Hilf, dass wir ihn tun

Von der Suche und der Jagd nach Frieden

Bild: pixabay / geralt, Lizenz: CC0
Aufnahme der Predigt (15:14)
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Die Predigt "Hilf, dass wir ihn tun" von Christoph Fischer und alle dazu gehörigen Ressourcen (Predigtzettel, Aufnahme) sind lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz. Verwendete Bilder stehen eventuell unter eigenen Lizenzbedingungen. Ausdrücklich von der Creative Commons-Lizenz ausgenommen sind die Logos und Namen der Gemeinde, in der die Predigt gehalten wurde und ihrer Arbeitsbereiche.

Gnade mit euch und Frieden von Gott, unserem Vater und von Jesus Christus, unserem Herrn.

Liebe Schwestern, liebe Brüder in Christus, damit sind wir direkt beim Thema. "Friede" ist die große Überschrift über dieses Jahr--zumindest, wenn man die Jahreslosung ernst nehmen möchte. Einen Satz aus dem 34. Psalm stellt sie in unsere Mitte:

"Suche Frieden und jage ihm nach." (Psalm 34,15)

Das war es auch schon. Kurz und bündig. "Suche Frieden und jage ihm nach." Mehr braucht es gar nicht, um unser Programm für das gerade begonnene Jahr sozusagen abzustecken. Ich denke, damit werden wir genügend beschäftigt sein. Und ich bin mir sicher, wir sind damit am 31. Dezember auch noch nicht fertig. "Suche Frieden und jage ihm nach."

Echten "Schalom" muss man suchen

Vor zwei Tagen haben wir das Jahr mit einem ökumenischen Neujahrsgottesdienst in der Pauluskirche begonnen. Dort sind gleich zu Beginn die "Friedenssucher" aufgetaucht. Mit einer Lupe suchte einer den Frieden. Ein anderer suchte ihn mit einem Teleskop in den Sternen. Eine dritte versuchte, mit einem Protestplakat Frieden zu erreichen. Das sind natürlich nur theatralische Überzeichnungen. Aber sie bringen es auf den Punkt, was dieser Vers uns nahelegt: Frieden muss man suchen.

Ist dass den so? Gerade haben wir 2018 des Endes des ersten Weltkriegs vor hundert Jahren gedacht. Seit dem Ende des zweiten Weltkriegs--und damit der letzten kriegerischen Auseinandersetzung innerhalb unseres Landes--sind 74 Jahre vergangen. 74 Jahre Frieden: dafür sind wir dankbar. 74 Jahre, die unserem Land eine Entwicklung wie nie zuvor erlaubt haben. 74 Jahre, in denen Generationen heranwachsen durften, die keinen Krieg und auch nicht die damit verbundene Not kannten. 74 Jahre Ruhe. Welch ein Segen!

Dann ist ja alles in Ordnung, könnte man denken. Wir haben Frieden! Und wer den krassen Unterschied zwischen den Tagen des Kriegs und der Ruhe danach selbst miterlebt hat, der kann gar nicht anders, als zuzustimmen. Oder? So lange Frieden. Ein echter Segen Gottes.

Liebe Geschwister in Christus, wir tun gut daran, Gott für diese Jahre der Ruhe zu danken. Es ist ein Geschenk, dass unser Land so lange keinen Krieg mehr ertragen musste. Und doch glaube ich, dass wir Gott ein Stück weit Unrecht tun, wenn wir sein Reden über Frieden in diesem Vers und an vielen anderen Stellen so schnell damit abhaken. Wenn wir das tun, weisen wir dem Wort "Friede" nämlich eine Bedeutung zu, die viel zu kurz greift. Echter Friede ist mehr als nur die Abwesenheit von Krieg und Gewalt, ein Schweigen der Waffen. Das hebräische Wort "Schalom" lässt sich eigentlich kaum mit einem einzigen Begriff ins Deutsche übersetzen. "Schalom" beschreibt einen Zustand des ungetrübten Wohlergehens. Einen Zustand, in dem es kein Leid, keine Sorge, keine Tränen und keinen Mangel gibt. Einen Zustand, in dem der Mensch und die ganze Welt im wahrsten Sinn des Wortes "heil" geworden sind. "Schalom" ist ein Heilsbegriff.

Machen wir uns also auf die Suche nach "Schalom"! Da stellen wir ganz schnell fest, dass solch ein Friede nicht so einfach zu finden ist. Auch nicht 74 Jahre nach Kriegsende. Noch immer höre ich von vielen Menschen die Geschichten von damals, von dem Schrecken, dem Leid, dem Verlust von Hab und Gut, von Heimat und lieben Angehörigen. Noch immer leiden Menschen unter den Folgen von damals--und sei es, weil ihr Leben damals eine Wende nahm, von der es sich bis heute nicht erholt hat. Noch immer fließt manche Träne, wenn man zurückdenkt an diese Tage. Sieht so Friede, sieht so "Schalom" aus? Man muss ihn suchen, diesen Frieden...

Und wie sieht es erst anderswo aus, in dieser Welt, in der wir leben? Es reicht ja nicht aus, sich hinter künstlich gezogene Staatsgrenzen zurückzuziehen und sich zu freuen, dass bei uns alles gut zu sein scheint. Seit dem Kriegsende 1945 ist kein einziger Tag vergangen, an dem nicht irgendwo auf der Welt Krieg tobte. Und die Zahl der Kriege nimmt jährlich zu. Manche sind gar nicht so weit weg von uns. Sieht so Friede, sieht so "Schalom" aus? Man muss ihn suchen, diesen Frieden...

Und warum nur immer über die großen Kriege reden? Sieht es denn im Kleineren besser aus? Wenn die Politik nur noch aus Streit zu bestehen scheint--ist das Friede? Wenn die Gräben immer tiefer werden--ist das "Schalom"? Wenn trotz allen Wohlstands die Ängste der Menschen größer werden--ist das Friede? Wenn Menschen auch in unserem Land nicht genug zum Leben haben--ist das "Schalom"? Wenn Ehen zerbrechen und sich Familien zerstreiten, wenn Nachbarn erbitterte Fehden führen und Freunde zu Feinden werden--sieht so Friede, sieht so "Schalom" aus? Man muss ihn suchen, diesen Frieden...

Aber findet man ihn auch? Gibt es ihn denn, diesen wahren Frieden? Im Hebräischen ist "Schalom" ein gängiger Gruß. "Friede mit dir" ist ein Wunsch, den man dem anderen zuspricht. Ein Zeichen aber auch dafür, dass "Schalom", dieser wahre Friede eben noch nicht erreicht ist. Man muss ihn immer noch suchen. Man hat ihn noch nicht ergriffen. Oder doch?

Christus ist unser Friede

"Suche Frieden und jage ihm nach." (Psalm 34,15)

Liebe Schwestern und Brüder in Christus, ich denke, wir tun gut daran, gerade in diesen ersten Tagen des Jahres hinter dieser neuen Jahreslosung das Echo dessen zu hören, was wir gerade miteinander gefeiert haben. Noch ist Weihnachtszeit. Noch sind die Worte doch ganz frisch in unserem Ohr, die die Engel in der Nacht von Bethlehem in eine Welt hineinrufen, die damals genauso den Frieden suchte, wie wir heute:

Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen. Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens. (Lukas 2,10-14)

Da ist er wieder, der Friede! "Schalom"! Friede auf Erden verkünden die Engel auf den Feldern Judäas und sie haben auch einen Grund dafür: "Euch ist heute der Heiland geboren!" Der Heiland. Der Heil-Macher. Der Einzige, der einer kaputten Welt wieder "Schalom" bringen kann. Er ist gekommen. Nicht in einer Friedensmission der UNO. Nicht mit einem großen politischen Konzept, egal ob von rechts, links oder aus der Mitte. Nicht mit irgendwelchen Lebensweisheiten, die uns dann irgendwie alle friedlich machen. Er selbst--und nur er--ist das Geheimnis des Friedens. Das Zeichen des Friedens ist das Kind in der Krippe. Jesus von Nazareth, der Christus, der Herr. O, dass wir das Echo dieser Botschaft doch noch das ganze Jahr hörten!

Liebe Schwestern und Brüder in Christus, ich denke, wir tun genauso gut daran, hinter dieser neuen Jahreslosung auch das Echo einer alten Jahreslosung zu hören. Bereits vor 25 Jahren, 1994, hat uns ein Satz aus dem Epheserbrief des Apostel Paulus an dieselbe Wahrheit erinnert: "Christus ist ist unser Friede" (Epheser 2,14). Und eben dieser Jesus Christus selbst sagt von sich noch genau das selbe:

Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.  (Johannes 14, 27)

Liebe Geschwister, auch 2019 werden wir Frieden, "Schalom" suchen müssen. Er wird uns nicht einfach zufallen. Aber er ist zu finden. Lasst uns immer daran denken, dass es nur einen Ort gibt, wo es sich zu suchen lohnt: "Christus ist unser Friede." Er ist unser Schalom.

Hilf, dass wir ihn tun...

"Suche Frieden und jage ihm nach." (Psalm 34,15)

Christus ist unser Friede. Nur bei ihm finden wir "Schalom". Dabei dürfen wir aber auch nicht vergessen, dass dieser Christus nicht irgendeine abstrakte Figur ist. Er ist nicht "irgendwo" weit weg. Ihn zu suchen heißt nicht etwa, sich von dieser friedlosen Welt in eine tiefe, geistliche Stille zurückzuziehen und dort zur Ruhe zu kommen. Im Gegenteil: Wenn wir uns das Kind in der Krippe zum Zeichen nehmen, wie der Engel sagt, dann sehen wir, dass Gott in Christus ja mitten in diese Welt gekommen ist. "Friede auf Erden", rufen die Engel zu Recht, denn dieser Christus, dieser Friede, ist hier bei uns angekommen. Das haben wir doch gerade erst an Weihnachten gefeiert! Und das gilt auch noch, wenn der Weihnachtsbaum längst wieder abgebaut ist.

Christus, der Friede, ist heute noch unterwegs in dieser Welt. In uns, in anderen Menschen. Es gilt, seine Friedensspuren zu entdecken. Und dann: selbst in seine Fußstapfen zu treten, um seinen Frieden weiterzutragen. "Selig sind die Friedensstifter". So beschreibt Christus selbst die, die ihm nachfolgen. Die Friedenssucher, die bei ihm Frieden finden. Die Friedensfinder also. Das sind wir. Christus ist unser Friede! Die Friedensfinder werden nun zu Friedensstiftern. Von ihnen--das heißt: von uns--soll der Friede weitergehen in die Welt.

Ein bekanntes Segenslied bringt das, glaube ich, ganz gut auf den Punkt: "Komm, Herr, segne uns." Dort heißt es in der dritten Strophe:

Frieden gabst du schon, Frieden muss noch werden,
wie du ihn versprichst uns zum Wohl auf Erden.
Hilf, dass wir ihn tun, wo wir ihn erspähen -
die mit Tränen säen, werden in ihm ruhn.

"Hilf, dass wir ihn tun, wo wir ihn erspähen." Das könnte unser Programm für 2019 sein. Frieden suchen. Frieden in Christus finden. "Erspähen", wo er bereits wirkt in dieser Welt. Und dann mit anpacken, "den Frieden tun" und selbst zum Friedensstifter werden.

"Suche Frieden und jage ihm nach." (Psalm 34,15)

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

 

Predigttext

Psalm 34,15

In aller Kürze

"Suche Frieden und jage ihm nach." lautet die Jahreslosung für 2019. Warum Friede nicht einfach erscheint, wie man ihn jagt und was die Fortsetzung von Weihnachten ist, damit beschäftigt sich diese Predigt.

Hauptpunkte der Predigt

  1. Echten "Schalom" muss man suchen
  2. Christus ist unser Friede.
  3. Ich kann seinen Frieden weitergeben.

Fragen zur Vertiefung

Zu dieser Predigt hat Christoph eine Reihe von Fragen hinterlegt, die in der Kleingruppe zur Vertiefung weiter besprochen werden können:

  1. Wo fehlt dir der Friede?
  2. Wie kannst du in Christus Frieden finden?
  3. Wo "findest" du seinen Frieden und wie kannst du ihn "tun"?

Über Christoph

Christoph Fischer (* 1978) ist Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg auf der Pfarrstelle „Erlöserkirche“ in Albstadt-Tailfingen.

Christoph ist verheiratet mit Rebecca. Gemeinsam haben sie drei Töchter.

Pfarrer