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Die Predigt "Vom Festhalten und Loslassen" von Christoph Fischer und alle dazu gehörigen Ressourcen (Predigtzettel, Aufnahme) sind lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz. Verwendete Bilder stehen eventuell unter eigenen Lizenzbedingungen. Ausdrücklich von der Creative Commons-Lizenz ausgenommen sind die Logos und Namen der Gemeinde, in der die Predigt gehalten wurde und ihrer Arbeitsbereiche.

Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater und von Jesus Christus, seinem Sohn!

Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus,

"Halte, was du hast, dass niemand deine Krone nehme!" Dieses Christuswort aus Offenbarung 3,11 war am 17.03.1940 der Konfirmationsspruch von Martha Estler. Wer sie damals in der Pauluskirche konfirmiert hat, steht nicht im alten Kirchenbuch. Wir nehmen an, dass es Pfarrer Friedrich Müller war. Aber das ist auch egal. Nicht der Name des Pfarrers ist wichtig. Geblieben ist, ein Leben lang, der Denkspruch, den Martha Estler selbst für ihre Beerdigung notiert hatte: "Halte, was du hast, dass niemand deine Krone nehme!"

Vielleicht ist das ja auch gerade das Richtige für einen solchen Tag, an dem es gilt, Abschied zu nehmen. So ein Abschied ist schmerzvoll und unangenehm. Marthas Fehlen wird sich bemerkbar machen. Schon jetzt schweifen die Gedanken zurück an gute gemeinsame Tage, an gemeinsam bestandene Herausforderungen, an glückliche Momente, an Höhen und Tiefen. "Festhalten", das ist ein gutes Stichwort. Wenn wir sie doch nur festhalten könnten. Einfach hierbehalten, weitermachen wie bisher. Egal wie lange. Das würde so einen Abschied und all die Schmerzen, die er mit sich bringt ersparen. Zumindest in Gedanken wollen wir das auch tun. Festhalten an all dem Guten. Dankbar sein für ein langes Leben und so vieles, was wir miteinander teilen durften.

Festhalten an der Erinnerung

Martha Estler wurde am 22. November 1925 in Tübingen als das zweite von drei Kindern von Otto und Katharine Estler geboren. Mit ihren Geschwistern Johannes und Ruth wuchs sie hier in Tailfingen auf. In dieser Zeit Kind zu sein brachte mit Sicherheit seine ganz eigenen Herausforderungen mit sich. Bekannt ist, dass sie im Alter von 10 Jahren fast an einem Blinddarmdurchbruch gestorben wäre. Und, dass sie wie so viele andere schon recht früh mitarbeiten musste. Während des Kriegs war sie bei Konzella, der Firma ihres Onkels Karl Konzelmann, tätig, musste mithelfen, Rüstungsgüter herzustellen. Nach dem Krieg schlug sie dann die Laufbahn ein, unter der sie ganz vielen in Tailfingen vertraut wurde: Als "Tante Martha" war sie ab 1945 40 Jahre lang im evangelischen Kindergarten tätig. Ganze Generationen von Tailfingern kannten und liebten Tante Martha, bei der sie -- zuerst lange Jahre im Gemeindehaus in der Moltkestraße, dann später in der Heusteigstraße, in den Kindergarten gegangen waren. Besonders hervorzuheben ist hier vor allem ihre treue Freundin Renate Bitzer, die zuerst selbst bei Tante Martha in den Kindergarten ging, später dann zur Leiterin eben dieses Kindergartens (und damit zu Marthas Chefin) wurde.

Neben der Tätigkeit im Kindergarten war Martha auch familiär sehr stark engagiert. Sie, die nie geheiratet hatte, pflegte mit ihrer Schwester Ruth die Mutter bis zu deren Tod 1968. 1973 verunglückte ihre Schwägerin. Für die Patenkinder, Neffe Jürgen und Nichte Ursula, wurden die beiden unverheirateten Tanten zu einer Ersatzfamilie. Ruth wurde quasi zur Mutter, dann auch zur Ersatzoma für ihren Großneffen Hans-Joachim und ihre Großnichte Kathrin.

Diese enge Verbindung blieb immer erhalten. Bis ins hohe Alter, bis in den September 2018, lebte Martha Estler selbständig in ihrem Haus in der Unteren Bachstraße. Der Neffe und die Nichte kümmerten sich um sie. Herr Estler, Sie erinnern sich gut daran, wie sie werktags beim Metzger das Mittagessen für sie geholt haben.

Irgendwann wurde das eigenständige Leben gesundheitsbedingt immer schwieriger: die steile Treppe im Haus, eine Reihe von Stürzen. Ende 2018 zog Martha zunächst vorübergehend in die Augustenhilfe in Tailfingen. Heiligabend konnte sie noch einmal zuhause im Kreis der Familie feiern und auch den Gottesdienst besuchen. Mitte Januar zog sie sich dann eine schwere Bronchitis zu, von der sie sich nie mehr wirklich erholt hat. Nach einem Krankenhausaufenthalt folgte dann Ende Februar noch ein weiterer schwerer Sturz mit einem Bruch des Oberschenkels, sowie eine Operation in ihrem hohen Alter. Zurück im Pflegeheim ging es auf und ab mit der Gesundheit. Über Wochen haben Sie sich immer wieder von ihr verabschiedet. Am Abend des Gründonnerstags waren Sie, Frau Estler, noch eine Weile zum Vorlesen bei ihr. Eine Dreiviertelstunde später ist sie dann verstorben.

"Halte fest, was du hast...". Wie gerne würden wir einen lieben Menschen festhalten. Aber Martha Estler ist von uns gegangen. Wir können sie nicht festhalten. Wir sind von nun an gefordert, loszulassen. Das fällt uns schwer. Das ist schmerzhaft. Wie gut, dass wir wenigstens diese Erinnerungen festhalten können.

Festhalten am Glauben

Nun wurde dieser Denkspruch ja aber auch gar nicht uns mitgegeben, sondern zunächst einmal Martha Estler selbst: "Halte fest, was du hast, damit niemand deine Krone nehme." Vielleicht müssen wir das Ganze einmal versuchen, aus ihrer Perspektive zu sehen. "Halte fest, was du hast, ..."

Was gibt es denn festzuhalten nach so einem langen Leben? 93 Jahre bringen ja eine Menge mit sich: Gutes, das man gerne bewahren möchte. Schwieriges, das man lieber schnell loslassen möchte. Was hält man fest?

Die guten Zeiten sind wunderschön, solange sie halten, und doch so schnell vorbei. Schöne Stunden vergehen, schöne Tage ziehen vorüber, schöne Jahre sind wie im Flug vorbei. Die Zeit kann niemand festhalten. Auch nicht 40 Jahre im Kindergarten. Auch nicht 93 Jahre in Tailfingen, auf dieser Welt. Nicht einen einzigen der schönen Augenblicke eines Lebens kann man festhalten.

Menschen kann man auch nicht festhalten. Die Kinder von damals sind heute erwachsen und gehen ihre eigenen Wege. Sie erscheinen vielleicht noch auf irgendwelchen Bildern. Vielleicht grüßten sie "Tante Martha" einmal im Vorbeigehen in der Stadt. Aber die Welt dreht sich unaufhaltsam weiter. Die Menschen, auch die Freunde und Verwandten, selbst engste Angehörige kommen und gehen wieder, manche früher als erwartet. Der Vater 1959, die Mutter 1968, die Schwägerin 1973. Neue Menchen kommen, werden wichtiger, nehmen eine zentralere Rolle ein: die Nichte, der Neffe, Großnichte und Großneffe. Neue Begegnungen, neue Freunde. Ganz zum Schluss sogar noch einmal ein neuer Pfarrer, der plötzlich in der Augustenhilfe mit am Geburtstagstisch sitzt und genau eine Woche vor ihrem Tod noch in ihrem Zimmer dort das Abendmahl mit ihr und Renate Bitzer feiert. Aber keinen dieser Menschen kann man festhalten.

Auch materielle Dinge kann man nicht festhalten. Da kommt dann -- nicht plötzlich und unvermutet, aber trotzdem jäh und endgültig -- der Tod und dann geht es uns allen gleich: Niemand von uns kann auch nur einen Cent, eine Sache, irgendetwas, dass uns lieb und wert geworden ist, mit hinüber über die Schwelle des Todes nehmen.

"Halte fest, was du hast..." Ja, was bleibt denn dann?

Vielleicht sollten wir uns noch einmal vor Augen halten, dass auch Martha diesen Denkspruch nicht am Ende ihres langen und erfüllten Lebens zugesprochen kam. Kollege Müller hat diesen Denkspruch 1940 einer damaligen Vierzehnjährigen zugesprochen, die noch nicht viel vorzuweisen hatte, was man festhalten können hätte. Die vielen erfüllten Jahre lagen noch vor ihr in unbekannter Zukunft. Auch ihre Sternstunden als Tante Martha im Kindergarten. Auch die Jahre als Ersatzmama und Ersatzoma in ihrer Familie. Was gab es da dann auf der Haben-Seite festzuhalten?

"Halte fest, was du hast", war damals ein Zuspruch Gottes als Antwort auf ein Bekenntnis, dass die junge Martha Estler nur wenige Minuten zuvor vor der Gemeinde abgelegt hatte: "Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn unseren Herrn. Ich glaube, dass dieser Jesus für mich gestorben und am dritten Tage auferstanden ist. Dass er zur Rechten Gottes, des Vaters, sitzt und von dort wiederkommen wird. Ich glaube an den Heiligen Geist. Ich glaube an die Vergebung der Sünden. Ich glaube an die Auferstehung der Toten. Ich glaube an das ewige Leben." Das ist es, was Martha festhalten sollte: das einzige, was in jeder Situation, immer und überall, in Höhen und Tiefen, Bergen und Tälern, guten und schlechten Zeiten Bestand hat: selbst über die Grenze des Todes hinweg. Gott selbst, der sich in Jesus Christus offenbart, sollte sie für immer festhalten.

Und das hat sie getan. Dieser Glaube hat sie getragen. In gewisser Weise wurde er ihr schon mit in die Wiege gelegt: Ihre Eltern, Otto und Katharine, waren sehr stark vom christlichen Glauben geprägt, wie auch die Generationen vorher, der Großvater Simon Estler, lange Zeit Mesner der Pauluskirche. Vier Tage nach ihrer Geburt, noch in Tübingen, hat man Martha in der Taufe das "Ja" Gottes zu ihrem Leben zugesprochen. 1940 hat sie in der Konfirmation ihr eigenes, bewusstes "Ja" dazu gesprochen. Und sie hat dieses "Ja" auch gelebt. Im Beruf im evangelischen Kindergarten, in lebenslanger enger Verbindung mit der Kirchengemeinde, im Engagement in kirchlichen Gruppen und Kreisen wie dem Kirchenchor, der Flötengruppe "Sonatella", einer Theatergruppe namens "Himmelreich", beim Café Senior und bei vielen anderen Gelegenheiten. Im privaten und in den vielen Beziehungen und Freundschaften ebenso.

"Halte fest, was du hast", dieser Anspruch Gottes an ihr Leben hat bei Martha Estler eine Antwort gefunden. Der Gott, an dem sie sich gehalten hat, hat sie durchgetragen. Der Glaube gab ihr Halt. Davon können wir heute lernen. Gerade jetzt, wo wir einen geliebten Menschen loslassen müssen, können wir das eine, nein, den Einen, festhalten, der ewig bleibt.

Festgehalten werden

"Halte fest, was du hast, damit dir niemand deine Krone nehme." Dieser Zuspruch Gottes ist auf das Ende hin gedacht. Eine Krone wird in Aussicht gestellt. Im Vers danach gehen die Verheißungen noch weiter: "Wer überwindet, den will ich machen zum Pfeiler in dem Tempel meines Gottes, und er soll nicht mehr hinausgehen, und ich will auf ihn schreiben den Namen meines Gottes und den Namen der Stadt meines Gottes, des neuen Jerusalem, das vom Himmel herniederkommt von meinem Gott, und meinen Namen, den neuen." So viele gute Versprechen für den, der festhält, was sich zu halten lohnt.

Martha Estler wusste darum. Für sie war der Tod kein drohendes Dunkel, das schon lange angstvoll das Leben überschattet. Mit dem Tod von anderen war sie ja Zeit ihres Lebens schon immer wieder konfrontiert worden. Aber auch über den eigenen Tod konnte sie gelassen nachdenken. Immer wieder hat sie das getan: sie hat praktische Dinge organisiert und geordnet im Hinblick auf ihr Sterben. Sie hat sich Gedanken über ihre Beerdigung gemacht, Lieder ausgewählt und ihren Denkspruch aufgeschrieben. Und sie hat sich am Schluss, in ihrer Schwäche und der abnehmenden Gesundheit, gewünscht, sterben zu dürfen. Das war keine beängstigende Aussicht. In Jesus Christus wusste sie sich gehalten.

Das ist übrigens das wahre Geheimnis des Festhaltens: Viel wichtiger noch als das eigene Festhalten ist die Gewissheit, von einem Größeren festgehalten zu werden. Das ist es, was Gott Martha und jedem Einzelnen von uns bereits in der Taufe zugesagt hat: "Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein." Das ist es, was wir bei jedem Abschied, auch heute nachher am Grab, immer wieder hören: "Jesus Christus spricht: Ich bin der gute Hirte. Meine Schafe hören meine Stimme und ich kenne sie, und ich gebe ihnen das ewige Leben, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen." Gott selbst hält an uns fest. Gott selbst hat einen Anspruch auf unser Leben, den er nicht einfach fallen lässt. Gott selbst liebt uns so sehr, dass er uns festhält. Auch im Tod. Und, das glauben wir, in seiner Auferstehung.

Daran hat sich Martha festgehalten. Darin wurde sie festgehalten.

Daran kann auch ich mich festhalten. Wir alle können das. "Halte fest, was du hast." Dann werden wir -- da bin ich gewiss -- gerade auch in Momenten wie heute, gerade auch im Loslassen eines geliebten Menschen -- erleben, wie Gott selbst uns hält.

Amen.

Predigttext

In Kürze

Festhalten möchten wir gerne, gerade in der Stunde des Abschieds. Es fällt uns schwer, loszulassen. Gleichzeitig stellt sich die Frage, was bleibt -- was Bestand hat. Genau daran wollen und sollen wir festhalten.

Über Christoph

Christoph Fischer (* 1978) ist Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg auf der Pfarrstelle „Erlöserkirche“ in Albstadt-Tailfingen.

Christoph ist verheiratet mit Rebecca. Gemeinsam haben sie drei Töchter.