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Aufnahme der Predigt (12:20)
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Die Predigt "Sturmstiller" von Christoph Fischer und alle dazu gehörigen Ressourcen (Predigtzettel, Aufnahme) sind lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz. Verwendete Bilder stehen eventuell unter eigenen Lizenzbedingungen. Ausdrücklich von der Creative Commons-Lizenz ausgenommen sind die Logos und Namen der Gemeinde, in der die Predigt gehalten wurde und ihrer Arbeitsbereiche.

Gnade mit euch und Friede von Gott dem Vater und von Jesus Christus, unserem Herrn!

Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus,

Als ich am Sonntagnachmittag im Wohnzimmer saß und draußen der Wind ums Haus heulte, da dachte ich mir, der Predigttext, der über dieser Woche steht, ist doch ganz passend. Eine bekannte Erzählung nimmt uns mit hinein in das Erleben Jesu und seiner Jünger an einem stürmischen Tag auf dem See Genetsareth. Ich lese uns die Verse 35 bis 41 aus dem vierten Kapitel des Markusevangeliums:

Und am Abend desselben Tages sprach er zu ihnen: Lasst uns ans andre Ufer fahren. Und sie ließen das Volk gehen und nahmen ihn mit, wie er im Boot war, und es waren noch andere Boote bei ihm. Und es erhob sich ein großer Windwirbel, und die Wellen schlugen in das Boot, sodass das Boot schon voll wurde. Und er war hinten im Boot und schlief auf einem Kissen. Und sie weckten ihn auf und sprachen zu ihm: Meister, fragst du nichts danach, dass wir umkommen? Und er stand auf und bedrohte den Wind und sprach zu dem Meer: Schweig! Verstumme! Und der Wind legte sich und es ward eine große Stille. Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben? Und sie fürchteten sich sehr und sprachen untereinander: Wer ist der, dass ihm Wind und Meer gehorsam sind! (Markus 4,35-41)

Die meisten von uns kennen diese Geschichte vermutlich von Kindertagen an. Schon in der Kinderkirche oder in der Kinderbibel zeigte man uns beeindruckende Bilder von diesem Sturm: Aufgepeitschte Wellen, tobender Wind, ein zerfetztes Segel, ein schwankendes Boot, verzweifelte, durchnässte Jünger. Ein bedrohliches Bild. Ein Bild des Elends. Wenn man sich in diese Geschichte hineindenkt, ist man geradezu froh, hier, in einem warmen, gemütlichen Raum zu sitzen und eben nicht in diesem Boot. Da geht es uns doch gut!

Lebensstürme

Wenn wir heute über die Sturmstillung nachdenken, soll es darum heute auch nicht um den Wetterbericht gehen. Vielmehr bedenken wir miteinander die Stürme, die wir alle kennen und die kein Isolierglasfenster aufhalten kann: die Stürme unseres Lebens. Darüber muss ich Ihnen vermutlich nichts erzählen. Sie sind alle schon viel länger als ich auf dieser Erde unterwegs und kennen das Auf und Ab des Lebens, die Moment, in denen man von widrigen Umständen wild gebeutelt wird und der Gegenwind einen umzuhauen scheint. Vermutlich könnte jeder hier auch, wie die Jünger an diesem Abend, von Zeiten unseres Lebens berichten, die eigentlich ganz ruhig und angenehm begonnen hatten und sich dann plötzlich und völlig unvorhergesehen in das genaue Gegenteil verkehrten. Und wir kennen sicher alle auch die Momente, in denen wir uns dann irgendwann fragen, ob Gott uns jetzt gar vergessen und mit unserer Misere im Stich gelassen hat. Wo ist er denn, jetzt wo ich ihn brauche? Schläft er gar auch, wie Jesus damals im Boot?

Die Dinge, die uns im Leben entgegenblasen, sind ganz unterschiedlicher Natur: der Verlust des Arbeitsplatzes. Eine herbe Enttäuschung durch jemanden den man vertraut hat. Ein Unfall. Eine plötzliche Krankheit. Der Abschied von einem lieben Menschen. Die Einsamkeit, wenn alle anderen schon gegangen sind. Die Stürme sind so vielfältig und unterschiedlich, wie wir Menschen es sind. Und trotzdem können wir, im Vertrauen auf Jesus Christus, in unseren so unterschiedlichen Stürmen auf den einen Sturmstiller schauen.

Im falschen Boot?

Nach all den Jahren und vielen, vielen unterschiedlichen Begegnungen mit dieser Jesusgeschichte ist mir erst in der letzten Woche etwas aufgefallen, was ich bisher in der Erzählung nie bemerkt hatte: Als Jesus und seine Jünger am Abend vom Ufer des Sees Genetsareth ablegen, sind sie nicht allein. "Es waren noch andere Boote bei ihm", berichtet Markus gleich zu Beginn. In einer kurzen, präzisen Erzählung, in der sonst kein Wort zu viel verwendet wird, verwundert mich dieser Satz. Denn als dann nur einen Satz später der Sturm über die Jünger hereinbricht, ist von den anderen Booten plötzlich keine Rede mehr. Auch am Ende der Geschichte, als sich der See schon längst wieder still vor dem Boot kräuselt, werden keine anderen Boote mehr erwähnt. Wo sind die denn hin? Was ist mit ihnen geschehen?

Vielleicht waren sie einfach schneller am anderen Ufer--waren besser im Segeln, ausdauernder im Rudern, souveräner unterwegs durch den See. So wie manche Leute, die ich beobachte, die die Stürme und Klippen und Wellen und Böen des Lebens so leicht zu meistern scheinen. Manchmal wünsche ich mir, ich wäre in ihrem Boot. Da wäre vielleicht alles leichter. Alles besser. Und manchmal frage ich mich, warum die das hinkriegen und ich nicht. Bin ich vielleicht einfach zu schwach? Zu ängstlich? Zu wenig gläubig? Bin ich vielleicht einfach nicht gut genug? Man könnte es meinen, wenn man andere manchmal so sieht.

Vielleicht waren sie ja auch selbst mitten im Sturm, die anderen. Viel zu beschäftigt, um den Jüngern zur Hilfe zu eilen, als diese glauben, ihr Boot sinke gleich. Vielleicht haben sie genauso panisch Wasser ausgeschöpft, Ruder betätigt und die letzten Fetzen eines Segels zusammengehalten, wie es hier im Boot geschieht. Längst hat der Sturm vielleicht die Gruppe auseinandergetrieben und jetzt ist jeder auf sich selbst gestellt. Vielleicht sind sie gar schon gesunken? So wie manche Leute, die ich beobachte, die vom Leben auch schwer gebeutelt und getrieben und gerieben und geschlagen werden. Die das völlig fertig macht. Die irgendwann den Mut sinken lassen wie ein deprimierter Seefahrer die zerfetzten Segel. Die längst aufgegeben haben. Deren Lebensboot vielleicht gar gesunken ist. Das greift mich an, das lässt mich nicht kalt: Wie soll den ich Hoffnung haben, wo andere auch nicht weiterkommen?

Letztlich ist aber alles, was wir über die anderen Boote mutmaßen können, nur pure Spekulation. So wie auch mein Bild vom Leben der anderen meist nur unvollständig und verzerrt ist und ich mir eigentlich kein Urteil darüber bilden kann, wie der andere mit den Stürmen seines Lebens umgeht. Ich habe nur ein Leben, nur ein Boot, und das ist das, in dem ich sitze, mit dem ich unterwegs bin. Am Ende des Tages--am Ende der Geschichte--spielen die anderen Boote keine Rolle mehr. Da ist nur eines wichtig für die Jünger: Sie saßen im selben Boot mit Jesus. Und wenn es je ein richtiges Boot gab, dann das. In dem säße ich auch gern.

Mit Jesus im Schifflein kann ich lächeln im Sturm

In diesem Boot kann Jesus seelenruhig schlafen, während andere in grenzenlose Panik geraten. Er weiß sich in Gottes Hand geborgen. Er weiß, dass er nur die Hand ausstrecken muss und der Wind und Wellen werden gehorchen. Dieses Boot, in dem hartgesottene Fischer, die beileibe nicht zum ersten Mal in einen Sturm geraten, sich nun überfordert sehen und den letzten Rest ihres kleinen Glaubens zusammenkratzen und den ausgerechnet den Zimmermann aus Nazareth -- wir würden sagen: die Landratte -- um Hilfe bitten, in diesem Boot hat man das Eine -- nein: den Einen -- dabei, der im Sturm noch helfen kann. Und er tut es. Und der Sturm ist vorüber. Wie wünschte ich mir, in diesem Boot zu sitzen!

Und das ist der Moment, wo es mich trifft wie ein Blitz: Ich sitze doch in diesem Boot! Dieser Jesus ist doch auch bei mir eingestiegen, gleich beim Ablegen, damals, am weit zurückliegenden Ufer. Da hat er mir zugesagt: "Ich habe dich je und je geliebt. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein." Und: "Siehe, ich bin bei dir alle Tage, bis an das Ende der Welt." "Siehe!" Das ist es, was ich so oft vergesse: "Siehe!" -- zu sehen, dass er ja da ist, mit unterwegs auf meinem Lebensweg. Mit mir in meinem Boot. Stürme gibt es trotzdem. Aber das Geheimnis derer, die jedem Sturm des Lebens erfolgreich trotzen, ist nicht das Rudern, nicht das Segeln, nicht das Schöpfen, nicht das panische Um-Hilfe-Suchen. Auch nicht der sinnlose Wunsch, in einem anderen Boot zu sitzen. Sondern nur eins -- und dazu reicht offensichtlich selbst ein kleiner Glaube. Dazu könnte auch meiner reichen: Der Blick auf Jesus, der mit im Boot sitzt. Er bringt mich sicher durch! Auf ihn kann ich vertrauen!

Liebe Schwestern, liebe Brüder, wie gerne würde ich jetzt berichten, dass ich seither in den Stürmen meines Lebens ein Kissen hole und mich furchtlos, gelassen und ruhig neben Jesus ins Boot lege. Nein, das wäre nicht ehrlich. Ich gerate immer noch ganz schön in Angst und Panik. Aber wenn mein Blick dann wieder auf Jesus fällt, dann wächst in mir der Glaube, die Hoffnung, die Gewissheit, dass ich auch durch diesen Sturm kommen werde. Das wünsche ich uns allen.

Amen.

Predigttext

Markus 4,35-41

In Kürze

Die "Stürme des Lebens" bleiben nicht aus. Gut, wenn man dann im richtigen Boot sitzt! Im Vertrauen auf Jesus Christus brauche ich auch im schlimmsten Sturm keine Angst zu haben.

Über Christoph

Christoph Fischer (* 1978) ist Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg auf der Pfarrstelle „Erlöserkirche“ in Albstadt-Tailfingen.

Christoph ist verheiratet mit Rebecca. Gemeinsam haben sie drei Töchter.