Mir ist Erbarmen widerfahren

Was Gottes grenzenloses Erbarmen mit meinen Beziehungen zu anderen Menschen macht

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Die Predigt "Mir ist Erbarmen widerfahren" von Christoph Fischer und alle dazu gehörigen Ressourcen (Predigtzettel, Aufnahme) sind lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz. Verwendete Bilder stehen eventuell unter eigenen Lizenzbedingungen. Ausdrücklich von der Creative Commons-Lizenz ausgenommen sind die Logos und Namen der Gemeinde, in der die Predigt gehalten wurde und ihrer Arbeitsbereiche.

Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater und von Jesus Christus, unserem Herrn!

Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen!
Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.

Wenn man die Texte für diese Woche anschaut, dann geht es in allen Stellen um unser Miteinander. Wie gehen wir miteinander um? Wie begegnen wir einander? Wie denken und reden wir übereinander? Sicher auch hier, wo Sie doch alle auf engem Raum beieinander wohnen, ein Thema, das im ganz normalen Alltag zur Herausforderung werden kann. Man kann sich ja nicht immer nur aus dem Weg gehen. Wo Menschen sich begegnen, da stehen sie vor der Frage: Was mache ich bloß mit dem Anderen?

Natürlich sind wir alle nett zueinander. Wir versuchen es zumindest. Wenn es doch nur immer so einfach wäre! Wo Menschen zusammenkommen, da reiben sie sich auch aneinander. Nicht immer ist alles eitel Sonnenschein. Da fällt einmal ein unbedachtes Wort, da ist mal jemand schlecht gelaunt, da gibt es Missverständnisse und Meinungsverschiedenheiten und unterschiedliche Charaktere. Und nicht jeder ist jeden Tag gleich gut gelaunt. Ich auch nicht. Das alles ist ja gar nicht bösartig. Das ist zunächst einmal ganz normal, wo mehr als ein Mensch sich zur gleichen Zeit am gleichen Ort befindet.

Dass man dabei auch einmal Kompromisse eingehen muss, das wissen wir alle. Und wir sind ja durchaus bereit, einander einiges zuzugestehen, um des lieben Friedens willen. Da nickt man dann doch einmal höflich zu etwas, was einem eigentlich nicht gefällt. Da lässt man jemandem den Vortritt, obwohl man selbst eigentlich die älteren Rechte hat. Da schluckt man auch einmal den eigenen Stolz herunter. Das gehört sich einfach so. Das Miteinander mit anderen Menschen haben wir alle schon ein ganzes Leben lang eingeübt. Wir kennen die Höflichkeiten, die sozialen Konventionen, das, was erwartet wird.

Aber, ich bin mir sicher, sie werden mir zustimmen, das alles hat auch seine Grenzen. Ich will mich ja schließlich auch nicht ausnutzen lassen. Ich bin ja auch nicht niemand. Ich habe ja auch meine Bedürfnisse. Ich bin dann auch mal irgendwann an der Reihe! Es kann ja nicht immer nur um die anderen gehen. Wo bleibe ich denn dann? Und jetzt habe ich schon so viel weggesteckt, so viel zugelassen, so viel akzeptiert, so oft geschluckt. Irgendwann ist dann das Fass auch voll. Und der nächste Tropfen bringt es dann zum Überlaufen. Jetzt reicht's! Bis hierher und nicht weiter. Hier ist die Grenze! Ich bin ja schließlich im Recht.

Klar bin ich das. Die Menschen, über die Jesus hier redet -- die Menschen, die ihm begegnen; die Menschen, die mir begegnen -- sind ja auch nicht ganz ohne: Blind sind sie, sagt Jesus. Sie haben noch viel zu lernen. Sie riskieren mit ihrem Verhalten sprichwörtlich "in eine Grube zu fallen." Sie haben Splitter im Auge. Den richtigen Blick auf die Realität verloren. Keinen Durchblick mehr. Da kann man dann schonmal irgendwann sagen: Jetzt reicht's! Du bringst uns noch alle ins Verderben!

Und dann kommt Jesus, mit seiner unnachahmlichen Art und ändert sanft meine Blickrichtung...

Mein Blick fällt auf mich selbst. Danke, Jesus, das hätte ich nicht gebraucht. Bin ich denn wirklich besser? Bin ich wirklich im Recht und alle anderen im Unrecht? Bin ich der Einzige, auf dessen Kosten die anderen sich ein schönes Leben machen?

Jesus legt den Finger in die Wunde: Keiner von uns kann sich über den anderen stellen. Im Zweifel fallen wir gemeinsam in die Grube. Wir sind Blinde, die Blinde führen wollen. Wir sehen zwar Splitter im Auge des anderen, aber nicht den Balken im eigenen.

"Eben mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch zumessen."

Will ich das wirklich? Wenn meine eigenen, strengen Maßstäbe für die Anderen bei mir selbst angelegt würden, wie sähe dann das Ergebnis aus? Ich befürchte, dass ich auch nicht besser abschneide als die anderen.

"Richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet.", sagt Jesus. Bildet euch kein Urteil über die Anderen. Wie oft habe ich die schon in meine sauber etikettierten Schubladen eingeordnet, habe gemeint, ich wüsste alles Wichtige über sie, hätte sie verstanden, durchschaut. So aus der Vogelperspektive quasi, von außen, von wo man alles sieht. Als könnte ich das: einen Schritt heraustun aus der Masse, drüber stehen. Weil ich ja besser bin. Das bin ich aber nicht. Recht hast du, Jesus. Und plötzlich fühle ich mich ganz klein.

Und dann kommt Jesus, mit seiner unnachahmlichen Art und ändert sanft meine Blickrichtung...

Mein Blick fällt auf Gott. Den Einzigen, der das Recht für sich beanspruchen kann. Er ist tatsächlich besser. Anders. Er steht über diesem menschlichen Klein-Klein, über unseren Befindlichkeiten und über meiner Schwäche, die Fehler nur bei den anderen zu sehen. Er hat wirklich die Vogelperspektive. Die des allwissenden Richters. Der alles sieht. Und alles weiß. Und alles gerecht beurteilen kann.

Oh weh! Dann sieht er ja auch meine Fehler. Meine Schwächen. Meine kleinen Gehässigkeiten. Meine Gedanken, die manchmal in Richtungen gehen, die keiner sonst wissen darf. Er sieht mitten hinein in mein Herz. Er kennt dort jeden Winkel. Vor dem Licht seiner Wahrheit bleibt nichts verborgen.

Oh je! Wenn Gott bei mir die Maßstäbe anlegt, die ich bei anderen gebrauche, dann bin ich hoffnungslos verloren!

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.

Barmherzig! Ja, das ist er. Barmherzig, geduldig und gnädig. Unverdient ist seine Güte für mich. Ohne dass ich etwas vorzuweisen hätte, nimmt er mich an.

Barmherzig! Es rührt sein Herz an, wenn er mich so sieht. Er möchte nicht, dass ich, sein Geschöpf, das er so liebevoll und sorgfältig geschaffen hat, so endet. Und wie sein Herz sich rührt, so bewegt er sich. Auf mich zu. Er kommt mir nahe. Er nimmt mich an. Ich gehöre ihm, ich, der ich es nicht verdient hätte. Hat er mir das nicht bereits in der Taufe versprochen? "So spricht der Herr, dein Gott, der dich erschaffen hat: Siehe, ich habe dich erlöst. Siehe, ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein."

Barmherzig! Ja, das ist er. Er legt nicht die Maßstäbe an, die ich von anderen kenne. Schon gar nicht die, die ich von mir selbst kenne.

Barm-herzig -- das ist wie bar-füßig oder bar-häuptig: Er legt die Regungen seines Herzens bloß. Ganz ungefiltert zeigt er sich: Er liebt mich. Er will mich. Er will mein Leben erfüllen, begleiten, segnen und verändern.

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.

Und dann kommt Jesus, mit seiner unnachahmlichen Art und ändert sanft meine Blickrichtung...

Mein Blick fällt wieder auf den anderen. Mein Blick, der Blick von einem, den Gott liebt. Der seine Barmherzigkeit gespürt hat, der daraus lebt und atmet, jeden Augenblick.

Mein Blick fällt wieder auf den anderen. Was, den auch, Gott?

Aber... aber... aber... das geht doch nicht! Es gibt doch Grenzen! Was ist denn nun mit der Grube, mit der Verblendung der blinden Augen, mit dem Splitter, den ich doch sehe! Das kann man doch nicht wegreden. Man kann das doch nicht ignorieren. Es gibt doch Grenzen!

Mein Blick fällt wieder auf den anderen. Gottes Blick ruht schon lange auf ihm. Voller Liebe. Voller Wärme. Voller... Barmherzigkeit.

Nein, seine Barmherzigkeit kennt keine Grenzen. Die fallen ab, mit allen anderen Hüllen und Filtern und Bedenken und Beurteilungen und Ermessensfragen, wenn Gott sein Herz ganz ungeschützt zeigt: voller Liebe für die Menschen. Nicht nur für mich. Auch für die anderen.

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.

Wie konnte ich das schon wieder vergessen?

Ich muss sie beide im Blick halten, Gott und den anderen. Und mich selbst noch dazu. Wenn ich Gottes Barmherzigkeit zu mir sehe, dann kann ich den anderen auch mit seinen Augen sehen. Barmherzig. Grenzenlos.

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.

Das müssen wir üben. Das müssen wir lernen. Das braucht eine Welt, in der Barmherzigkeit ständig enge Grenzen gezogen bekommt:

Persönliche Grenzen. Da kann ja sonst jeder kommen! Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Grenzenlos.

Finanzielle Grenzen. So viel darf es kosten, mehr nicht. Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Grenzenlos.

Organisatorische Grenzen. Barmherzigkeit gibt's nur für Mitglieder. Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Grenzenlos.

Grenzen im Mittelmeer und anderswo. Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Grenzenlos.

Vergebt, so wird euch vergeben, sagt Jesus.

Gebt, so wird euch gegeben, sagt Jesus.

Lebt aus dieser Barmherzigkeit, dann werdet ihr leben, sagt Gott, der über Barmherzigkeit nicht nur redet, sondern sie vormacht. An mir.

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.

Möge Gott mir und uns allen dabei helfen.

Amen.

Predigttext

Lukas 6,36-42

In aller Kürze

"Richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet.", sagt Jesus. Bildet euch kein Urteil über die Anderen. Wie oft habe ich die schon in meine sauber etikettierten Schubladen eingeordnet, habe gemeint, ich wüsste alles Wichtige über sie, hätte sie verstanden, durchschaut. So aus der Vogelperspektive quasi, von außen, von wo man alles sieht. Als könnte ich das: einen Schritt heraustun aus der Masse, drüber stehen. Weil ich ja besser bin. Das bin ich aber nicht. Recht hast du, Jesus. Und plötzlich fühle ich mich ganz klein.

Über Christoph

Christoph Fischer (* 1978) ist Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg auf der Pfarrstelle „Erlöserkirche“ in Albstadt-Tailfingen.

Christoph ist verheiratet mit Rebecca. Gemeinsam haben sie drei Töchter.

Pfarrer