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Aufnahme der Predigt (13:30)
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Die Predigt "Muttertrost" von Christoph Fischer und alle dazu gehörigen Ressourcen (Predigtzettel, Aufnahme) sind lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz. Verwendete Bilder stehen eventuell unter eigenen Lizenzbedingungen. Ausdrücklich von der Creative Commons-Lizenz ausgenommen sind die Logos und Namen der Gemeinde, in der die Predigt gehalten wurde und ihrer Arbeitsbereiche.

Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!

Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus,

Was für eine Zeit, in der wir leben! Eigentlich sollte uns jetzt das Thema Passion beschäftigen. Jedes Jahr um diese Zeit machen wir uns gedanklich auf, um Jesus auf dem Weg nach Jerusalem zu begleiten. Auf seinem Leidensweg. Voll Verrat und Spott und Hohn und Einsamkeit. Bis zum Tod ans Kreuz. Wir beginnen an Invokavit mit dem Landesbußtag hier in Württemberg und erinnern uns an unsere Sünde. An das, was uns von Gott trennt. An das, was Christus am Kreuz getragen hat. Ertragen hat. Für uns gestorben ist er dort, so die Botschaft von Karfreitag. Eine ernste Geschichte. Eine stille, traurige Zeit. Und dann, mitten drin kommt der Sonntag Lätare und erinnert uns daran: Bei ihm ist Freude in allem Leide. Denn für uns ist er dort gestorben. Für uns wird das Evangelium, Freudenbotschaft. Wir sind mit Gott versöhnt. Mitten im Leid dürfen wir uns freuen.

Dieses Jahr hat uns die Realität förmlich überrollt. Die wenigsten von uns denken an Jesus auf dem Weg nach Jerusalem. Viel zu sehr beschäftigt uns unsere eigene Realität. Und die heißt Corona. Heißt täglich neue Hiobsbotschaften. Heißt, förmlich eingesperrt zu sein zu Hause und nicht zu wissen, wie uns geschieht. Heißt für viele von uns Angst und Sorge: Um den Arbeitsplatz, ums wirtschaftliche Überleben, um die eigene Gesundheit und die Frage, wie das Leben wohl weitergeht. Heißt für manche von uns Einsamkeit: Allein zu Hause, abgeschnitten von den Kontakten, die sonst das Leben schön machen. Still ist es geworden und an vielen Stellen zeimlich traurig.

Freudenbotschaft

Da brauchen wir mitten drin diesen Sonntag Lätare, der uns daran erinnert: Bei Gott ist Freude in allem Leide. Da brauchen wir endlich mal wieder eine gute Nachricht. Evangelium. Und deshalb lese ich uns den heutigen Predigttext, eine Freudenbotschaft, aus dem 66. Kapitel des Buchs des Propheten Jesaja:

Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid. Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust.
Denn so spricht der HERR: Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Da werdet ihr saugen, auf dem Arm wird man euch tragen und auf den Knien euch liebkosen. Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden. Ihr werdet's sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras. Dann wird man erkennen die Hand des HERRN an seinen Knechten und den Zorn an seinen Feinden.

Freut euch! Seid fröhlich! Freut euch! Reichlich werdet ihr haben und erfreuen werdet ihr euch an der Fülle. Euer Herz wird sich freuen. Nicht nur Hoffnung wird grünen! Also freut euch!

Die Wiederholungen in diesem Text sind frappierend. Als müsse es erst einmal zu den Hörern durchdringen. Als müsse da erst eine Mauer der Verzweiflung, der Einsamkeit und der Trauer durchbrochen werden. Nun freut euch doch!

Offensichtlich war den Menschen damals auch nicht so ohne weiteres nach Freuen zumute. Wie denn auch?

Bilder zum Heulen

Von Jerusalem ist hier die Rede. Von der Hauptstadt Israels. Der letzte Teil des Jesajabuchs ist an Menschen gerichtet, die aus dem babylonischen Exil in die Heimat zurückgekehrt sind. Nach Hause, nach siebzig Jahren. Gott hat sein Volk doch nicht vergessen, ist treu geblieben. Welch ein Jubel, als es endlich wieder heimwärts geht. Umso ernüchternder ist die Ankunft dort. Die goldenen Zeiten der Erinnerung, sie sind vorbei. Das Königreich Juda ist längst Geschichte. Nach Hause, das heißt, in eine unbedeutende Provinzstadt am Rande des persischen Großreichs. Eine Ruinenstadt, ohne Stadtmauer, ohne Glanz und Gloria, in der nur noch Nachfahren der Armen von früher leben. Und Fremde. Nach Hause, das fühlt sich plötzlich nicht mehr an wie heimkommen. Man erkennt sein Land gar nicht mehr wieder. Man ist dort nicht einmal willkommen. Und als trauriges Mahnmal liegt mittendrin der Tempel in Trümmern -- einst das Zeichen der Gegenwart Gottes unter seinem Volk. Jetzt nur noch eine Erinnerung daran, dass nichts mehr ist, wie es war. Bilder zum Heulen.

Bilder aus unserer Zeit drängen sich auf. Von Idlib in Syrien, von zerbombten Häusern, wo die fehlenden Wände Einblicke in halbe Wohnzimmer geben und daran erinnern, wie schön es einmal gewesen sein muss. Und dann die Bilder der Flüchtlingslager, in denen einst stolze Menschen sich in menschenunwürdige Baracken zwängen müssen. Bilder zum Heulen.

Bilder aus Bergamo und anderswo in Italien. Menschenleere Straßen. Schlangen vor den wenigen offenen Läden. Polizei und Ambulanz im Dauereinsatz. Särge, die sich in einer Kirche stapeln. Abgehetzte Ärzte mit Mundschutz, die Verzweiflung und die Hoffnungslosigkeit auf ihrem Gesicht. Bilder zum Heulen.

Bilder aus unserer Stadt. Uns geht es ja noch wunderbar im Vergleich. Aber auch hier ist nichts wie es sonst ist. Leere Straßen und Plätze. Geschlossene Kirchen. Menschen hinter Vorhängen in den Häusern. "Abstand ist die neue Nähe", heißt es, aus Rücksicht auf die Schwachen. Aber Abstand tut weh! Und jeden Tag neue, schärfere Regeln -- die verzweifelte Hoffnung: Wir können das schaffen. Wir können die Kurve langziehen. Wir können das schlimmste Vermeiden. Bilder zum Heulen.

"Freuet euch mit Jerusalem", ruft der Prophet. Ob er wohl ungläubige Blicke geerntet hat mit so einer Aussage. "Freuet euch mit Idlib! Mit Lesbos! Und mit Bergamo! Und mit Tailfingen natürlich auch. Das klingt fast zynisch, wenn einem die Bilder zum Heulen vor Augen stehen.

Trotzige Hoffnung

Oder: Es klingt nach Hoffnung. Nach trotziger Hoffnung. Nach dem, was ein wenig aufblüht, wenn Menschen in Italien auf den Balkonen stehen und miteinander singen. Wenn in Albstadt Menschen aus dem Fenster den Rettungskräften applaudieren. Trotzige Hoffnung. Das Gute ist noch nicht verloren.

"Freuet euch mit Jerusalem", ruft der Prophet. Und er hat einen Grund dazu: "Denn so spricht der Herr." Es gibt ihn ja noch, den Gott Israels, der in Jerusalem Wohnung genommen hat. Er ist ja noch derselbe, auch wenn sein Tempel in Trümmern liegt. Und er, der Große, der Schöpfer des Himmels und der Erde, spricht Worte der Hoffnung: "Ich will euch trösten. Ihr werdet euch wieder freuen können."

Dieser Gott ist derselbe, gestern heute und in Ewigkeit. In Jerusalem. In Idlib. In Lesbos. In Bergamo. Und in Tailfingen. Ein Gott der Hoffnung.

"Ich will euch trösten", sagt er. "Euer Herz wird sich freuen."

Das ist nicht einfach zu glauben, wenn man Bilder zum Heulen sieht. Aber es ist genau das, was man dann braucht.

Wie eine Mutter

Was man tut, wenn einem zum Heulen zumute ist, weiß jedes Kind. Jedes. Alle rennen dann zu Mama. Sie ist der eine Mensch, bei dem man sich dann trösten lässt. Das Sinnbild der Geborgenheit schlechthin: Eine Mutter, die ihr Kind in den Arm nimmt.

Übrigens wissen das nicht nur Kinder. Diesen Instinkt verlernt man nicht. Von Soldaten auf dem Schlachtfeld und von Menschen in Extremsituationen ist uns bekannt, dass sie alle nach ihrer Mama rufen. Das ist ja etwas, was uns verbindet: Kein Mensch war uns jemals so nahe wie die Mutter, die uns neun Monate lang in ihrem Leib getragen hat. Ein Urort der Sehnsucht. Mama.

Der Gott, von dem die Propheten reden, ist uns da sehr viel fremder. Wir sehen ihn nicht. Wir können ihn uns nicht vorstellen. Wir können ihn schon gar nicht verstehen.

Nur in Bildern können wir überhaupt von Gott sprechen. Das ist es auch, was hier geschieht.

Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet, sagt Gott.

Wie eine Mutter! Von allen Gottesbildern ist mir das fast das liebste. Es nimmt eine unserer tiefsten Sehnsüchte auf. Gott begegnet uns hier nicht als der völlig andere, abgehobene, erhabenen, unfassbare Herrscher, Schöpfer, Richter, als Herr der Heerscharen, als starker Held, riesig und unnahbar. Wie eine Mutter, sagt er. Wohlbekannt. Ich kenne ihren Geruch. Ich weiß, wie es sich anfühlt in ihren Armen. Ich kenne ihren Herzschlag und weiß: Da geht es mir gut.

Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet, sagt Gott.

Viele von uns dürfen in diesen Tagen ihre Mutter nicht einmal besuchen. Andere haben sie schon längst verloren und würden alles dafür geben, noch einmal Zeit mit ihr verbringen zu dürfen. Andere sind selber Mutter und würden jetzt gerne ihre Kinder in den Arm nehmen.

Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet, sagt Gott. Ich will euch eine Mutter sein. Bei mir seid ihr geborgen.

Trost. Friede. Hoffnung.

Genau das, was wir heute brauchen.

Auf dem Weg nach Jerusalem

Nur einmal noch begegnet mir der unfassbare Gott in einem Bild, das mehr seine Nähe und seine Liebe und seine Zuwendung zu mir ausdrückt als dieses hier. Nur ein einziges Mal.

Da ist es nicht mehr nur ein Bild. Da wird Gott selber sichtbar. In Jesus kommt er uns noch näher als je zuvor. Er wird nämlich selbst Mensch. Er geht die Wege, die wir hier gehen. Da sind wir wieder in der Passionszeit: Hinauf nach Jerusalem. Den Weg des Leidens. Den Weg des Sterbens. Für uns.

Und plötzlich wird die Passion ganz aktuell -- mit Lätare mittendrin.

In Christus geht Gott nämlich auch nach Idlib. Und nach Lesbos. Nach Bergamo, und, ja, auch nach Albstadt. Er geht auf unseren Wegen. Er nimmt das alles mit. Er nimmt das alles auf sich. Und keine Quarantäne, keine Ausgangssperre und kein Virus, können ihn davon abhalten. Da kommt uns Gott ganz nahe.

Und am Ende? Ist Ostern! Das weiß man noch nicht, wenn man mittendrin steckt. Aber heute ist Lätare und Lätare soll die Hoffnung wecken. Die Hoffnung auf Auferstehung. Die Hoffnung auf neues Leben. Die Hoffnung auf  Frieden, und Überfluß und Leben, auch auf unseren Straßen.

Wie eine Mutter weiß, was ihre Kinder brauchen, weiß Gott, was uns heute fehlt. Er gibt uns seinen Trost. Er nimmt uns in seinen Arm. Er sagt, "Es wird Ostern werden." und "Euer Herz wird sich freuen." Er tröstet uns, wie eine Mutter ihr Kind.

Amen.

Predigttext

Jesaja 66,10-14

In aller Kürze

Was für eine Zeit, in der wir leben! Die Realität hat uns förmlich überrollt: Bilder zum Heulen! Zum Glück weiß jedes Kind, was man braucht, wenn einem zum Heulen zumute ist. Und Gott weiß es auch. [Zu diesem Gottesdienst gibt es hier auch einen aufgezeichneten Livestream.]

Über Christoph

Christoph Fischer (* 1978) ist Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg auf der Pfarrstelle „Erlöserkirche“ in Albstadt-Tailfingen.

Christoph ist verheiratet mit Rebecca. Gemeinsam haben sie drei Töchter.

Pfarrer