Immer mehr von dir

Abschied vom inneren Schweinehund

28.10.2018, 09:15 Uhr, Peterskirche Tailfingen: Gottesdienst zum 22. Sonntag nach Trinitatis
28.10.2018, 10:30 Uhr, Gemeindezentrum Stiegel: Gottesdienst zum 22. Sonntag nach Trinitatis
Aus der Reihe: Trinitatiszeit 2018 (IV)
Bild: pixabay / suju, Lizenz: CC0
Aufnahme der Predigt (16:01)
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Die Predigt "Immer mehr von dir" von Christoph Fischer und alle dazu gehörigen Ressourcen (Predigtzettel, Aufnahme) sind lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz. Verwendete Bilder stehen eventuell unter eigenen Lizenzbedingungen. Ausdrücklich von der Creative Commons-Lizenz ausgenommen sind die Logos und Namen der Gemeinde, in der die Predigt gehalten wurde und ihrer Arbeitsbereiche.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, dem Vater und von Jesus Christus, unserem Herrn.

Liebe Schwestern, liebe Brüder: "Immer mehr von dir" haben wir gesungen. Ein Waldheimlied. Ein Klassiker. Ein Lied, das ich voll Begeisterung mitsingen kann--auch, weil es einen Herzenswunsch zum Ausdruck bringt: Immer mehr von dir, mein Herr Jesus Christus, soll in meinem Leben sichtbar sein. Denn in ihm, diesem Jesus, zeigt sich mir Gott nicht nur selbst am besten. Nein, in ihm gibt er mir auch ein leuchtendes Vorbild für mein Leben. Ihm möchte ich gerne nacheifern. Ihm möchte ich gerne immer ähnlicher werden. "Immer mehr von dir."

Nur ist das in der Realität gar nicht immer so einfach. Warum, das versteht jeder, der schon irgendeinmal gute Vorsätze gefasst hat. Weißt du noch, was du dir am 1. Januar für das neue Jahr vorgenommen hast? Nein? Nicht so schlimm: Am 28. Oktober ist das ja auch schon lange her! Oder doch? Und wie viel hast du davon tatsächlich umgesetzt?

Auf die folgende Passage aus dem "Tagebuch eines frommen Chaoten" meines Lieblingsautors Adrian Plass bin ich diese Woche wieder gestoßen:

Mittwoch, 1. Januar

1.30 Uhr. Anne schläft längst. Ich nicht. [Zahnschmerzen!] Mein Gebiß steht in Flammen!

Da kann ich auch gleich meine Vorsätze fürs neue Jahr schriftlich niederlegen:

(1) Jeden Morgen werde ich Anne eine Tasse Tee ans Bett bringen. Sie verdient es.

(2) Jeden Morgen werde ich Stille Zeit halten, nachdem ich Tee gemacht habe. Werde Gott mehr von meiner Zeit schenken. Er verdient es.

10 Uhr (bei der Arbeit): Entsetzlich! Bin hundemüde, nachdem ich noch so lange auf war und über meinen Vorsätzen gebrütet habe. Vergaß, den Wecker zu stellen, so daß wir alle verschlagen haben. Anne war auf 100. [Mein Sohn] Gerald grinste auf seine unnachahmliche Weise, die einen auf die Palme treiben kann. Zu spät im Geschäft. Keine Stille Zeit.

Zahnschmerzen entsetzlich, aber ich spüre, dass der Herr zu mir sagt: "Ich will dich heilen. Geh nicht zum Zahnarzt!" Gebet ist dran. (Nehme Schmerztabletten, bis Gebet erhört.)

Donnerstag, 2. Januar

Zahnschmerzen SCHLIMM!!! Frau häßlich. Sohn lächerlich. Gott nicht-existent. Stille Zeit? Tee am Bett? Ha! Warum heilt Gott meinen Zahn nicht, wenn er doch angeblich so wunderbar ist? Hosentaschen voller zerknüllter Aspirin-Schachteln. Fürchte, Anne schöpft Verdacht.

Ja, so kann es gehen. Kommt dir das eventuell ein wenig bekannt vor? Also mir schon!

Dabei sind wir übrigens in guter Gesellschaft. Das Problem scheint weltweit bekannt zu sein. Und selbst so vorbildhafte und heilige Menschen wie der biblische Apostel Paulus sind davon nicht ausgenommen. Aus dem siebten Kapitel seines Briefs an die Gemeinde in Rom stammt der heutige Predigttext:

[W]ir wissen, dass das Gesetz [Gottes] geistlich ist; ich aber bin fleischlich, unter die Sünde verkauft. Denn ich weiß nicht, was ich tue. Denn ich tue nicht, was ich will; sondern was ich hasse, das tue ich. Wenn ich aber das tue, was ich nicht will, stimme ich dem Gesetz zu, dass es gut ist.  So tue ich das nicht mehr selbst, sondern die Sünde, die in mir wohnt.
Denn ich weiß, dass in mir, das heißt in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt. Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht. Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich. Wenn ich aber tue, was ich nicht will, vollbringe nicht mehr ich es, sondern die Sünde, die in mir wohnt.
So finde ich nun das Gesetz: Mir, der ich das Gute tun will, hängt das Böse an. Denn ich habe Freude an Gottes Gesetz nach dem inwendigen Menschen. Ich sehe aber ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das widerstreitet dem Gesetz in meinem Verstand und hält mich gefangen im Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern ist.
Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem Leib des Todes?

Ehrlich mit mir selbst: Ich schaffe es nicht!

"Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht." Wie gut kann ich mich in diesem Satz wiederfinden! Am Wollen, am Wissen, an den guten Vorsätzen scheitert es meistens nicht. Ob es ums früh aufstehen geht, oder ums einen höflicheren Umgang mit dem nervigen Bekannten, um mehr Sport, bessere Ernährung oder das nicht ewige Aufschieben der Aufgaben, die mir manchmal lästig sind: Ich weiß schon, was richtig ist. Ich nehme es mir auch oft genug ganz fest vor. Aber am Ende tue ich doch oft das Gegenteil von dem, was ich eigentlich weiß, dass es richtig wäre.

Auch wenn es um das Leben nach Gottes guten Ordnungen geht, scheitere ich nicht daran, dass ich diese nicht kenne. "Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott." (Micha 6,8). Das klingt ganz einfach. Wenn nur die Umsetzung nicht immer so schwierig wäre!

Schon vier Kapitel vorher hat Paulus in seinem Römerbrief festgestellt: "[Die Menschen] sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie vor Gott haben sollen." Warum? Weil es am Wollen nicht fehlt. Aber weil wir an der Umsetzung scheitern. Wir schaffen es einfach nicht!

Halte diesen Gedanken mal einen Augenblick lang fest: "Ich schaffe es nicht!" Denn ich werde heute morgen behaupten, dass diese Einsicht der erste Schritt zu einer Lösung des Problems sein könnte. Ich muss ehrlich mit mir selbst sein: Ich schaffe es nicht! Nur wer bereit ist, diesen Schritt zu gehen, der kommt in dieser Sache weiter. Denn wenn ich ehrlich mit mir selbst bin, bereit, mir einzugestehen, dass ich eben kein toller "Do-it-yourself-Christ" bin, dann merke ich auch, dass ich Hilfe brauche. Mit den Worten des Apostels: "Ich elender Mensch. Wer wird mich erlösen von diesem Leib des Todes?"

Befreit vom „inneren Schweinehund“: Ich muss es nicht schaffen.

Und da kommt er auch schon: Des Menschen bester Freund und Gefährte, das Lieblingstier aller hilflosen Versager. Darf ich vorstellen: Canis porcinus interior, zu deutsch: der "innere Schweinehund." Nur in der deutschen Sprache vorhanden, umfasst sein Lebensraum die ganze Welt. Ob auf der Fernsehcouch, beim Einkaufen, bei den Hausaufgaben oder beim Müll rausbringen--überall, wo Menschen sind, ist der canis porcinus nicht fern. Als typischer Kulturfolger hat er sich in Lebenszeit, -rhythmus und -stil genau den Menschen angeglichen. Mit anderen Worten: Ich habe ihn immer dabei. Und es hat wohl Vorteile, im Besitz eines canis porcinus zu sein: Immer da, wo ich wieder einmal meinen eigenen Standards, den Erwartungen der anderen oder gar den guten Lebensordnungen Gottes nicht gerecht werde, kann ich es auf den "inneren Schweinehund" schieben. Wenn der nicht wäre, ja, dann wäre ich der vorbildlichste Mensch, der je über die Erde ging.

Entsprechend hat sich rund um unser aller Haustier auch eine ganze Motivationsindustrie entwickelt. Den "inneren Schweinehund überwinden", sei das Zauberrezept, so heißt es. Wer die Bestie dann bezwungen und niedergerungen habe, der sei frei zu einer geradezu heldenhaften Lebensführung, wird uns zumindest suggeriert. Nur: Mein canis porcinus scheint ganz schön stark zu sein. Das Biest wehrt sich mit aller Macht! Und, ehrlich gesagt, kenne ich niemanden, der wirklich mit ihm fertig geworden scheint. Was also nun?

Zurück zu Paulus. Der sucht den Ausweg nicht beim "inneren Schweinehund." Die Frage "Wer wird mich erlösen von diesem Leib des Todes?" hat nämlich eine Antwort, die ich beim ersten Lesen des Textes unterschlagen habe: "Dank sei Gott durch Jesus Christus, unsern Herrn!" ruft der Apostel im nächsten Satz aus.

Hier steckt die gute Nachricht verborgen: Der Schweinehund ist tot! Der Zwang, sich irgendwie selbst überwinden und dann doch aus eigener Kraft ein guter Mensch, ein guter Christ, zu werden, ist mit Jesus Christus in der Taufe gestorben und begraben. Das ist Teil der alten Lebenswirklichkeit. Der Schweinehund ist nicht mit Christus auferstanden. Neues Leben hat er mir geschenkt, mir, ganz ohne inneres Haustier und--noch viel wichtiger--ganz ohne die Vorstellung, ich müsse mir bei Gott in "do-it-yourself-Manier" irgendetwas verdienen. "Ich schaffe es nicht." war mein ehrliches Eingeständnis im ersten Schritt. "Du musst es nicht schaffen" ist Gottes Zusage in Jesus Christus: promissio, Heilsversprechen, Evangelium! "Du musst es nicht schaffen, denn Christus hat es bereits für dich geschafft!" Er hat mich vom "inneren Schweinehund" befreit. Das Biest ist tot--und ich lebe, neues Leben, von Gott in Christus reich beschenkt.

Mehr von dir: Gottes Geist lebt schon in mir

So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind. Denn das Gesetz des Geistes, der lebendig macht in Christus Jesus, hat dich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes.

Diese Worte des Apostels, die die Überleitung in das herrliche Kapitel 8 des Römerbriefs, in das Schwärmen vom neuen Leben in Christus einleiten, sind eben nicht, wie man erwarten könnte, Ergebnis eines heldenhaften Lebenskampfs, einer asketischen Selbstüberwindung, von geistlich-preussischer Disziplin und bezähmten Schweinehunden. Die Feststellung, dass ich in Christus freigesprochen bin von Verdammnis und Zwang, von lähmender Pflicht und dem damit verbundenen ständigen Versagen--diese Feststellung ist nicht der Endpunkt, sondern der Ausgangspunkt meines neuen Lebens. Befreit und erneuert hat Gott mich ganz neu aufgestellt. Jetzt bin ich ohne "inneren Schweinehund" am Start--aber mit Gottes Geist, der in mir lebt. Das "mehr von dir" muss ich mir nicht erarbeiten. Ich bekomme es von Gott geschenkt! Gottes Geist lebt schon in mir!

Doch aufgepasst: Noch sind längst nicht alle canes porcini tot. Sie begegnen mir immer noch an allen Ecken. Mit ihren treuherzigen Hundeaugen schauen sie mich an. Sie wedeln mit ihrem kessen Ringelschwänzchen und wollen mir sagen: "Nimm mich mit! Lass mich dein Haustier sein! Ich will dich treu begleiten und immer da sein, wohin du auch gehst." Aber ich habe das Spiel durchschaut: "Du musst! Du sollst! Werde besser! Streng dich an! Leiste etwas!" werden sie mir bei jeder Gelegenheit zubellen. "Wieder versagt! Wieder nicht geschafft! Wieder eine Niederlage! Was bist du nur für ein Versager! Was bist du nur für ein schlechter Christ!" werden sie mich bei jeder Gelegenheit angrunzen.

Da lasse ich mich nicht drauf ein. Mein Schweinehund ist tot. Ich brauche keinen neuen. Der beste Platz in meinem Leben ist längst neu gefüllt: Christus selbst, durch seinen Heiligen Geist, ist jetzt mein täglicher Begleiter. Lass sie doch bellen! Lass sie doch grunzen! Ich bin geliebt, erlöst, befreit! So will ich frei mit Christus leben! Davon will ich mehr, "immer mehr" und ich bin gewiss, dass er sich mir dazu schenken will.

Und nicht nur mir. Auch dir. Uns allen. Verabschiede dich vom Schweinehund. Und lebe befreit in Jesus Christus!

Und der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat, mache auch unsere sterblichen Leiber lebendig durch den Geist, der in uns wohnt.

Amen.

Predigttext

Römer 7,14-25a

In Kürze

"Mehr von dir": Mehr mit Werten leben. Mehr Gutes tun. Mehr glauben, mehr lieben, mehr hoffen. Gott mehr in mein Leben einbeziehen. Das wünsche ich mir für mein Leben. Die Realität sieht leider oft ganz anders aus: Wenn da nur der "innere Schweinehund" nicht wäre, der mich immer wieder von meinen guten Vorsätzen abhält. Wie komme ich da weiter? Gibt es Befreiung vom "inneren Schweinehund"?

Hauptpunkte der Predigt

  1. Ehrlich mit mir selbst: Ich schaffe es nicht
  2. Befreit vom „inneren Schweinehund“: Ich muss es nicht.
  3. Mehr von dir: Gottes Geist lebt schon in mir.

Fragen zur Vertiefung

Zu dieser Predigt hat Christoph eine Reihe von Fragen hinterlegt, die in der Kleingruppe zur Vertiefung weiter besprochen werden können:

  1. Warum fällt es uns eigentlich so schwer, einfach selbst ein gutes Leben auf die Reihe zu kriegen?
  2. Wenn Gott sowieso gnädig ist, darf ich dann tun und lassen, was ich will?
  3. Wie könnte ein bewusstes Leben ohne "inneren Schweinehund", aber mit Gottes Geist, der in mir lebt, aussehen?

Lebensbezüge

Folgende Grundvollzüge glaubenden Lebens sind in dieser Predigt angesprochen:

#wundern

Kompetenzen

Mit dieser Predigt versuche ich, folgende Kompetenzen meiner Hörer weiter zu trainieren:

Über Christoph

Christoph Fischer (* 1978) ist Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg auf der Pfarrstelle „Erlöserkirche“ in Albstadt-Tailfingen.

Christoph ist verheiratet mit Rebecca. Gemeinsam haben sie drei Töchter.