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Die Predigt "Sie haben gewonnen!" von Christoph Fischer und alle dazu gehörigen Ressourcen (Predigtzettel, Aufnahme) sind lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz. Verwendete Bilder stehen eventuell unter eigenen Lizenzbedingungen. Ausdrücklich von der Creative Commons-Lizenz ausgenommen sind die Logos und Namen der Gemeinde, in der die Predigt gehalten wurde und ihrer Arbeitsbereiche.

Gnade mit euch und Frieden von Gott dem Vater und von Jesus Christus, seinem Sohn!

Aus dem Brief des Paulus an die Philipper:

[Denn] Christus ist mein Leben, und Sterben ist mein Gewinn.
Wenn ich aber weiterleben soll im Fleisch, so dient mir das dazu, mehr Frucht zu schaffen; und so weiß ich nicht, was ich wählen soll.
Denn es setzt mir beides hart zu: Ich habe Lust, aus der Welt zu scheiden und bei Christus zu sein, was auch viel besser wäre;
aber es ist nötiger, im Fleisch zu bleiben um euretwillen.
Und in solcher Zuversicht weiß ich, dass ich bleiben und bei euch allen sein werde, euch zur Förderung und zur Freude im Glauben,
damit euer Rühmen in Christus Jesus größer werde durch mich, wenn ich wieder zu euch komme. (Philipper 1,21-26).

Hauptgewinn oder leere Versprechungen?

Liebe Schwestern und Brüder,

Eine vielversprechend klingende Nachricht begrüßt mich beim öffnen meines elektronischen Postfachs: "Sie haben gewonnen!" Weiter lese ich gar nicht. Schon die Betreffzeile hat gereicht, um die Nachricht mit einem schnellen Mausklick zu löschen. Den Rest kann ich mir schon denken und ihr könnt es wahrscheinlich auch: Wieder nur Werbung! Große Versprechungen auf den ersten Blick. Nichts als Lockangebote und der Versuch, mich zum Kauf zu bewegen, auf den zweiten Blick--wenn es nicht gar um Betrug handelt, bei dem man versucht, mir ganz ohne Gegenleistung Geld aus der Tasche zu ziehen. Sie haben gewonnen! Ja, klar... Mein Postfach quillt über mit solchen Meldungen. Auch wer seine Post nur ganz altmodisch auf dem Papier bekommt, kennt solche Briefe. Viele erkenne ich schon von außen und sie wandern direkt ungeöffnet in die "runde Ablage", den Papierkorb unter meinem Schreibtisch. "Sie haben gewonnen!" Ja, klar. Die Erfahrung lehrt mich und euch sicher auch, dass man im Leben selten etwas geschenkt bekommt. Kein Auto, keine Reise, keine unerwarteten Millionen. Schön wär's. Aber wir wissen es besser.

"Sie haben gewonnen!" Die weggeklickte Nachricht und die ungelesenen Werbebriefe fallen mir wieder ein, wenn ich den Predigttext zum "Gedenktag für die Verstorbenen" lese. "Christus ist mein Leben", schreibt Paulus, "und sterben ist mein Gewinn." Das löst in mir Widerspruch aus: Mit "Christus ist mein Leben" kann ich ja noch etwas anfangen. Aber "Sterben ist mein Gewinn"? In welcher Welt ist denn Sterben ein "Gewinn"? Sterben ist der Moment, wenn alles aufhört. Wenn man loslassen muss. Wenn das geliebte Leben (auch das mit Christus) zu Ende geht. Abschied nehmen. Tränen fließen. Geliebte Menschen bleiben zurück. Sterben ist der Moment, wo man Bilanz zieht, und von dem ich jetzt schon weiß, dass nicht alle meine Gedanken, meine Entscheidungen, mein Handeln und mein Reden, auf der Gewinnseite verbucht werden muss. Das wird ganz schön gemischt ausfallen. An manchen Punkten werde ich es bereuen, es nicht anders gemacht zu haben. Werde mir wünschen, noch einmal zurück zu können und alles besser zu machen. Aber dafür wird es zu spät sein, am Ende. Das ist ja der Grund, warum die Bibel es Klugheit nennt, wenn man jetzt schon ans zukünftige Sterben und an die Begrenztheit und Einmaligkeit der eigenen Lebenszeit denkt: damit ich dann nicht so viel bereuen muss. Damit es mehr auf der Haben-Seite der Bilanz gibt. Nur leider bedenke ich mein Sterben eben auch viel zu selten im alltäglichen Leben. Das macht zwar das Leben jetzt theoretisch leichter, aber das Sterben dann umso schwerer. Sicher kein Gewinn!

Zurück bleiben dann die Angehörigen, die Freunde, die vielen lieb gewordenen Menschen um mich herum. Ich hoffe ja nicht, dass ich zu der Sorte Mensch gehöre, bei dem die anderen das unterschreiben würden: "Sein Sterben ist unser Gewinn!" Ich hoffe nicht, dass ich mich so verhalte und verhalten werde, dass man froh ist, mich los zu sein. "Sterben ist mein Gewinn?" Nein, sicher nicht.

Kein Gewinn

Mein Telefon klingelt. Werner* ist dran. Wir hatten schon viel Kontakt und ich habe immer wieder versucht, ihm zu helfen. Werner ist früh im Leben auf die schiefe Bahn geraten. Die Menschen um ihn herum haben oftmals nichts Gutes beigetragen. Heute hat Werner keine Arbeit, kaum Freunde, lebt an einem ihm fremden Ort. Er hat Probleme mit Alkohol und Drogen. Und er verbringt regelmäßig Zeit in der geschlossenen Abteilung der Psychiatrie. Kein besonders schönes Leben, das gebe ich zu. Heute ist Werner am Telefon ganz aufgeregt und wahrscheinlich auch wieder ziemlich betrunken: "Mir reichts. Ich sitze auf den Stufen vor der Kirche und habe ein Messer in der Hand. Ich bringe mich jetzt um. Das bringt doch alles sowieso nichts hier." Ich bin unterwegs und zu weit weg, um direkt zu reagieren. Am Telefon versuche ich, mit Werner zu reden, ihn zu überzeugen, dass das Leben--"Christus ist mein Leben!"--doch noch einen Sinn hat. Dass er es nicht einfach wegwerfen soll. Es ist schwer, mit einem Betrunkenen zu diskutieren. Irgendwann legt er auf. Ich überlege, was ich tun kann. Weil ich selbst zu weit weg bin, tue ich das, was ich in der Seelsorgeausbildung gelernt habe: Ich rufe die Polizei an und melde eine Person mit ernstzunehmender Suizidabsicht. Noch bevor sich Werner tatsächlich etwas antut ist er wieder auf dem Weg in die Psychiatrie. Ob er heute froh ist darüber? Ich weiß es nicht. "Christus ist mein Leben und Sterben ist mein Gewinn." Ist Paulus wie Werner?

Ich habe immer wieder Menschen kennengelernt, die sich aus ganz unterschiedlichen Gründen gewünscht haben, sterben zu können. Manchmal konnte ich das durchaus ein Stück weit nachvollziehen. Aber in allen diesen Fällen ging es um das Leben, das der jeweiligen Person so unterträglich geworden zu sein schien, dass sie sich nur noch ein Ende dieser Situation wünschte--wenn es anders nicht geht, dann eben auch ein Ende des Lebens. Keinem der Menschen, die ich in solchen Situationen kennengelernt habe, ging es um das Sterben an sich. Niemand hätte das so einfach unterschrieben: "Sterben ist mein Gewinn. Ich freue mich aufs Sterben!"

Als Paulus vor fast 2.000 Jahren seinen Brief an die Gemeinde in Philippi schreibt, befindet er sich im Gefängnis. Das ist auch heute keine angenehme Situation, aber damals war es um ein Vielfaches schlimmer. Auf den ersten Blick könnte man sich durchaus vorstellen, dass der sonst so mutige Apostel die Hoffnung verloren hat. Vielleicht hat er aufgegeben. Vielleicht sieht er keine Perspektive mehr. Vielleicht ist sein Leiden, auch sein berühmter "Pfahl im Fleisch" aus dem Korintherbrief so unerträglich geworden, dass er einfach nicht mehr will. "Sterben ist mein Gewinn."

Leben aus der Hoffnung

Aber der Paulus, der aus den Zeilen des Philipperbriefs zu mir spricht, ist kein hoffnungsloser Fall. Kein Suizidgefährdeter, auf den man aufpassen muss. Selbst im Gefängnis ist er immer noch voller Hoffnung. "Ich bin darin guter Zuversicht, dass der in euch angefangen hat das gute Werk, der wird's auch vollenden bis an den Tag Christi Jesu." schreibt er an die Philipper und es ist kaum vorstellbar, dass er das nicht auch auf sich bezieht. "Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch!" steht auch im Philipperbrief und: "Sorgt euch um nichts, sondern in allen Dingen lasst eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden! Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, wird eure Herzen und Sinne in Christus Jesus bewahren." Und auch der "Gewinn" wird noch an anderer Stelle thematisiert:

Aber was mir [bisher] Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden erachtet. Ja, ich erachte es noch alles für Schaden gegenüber der überschwänglichen Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn. Um seinetwillen ist mir das alles ein Schaden geworden, und ich erachte es für Dreck, auf dass ich Christus gewinne und in ihm gefunden werde, dass ich nicht habe meine Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz, sondern die durch den Glauben an Christus kommt, nämlich die Gerechtigkeit, die von Gott kommt durch den Glauben. Ihn möchte ich erkennen und die Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft seiner Leiden und so seinem Tode gleich gestaltet werden, damit ich gelange zur Auferstehung von den Toten. (Philipper 3,7-11)

Aha! Vielleicht haben wir ja hier ein entscheidendes Indiz gefunden! Vielleicht liegt ja der Fehler genau darin, dass wir die zweite Hälfte des Satzes von der ersten getrennt haben: "Sterben ist mein Gewinn" steht ja nicht alleine da: "Christus ist mein Leben und Sterben ist mein Gewinn." Von Ostern her, von Jesus Christus her, von dem, der für uns durch den Tod gegangen ist und den Tod überwunden hat, können wird das erst begreifen. Seit er den Tod besiegt hat und uns--in der Taufe--in seinen Tod und seine Auferstehung mit hineingenommen hat, seither gibt es für uns keinen Unterschied mehr zwischen Leben und Tod. Alles, unser Leben und Sterben liegt in Christus geborgen, ist in seiner Hand, gehört ihm. Das ist genau das, was wir hier in Tailfingen immer wieder bekennen, wenn wir vom Sterben eines vertrauten Menschen aus unserer Gemeinde hören:

Unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber. Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn. Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er über Tote und Lebende Herr sei. (Römer 14,7-10)

Das dürfen uns sollen wir auf uns selbst beziehen: Der Tod kann mich nicht schrecken. Mein Leben und mein Sterben liegt in Gottes Hand. Und weil Christus den Tod überwunden hat, reicht meine Perspektive im Glauben weit über das Grab hinaus in seine Ewigkeit hinein: Jesus Christus spricht, "Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt." (Johannes 11,25). "Meine Schafe hören meine Stimme", sagt er auch, "und ich kenne sie und sie folgen mir und ich gebe ihnen das ewige Leben." In dieser Perspektive hat der Tod seinen Schrecken verloren. Er wird ein bloßer Übergang. Ein Übergang vom einen Ort, vom einen Leben in Christi Hand ("Christus ist mein Leben") hin zu einem anderen Ort, zu einer Ewigkeit mit ihm, in der weiter gilt, auch wenn das Leben hier schon lang zu Ende ist: "Christus ist mein Leben." In der österlichen Hoffnung auf die Auferstehung, die mir Jesus Christus zu sagt, kann ich dann tatsächlich feststellen: Weil mein Leben auch über den Tod hinaus in Christus ist, wird selbst das Sterben mir zum Gewinn.

Und Paulus würde sagen: Tröstet euch gegenseitig mit diesen Worten.

Und: Freut euch in dem Herrn allewege. Und abermals sage ich euch: Freuet euch.

Amen.

 

* Name geändert.

Predigttext

Vom Leben und Sterben mit Christus

In Kürze

Am Ende des Kirchenjahres beschäftigen wir uns mit Themen wie Tod und Ewigkeit. Dazu gehört auch das Gedenken an die bereits Verstorbenen und die Erinnerung an die Hoffnung, die wir in Jesus Christus haben. Er hat den Tod überwunden und wir wissen, dass unser Leben auch über den Tod hinaus in seiner Hand liegt.

Lebensbezüge

Folgende Grundvollzüge glaubenden Lebens sind in dieser Predigt angesprochen:

#troesten #vertrauen

Kompetenzen

Mit dieser Predigt versuche ich, folgende Kompetenzen meiner Hörer weiter zu trainieren:

Über Christoph

Christoph Fischer (* 1978) ist Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg auf der Pfarrstelle „Erlöserkirche“ in Albstadt-Tailfingen.

Christoph ist verheiratet mit Rebecca. Gemeinsam haben sie drei Töchter.