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Die Predigt "Geknicktes Rohr" von Christoph Fischer und alle dazu gehörigen Ressourcen (Predigtzettel, Aufnahme) sind lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz. Verwendete Bilder stehen eventuell unter eigenen Lizenzbedingungen. Ausdrücklich von der Creative Commons-Lizenz ausgenommen sind die Logos und Namen der Gemeinde, in der die Predigt gehalten wurde und ihrer Arbeitsbereiche.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!

Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus,

Eingebettet zwischen den Hügeln von Galiläa liegt, wunderschön, das "galiläische Meer", der See Genetsareth, der in den Erzählungen der Evangelien eine große Rolle spielt. An seinen Ufern ging Jesus spazieren und lehrte die Menschen. In den Städten rund um den See erzählte er von Gott und tat große Wunder. Lahme wurden geheilt, Blinde sehend, Taube Ohren öffneten sich. Aus den Fischern vom See Genetsareth berief Jesus seine ersten Jünger, Simon und Andreas, Johannes und Jakobus. Aber auch über die Evangelien hinaus ist der See ganz wichtig: Bis heute kommt der Großteil des Wassers, das in Israel verbraucht wird, aus diesem See. In einem Land, in dem große Wüstenflächen vorhanden sind, ist Wasser überlebenswichtig. Wenn in den letzten Jahrzehnten die Wüste an vielen Stellen fruchtbar gemacht werden konnte, geschah das mit Wasser aus dem See Genetsareth.

Das Ufer des Sees ist an vielen Stellen mit Schilf bewachsen. Sanft wiegt sich das Schilfrohr in der leichten Brise, die am See immer weht. Bei Sonnenuntergang kann man da wunderschöne Fotos machen. Schilfrohr ist aber mehr als nur ein schönes Fotomotiv: In der ländlichen Gesellschaft der biblischen Zeit machte man Körbe daraus und Gefäße, benutzte Schilfrohr als Baumaterial und vieles mehr.

Sanft wiegt sich das Schilfrohr in der leichten Brise. Aber der Wind am See Genetsareth ist nicht immer so mild. Im Gegenteil: Bekannte Geschichten der Bibel geben Zeugnis von den großen Stürmen, die dort urplötzlich auftreten können. Dann heult der Wind durch die steilen Schluchten der Hügel rund um den See, die Wellen schäumen und der Sturm peitscht die Wogen auf dem See auf, so dass sie sich immer höher auftürmen. Selbst gestandene Männer, erfahrene Fischer können da Angst bekommen.

Dann wiegt sich das Schilfrohr nicht mehr nur leicht. Bis tief ins Wasser presst der Druck des Sturms die wild schwankenden Halme. Zum Glück ist die Schilfpflanze dafür gut geeignet. Ihr Rohre geben nach, biegen sich im Wind, wippen wieder zurück, wenn der Wind nachlässt. Wenn sich nach dem Sturm die Wolken teilen und die Sonne wieder scheint, wiegt sich das Schilf wieder sanft in der Brise, als sei nicht geschehen.

Doch es gibt auch die Fälle, die anders ausgehen. Manches Schilfrohr hat vielleicht einen Windstoß zuviel abbekommen. Perioden der Trockenheit lassen das Wasser im See zurückgehen und das Schilf steht plötzlich im Trockenen. Wachstumsausfälle sind die Folge. Die Struktur des Rohres ist nicht so, wie sie sein sollte. Schilf verholzt, wird hart. Und brüchig. Und plötzlich ist im Tosen des nächsten Sturms ein Knacken zu hören. Wenn die Wolken sich teilen und die Sonne wieder scheint, ist dieses Schilfrohr kein wunderschönes Fotomotiv mehr. Mitten drin abgeknickt hängt es trostlos herunter. Die Hitze des Nachmittags wird es Tag für Tag ein Stück mehr verdorren lassen. Unansehlich braun wird es. Der Bruch ist gesplittert, die Elastizität verloren. Da kann man keinen Korb mehr draus machen, kein nützliches Utensil für Haus und Hof. Als Baumaterial taugt es auch nicht mehr. Eigentlich höchstens noch zum Verbrennen. Dieses Schilfrohr kann weg. Es ist nutzlos geworden.

Weinen in Babylon

Im zweiten Teil des Jesajabuchs finden wir die Worte eines namentlich unbekannten Propheten. Es sind Worte des Trostes, die hier ab dem vierzigsten Kapitel zu lesen sind: "Tröstet, tröstet mein Volk!" Das ist auch dringend nötig, denn als diese Worte gesprochen werden, befindet sich der größte Teil des Volkes weit weg von der Heimat in der babylonischen Gefangenschaft. Der jahrelange Krieg ist verloren, die Heimatstädte liegen in Schutt und Asche. Ein Neubeginn in der unbekannten Fremde scheint kaum möglich. Dazu noch die Frage nach Gott: Will der uns überhaupt noch? Denkt er überhaupt noch an uns? Hat er uns einfach vergessen?

"An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten, wenn wir an Zion gedachten. ... Wie könnten wir des HERRN Lied singen in fremdem Lande?" (Psalm 137,4). So mancher aus Israel muss in diesen Tagen an das Schilfrohr vom Genetsareth gedacht haben. Nicht an die herrlichen Sonnenuntergangsmotive. Nicht an die sanft wogenden Halme. Sondern an das geknickte, verdorrte, nutzlose Rohr, das der Sturm zerbrochen hat. Genau so hat man sich gefühlt in diesen Tagen. Wie dieses Schilfrohr. Geknickt. Zerbrochen. Nutzlos.

"Tröstet, tröstet mein Volk", ruft der Prophet in Gottes Namen. Und dann folgen im 42. Kapitel des Jesajabuchs diese Trostworte, die uns diese Woche als Wochenspruch begleiten: "Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen." (Jesaja 42,3)

An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten. Will uns Gott überhaupt noch? Sind wir für ihn auch nur so ein nutzloses verdorrtes Stück Schilf? Nur noch ein winziger Funke an einem qualmenden Kerzendocht, den man lieber ausdrückt, damit nicht der ganze Raum verqualmt wird? Unbrauchbar? Nutzlos? Ungewollt? Wertlos?

Nein, sagt Gott. Das seid ihr nicht. Gott denkt nicht so über seine Menschen, weiß der Prophet. "Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen." Ihr seid ihm viel zu viel wert. Er liebt euch doch. Jeden von euch. Er kennt keine nutzlosen Menschen. Keine ungewollten. Bei ihm hat jeder unendlich Wert.

Betteln in Jerusalem

Der Tempel ist das größte Gebäude in Jerusalem. Damals vermutlich in ganz Israel. Weit sichtbar ragt dieses herrliche Gebäude auf dem Zionsberg über der Hauptstadt auf. Riesige Mauern umgeben das Heiligtum in der Mitte, ein Gebäude, in dem -- so sagt man sich -- Gott selbst wohnt. Im Hof davor steht der Brandopferaltar, auf dem die Priester Gott Opfer bringen. In diesen Bereich, wie auch ins Heiligtum, dürfen nur ganz besondere Menschen. Menschen mit einem Auftrag, einem Amt. Priester eben, und die Tempeldiener, die Leviten. Eine Mauer trennt den Bereich des Altars vom übrigen Vorhof ab. Dorthin dürfen auch die gläubigen Juden -- also, das heißt, zumindest die Männer. Die "Kerngemeinde" des jüdischen Glaubens eben. Frauen müssen damals ein Stück weiter draußen bleiben, in einem weiteren Vorhof. Noch weiter draußen bleiben müssen die Heiden, die, die nicht an den jüdischen Gott glauben -- den einen, unsichtbaren Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erde.

Draußen bleiben muss auch der Mann, von dem wir in der heutigen Textlesung gehört haben. Ein gelähmter Bettler sitzt an dem prächtigen Torbogen, der zu den inneren Torhöfen führt. Durch dieses "schöne Tor" drängen sich mehrmals täglich zu den Gebetszeiten Massen von Gläubigen. Ein guter Ort, um um Almosen zu bitten. Ein furchtbarer Ort, wenn man gezwungen ist, jeden Tag dort zu verbringen. Der gelähmte Mann darf gar nicht weiter hinein in den Tempel. Seine Behinderung haftet an ihm wie ein Makel. Und zu Gott, da ist man sich sicher dort in Jerusalem, dürfen nur vollkommene Menschen kommen.

Der Bettler am Schönen Tor ist ein gewohnter Anblick. Er sitzt ja immer dort, wenn die Leute kommen. Geschäftig eilen sie an ihm vorbei. Manchmal klappert im Vorbeigehen eine Münze, schnell hingeworfen um das Gewissen zu beruhigen. Dann ist der Geber auch schon wieder weg. Den gelähmten Bettler beachtet keiner weiter. Er ist ja auch nicht wichtig. Unbrauchbar. Nutzlose. Ungewollt. Wie ein geknicktes Schilfrohr.

Nur an diesem Tag nicht: Plötzlich stockt der Fluß der Menge. Zwei Männer sind stehengeblieben. Sie sehen den Bettler an. Warum eigentlich? Was gibt es da zu sehen? Weiterlaufen! Wir haben es doch alle eilig!

"Silber und Gold habe ich nicht", hört man Petrus sagen. "Aber was ich habe, gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi von Nazareth, steh auf und geh!" Und dann ist plötzlich Trubel im Innenhof des Tempels. Ein nicht mehr gelähmter Mann hüpft und springt und jubelt und erzählt jedem der es hören kann, was gerade geschehen ist. Drinnen. Im Tempelhof. Dort darf er jetzt hin. Er gehört jetzt dazu. Er ist jetzt plötzlich auch jemand.

Bei Gott hat er immer dazu gehört. Als ihn keiner beachtet hat, hat Gott ihn längst gesehen. Liebevoll hat er ihn angeblickt. Ein geknicktes Rohr, ja. Aber das macht ihn nicht nutzlos in Gottes Augen. Als geliebter Mensch, im Ebenbild Gottes geschaffen, ist er wertvoll, wie alle anderen auf. Und Gott zerbricht geknickte Rohre nicht. Er richtet sie auf.

Allein in Tailfingen

Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus,

Auch in Tailfingen gibt es geknickte Rohre. Menschen, die von den Stürmen des Lebens umgehauen wurden. Die vielleicht oft noch einmal wieder aufgestanden sind. Vieles durchgemacht haben. Und dann war es irgendwann einmal zuviel. Ein Knacken war zu hören im Leben. Und als sich die Wolken teilten und die Sonne auf alle anderen zu scheinen schien, war hier nur noch ein geknicktes Schilfrohr übrig.

Hier bei uns gibt es Menschen, die sich nutzlos fühlen. Ungewollt. Unbrauchbar. Wertlos.

Von der Last des Lebens gebeugt, von der Krankheit gezeichnet, von den Sorgen gequält, von der Einsamkeit geplagt.

Geknicktes Schilfrohr. Glimmender Docht.

Deshalb müssen wir heute wieder den Propheten hören, der uns von Gott erzählt. Von Gott, der sich nicht geändert hat. Was damals galt, gilt heute noch: Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.

Nirgends zeigt uns Gott das deutlicher als in Jesus Christus. Der kommt und wird Mensch, um uns unvollkommenen Menschen ganz nahe zu sein. Er sucht nicht die Gemeinschaft der Starken, der Helden, derer, die zumindest scheinbar wie Felsen in der Brandung stehen. Er kommt, das sagt er selbst, "um zu suchen und selig zu machen, was verloren ist." "Die Gesunden bedürfen des Arztes nicht", weiß er, und er handelt entsprechend. Er gibt sich mit den Menschen am Rande der Gesellschaft ab. Mit denen, die nicht so richtig dazugehören. Er redet mit Frauen, die damals nur Bürger zweiter Klasse sind. Er segnet die Kinder, die in der Gesellschaft keine Bedeutung haben. Er heilt die Kranken, die alle schon längst aufgegeben haben. Aussätzigen, von denen sich alle fern halten, legt er die Hände auf. Er nimmt sich Zeit für die Ausländer, die kein Bürgerrecht in Israel haben. Mit stadtbekannten Sündern sitzt er am Tisch. Er hat immer Zeit für die geknickten Rohre in seiner Umgebung und die glimmenden Dochte macht er zu hellen Lichtern.

So ist Gott eben. Die Armen, die Schwachen, die Kranken, die Einsamen, die "geknickten Rohre" und die "glimmenden Dochte" haben einen ganz besonderen Platz in seinem Herzen.

Auch heute noch. Auch hier in Tailfingen.

Also vielleicht fühlst du dich wie eine oder einer davon. Vielleicht bist du hier das "geknickte Rohr".

"Tröstet, tröstet mein Volk", sagt Gott auch heute.

Und er sagt es gerade dir zu: Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.

In Gottes Augen bist du unendlich wertvoll. Gesehen. Und geliebt.

Sei gesegnet!

Amen.

 

 

Predigttext

Jesaja 42,3

In aller Kürze

Was sich seit Jesajas Zeit immer noch nicht geändert hat: Die Armen, die Schwachen, die Kranken, die Einsamen, die "geknickten Rohre" und die "glimmenden Dochte" haben einen ganz besonderen Platz in Gottes Herzen.

Über Christoph

Christoph Fischer (* 1978) ist Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg auf der Pfarrstelle „Erlöserkirche“ in Albstadt-Tailfingen.

Christoph ist verheiratet mit Rebecca. Gemeinsam haben sie drei Töchter.

Pfarrer