicht vergessen.
  2. Gott stellt die Welt auf den Kopf.

Über Christoph

Christoph Fischer (* 1978) ist Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg auf der Pfarrstelle „Erlöserkirche“ in Albstadt-Tailfingen.

Christoph ist verheiratet mit Rebecca. Gemeinsam haben sie drei Töchter.