Aufnahme der Predigt (14:32)
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Die Predigt "Genügend Leben" von Christoph Fischer und alle dazu gehörigen Ressourcen (Predigtzettel, Aufnahme) sind lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz. Verwendete Bilder stehen eventuell unter eigenen Lizenzbedingungen. Ausdrücklich von der Creative Commons-Lizenz ausgenommen sind die Logos und Namen der Gemeinde, in der die Predigt gehalten wurde und ihrer Arbeitsbereiche.

Gnade mit euch und Friede von Gott dem Vater und von Jesus Christus, unserem Herrn.

"Jesus Christus spricht: Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und volle Genüge." (Johannes 10,10) Diese Zusage unseres Herrn hat Pfarrer Müller am 18. März 1945 Marianne Mayer zu ihrer Konfirmation als Denkspruch mitgegeben.

Marianne Mayer war am 20. Juli 1930 hier in Tailfingen zur Welt gekommen. Ihre Kindheit verbrachte sie mit einem Bruder und zwei deutlich älteren Halbgeschwistern im Elternhaus in der heutigen Paulusstraße. Die Pauluskirche ganz in der Nähe war ihr ein vertrauter Ort und auch noch im hohen Alter ein wichtiger Fixpunkt, an dem sich viele Erinnerungen festmachten.

"Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben ...", sagt Jesus Christus, als Zuspruch zu der jungen Marianne. Ja, aber was für ein Leben?

Da gibt es die schönen Erinnerungen an die Kindheit, an's "Hundle", den weißen Spitz. Und an den Vater, in Tailfingen als "Auto-Johann" bekannt, einen Fuhrunternehmer, dessen Stolz das erste Auto in Tailfingen war. Aber da ist -- wie sollte man es bei einer 1930 geborenen anders erwarten -- auch die Erinnerung, ein Kriegskind zu sein. Für die Soldaten gestrickt zu haben. Schon früh musste man in diesen schwierigen Zeiten aus dem Haus und mit anpacken -- mit 13 schon in eine der Tailfinger Fabriken. Beim "MC", "Martin Conzelmann", einer der größten Firmen am Ort, war die junge Marianne schon früh mit an der Arbeit. Hier lernte sie, wie viele andere Tailfingerinnen, den Beruf einer Näherin, den sie dann viele Jahre dort ausübte.

Eine Pause gab es erst 1960, als der Sohn Günther geboren wurde. 1956 hatte Marianne ihren Schulkameraden Rolf geheiratet. Einen Namenswechsel gab es dabei übrigens nicht, denn Rolf hieß ebenfalls Mayer und sogar der Standesbeamte war ein Maier, allerdings mit "i". Zuerst lebte das junge Paar noch einige Zeit unten in der Stadt. Marianne pflegte ihre bettlägrige Mutter. Nach deren Tod kauften sie 1965 ein Haus auf Stiegel. Marianne begann, in Heimarbeit für die Firma Hans Maute zu nähen.

"Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben ...", sagt Jesus Christus, "... das Leben, und volle Genüge." Das klingt ja spannend.

Neues bahnt sich an auf Stiegel. Im Haus der Mayers eröffnet eine Filiale der Landessparkasse. Auf der einen Seite der Wand steht Mariannes Nähmaschine, auf der sie weiter in Heimarbeit näht. Wenn es drüben klingelt, geht sie durch die Tür in die Bank, nimmt Geld entgegen, zahlt Schecks aus, und so weiter. Die gesammelten Einnahmen der kleinen Filialen darf oft der Bub, zur "Tarnung" in eine Jutetasche verpackt, hinunter in die Stadt tragen.

Diese Arbeit für die Bank wird zunehmend wichtiger. Als irgendwann die Filiale, wie so viele kleine Zweigstellen, geschlossen wird, wechselt Marianne zur Hauptstelle der Bank unten in der Stadt und steht dort am Schalter. Von der Näherin zur Bankangestellten: eine interessante Karriere. Die damit noch nicht zu Ende ist.

"Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben ...", sagt Jesus Christus, "... das Leben, und volle Genüge."

Marianne wechselt wieder den Beruf. Bei der Firma Weegen wird sie Retuschiererin im Fotolabor, später dann auch bei der Nachfolgefirma Alkopp. Sie war halt immer "ein Schafferle", erzählt man mir. Dann, nach einigen Jahren, wieder Textil: In den letzten Jahren ihres Berufslebens arbeitet sie im Büro der Firma Herter.

Zu Hause ist sie mit Handarbeit und Garten voll beschäftigt. Gestrickt hat sie schon immer, von Kind an. Dieses Hobby begleitet sie bis ins hohe Alter. Kistenweise Socken hat sie gestrickt und alle immer wieder gern damit beschenkt -- oft auch noch mit einem kleinen Extra, einem kleinen Geldbetrag, der sich dann in den geschenkten Socken fand.

Die Nachbarskinder gehen bei Marianne Mayer aus und ein. Auf viele Kinder aus der Nachbarschaft hat sie aufgepasst, ist vielen eine "Ersatz-Oma" geworden. Eine, die man liebt und der man vertraut. In ihrem Haus hängen heute noch manche Schlüssel aus der Nachbarschaft.

"Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben ...", sagt Jesus Christus, "... das Leben, und volle Genüge."

Bei all dem vielen Wechsel in dem spannenden Lebenslauf der Marianne Mayer gibt es auch Konstanten: Menschen, die sie von frühester Jugend begleiten. Ella Raible aus Bitz, vor kurzem erst verstorben, war ihr eine treue Freundin. Einen der Schulkameraden, den Rolf, hat sie geheiratet. Auch mit den anderen hält sie Kontakt, trifft sich noch im Alter wöchentlich mit ihrem Jahrgang im Café Lang. Viel haben sie gemeinsam unternommen. Marianne engagiert sich, ist Schriftführerin und hilft mit der Organisation.

"Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben ...", sagt Jesus Christus, "... das Leben, und volle Genüge."

Und irgendwann scheint dieses Leben zur Neige zu gehen. 2013 verstirbt der Ehemann, der schon vorher gelitten hat: Demenz, Parkinson, ein Oberschenkelhalsbruch, eine vermurkste Hüftoperation. Marianne pflegt, so lange sie kann. Irgendwann heißt es, Abschied nehmen.

Marianne blüht kurze Zeit noch einmal auf, findet plötzlich neue Energie. Selbst eine Weltreise könnte sie sich vorstellen.

Aber das Alter holt auch sie ein. Die beginnende Demenz macht vieles nicht mehr möglich. Selbst die Stricknadeln wollen nicht mehr wie früher. 2016, um die Weihnachtszeit, hat sie einen Unfall. Schon vorher hatte sie kaum noch das Haus verlassen. Jetzt bricht auch sie den Oberschenkelhals. Die letzte Zeit ihres Lebens ist gezeichnet von der Demenz. Meist ist sie im Bett, Gespräche sind kaum noch möglich. Es wird still um das einst umtriebige "Schafferle." In der Nacht zum vergangenen Donnerstag hat Gott sie aus diesem Leben zu sich gerufen.

"Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben ...", sagt Jesus Christus, "... das Leben, und volle Genüge."

Das Leben ist ein Geschenk. Wie kostbar es ist, wird uns oft erst bewusst, wenn es zu Ende geht. Wenn wir selbst auf das Ende zugehen oder uns das Sterben eines lieben, vertrauten Menschen daran erinnert, dass unser aller Leben begrenzt ist. Klug sei es, das zu bedenken, heißt es im 91. Psalm.

"Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben ...", sagt Jesus Christus, "... das Leben, und volle Genüge."

War das jetzt das "volle Leben", "volle Genüge"? Am Ende eines Lebens stellen sich solche Fragen. Niemand von uns kann das für Marianne Mayer beantworten. Aber wir können Gott vertrauen, der ihr in Jesus Christus genau das zugesagt hat. Der Gott, an den ich glaube -- den ich kenne --, der hält sein Wort.

Was ist das "volle Leben", "Leben und volle Genüge"? Diese Frage kann ich mir zumindest für mich selbst stellen und wahrscheinlich ist das ein Teil genau der Klugheit, von der der gerade genannte 91. Psalm spricht, wenn ich das tue. Wenn man mich am Ende meines Lebens fragt -- oder wenn ich mir selbst die Frage stelle -- will ich doch sagen können, "genügend" gelebt zu haben. Möchte es nicht bereuen, meine Lebenszeit mit banalen Nebensächlichkeiten vertan zu haben. Möchte sagen können, dass es sich gelohnt hat. Dass es das alles wert war. Dass ich "Genüge habe" an dem, woran ich mich im Rückblick noch einmal erinnern kann.

Ich denke, das wünschen wir uns doch alle. Dass nicht jeder ein Superstar oder ein Millionär wird, das ist uns bewusst. Aber "Leben und volle Genüge", das klingt schon gut. Das hätte ich schon gerne und Sie sicher auch. Wie schafft man das?

"Schaffen" ist da ja gerade für die Schwaben ein gutes Stichwort. Marianne, so habe ich mir sagen lassen, war ein "Schafferle." Das klingt gut im Ohr eines Schwaben. Sie hat etwas angepackt im Leben, hat aus nicht immer einfachen Bedingungen heraus Gelegenheiten beim Schopf gepackt und Chancen ergriffen. Von der Fabrik zur Bank, zum Fotolabor, zum Büro, zur geliebten Nachbarschaftsersatzoma. Das hat schon etwas, so eine Karriere. War es die Suche nach "dem Leben", nach der "vollen Genüge", die Marianne immer wieder antrieb? Ich weiß es nicht.

Aber ich weiß, dass der Erfindungsreichtum der Menschen groß ist, wenn es um diese Suche geht. Um den Versuch, im Leben volle Genüge zu finden. Nicht jeder kann am Schluss von sich sagen, das auch tatsächlich gefunden zu haben. Mancher findet auch nur eine Enttäuschung nach der anderen auf seiner Suche.

"Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben ...", sagt Jesus Christus, "... das Leben, und volle Genüge."

Vielleicht sollten wir uns daran erinnern lassen, gerade heute, wenn wir Abschied von Marianne Mayer nehmen. Dieses Versprechen gilt nämlich nicht nur ihr. Es gilt uns allen. Diese Zusage Jesu Christi ist Teil eines größeren ganzen. Jesus spricht davon, dass er der "gute Hirte" sei. Er beschreibt, wie er das Leben von Menschen begleitet, Anteil daran nimmt, sie umsorgen will -- ja eben, wie ein guter Hirte seine Schafe. "Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und volle Genüge.", sagt Jesus und meint damit genau diese "Schafe", die Menschen, die zu ihm gehören.

"Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe." Das hat er getan, daran erinnern uns in wenigen Wochen Karfreitag und der gekreuzigte Jesus. Der -- so unbegreiflich das oft in unseren Ohren klingt -- "für uns" gestorbene Jesus, der selbst das Leid, den Schrecken, und den Tod, der wir in dieser Welt ausgesetzt sind, auf sich nimmt. Gott, der uns in Jesus, seinem Sohn, so nahe kommt, nimmt da unsere Stelle ein. "Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe."

Und dann, natürlich, die Freude des Ostermorgens: Christus ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden! Gott hat ihn zu neuem Leben erweckt und in ihm verspricht er auch uns neues Leben.

"Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben." Das kann nur der auferstandene Christus sagen. ICH gebe ihnen Leben, und nicht nur irgendein Leben, sondern "ewiges" Leben. Das hat einen zeitlichen Charakter: Wie Christus vom Tod auferstanden ist, haben auch wir die Hoffnung, dass mit dem Tod nicht alles zu Ende ist. An seinem Tag wird er wiederkommen und die Toten zu neuem Leben erwecken -- diese Hoffnung bringt Licht in das Dunkel des Todes und des Abschiedsschmerzes.

"Ich bin gekommen, um ihnen Leben zu geben", und zwar nicht irgendein Leben, sondern "ewiges" Leben, das spricht auch über Leben, dass die Qualität der Ewigkeit in sich trägt. Nicht erst eines Tages, nach dem Tod, sondern zumindest im Ansatz schon hier und heute. In der Taufe hören wir Gottes Versprechen, dass er uns mit hineingenommen hat in Jesu Sterben und in seine Auferstehung: neues Leben, Leben mit Ewigkeitsqualität, Leben "und volle Genüge". Das ist es, was Gott verspricht. Und er löst sein Versprechen auch ein.

"Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben ...", sagt Jesus Christus, "... das Leben, und volle Genüge." Das hat er Marianne Mayer versprochen. Als guter Hirte hat er sie in diesem Leben begleitet und wir sind getrost in der Hoffnung, dass er sie auch nun im Tod in seiner Hand hält, aus der nichts und niemand sie reißen kann. Und dass er ihr an seinem Tag neues Leben schenken wird.

"Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben ...", sagt Jesus Christus, "... das Leben, und volle Genüge." Das verspricht er auch uns, die wir noch hier leben. Nehmen wir dieses Versprechen mit. Gott wird uns nicht enttäuschen.

Amen.

Predigttext

In Kürze

Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und volle Genüge.

Über Christoph

Christoph Fischer (* 1978) ist Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg auf der Pfarrstelle „Erlöserkirche“ in Albstadt-Tailfingen.

Christoph ist verheiratet mit Rebecca. Gemeinsam haben sie drei Töchter.