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Die Predigt "Nackte Tatsachen" von Christoph Fischer und alle dazu gehörigen Ressourcen (Predigtzettel, Aufnahme) sind lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz. Verwendete Bilder stehen eventuell unter eigenen Lizenzbedingungen. Ausdrücklich von der Creative Commons-Lizenz ausgenommen sind die Logos und Namen der Gemeinde, in der die Predigt gehalten wurde und ihrer Arbeitsbereiche.

Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!

Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus,

"Genesis" heißt das erste Buch der Bibel, das viele als "erster Mose" kennen. "Ursprung" heißt das auf Deutsch. Und genau damit fängt das Buch auch an: Mit Geschichten über den Ursprung des Menschen. Grundlagengeschichten, sozusagen. Geschichten, die dem Menschen auf den Grund gehen. Es geht richtig ans Eingemachte. Keiner kann sagen, er sei von diesen Geschichten nicht betroffen. In erzählter Form greifen sie das auf, was unser Leben ausmacht und beschäftigt. Da ist jeder angesprochen, denn in irgendeiner Art und Weise passieren diese Geschichten immer wieder, im Leben jedes Menschen. So auch unser Text heute -- einer der bekanntesten Bibeltexte überhaupt. Zweimal erzählt die Genesis davon, wie Gott den Menschen schafft. Unser heutiger Text kommt aus dem dritten Kapitel der Genesis und ist Teil der zweiten Schöpfungserzählung:

Und die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde, die Gott der Herr gemacht hatte, und sprach zu der Frau: Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten? Da sprach die Frau zu der Schlange: Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten; aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht davon, rühret sie auch nicht an, dass ihr nicht sterbet! Da sprach die Schlange zur Frau: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist. Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von seiner Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon und er aß. Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze. Und sie hörten Gott den Herrn, wie er im Garten ging, als der Tag kühl geworden war. Und Adam versteckte sich mit seiner Frau vor dem Angesicht Gottes des Herrn zwischen den Bäumen im Garten. Und Gott der Herr rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du? Und er sprach: Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich. Und er sprach: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot, du solltest nicht davon essen? Da sprach Adam: Die Frau, die du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum und ich aß. Da sprach Gott der Herr zur Frau: Warum hast du das getan? Die Frau sprach: Die Schlange betrog mich, sodass ich aß. Da sprach Gott der Herr zu der Schlange: Weil du das getan hast, seist du verflucht vor allem Vieh und allen Tieren auf dem Felde. Auf deinem Bauche sollst du kriechen und Staub fressen dein Leben lang. Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen deinem Samen und ihrem Samen; er wird dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen. Und zur Frau sprach er: Ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn du schwanger wirst; unter Mühen sollst du Kinder gebären. Und dein Verlangen soll nach deinem Mann sein, aber er soll dein Herr sein. Und zum Mann sprach er: Weil du gehorcht hast der Stimme deiner Frau und gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot und sprach: Du sollst nicht davon essen –, verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang. Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem Felde essen. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde wirst, davon du genommen bist. Denn Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück. (Genesis 3,1-19)

Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus,

Am Ende hat die Schlange recht behalten. Am Ende wissen wir tatsächlich, was gut und böse ist -- und stehen beschämt da. Nackt und ohne etwas, was man uns zu Gute halten könnte. Das Böse hat gewonnen am Ende der Geschichte.

Aber soweit sind wir noch nicht. Lasst uns von vorne beginnen.

Gleich zu Beginn der Erzählung spricht eine Schlange. Das sollte uns zu denken geben. Also zumindest wird jeder Grundschüler hier stutzig, weil er weiß, dass Schlangen nicht reden können. Dieser wunderbare Text aus dem alten Orient wird seine Wirkung erst entfalten können, wenn wir ihn in seiner Form ernst nehmen. Das hier ist kein Zeitungsbericht. Es geht nicht darum, uns zu informieren, was am Freitag, 29. Oktober 4004 vor Christus oder wann auch immer sonst genau passiert ist. Hier geht es um etwas ganz anderes. Die Literatur des alten Orients ist voll von solchen Erzählungen: Geschichten, die Antworten auf grundsätzliche Lebensfragen geben. Das sollte uns nicht überraschen: Schließlich sehen wir genau dasselbe bei Jesus. Auch er beantwortet Fragen, die man ihm stellt, regelmäßig nicht mit einer klaren Aussage, sondern mit einer Geschichte, die zu denken gibt.

Da redet nun also eine Schlange. Warum gerade eine Schlange? Die Antwort steht schon im ersten Satz: "Die Schlange war listiger als alle Tiere des Feldes." Die Schlange hat die Menschen lange fasziniert: Dieses rätselhafte Tier bewegt sich ohne Beine. Keiner weiß, wo sie wohnt -- zumindest damals nicht. Unerwartet taucht sie plötzlich auf, schlägt überraschend zu und ist genauso schnell wieder weg. Viele Schlangen des Orients sind tödlich und damit kann die Schlange etwas, was den Menschen lange ein Rätsel blieb: ohne große Gewaltanwendung töten. Natürlich kannte man Gift auch im alten Orient. Man gewann es aus giftigen Pflanzen oder eben von Tieren wie der Schlange. Chemisch selbst herstellen oder verstehen, wie es wirkt, konnte man jedoch nicht. Die Schlange kann das. Sie weiß offensichtlich mehr als die Menschen. Im alten Orient gilt die Schlange als das klügste Tier überhaupt. Das weiß auch Jesus: "Seid klug wie die Schlangen!", sagt er einmal. Und genau darum geht es hier. Die Schlange ist der Inbegriff der Klugheit. Der bösartigen Klugheit an dieser Stelle: "listiger als alle Tiere des Feldes."

Noch eines sollten wir dazu wissen. Erst Jahrhunderte nachdem dieser Text entstand, findet sich in der Literatur zum ersten Mal etwas, was für uns heute völlig selbstverständlich klingt: der sogenannte "innere Dialog." Dabei wird die Denkweise eines Menschen als eine Art Selbstgespräch nacherzählt, eine Diskussion, die den Gedankengang wiedergibt, der am Ende zu einem Ergebnis führt. Die Erzählungen des alten Orient kennen diese Idee noch nicht. Wenn dort das Denken eines Menschen nachvollzogen werden soll, braucht die Erzählung immer irgendein Gegenüber, als Gesprächspartner für eine Seite der Unterhaltung. Hier ist es die Schlange. Wir liegen also gar nicht falsch, wenn wir die Unterhaltung, die jetzt folgt, im Inneren des Menschen nachvollziehen -- und zwar nicht nur eines historischen Menschen namens "Eva", sondern ganz allgemein im Menschen, wo diese Geschichte immer wieder passiert. Die eigene Klugheit mischt sich ins Geschehen ein und öffnet plötzlich die Tür für das Böse. Wie das geht, das sehen wir hier.

"Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten?", fragt die listige Schlange. Nein, das hat er nicht gesagt. Das ist falsch. Fake News, und zwar im ihrer übelsten Form: einer Halbwahrheit. Denn das vermeintliche Zitat ähnelt durchaus dem, was Gott gesagt hat. Man könnte glatt glauben, sie habe Gott richtig wiedergegeben. In der vorhergehenden Erzählung schuf Gott den Menschen und setzte ihn in einen wunderbaren Garten, eine herrliche Umgebung ohne irgendwelche Probleme.

Und Gott der HERR gebot dem Menschen und sprach: Du darfst essen von allen Bäumen im Garten, aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen; denn an dem Tage, da du von ihm isst, musst du des Todes sterben.

Das ist es: Genau das Gegenteil hat Gott gesagt. "Von allen Bäumen im Garten darfst du essen." Gottes Zuwendung zum Menschen beginnt mit einem Zuspruch, einer Verheißung, einem Versprechen: Das habe ich alles für dich gemacht. Nimm! Iss! Genieße! Erst an zweiter Stelle kommt dann eine einzige Einschränkung: "Nur von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen; denn an dem Tage, da du von ihm isst, musst du des Todes sterben." Hier ist der Anspruch Gottes an den Menschen: Tu das! Tu das nicht! Hier kommt zum ersten Mal ein Gebot von Gottes Seite. Und nicht aus Willkür. Nein, aus guten Gründen! Um dich zu bewahren, gebe ich dir dieses Gebot: damit du nicht sterben musst.

Diese Reihenfolge ist wichtig: Gottes Zuspruch geht seinem Anspruch an den Menschen voraus. Beide Seiten sind wichtig: Zuspruch und Anspruch. Evangelium und Gesetz würde Martin Luther das nennen. Und darauf hinweisen, wie wichtig es ist, die beiden unterscheiden zu können. Wie oft haben wir genau an dieser Stelle versagt!

Die listige Schlange kennt diese Unterscheidung nicht. In dem Bild, das sie von Gott zeichnet gibt es kein Evangelium, keine Zusage. Nur Gesetz, Gebot: "Ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten." Ein harter Gott, der so handelt. Lieblos und herrschsüchtig. Der den Menschen gängelt mit endlosen, unnötigen Geboten. Wie oft sind Menschen dieser Sicht auf den Leim gegangen.

Das passiert auch hier, schon in der Antwort, die jetzt kommt: "Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten; aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht davon, rühret sie auch nicht an, dass ihr nicht sterbet!"

"Wir essen von den Früchten der Bäume." Nicht mehr: Von allen Bäumen. Die Größe der Zusage Gottes, das Staunen über seine Verheißung ist bereits weggefallen. Das Evangelium hat schon seinen Glanz verloren. Dafür wird das Gebot verschärft: "Rühret sie nicht an!" Das hat Gott gar nicht gesagt.

Die List der Schlange legt noch einen drauf: Nein, ihr werdet doch nicht sterben! Gutes und Böses werdet ihr unterscheiden können!

Gutes und Böses hat bisher Gott für den Menschen unterschieden. So viel Gutes hat er gegeben: Alle Bäume des Gartens! An einer Stelle hat er ein Gebot erlassen, das Böse, das Schädliche klar markiert.

Nein, sagt die Schlange. Du kannst das doch selbst entscheiden, was gut für dich ist. Dafür hast du doch deine eigene Klugheit, dein selbstbestimmtes Denken, deine Lebensweisheit, deine Autonomie. Du brauchst Gott gar nicht dazu. Schon gar nicht diesen Gott, mit seinen harten Geboten und seinen blöden Verboten. Der will dir nur vorenthalten, was gut für dich ist.

Und schon ist der Same des Bösen gesät. Von dort ist es nur ein kleiner Schritt bis zum Handeln. Ohne zu Zögern greifen die Menschen zu. Beide Menschen in der Geschichte übrigens, für alle, die das gerne auf "die Frau" schieben möchten. Alle Menschen übrigens -- für alle, die das gerne auf ein historisches Ereignis reduzieren möchten, über dem wir als unbeteiligte Beobachter stehen können und alles auf einen Adam und eine Eva schieben. Diese Geschichte handelt von uns allen. Und wir fallen alle immer wieder darauf rein. Wir lassen uns ein falsches Gottesbild einreden. Wir vergessen das gute Evangelium und sehen nur die Gebote. Und dann meinen wir, selbst besser zu wissen und entscheiden zu unserem vermeintlichen Vorteil.

Am Ende hat die Schlange recht behalten. Am Ende wissen wir tatsächlich, was gut und böse ist -- und stehen beschämt da. Nackt und ohne etwas, was man uns zu Gute halten könnte. Das Böse hat gewonnen am Ende der Geschichte.

Nackt zu sein, war bis dahin etwas Gutes in dieser Schöpfungserzählung. Am Höhepunkt der Geschichte, als Gott die Menschen geschaffen hat, stellt die Erzählung fest, "Und sie waren beide nackt, der Mensch und seine Frau, und schämten sich nicht." Das ist der Idealzustand in dieser Geschichte. Da sind Menschen beisammen, die sich nicht voreinander verstecken müssen. Niemand muss sich für irgendetwas schämen. Niemand muss seine intimsten Geheimnisse versteckt halten, weil es gefährlich sein könnte, wenn andere davon wissen. Nackt sein ist ein Bild ungetrübter Gemeinschaft in dieser Geschichte.

Bis die Schlange kommt. Plötzlich geht das alles nicht mehr. Wo jeder nur noch selbstbestimmt Handeln will und auf den eigenen Vorteil bedacht ist, da kann man sich nicht ungeschützt voreinander öffnen. Da ist Vorsicht geboten. Eigenschutz. Und da ist Nacktheit plötzlich ein Problem. Wir müssen uns jetzt verstecken voreinander. Und vor Gott. Und wir müssen uns schämen.

Das Böse hat gewonnen am Ende der Geschichte.

Liebe Geschwister in Jesus Christus, was machen wir mit so einer Geschichte? Wenn wir das so stehen lassen, müssen wir uns am Ende alle beschämt aus dem Gottesdienst schleichen. Denn keiner von uns kann behaupten, die Geschichte beträfe ihn nicht.

Das wäre sträflich! Wir brauchen diese Geschichte, um uns selbst darin zu erkennen. Sie hält uns einen Spiegel vor, damit wir sehen können, wie das Böse sich in unser Leben schleicht. Aber sie darf nicht alleine stehen bleiben. Wenn wir das tun, dann handeln wir wie die Schlange: Dann bleibt nur noch Gesetz, ohne Evangelium.

Deshalb können wir gar nicht anders, als dieser Geschichte das Evangelium entgegen zu halten: Das Evangelium von Gott, der aus Liebe zu uns in seinem Sohn Mensch wird. Der uns entgegenkommt -- uns, die wir unseren Schlangen auf den Leim gegangen sind. Uns, die wir nackt und beschämt dastehen. Er wird einer von uns. "Er liegt dort, elend, nackt und bloß in einem Krippelein", heißt es in dem Lied, das wir vor der Predigt gesungen haben.

Und nicht nur in der Krippe liegt er. Nein, er identifiziert sich völlig mit uns. Er geht unseren Weg, bis in den Tod am Kreuz. Dort hängt er, nackt, und trägt unsere Scham. Er trägt das, was uns von Gott und voneinander trennt, bis zum bitteren Ende. Und er überwindet es. Er steht auf zu neuem Leben.

Uns lädt er ein, mit hineinzukommen in sein neues Leben. Das sagt er uns in der Taufe zu. Das feiern wir nachher im Abendmahl. Das ist Evangelium. Das ist seine, Gottes Antwort auf die Schlange und auf unsere nackte Scham: Der dir alle deine Sünde vergibt. Der dein Leben vom Verderben erlöst. Der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit.

Nur so wird die Geschichte ganz und das Evangelium leuchtet uns Nackten umso heller.

Möge es auch heute unser Leben erhellen, uns den Spiegel vorhalten und dann umso mehr Freude schenken an der Tatsache, dass Gott uns nackte Sünder annimmt und liebt.

Amen.

Predigttext

Genesis 3,1-19

In aller Kürze

Wir lassen uns immer wieder so leicht reinlegen: Wir glauben an falsche Gottesbilder, vergessen das Evangelium und meinen, selbst zu wissen, was für uns gut ist. Am Ende stehen wir beschämt da. Nackt. Gedanken zu einer Geschichte, die sich immer wieder wiederholt...

Über Christoph

Christoph Fischer (* 1978) ist Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg auf der Pfarrstelle „Erlöserkirche“ in Albstadt-Tailfingen.

Christoph ist verheiratet mit Rebecca. Gemeinsam haben sie drei Töchter.

Pfarrer