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Aufnahme der Predigt (14:09)
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Die Predigt "Im Dunkeln singen" von Christoph Fischer und alle dazu gehörigen Ressourcen (Predigtzettel, Aufnahme) sind lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz. Verwendete Bilder stehen eventuell unter eigenen Lizenzbedingungen. Ausdrücklich von der Creative Commons-Lizenz ausgenommen sind die Logos und Namen der Gemeinde, in der die Predigt gehalten wurde und ihrer Arbeitsbereiche.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!

Liebe Brüder und Schwestern in Jesus Christus,

Wenn heute draußen die Sonne hell scheint, da kann man gut singen. Da kommt einem Paul Gerhards Text in den Sinn: "Geh aus, mein Herz, und suche Freud in dieser schönen Sommerzeit." Da geht einem das Herz auf und das hört man dann auch im Gesang, dass die Freude durchdringt.

Aber noch liegen die trüben Tage nicht weit zurück. Am Anfang der Woche sah es ganz anders aus. Grau und schwer wolkenverhangen zeigte der Himmel keinen Sonnenstrahl, um unser Herz zu erfreuen. Da ist einem dann gleich weniger zum Singen zu Mute. Noch weniger, wenn es im Leben auch so aussieht: grau und schwer wolkenverhangen. Wenn der Mut fehlt und die Freude am Leben, wenn alles trüb und kalt wirkt. Dann will keiner Singen. Und erst recht nicht in den richtig dunklen Stunden, in denen man kaum noch die Hand vor den Augen sehen kann; in denen die Hoffnung erstorben scheint und die Kraft fehlt zum nächsten Schritt. Da sind wir dann weit weg von "Geh aus, mein Herz, und suche Freud".

Sicher kennen Sie alle diese Momente. Das Leben bringt sie mit sich, die Tiefen genauso wie die Höhen. Jeder von uns kennt die trüben Tage und die dunklen Nächte; kennt das, was der 23. Psalm als das "finstere Tal" bezeichnet. Die Momente, in den Licht und Lebensfreude ganz weit weg von uns scheint. Das Dunkel. Die Nacht.

Nacht war es auch in der Stadt Philippi, an der makedonischen Mittelmeerküste. Nacht nach einem langen Tag, einem ereignisreichen Tag. Am Morgen noch war die ganze Stadt auf den Beinen gewesen, um etwas von den spektakulären Ereignissen mitzubekommen, über die jeder redete. Fremde Männer waren vor einigen Tagen in die Stadt gekommen und hatten angefangen, überall von einem fremden Glauben zu reden. Von nur einem Gott, einem unsichtbaren noch dazu. Und von einem Sohn dieses Gottes, der Mensch geworden war in einer abgelegenen Provinz des römischen Reiches und dem man gewaltige Wundertaten nachsagte. Einem Gottessohn, der dann verhaftet worden war und den man als Verbrecher auf die grausamste Art und Weise hingerichtet hatte. Seltsam klang das alles in den Ohren der gebildeten Bürger von Philippi; aber doch seltsam interessant und die fremden Männer hatten rasch ihre Zuhörerschaft gefunden. Dann, an diesem Morgen, so hörte man, war etwas unglaubliches passiert: Eine stadtbekannte Frau, der man nachsagte, sie sei von Dämonen besessen, war den Männern gefolgt. Im Namen ihres Gottes sprachen sie diese Frau frei von ihrer Gebundenheit und -- hier überschlugen sich die Stimmen der Berichterstatter förmlich -- dann wurde sie in einem einzigen Moment vollkommen geheilt. -- Wortloses Staunen -- Doch damit hatten die Ereignisse des Tages überhaupt erst begonnen: Aus der wundersamen Heilung entwickelte sich ein Rechtsstreit. Die Frau, die geheilt worden war, war nämlich eine Sklavin, deren Besitzer sich überhaupt nicht erfreut gezeigt hatten. Kurz, die Dinge namen ihren aufregenden Lauf und am Ende des Tages, als sich die Nacht über Philippi senkte, saßen die fremden Männer, Paulus und Silas mit Namen, als verurteilte Verbrecher im örtlichen Gefängnis. Und es wurde Nacht. Eine ungemütliche Nacht für diese beiden, eingespannt mit Händen und Füßen in einem Holzblock.

Nacht war es auch für den Wärter des Gefängnisses. Vielleicht hat er sich noch einmal zufrieden in seinem Bett umgedreht, als er an die Ereignisse des Tages dachte. An die zwei neuen Gefangenen. Seltsame Typen. Aber jetzt war Nacht. Nachtruhe. Alle Gefangenen hinter Schloß und Riegel. Sein Tagwerk war getan. Er konnte zufrieden sein. Und ruhig. Wie auch die Gefangenen, von denen die meisten schon schliefen. Bis auf die zwei Neuen nciht. Die hörte man noch singen. Seltsam. Aber sollen sie halt singen. Die hören schon noch auf.

Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobten Gott. Und es hörten sie die Gefangenen.
Plötzlich aber geschah ein großes Erdbeben, sodass die Grundmauern des Gefängnisses wankten. Und sogleich öffneten sich alle Türen und von allen fielen die Fesseln ab.
Als aber der Kerkermeister aus dem Schlaf auffuhr und sah die Türen des Gefängnisses offen stehen, zog er das Schwert und wollte sich selbst töten; denn er meinte, die Gefangenen wären entflohen.
Paulus aber rief laut: Tu dir nichts an; denn wir sind alle hier!
Der aber forderte ein Licht und stürzte hinein und fiel zitternd Paulus und Silas zu Füßen.
Und er führte sie heraus und sprach: Ihr Herren, was muss ich tun, dass ich gerettet werde?
Sie sprachen: Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig!
Und sie sagten ihm das Wort des Herrn und allen, die in seinem Hause waren.
Und er nahm sie zu sich in derselben Stunde der Nacht und wusch ihnen die Striemen. Und er ließ sich und alle die Seinen sogleich taufen
und führte sie in sein Haus und bereitete ihnen den Tisch und freute sich mit seinem ganzen Hause, dass er zum Glauben an Gott gekommen war.

Sie singen im Dunkeln. Wer kann das begreifen? Sie singen im Dunkeln, in der Finsternis. Im Gefängnis, an Händen und Füßen gefesselt. Wer kann da singen? "Du, meine Seele, singe..." in so einer Situation? Wer kann das verstehen?

Es sind keine Lieder aus einem wahnsinnigen Delirium, das die Hoffnung aufgegeben hat. Es sind keine verzweifelten Mutmachlieder, die eine niedergeschlagene Seele irgendwie wieder hochziehen sollen. Es sind Loblieder, die da aus dem Gefängnis dringen. "Du, meine Seele, singe..." gab es noch nicht. Aber vielleicht einige der vielen Psalmen, die das Lob Gottes verkünden -- auch und gerade in Zeiten der Not und der Bedrängnis. Befreiungslieder vielleicht, einige der vielen, die von dem Gott verkünden, der Israel aus Ägypten geführt hatte, durch das Rote Meer und gegen den Widerstand des Pharao. Vielleicht war auch der 23. Psalm dabei: "Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir. Dein Stecken und Stab trösten mich."

"Und ob...". "Und ob ich schon sitze im finsteren Gefängnis." "Und ob ich schon in meinem Bett liege und keine Ruhe finde, weil mich die Sorgen nicht einschlafen lassen." "Und ob mich schon Sorgen quälen, und Schmerzen, oder der Verlust eines lieben Menschen, oder all die Fragen, wie es weitergehen wird, mit mir." "Und ob ich mich schon ganz einsam fühle, vielleicht sogar von keinem mehr geliebt." Die Gebete und Lieder des Glaubens klammern diese Gefühle und Fragen nicht aus. Sie geben ihnen sogar eine Stimme. Aber es ist eine seltsame Stimme. Eine hoffnungsvolle Stimme mitten in der Nacht des Lebens. Eine Stimme, die von Gott singen kann, auch wenn noch alles dunkel ist.

Viele solcher Stimmen haben schon gesungen:

  • Dietrich Bonhoeffer, dessen bekanntes Lied "Von guten Mächten" im Angesicht des Todes im KZ entstanden ist.
  • Nelson Mandela, dessen Freiheitsbewegung man das Singen verbat, weil man fürchtete, es würde die Menschen noch mehr zusammenbringen und dann eine Revolution starten.
  • Paul Gerhard, der nach der Not des dreißigjährigen Krieges, nach Pest und Krankheit und großem Leid, das er erlebt hatte, noch glaubensvoll singen kann: "Befiehl du deine Wege."
  • Viele unbekannte Menschen, die immer wieder erleben durften, wie in Trauer und Leid und Sorge beim Singen die Schwere von ihnen abzufallen schien.

Im Dunkeln singen. Im Dunkeln Gott loben. Die Lieder des Glaubens sind Ausdruck der Hoffnung, die sich auf Gott verlässt, auch wenn man ihn noch nicht sieht. Deshalb: Singen sie! So viele von Ihnen kennen die Lieder des Glaubens, mit denen Sie aufgewachsen sind, auswendig. Singen Sie! Gemeinsam und alleine, hier im Gottesdienst, draußen im Café, oben auf dem Gang oder allein in ihrem Zimmer. Singen Sie sich das Licht ins Herz und die Dunkelheit vom Leib. Singen Sie von der Hoffnung, auch wenn es um Sie dunkel ist! Singen Sie!

In Philippi bebt dann plötzlich die Erde. Die Ketten fallen ab und die Türen des Gefängnisses springen auf. Gottes Macht durchdringt die Dunkelheit und das Licht der Hoffnung scheint mitten in diese Nacht hinein. Es waren nicht die Lieder, die das gemacht haben. Das Singen hat keine magische Wirkung. Gott selbst hat gehandelt, mit oder ohne Singen. Er ist das Licht in der Nacht. Die Lieder haben das nur vorweggenommen. Noch bevor es hell wurde, noch bevor sich die Türen öffneten, noch in Ketten und eingeschlossen haben die Singenden geahnt, dass es sich lohnt, auf Gott zu vertrauen. Sie haben ihr Vertrauen gesungen und ihre Hoffnung. In ihren Herzen wurde es hell, auch als draußen noch nichts zu sehen war. Und dann kam Gott und machte die Hoffnung zur Gewissheit, das Geahnte zum Gewussten, das Geglaubte zur Realität.

Und noch mehr ist geschehen in Philippi, in dieser Nacht. Aus der Zufriedenheit seiner Bettruhe wurde der Gefängniswärter jäh ins Chaos gestürzt. Ein Erdbeben. Türen springen auf. Gefesselte werden entfesselt. Wenn man Gefängniswärter ist, ist das keine gute Nachricht! Völlig außer sich sieht er all seine Sicherheit dahinschwinden, sieht im Geiste schon ein leeres Gefängnis vor sich, sieht sich selbst als Versager vor der Richterbank, ahnt schon die kommende Strafe für den, der im Bett lag, während die Gefangenen flohen. Schon zieht er sein Schwert, um seinem verzweifelten Leben ein Ende zu machen. Da fällt sein Blick auf das leer geglaubte Gefängnis. Und er sieht...

Er sieht Singende. Er sieht Menschen, die von der Hoffnung gepackt sind, deren Vertrauen auf Gott sich gelohnt hat. Er sieht die, die schon im Dunkel gesungen haben und jetzt, befreit, erst recht Gott loben. Diese Singenden retten sein Leben.

Am Ende ist der Bericht aus Philippi eine Evangeliumsgeschichte. Das Leben dieses Mannes wird völlig verändert. "Was muss ich tun, um gerettet zu werden?" "Glaube an Jesus, den Herrn, und du wirst gerettet werden, du und dein Haus." Der Glaube hat sich in sein Herz gesungen. Die Hoffnung hat auch bei ihm Wurzeln geschlagen. Jetzt kann er mitsingen. Ein Fest beginnt.

Liebe Schwestern und Brüder,

singen auch wir mit. Singen wir die Hoffnung wieder neu in die trüben Tage und die dunklen Nächte hinein. Unser Gott, den wir loben, ist heute noch der selbe, der er in Philippi war. Lasst uns ihn loben -- selbst dann, wenn wir manchmal noch gar nichts lobenswertes sehen. Lasst uns trotzdem schon davon singen. Es wird uns verändern und manch andere um uns herum vielleicht auch.

Also singt!

Amen.

Predigttext

Apostelgeschichte 16,23-34

In Kürze

Wer Gott vertraut, kann auch in dunklen Stunden singen. Bevor etwas von Gottes Hilfe zu sehen ist, macht sich Hoffnung schon im Herzen breit. Und weil Gott gut ist, wird die Hoffnung nicht enttäuscht: noch mehr Grund, zu singen!

Über Christoph

Christoph Fischer (* 1978) ist Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg auf der Pfarrstelle „Erlöserkirche“ in Albstadt-Tailfingen.

Christoph ist verheiratet mit Rebecca. Gemeinsam haben sie drei Töchter.