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Die Predigt "Irgendwann reicht's" von Christoph Fischer und alle dazu gehörigen Ressourcen (Predigtzettel, Aufnahme) sind lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz. Verwendete Bilder stehen eventuell unter eigenen Lizenzbedingungen. Ausdrücklich von der Creative Commons-Lizenz ausgenommen sind die Logos und Namen der Gemeinde, in der die Predigt gehalten wurde und ihrer Arbeitsbereiche.

Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!

Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus,

In den letzten Tagen vor dem Ende des Kirchenjahres erinnern wir uns, das nicht nur der Jahreslauf irgendwann sein Ende erreicht. Heute, am vorletzten Sonntag des Kirchenjahres, erinnern wir uns daran, dass auch unser Leben ein Ende hat. Am Ewigkeitssonntag in der kommenden Woche erinnern wir uns an die, die dieses Jahr dieses Lebensende erreicht haben und schauen voll Hoffnung nach vorne, über die so endgültig scheinende Grenze des Todes hinaus, auf die Hoffnung, die wir in Jesus Christus haben. Heute wird parallel zu unseren Gedanken "Volkstrauertag" gefeiert: ein staatlicher Feiertag zum Gedenken an die Opfer der Kriege und das unsägliche Leid, das dadurch über unser Land kam. Das passt ganz gut zusammen. Und passend dazu lesen wir einen Vers aus dem Buch der Bibel, das mehr als alles andere das Leid dieser Welt zum Thema hat: aus dem Hiobbuch. Ich lese den Beginn des 14. Kapitels in Auszügen:

Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe,
geht auf wie eine Blume und fällt ab, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht.
Doch du tust deine Augen über einen solchen auf, daß du mich vor dir ins Gericht ziehst.
Kann wohl ein Reiner kommen von Unreinen? Auch nicht einer!
Sind seine Tage bestimmt, steht die Zahl seiner Monde bei dir und hast du ein Ziel gesetzt, das er nicht überschreiten kann:
so blicke doch weg von ihm, damit er Ruhe hat, bis sein Tag kommt, auf den er sich wie ein Tagelöhner freut.

Ach daß du mich im Totenreich verwahren und verbergen wolltest, bis dein Zorn sich legt, und mir ein Ziel setzen und dann an mich denken wolltest!
Du würdest rufen und ich dir antworten; es würde dich verlangen nach dem Werk deiner Hände.
ann würdest du meine Schritte zählen, aber hättest doch nicht acht auf meine Sünden.
Du würdest meine Übertretung in ein Bündlein versiegeln und meine Schuld übertünchen.
(Hiob 14,1-6.13.15-17)

Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus,

Irgendwann...
Irgendwann reicht's.

Irgendwann reicht's einmal mit dem Leid dieser Welt.
Irgendwann reicht's einmal mit der Vergänglichkeit dieses Lebens.
Irgendwann reicht's einmal mit harter Arbeit und oft nur Wenigem, was übrig bleibt.
Irgendwann reicht's einmal mit Krankheiten, mit körperlichen Beschwerden.
Irgendwann reicht's mit dem Alt-werden.
Irgendwann reicht's mit der Unruhe, die der Blick in die Zukunft mit sich bringt.
Irgendwann reicht's mit knappen Resourcen, mit knapper Kasse, mit knapper Zeit, und mit knappen Worten abgefertigt zu werden.
Irgendwann reicht's mit dem Undank, der der Welt Lohn ist.
Irgendwann reicht's mit den Enttäuschungen.
Irgendwann reicht's mit der Einsamkeit.
Irgendwann reicht's mit den unerfüllten Träumen, mit der unbeantworteten Sehnsucht.
Irgendwann reicht's mit all den unbeantworteten Fragen und den unbefriedigenden Antworten.
Irgendwann reicht's mit den schlechten Nachrichten.
Irgendwann reicht's mit der Not der Welt, die ich sowieso nicht lindern kann.
Irgendwann reicht's mit den Tropfen auf den heißen Stein.
Irgendwann reicht's dem Unrecht das geschieht, an mir und an anderen.
Irgendwann reicht's mit dem Unrecht, das ich tue; auch wenn ich es eigentlich gar nicht will.
Irgendwann reicht's mit den guten Vorsätzen, die nicht lange halten.
Irgendwann reicht's mit den Kämpfen des Lebens.
Irgendwann reicht's mit Allem dem.
Irgendwann reicht's.

Irgendwann...
Irgendwann reicht's jedem.
Und irgendwann reicht alles nicht mehr.

Irgendwann reicht meine Geduld nicht mehr.
Irgendwann reicht meine Kraft nicht mehr.
Irgendwann bin ich alt und grau. Und vielleicht bin ich lebenssatt, wie die Alten in der Bibel es waren.
Irgendwann habe ich mein Ziel erreicht. Oder auch nicht.
Aber irgendwann geht meine Lebenszeit zu Ende.

Irgendwann...
Irgendwann reicht's.

Irgendwann kommt der Tag, an dem das alles ein Ende hat--und eigentlich ist das gar nicht so falsch. Wie ein Tagelöhner sich auf den Feierabend freut, kann sich Hiob auf das Lebensende freuen. Eigentlich hat er ja recht. Vieles ist gut, was war und was ist, aber irgendwann kann man es dann auch gut sein lassen. Irgendwann reicht's und es ist gut, wenn dann die Ruhe kommt. Wenn die Mühe und das Leid und die Arbeit und der Schweiß und die Erwartungen und die Enttäuschungen, wenn all das ein Ende hat. Ruhe. Irgendwann reicht's. Und das ist gut so.

Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe,
geht auf wie eine Blume und fällt ab, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht. [...]
Sind seine Tage bestimmt, steht die Zahl seiner Monde bei dir und hast du ein Ziel gesetzt, das er nicht überschreiten kann:
so blicke doch weg von ihm, damit er Ruhe hat, bis sein Tag kommt, auf den er sich wie ein Tagelöhner freut.

Ruhe.
Aufatmen.
Ausatmen. Ein letztes Mal.
Irgendwann reicht's.
Ruhe.

Eigentlich denke ich ja nicht gerne an die Begrenztheit meines Lebens. Aber wenn mich Hiob zwingt, darüber nachzudenken -- hier, in meiner bequemen Situation; weit weg von dem Leid, das er erlebt -- dann stelle ich fest, dass es vielleicht doch ein Teil von Gottes großer Weisheit ist, dass alles irgendwann ein Ende hat.

Irgendwann...
Irgendwann reicht's.

Nur... hat es dann wirklich gereicht?
Ist dann wirklich das Ziel erreicht?
Hat es sich dann gelohnt zu Leben -- dann, irgendwann?
Hat es Bestand, was dann am Ende dasteht?
Hat es Bestand, wenn Gott drauf schaut?
Hat es gereicht?

Und was, wenn es nicht reicht?
Irgendwann kommt das Ende. Und dann?
Was, wenn Gott drauf schaut und die Stirn runzelt?
Was, wenn er dann sagt: "Ziel verfehlt?" (Das ist übrigens genau das, was das Wort "Sünde" im griechischen Original des Neues Testaments bedeutet.)
Was, wenn dann alles umsonst war und sinnlos und nichts wert?
Was... ja, was dann?

Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe,
geht auf wie eine Blume und fällt ab, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht.
Doch du tust deine Augen über einen solchen auf, daß du mich vor dir ins Gericht ziehst.
Kann wohl ein Reiner kommen von Unreinen? Auch nicht einer!

Irgendwann reicht's -- sagt Gott dann vielleicht.
Irgendwann reicht's -- sagt Gott dann zu mir.
Irgendwann reicht's mit meiner Geduld.
Irgendwann reicht's mit all den zweiten und dritten und neunhundersiebenundfünfzigsten Chancen, die dann doch wieder nur vermasselt wurden.
Irgendwann reicht's.

Du hattest Zeit.
Du hattest Kraft.
Du hattest meinen Schöpferatem in dir.
Du hattest mein Versprechen, immer bei dir zu sein.
Du hattest so viel. Und so viele Chancen. So viele Möglichkeiten.

Was hast du draus gemacht?
Es reicht nicht.
Und irgendwann reicht's.

So blicke doch weg von mir, dass ich Ruhe habe!
Ach, dass du mich im Totenreich verwahren und verbergen wolltest!

Aus dem Buch des Propheten Maleachi, aus dem 3. Kapitel:

Wer wird aber den Tag seines Kommens ertragen können,
und wer wird bestehen, wenn er erscheint?
Denn er ist wie das Feuer eines Schmelzers
und wie die Lauge der Wäscher.

Vom Fegefeuer sprachen die Gläubigen des Mittelalters. Vom Feuer, das all die Unreinheit und die Untaten und die Schuld des menschlichen Lebens qualvoll verbrennt.

Ach, dass du mich im Totenreich verwahren und verbergen wolltest!

"Für mich ist das Fegefeuer der Blick Gottes, der mich liebevoll anschaut und unter dessen Blick all die unansehlichen Dinge meines Lebens offenbar werden. Dieser traurige Blick aus seinen liebenden Augen." erklärten uns katholische Geschwister hier in Tailfingen erst kürzlich in einem Gespräch. Und ich kann mir vorstellen, was sie meinen.

So blicke doch weg von mir, dass ich Ruhe habe!

Ruhe.
Werde ich die haben?
Wird die mir vergönnt sein?
Wird er mir die gewähren?

Ach, dass du mich im Totenreich verwahren und verbergen wolltest bis dein Zorn sich legt,
und mir ein Ziel setzen und dann an mich denken wolltest!

Irgendwann...
Irgendwann muss doch auch der Zorn ein Ende haben. ... Oder?
Irgendwann muss es doch auch gut sein. ... Oder?
Irgendwann. ... Vielleicht. ... Hoffentlich. ... Bitte?

Kyrie eleison. Herr, erbarme dich.
Christe eleison. Christus erbarme dich.
Kyrie eleison. Herr, erbarme dich.

Erbarme dich meiner.
Irgendwann.
An deinem Tag.
An meinem Ende.
Im Gericht.

Kyrie eleison.

Du würdest rufen und ich dir antworten; es würde dich verlangen nach dem Werk deiner Hände.
dann würdest du meine Schritte zählen, aber hättest doch nicht acht auf meine Sünden.
Du würdest meine Übertretung in ein Bündlein versiegeln und meine Schuld übertünchen.

Ist das möglich, Herr?
Ist das möglich, dass dich nach mir verlangt?

So spricht der Herr, dein Gott, der dich geschaffen hat:
Siehe, ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein.
(Jesaja 43,1)

Ist das möglich, Herr?
Ist das möglich, dass du meine Schritte zählst und nicht auf meine Sünden achtest?

Barmherzig und gnädig ist der HERR, geduldig und von großer Güte.
Er wird nicht für immer hadern noch ewig zornig bleiben.
Er handelt nicht mit uns nach unsern Sünden und vergilt uns nicht nach unsrer Missetat.
Denn so hoch der Himmel über der Erde ist, läßt er seine Gnade walten über denen, die ihn fürchten.
So fern der Morgen ist vom Abend, läßt er unsre Übertretungen von uns sein.
Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt, so erbarmt sich der HERR über die, die ihn fürchten.
(Psalm 103,8-13)

Ist das möglich, Herr?
Ist das möglich, dass du meine Schuld übermalst?

So kommt denn und laßt uns miteinander rechten, spricht der HERR.
Wenn eure Sünde auch blutrot ist, soll sie doch schneeweiß werden,
und wenn sie rot ist wie Scharlach, soll sie doch wie Wolle werden.
(Jesaja 1,18)

Ist das möglich, Herr?
Kyrie eleison.
Herr, erbarme dich.

Der allmächtige Gott hat sich über euch erbarmt.
Durch Jesus Christus schenkt er euch seine Gnade
und die Vergebung eurer Schuld.
(Aus der Abendmahlsliturgie)

Irgendwann...
Irgendwann reicht's -- sagt Gott.
Irgendwann reicht's -- sagt Gott, der die Menschen liebt

Es reicht eben nicht was wir tun.
Zum Wollen fehlt das Vollbringen.
Zu den guten Vorsätzen fehlt die Kraft.
Zu einem guten Leben fehlt zu viel.
Es reicht nicht.

Irgendwann reicht's -- sagt Gott.
Und wird Mensch in Jesus Christus.
Er kommt zu uns.
Dorthin, wo es nicht reicht.

Irgendwann reicht's -- sagt Gott.
Und lädt alles auf sich.
Er nimmt alles auf sich.
Am Kreuz.

Irgendwann reicht's -- sagt Jesus Christus.
Und stirbt.
Für uns, so hören wir.

Irgendwann reicht's -- sagt Gott.
Und erweckt Jesus zu neuen Leben.
Nicht nur ihn.
Auch uns.
In der Taufe nimmt er uns in seinen Tod mit hinein.
Und in sein Leben.
Für hier und heute.
Und auch über den Tod hinaus.

Irgendwann reicht's -- sagt Gott eines Tages.
Dann wird mein Leben zu Ende sein.
Davor habe ich keine Angst.
In Jesus steht mein Ende schon fest.

Irgendwann reicht's -- sagt Gott eines Tages.
Dann wird die Welt, wie wir sie kennen zu Ende sein.
Und der, der zur Rechten des allmächtigen Vaters sitzt,
wird kommen
zu richten die Lebenden und die Toten.

Irgendwann reicht's.
Dann stehe ich vor Gott.
Dann wird mein Leben offenbar.
Alles. Nicht nur das, was ihr jetzt seht.

Es wird nicht reichen.
Nicht von mir aus.
Nicht von dem aus, was ich getan habe.
Nicht von dem aus, was ich bin.

Irgendwann reicht's -- hat Gott schon längst gesagt.
Wenn ich dann vor ihm stehe,
dann reicht's.
Nicht meins.
Aber seins.
Christus ist meine Gerechtigkeit.
Das reicht.
Irgendwann... dann.

Dann ruft er und ich antworte.
Es verlangt ihn nach dem Werk seiner Hände.
Er zählt meine Schritte, aber achtet nicht auf meine Sünden.
In Christus sind sie vergeben.
Er versiegelt meine Übertretung.
Er übertüncht meine Schuld.
Er drückt mir sein Siegel auf: Du bist mein.
Er nimmt mich in Gnade zu sich auf.

Es reicht.
Und dann: Ruhe.
Ewig.
Bei ihm.
Irgendwann...

Irgendwann kommt dieser Tag.
Irgendwann ist mein Leben zu Ende.
Irgendwann kommt sein Tag
und mein Leben geht weiter in ihm.

Bis dahin bin ich hier.
Wie lange?
Ich weiß es nicht.

Aber eines weiß ich:

Irgendwann reicht's mit der Angst vor dem Sterben.
Irgendwann reicht's mit der Angst vor dem Gericht.
Irgendwann reicht's mit der Ungewissheit, was dann kommt.
Irgendwann ist es Zeit, aus der Gewissheit seiner Gnade zu leben.

In Christus ist dieses "irgendwann" heute.
Möge er uns den Glauben dazu schenken.
Dann reicht's.

Amen.

Predigttext

Hiob 14,1-6.13.15-17

In aller Kürze

Irgendwann geht mein Leben zu Ende. Angesichts mancher Schwierigkeiten und Kämpfe in diesem Leben wäre das auch gar nicht die schlechteste Perspektive. Ruhe in Frieden... Wenn da nicht dieses Weltgericht wäre, von dem im Glaubensbekenntnis die Rede ist--und die beunruhigende Frage, ob es reicht, was ich getan habe, wenn ich eines Tages vor Christus stehe.

Fragen zur Vertiefung

Zu dieser Predigt hat Christoph eine Reihe von Fragen hinterlegt, die in der Kleingruppe zur Vertiefung weiter besprochen werden können:

  1. Was löst es in dir aus, wenn du an die Begrenztheit deines Lebens erinnert wirst?
  2. Was gibt dir Hoffnung für die Zukunft, auch angesichts der eigenen Sterblichkeit?
  3. Woran denkst du, wenn vom "Weltgericht" gesprochen wird? Was meinst du: Wie wird es dir wohl bei diesem Gericht gehen?

Über Christoph

Christoph Fischer (* 1978) ist Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg auf der Pfarrstelle „Erlöserkirche“ in Albstadt-Tailfingen.

Christoph ist verheiratet mit Rebecca. Gemeinsam haben sie drei Töchter.

Pfarrer