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Aufnahme der Predigt (9:10)
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Die Predigt "Strohkönig" von Christoph Fischer und alle dazu gehörigen Ressourcen (Predigtzettel, Aufnahme) sind lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz. Verwendete Bilder stehen eventuell unter eigenen Lizenzbedingungen. Ausdrücklich von der Creative Commons-Lizenz ausgenommen sind die Logos und Namen der Gemeinde, in der die Predigt gehalten wurde und ihrer Arbeitsbereiche.

"Da liegt es, das Kindlein, auf Heu und auf Stroh", heißt es in einem bekannten Weihnachtslied. Aber: Was soll eigentlich das Stroh in der Weihnachtsgeschichte? Und, könnte man gleich weiter fragen, was sollen die Hirten da? Und die Krippe und die Tiere, Ochs und Esel und wer da sonst noch rumstand? Wenn ich so recht überlege, dann hat das alles da doch eigentlich gar keinen Platz!

"Warum?", fragst du? Ich will es dir erklären. Schau, die Weihnachtsgeschichte erzählt nicht nur von den Hirten, die kamen, um das neugeborene Jesuskind zu besuchen. Sie erzählt auch noch von anderen Besuchern. Vornehmen Leuten. Manche meinen: Könige. Auf jeden Fall kamen sie von weit her, weil sie einem Stern gefolgt waren. Sie waren überzeugt: Der Stern führt sie zu einem neugeborenen König. Und sie hatten recht. Mehr noch, als sie das meinten: Das Jesuskind hier in der Krippe ist der größte König von allen! Der "König der Könige" wird er genannt. Es ist Gottes Sohn selbst. Gott kommt in diesem Kind auf die Erde, zu den Menschen. Besser und größer geht es ja gar nicht mehr.

Aber da stört mich dann das Stroh. Ich habe mir mal überlegt, wie es gewesen wäre, wenn das Christuskind nicht vor langer Zeit ganz weit weg, in Bethlehem, geboren worden wäre, sondern ein bisschen später. Heute zum Beispiel. In Deutschland, auf der Schwäbischen Alb. In Tailfingen. Und ich habe mir vorgestellt, wie es gewesen wäre, wenn nicht nur Maria und Josef und den Hirten Engel erschienen wären, sondern auch einer bei mir vorbeigeschaut hätte -- schon vor ein paar Tagen. Und der Engel hätte zu mir gesagt, ich solle alles vorbereiten, weil jetzt der König der Könige in Tailfingen geboren wird.

Da hätte ich erst einmal geschluckt, wäre vielleicht fast in Ohnmacht gefallen. Schließlich kommt ja nicht jeden Tag ein Engel vorbei. Und dann hätte ich gesagt, "Klar, mache ich." Und ich hätte mir mein Telefon geschnappt und bei Klaus Konzelmann angerufen. Das ist der Oberbürgermeister von Albstadt. Der muss es ja schließlich wissen, wenn in Tailfingen so etwas Wichtiges passiert. Herr Konzelmann hätte sicher gleich das Rathaus räumen lassen, damit Platz ist für Maria und Josef und das Kind--im besten Haus von ganz Tailfingen. Der Hausmeister vom Rathaus hätte den roten Teppich am Eingang ausgerollt. Das macht man so, wenn ganz wichtige Leute kommen. Und drinnen hätte man einen Tisch bereitgestellt mit dem "Goldenen Buch" der Stadt Albstadt. Das ist so eine Art Gästebuch, in dem sich die ganz wichtigen Besucher eintragen dürfen. Maria und Josef auf jeden Fall. Vielleicht auch ein paar Engel, falls die dazu bereit sind. Das Baby selbst kann ja noch nicht unterschreiben.

Und weil der König der Könige wichtiger ist als jeder andere Mensch, der jemals vorher nach Tailfingen kam, hätten Herr Konzelmann und ich sicher noch ein paar andere Leute angerufen. Die Bundeskanzlerin zum Beispiel, Angela Merkel. Die wäre dann in Berlin in ihren Hubschrauber gestiegen und so schnell es geht nach Tailfingen gedüst. Vermute ich zumindest. Sie hätte ja den König der Könige auf gar keinen Fall verpassen wollen. Dann wäre der Hubschrauber wahnsinnig laut knatternd hier oben auf Langenwand bei der Landessportschule gelandet und die Häuser und die Erlöserkirche und die Schule hätten gewackelt vor lauter Lärm. Und Frau Merkel wäre mit einer ganzen Kolonne von dicken Autos mit Polizeibegleitung und Blaulicht und Tatütata abgeholt worden und runtergebraust in die Stadt, zum Rathaus. Man hätte den Marktplatz absperren müssen, weil sich ganz Tailfingen um das Rathaus gedrängt hätte, um Herrn Konzelmann zu sehen und Frau Merkel. Und natürlich das Königsbaby. Und man hätte in den Nebenstraßen ein Fest veranstaltet, wie es Tailfingen noch nie erlebt hat. Mit der Stadtkapelle und einer Hüpfburg und Bratwürstchen und Glühwein, Punsch für die Kinder und ganz viel Zuckerwatte und gebrannten Mandeln. Natürlich umsonst. Für alle. Spendiert von der Stadt, weil etwas Einmaliges in Tailfingen passiert. Ein paar neugierige Grundschüler von Langenwand und Stiegel hätten es am nächsten Tag sogar vielleicht auf eines der vielen Fotos in der Zeitung geschafft, auf der Titelseite, unter der dicken Schlagzeile: "König der Könige in Tailfingen geboren."

Das Baby hätten wahrscheinlich nur die wenigsten gesehen. Ist ja klar, so ein Kleines braucht ja auch Ruhe. Und Maria und Josef auch. Und außerdem hätten zum König der Könige sowieso nur die allerwichtigsten Gäste reinschauen dürfen. Die Bundeskanzlerin. Und Herr Konzelmann. Und vielleicht, das hoffe ich zumindest, auch noch der Pfarrer Fischer, weil der ja im Auftrag der Engel alles so gut organisiert hat. Aber da hab ich schon meine Zweifel. Alle anderen hätten das Baby nur in der Zeitung gesehen. Wenn überhaupt. Und jeder hätte es verstanden. Klar, ist ja auch ein König. Gott selbst kommt. Der kann sich ja dann nicht mit jedem abgeben. Der konzentriert sich auf die wichtigen Leute. Ich denke mir schon, dass ihr das Jesusbaby auch gerne begrüßt hättet. Aber glaubt ihr wirklich, Gott interessiert sich für ein paar Grundschüler von der Langenwand?

Jetzt ist das aber halt nicht die Weihnachtsgeschichte, sondern nur etwas, was ich mir ausgedacht habe. Der König der Könige kam nicht in Tailfingen zur Welt, sondern in Bethlehem und zwar lange bevor Herr Konzelmann, die Bundeskanzlerin und ich überhaupt geboren wurden. Aber auch damals dachten die Leute ganz selbstverständlich, dass Gott sich nur für die "wichtigen" Menschen interessiert. Die Sterndeuter, die so weit gereist waren, gingen in die Hauptstadt, nach Jerusalem, in den Palast. Wo sonst sollte denn ein neuer König zur Welt kommen, dachten sie sich. In einer Krippe, bei den Hirten, auf Stroh, zu suchen, wäre denen nie in den Sinn gekommen.

Aber Gott kommt ganz anders auf die Welt, als alle es sich dachten. Das Jesuskind liegt tatsächlich nicht in einem Luxusbett, sondern auf Stroh in einer Krippe. Und um die Krippe herum stehen keine mächtigen, reichen Leute, sondern einfache Schafhirten. Und Gott hat sich dabei schon etwas gedacht!

Weißt du, eigentlich haben die Menschen ja recht, wenn sie sagen, dass Gott sich nur für die wichtigen Leute interessiert. Nur haben sie viel zu oft vergessen zu fragen, wen Gott eigentlich für "wichtig" hält. Sonst hätten sie nämlich gewusst, dass bei Gott alle wichtig sind. Nicht nur die Könige. Und Bundeskanzler. Und Bürgermeister. Und Pfarrer. Sondern alle. Ganz einfache Leute. Hirten, die nach Schaf stinken. Leute, die wir für nichts Besonderes halten. Leute, die nicht viel Geld haben. Leute, die noch nichts geleistet haben, was sie ganz toll dastehen lässt. Menschen wie du und ich. Schulkinder. Grundschullehrer. Gestresste Eltern. Omas und Opas und Onkel und Tanten. Ganz normale Leute von der Langenwand in Tailfingen und von Stiegel und von überall her, die sind Gott wichtig. So wichtig, dass er auf die Welt kommt, um seine Liebe zu zeigen. Da gehörst du auf jeden Fall dazu. Gott liebt dich. Das zeigt er an Weihnachten. Das ist es, was wir feiern. Deshalb kann ich dir sagen: Frohe Weihnachten! Du bist von Gott geliebt.

Amen.

Predigttext

Lukas 2,4-7

In aller Kürze

"Da liegt es, das Kindlein, auf Heu und auf Stroh." Eigentlich unvorstellbar, dass der König der Könige so kommt! Und trotzdem hat Gott beschlossen, seinen Sohn genau dorthin zu senden: Nach Bethlehem, in die Krippe. Warum eigentlich?

Über Christoph

Christoph Fischer (* 1978) ist Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg auf der Pfarrstelle „Erlöserkirche“ in Albstadt-Tailfingen.

Christoph ist verheiratet mit Rebecca. Gemeinsam haben sie drei Töchter.