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Aufnahme der Predigt (20:49)
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Die Predigt "Was dem Sünder blüht" von Christoph Fischer und alle dazu gehörigen Ressourcen (Predigtzettel, Aufnahme) sind lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz. Verwendete Bilder stehen eventuell unter eigenen Lizenzbedingungen. Ausdrücklich von der Creative Commons-Lizenz ausgenommen sind die Logos und Namen der Gemeinde, in der die Predigt gehalten wurde und ihrer Arbeitsbereiche.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und von unserem Herrn Jesus Christus!

Liebe Schwestern und Brüder,

Es ist ein Brief an unsere Gemeinde gekommen--ein Brief, der uns alle betrifft. Und weil wir heute Abend hier zusammen sind und etwas Zeit haben, nutze ich die Gelegenheit und lese ihn hier vor, so dass ihr ihn alle gehört habt.

Liebe evangelische Kirchengemeinde in Tailfingen,

Ich kenne deine Werke, dass du weder kalt noch warm bist. Ach dass du kalt oder warm wärest!
Weil du aber lau bist und weder warm noch kalt, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde.
Du sprichst: Ich bin reich und habe mehr als genug und brauche nichts!, und weißt nicht, dass du elend und jämmerlich bist, arm, blind und bloß.
Ich rate dir, dass du Gold von mir kaufst, das im Feuer geläutert ist, damit du reich werdest, und weiße Kleider, damit du sie anziehst und die Schande deiner Blöße nicht offenbar werde, und Augensalbe, deine Augen zu salben, damit du sehen mögest.
Welche ich lieb habe, die weise ich zurecht und züchtige ich. So sei nun eifrig und tue Buße!
Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir.a
Wer überwindet, dem will ich geben, mit mir auf meinem Thron zu sitzen, wie auch ich überwunden habe und mich gesetzt habe mit meinem Vater auf seinen Thron.
Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt!

Unterschrift: Das sagt, der Amen heißt, der treue und wahrhaftige Zeuge, der Anfang der Schöpfung Gottes.

Buße tun--ich?

Ihr habt es wahrscheinlich schon bemerkt: Dieser Brief trägt keine Briefmarke der Deutschen Post und er ging auch nicht beim Gemeindesekretariat im Pfarrhaus Pauluskirche zur Bearbeitung an. Die Unterschrift ist auch keine Unterschrift, sondern eigentlich die erste Zeile des ursprünglichen Texts. Es ist -- wie auch der Predigttext des vergangenen Sonntags schon -- einer der insgesamt sieben Briefe oder "Sendschreiben", die sich in den ersten Kapiteln des letzten Buchs der Bibel, der Offenbarung, finden. Der Absender, so der Anspruch des Offenbarungsbuches, ist kein geringerer als der auferstandene Herr Jesus Christus selbst. Die Empfänger der sieben Briefe sind sieben Gemeinden im damaligen Kleinasien, hier konkret, in der Stadt Laodizäa. Nun könnte man natürlich aufatmen und sagen: "Puh, dann hat das ja alles mit uns gar nichts zu tun. Dann widmen wir uns diesem Text nun in Ruhe einfach aus historischem Interesse." Dann lesen wir den Text noch einmal in seiner korrekten Ordnung und im Zusammenhang des Offenbarungsbuchs und ich erzähle ihnen ein paar interessante Details über die historische Gemeinde in Laodizäa. Dann kann dich jeder von uns ein Urteil über das Wesen oder Unwesen dieser Gruppe von Christen im ersten Jahrhundert der Christenheit bilden und wir hier 2018 in Tailfingen sind fein raus.

Die andere Möglichkeit wäre, dass wir uns gemeinsam vornehmen, den Buß- und Bettag mit seinem unangenehmen Thema ernst zu nehmen. Das könnte heißen, das wir uns heute Abend selbst mit als Adressaten dieses Briefes verstehen--so, wie es Christenmenschen durch die Jahrhunderte hindurch immer wieder getan haben. Nur tun wir das natürlich nicht furchtbar gerne. Wenn der Buß- und Bettag und der Laodizäa-Brief eines gemeinsam haben, dann, dass sich niemand gerne davon angesprochen fühlt.

Es macht mir kein Problem, über die Fehler und Schwächen, ja, die Sünden vergangener Generationen und historischer Gemeinden nachzudenken. Im Gegenteil: Das tut mir sogar gut! Aus meiner heutigen Perspektive--so rede ich mir es zumindest ein--weiß ich dann immer alles besser. Im Englischen sagt man: "Hindsight is always 20/20. Im Rückblick hat man immer die volle Sehschärfe." Da ist vielleicht auch etwas dran.

Es macht mir auch kein Problem, in der Gegenwart hier und heute über die Fehler und Schwächen, ja, die Sünden anderer Menschen nachzudenken. Im Gegenteil: Mir fallen da immer gleich Personen ein, denen so ein "richtiger" Buß- und Bettag ganz sicher mal gut tun würde. So mit ganz viel Beten und noch mehr Buße. Die mal, um den Wortsinn auf die Spitze zu treiben, "büßen" müssten. Da sind bekannte Personen dabei, aus Funk und Fernsehen und den nationalen und internationalen Nachrichten. Da sind auch eher unbekannte Menschen dabei, aus meiner Umgebung oder meiner Nachbarschaft. Ich bin da schon ganz gut darin, mein Urteil über die Fehler der anderen zu fällen. Und da ist vielleicht auch etwas dran.

Aber die nötige Sehschärfe fehlt mir dann eben doch, wenn es um mich selbst geht. Das ist vielleicht genau der Punkt, der mich mit den Christen in Laodizäa verbindet. Sie damals und ich heute, wir haben den Buß- und Bettag am allermeisten nötig. Nur merken wir das oft nicht. Oder wir wollen es uns nicht eingestehen. Was dem Sünder blüht, das male ich mir gerne für andere aus, aber für mich will ich das nicht hören. Schaut, genau wie die Christen in Laodizäa bin ich ja kein "extremer" Sünder. Ich mag vielleicht nicht immer im besten Sinne des Ausdrucks "brennend heiß" für Gott sein, aber eine geistliche Eiszeit herrscht in meinem Leben ja auch nicht. Ich bin doch ganz okay. Ich habe noch niemand umgebracht. Ich habe noch niemand bestohlen. Ich habe keine Affäre hinter dem Rücken meiner Frau. Die typischen "großen" Sünden, die mir so auf Anhieb einfallen, die habe ich alle noch nicht begangen. Ich wasche da meine Hände in Unschuld. Ich bin ganz okay! Und zu alldem versuche ich ja auch noch, auf der positiven Seite, ein guter Mensch zu sein: Ich zahle korrekt meine Steuern, spende ab und zu für wohltätige Zwecke, esse bio und versuche, Müll zu vermeiden. Das ist doch schon ganz gut, oder? Da gäbe es andere, die könnten sich von mir erst einmal eine ganze Scheibe abschneiden?

Aber reicht denn "ganz okay"? Ist es nicht genau das, was an Laodizäa kritisiert wird. Nicht heiß, nicht kalt, so irgendwie lauwarm halt? Eben "ganz okay"?

Ich glaube, genau an dieser Stelle wird es interessant. Vielleicht ist "ganz okay" tatsächlich manchmal sogar gefährlicher als manche schlimme Sünde--weil es mir nämlich den Blick auf das verdeckt, was eben auch mein Leben immer wieder von Gott trennen will. Weil ich mir als so ganz "netter" Mensch so gut einbilden kann, es sei doch eigentlich alles in Ordnung. "Ganz okay" nimmt mir zu oft die Chance, mich selbst als das wahrzunehmen, was ich bin: Ein Sünder. Einer der Buße braucht und viel Gebet, am Buß- und Bettag.

Ein Bußbrief an mich

Nur wer bereit ist, sich als Sünder zu sehen, kann sich selbst als von Gott Begnadigter erfahren. Nur wer bereit ist, sich als Sünder zu sehen, kann sich selbst als Adressaten dieses Briefs mit eintragen. Will ich das? Nein, auf den ersten Blick nicht. Es ist bequemer, wenn nur die anderen solche Bußbriefe bekommen. Oder?

Wenn du das immernoch denkst, will ich dir gerne wiedersprechen. Vielleicht müssen wir einfach den Brief noch einmal lesen. Ganz bewusst, als Empfänger, als Angesprochene, bzw. Angeschriebene. Ich setze hier einfach einmal meinen eigenen Namen ein. Ich lade dich ein, in Gedanken an dieser Stelle deinen Namen zu hören. Was schreibt uns denn der auferstandene Jesus Christus? Ein Experiment--hör noch einmal genau hin:

Lieber Christoph,

Das sagt, dir der, der Amen heißt, der treue und wahrhaftige Zeuge, der Anfang der Schöpfung Gottes.
Ich kenne deine Werke, dass du weder kalt noch warm bist. Ach dass du kalt oder warm wärest!
Weil du aber lau bist und weder warm noch kalt, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde.
Du sprichst: Ich bin reich und habe mehr als genug und brauche nichts!, und weißt nicht, dass du elend und jämmerlich bist, arm, blind und bloß.
Ich rate dir, dass du Gold von mir kaufst, das im Feuer geläutert ist, damit du reich werdest, und weiße Kleider, damit du sie anziehst und die Schande deiner Blöße nicht offenbar werde, und Augensalbe, deine Augen zu salben, damit du sehen mögest.
Welche ich lieb habe, die weise ich zurecht und züchtige ich. So sei nun eifrig und tue Buße!
Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir.
Wer überwindet, dem will ich geben, mit mir auf meinem Thron zu sitzen, wie auch ich überwunden habe und mich gesetzt habe mit meinem Vater auf seinen Thron.
Du hast Ohren. Also höre, was ich nicht nur den Gemeinden, sondern auch dir sage.

Wie war das jetzt? War das angenehm, diesen persönlichen Brief zu bekommen? Wahrscheinlich eher nicht! Ich bin nicht glücklich, wenn man mir schreibt, dass mein Leben zwar "ganz okay" sein mag, aber trotzdem ungenügend. Ich bin schockiert, wenn ich hören muss, ich sei "elend und jämmerlich und arm, blind und bloß." Ich bin verstört, wenn mir angekündigt wird, ich würde "ausgespieen" werden. In mir regt sich da gewaltig Widerstand. In meinem Kopf komponiere ich längst eine aufwändige Verteidigungsrede. Ich will mich rechtfertigen, erklären, will das irgendwie geraderücken, vielleicht--wenn's sein muss--auch schönreden. So will ich nicht dastehen. Ich brauche keine Lobreden, aber ich will zumindest wieder "ganz okay" sein. Und wenn mir das abgesprochen wird--auch von Gott--dann wehrt sich alles in mir.

Ein Liebesbrief an mich

Vielleicht ist mein innerer Widerstand an dieser Stelle dann aber eben auch schon so stark, dass ich gar nicht mehr in der Lage bin, ruhigen Gemüts zuzuhören und nachzudenken, worum es eigentlich geht an dieser Stelle. Ich höre nur noch "elend" und "jämmerlich" und "sei eifrig und tue Buße." Dabei sind die stärksten Worte in diesem Brief doch die Versprechen Gottes, die er mir hier zuspricht. Hast du die, habe ich die überhaupt gehört?

Ich stehe vor der Tür und klopfe an.

Ich will Abendmahl halten--ich mit dir und du mit mir.

Ich will, dass du überwindest.

Ich will dir geben, dass du mit mir auf meinem Thron sitzt.

Ich will zu dir reden, so dass du hören kannst.

Das klingt doch schon ganz anders, oder? Wenn ich noch einmal Abstand nehme und mich nicht gleich in eine emotionale Verteidigungshaltung hineinreißen lasse, dann höre ich plötzlich einen ganz anderen Brief. Keinen harrschen Bußbrief. Keine verdammende Gerichtsrede. Keine endlose Kritik, kein "Es ist zu spät."

Ich höre in den Zeilen, die mich heute Abend persönlich ansprechen, die Stimme eines liebenden Gottes. Die Stimme des Gottes, der um mich wirbt, weil er das beste für mich will. Die Stimme dessen, der bereit war, für mich bis ans Kreuz zu gehen. Der meine Sünde und die der ganzen Welt getragen hat. Der für mich in den Tod ging und aus dem Tod auferstanden ist. Der mich mit hineingenommen hat in der Taufe in seinen Tod und neues Leben. Und der mich mit hineinnehmen will in sein neues Auferstehungsleben auch in einer ewigen Perspektive.

Dieser Herr Jesus Christus schreibt mir hier. Nicht um mich zu verurteilen, zu verdammen. Nicht um mich zum "verbüßen" einer ewigen Strafe zu bringen, sondern zur Buße--das heißt: zur Umkehr. Zur Umkehr weg von dem, was mich von ihm trennt und von der Fülle des Lebens, das er mir gerne geben möchte. Zur Umkehr von dem, was mich vielleicht "ganz okay" aussehen lässt, aber mir verbirgt, dass "ganz okay" nicht das ist, wozu mich Gott geschaffen hat. Zur Umkehr hin zu ihm, der mich liebt und mir Leben gibt und mich einlädt zur Gemeinschaft mit ihm, sichtbar ausgedrückt in Brot und Wein im Abendmahl.

"Welche ich lieb habe, die weise ich zurecht" habe ich gelesen und mich dabei im ersten Moment gefühlt wie ein kleines Kind, das von einem strengen Vater völlig unbarmherzig "die Leviten verlesen" bekommt und gar nicht mehr weiß, wo es hinsoll--das hilflos in die Ecke gekauert das endlose Donnerwetter über sich ergehen lässt. "Welche ich lieb habe" habe ich da fast überhört udn völlig verpasst, dass die Zurechtweisung hier keine Schimpftirade ist, sondern ein "zu recht weisen" im Sinne einer Hilfe bei der Rückkehr zu dem, wie es richtig ist. Da geht es um Wiederherstellung. Da geht es ums Heil-werden. Da geht es um die liebevolle Hand eines barmherzigen Gottes, die mich sanft zurückbringt zu dem Leben, das ich schon vorher hätte haben können--wenn ich nicht so sehr damit beschäftigt gewesen wäre, "ganz okay" zu sein.

Ja, unbedingt!

Liebe Brüder, liebe Schwestern,
lieber Herr Jesus Christus, der du diesen Brief schreibst,

Ich hätte nie gedacht, dass ich das einmal ausgerechnet über dieses Sendschreiben an die Gemeinde in Laodizäa sage: Ich möchte hier unbedingt angesprochen sein. Ich will diese Worte auf mich beziehen. Ich will diese Einladung zum Abendmahl hören und annehmen. Ich will die Zurecht-Weisung und das Heil erfahren, von dem diese Zeilen redet.

Das heißt aber auch, dass ich den ersten Teil des Briefs rückhaltlos ernst nehme: Ich will mich nicht davon abhalten lassen, dass ich mich doch "ganz okay" finde. Ich will den Abend und jeden weiteren Tag nicht damit verbringen, beleidigte Selbstverteidigungsreden zu verfassen. Ich will dem treuen und wahrhaftigen Zeugen die Gelegenheit geben, die dunklen Seiten meines Lebens schonungslos auszuleuchten, um dann seine Stimme zu hören, die mir Gnade und Vergebung zusagt und mich zur Gemeinschaft beim Abendmahl einlädt. Nur wer bereit ist, sich als Sünder zu sehen, kann sich selbst als von Gott Begnadigter erfahren. Und das will ich, das brauche ich. Evangelium, gute Nachricht, gerade heute am Buß- und Bettag, ist, dass Gott in Jesus Christus mir und dir genau das zusagt. Das ist es, was dem Sünder blüht!

Amen.

 

 

Predigttext

Offenbarung 3,14-22

In Kürze

Wir können es drehen und wenden wie wir es wollen: Keiner von uns lebt perfekt. Vor Gott sind wir Sünder und haben keinen Grund, uns selbst auf die Schulter zu klopfen. Was tun? Der Buß- und Bettag lädt zu einer angemessenen Reaktion ein: Beten. Und Buße tun. Viel spannender aber ist, was Gott tut--und was dem Sünder bei ihm blüht.

Fragen zur Vertiefung

Zu dieser Predigt hat Christoph eine Reihe von Fragen hinterlegt, die in der Kleingruppe zur Vertiefung weiter besprochen werden können:

  1. Was heißt es konkret für dich, dass Gott dir "gnädig" ist?
  2. Was kannst du (mit Gottes Hilfe) ab heute tun, damit du beim nächsten Buß- und Bettag manche Dinge nicht wieder bekennen musst?
  3. Was passiert eigentlich, wenn du morgen wieder nicht zu 100% nach Gottes Maßstäben lebst?

Über Christoph

Christoph Fischer (* 1978) ist Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg auf der Pfarrstelle „Erlöserkirche“ in Albstadt-Tailfingen.

Christoph ist verheiratet mit Rebecca. Gemeinsam haben sie drei Töchter.