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Aufnahme der Predigt (11:48)
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Die Predigt "...weil der, der bei mir ist, mich stark macht" von Christoph Fischer und alle dazu gehörigen Ressourcen (Predigtzettel, Aufnahme) sind lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz. Verwendete Bilder stehen eventuell unter eigenen Lizenzbedingungen. Ausdrücklich von der Creative Commons-Lizenz ausgenommen sind die Logos und Namen der Gemeinde, in der die Predigt gehalten wurde und ihrer Arbeitsbereiche.

Wir können alles. Außer Hochdeutsch.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus!

Liebe Schwestern und Brüder durch Jesus Christus,

Seit Anfang dieses Jahres sucht unser schönes Bundesland einen neuen Werbeslogan. Aus aller Welt möchte man Fachkräfte für die hiesige Industrie gewinnen und dafür verabschiedet sich Baden-Württemberg von dem Werbespruch, der sich in den letzten 20 Jahren zum beliebtesten Tourismuswerbung unter den deutschen Bundesländern entwickelt hatte: "Wir können alles. Außer hochdeutsch." "Wir können alles." Das klingt ja auch vielleicht ein klitzekleines Bisschen übertrieben. Auch wenn die zweite Hälfte der Aussage vermutlich recht zutreffend ist, habe ich als Insider, der hier im Land aufgewachsen ist, an den ersten Teil schon ein paar Anfragen. "Wir können alles." Na ja. Aber dem Schwaben sieht man eine solche kleine Übertreibung vielleicht auch einfach augenzwinkernd nach.

Ganz anders geht es mir da schon mit Paulus, der ja in seinem Brief an die Gemeinde in Philippi ganz Ähnliches von sich behauptet: "Ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht", übersetzt Martin Luther. "Alles vermag ich durch ihn, der mir Kraft gibt.", sagt die Einheitsübersetzung. "Nichts ist mir unmöglich, weil der, der bei mir ist, mich stark macht.", die Neuer Genfer Übersetzung. "Ich kann alles", sagt Paulus. Ohne Einschränkung. Das ist neu. Das scheint mir dann doch übertrieben. Alles? Wirklich alles, Paulus? Ich meine, selbst die größten Helden, von denen wir Menschen zu berichten wissen, haben ihre Einschränkungen. Achilles hat seine verwundbare Ferse. Siegfried ist zwischen den Schulterblättern verwundbar. Superman ist allergisch auf Kryptonit. "Ich kann alles" -- das würde niemand ernsthaft so von sich behaupten. Selbst die stolzen Schwaben fügen schnell hinzu: "Außer Hochdeutsch."

Natürlich hat der Apostel Paulus hier nicht einfach den Bezug zur Realität verloren. Dass er kein Fall von Größenwahn und grenzenloser Selbstüberschätzung wurde, erkennt man schnell, wenn man sich auf diesen Text etwas näher einlässt. Und wann, wenn nicht am Bibelsonntag, wäre ein guter Zeitpunkt, einen Bibeltext näher zu untersuchen? Zwei Fragen möchte ich deshalb gemeinsam mit euch heute bedenken: Erstens--warum meint Paulus, alles zu können? Und zweitens--was meint er eigentlich mit "alles."

Die Kraft des Alleskönners

Die erste Frage lässt sich direkt aus dem bereits zitierten Vers beantworten. Paulus sagt ja nicht wirklich nur "Ich kann alles." "Alles vermag ich durch ihn, der mir Kraft gibt.", schreibt er an die Philipper und lenkt dadurch, wenig überraschend, das unser Augenmerk nicht auf sich selbst, sondern auf die Hauptfigur seines Glaubens und Lebens -- unseres Glaubens und Lebens: Jesus Christus. "ER kann alles", würde Paulus zunächst einmal sagen. Und ich vermag alles, weil er in mir lebt. Weil er es ist, der mir Kraft gibt. Weil er der Grund meines Lebens ist. Seine Kraft wird meine Stärke. "Ich kann nicht alles", schwingt da bereits zwischen den Zeilen mit. Ich kann nicht alles, sonst bräuchte ich ja diesen Christus nicht. Dann wäre ich selbständig und selbstgenügsam und unabhängig und wahrscheinlich auch stolz. Oder ich hätte mich einfach nur maßlos überschätzt. Ich kann nicht alles. Aber ich vermag alles, weil Christus mich stark macht.

Ich habe eine ältere Frau kennengelernt, die lebte nach dem Auszug der Kinder und dem Tod ihres Ehemanns allein in einem sehr großen Einfamilienhaus. Das Haus und den großen Garten zu versorgen machte ihr zunehmend Schwierigkeiten. Der Rücken wollte nicht mehr so mitmachen wie früher, die Gelenke schmerzten und selbst der Gang in den ersten Stock erforderte viel Zeit und Kraft. Und wenn dann erst der Winter kam und die Schneemassen nicht aufhören wollten, dann fühlte sie sich völlig überwältigt. Trotzdem gab sie nicht auf. Trotzig schob sie im Sommer ihren Rasenmäher und im Winter ihre Schneeschaufel und schleppte ihren Staubsauger die Treppe hinauf, um auch die oberen Räumlichkeiten tadellos sauber zu halten. Jede angebotene Hilfe lehnte sie ab. Schließlich hatte sie ihr ganzes Leben lang ihr Arbeitspensum allein bewältigt. Wieso sollte sie jetzt auf einmal Hilfe brauchen? Und was sollten die Nachbarn denken, wenn der Schnee nicht schon früh morgens eigenhändig weggeschippt würde?

Ich habe viele Menschen kennengelernt, die erinnern mich an diese Frau: Ich kann das, sagen sie trotzig. Ich werde es schon schaffen! Ich brauche keine Hilfe. Ich will unabhängig sein. Und sie leiden still oder weniger still unter der Last des Lebens, die sie bedrückt. Da möchte ich es lieber mit Paulus halten. Nur wer bereit ist, einzugestehen, dass er selbst nicht alles kann und alles schafft, der ist fähig, sich umzuschauen, wo ihm geholfen werden könnte. Und der entdeckt, wie Paulus, dass Christus da ist und uns Stärke geben will. "Ich vermag alles, weil er in mir lebt."

Alles? Alles.

Zweitens müssen wir jetzt dringend einmal klären, was Paulus mit "alles" meint, wenn er von sich behauptet, "alles" zu vermögen. Das ist besonders deshalb wichtig, weil man diesen Satz auch gehörig missverstehen kann. Ich selbst bin im Bereich des charismatischen Christentums aufgewachsen, wo sich dieser Paulusvers, auch losgelöst von seinem Zusammenhang, großer Beliebtheit erfreut. "Wer sich an Christus hält, der kann alles", lesen viele Menschen dann so: Im Glauben an Jesus Christus und erfüllt mit seinem Heiligen Geist hast du Gottes feste Zusage, dass er selbst dir in allen Schwierigkeiten, Unwegsamkeiten, Fragen, Zweifeln, Nöten und in allem Leiden dieses Lebens triumphierend den Sieg verleihen wird. Mit ihm kannst du ja alles. Du bist krank? Er wird dich heilen. Du bist niedergeschlagen? Er schenkt dir Freude. Du hast Schmerzen? Er nimmt sie weg. Du bist arm? Er wird dich mit Reichtum überschütten. Bei ihm ist kein Ding unmöglich und weil du in Christus mit ihm fest verbunden ist, ist dir kein Ding unmöglich.

Da ist durchaus viel Wahres dran, liebe Schwestern und Brüder in Christus: Glauben wir nicht an einen allmächtigen Gott? Sollte es Schwierigkeiten, Leid, Schmerzen, Elend und Armut geben, die seine Grenzen überschreiten? Gewiss nicht! Gott kennt keine Grenzen. Er ist der, der wirklich alles kann! Die Frage bleibt jedoch, ob Paulus hier wirklich sagen möchte, dass diese unbegrenzte Allmacht Gottes uns jetzt irgendwie und dazu noch garantiert persönlich zur Verfügung steht, wenn wir uns nur an Christus halten. Sagt Paulus wirklich, "mit Christus kriegst du alles hin"? "Mit Christus löst sich jedes deiner Probleme in Wohlgefallen auf"?

Wer es genau wissen möchte, der muss über diesen Vers hinausschauen. Damit zeigt sich schon, wie wenig hilfreich es ist, sich einfach einen ermutigenden Kühlschrankmagneten mit diesem Satz zu kaufen. "Alles vermag ich.." schreibt Paulus in Gefangenschaft. Nicht Paulus, der triumphierend seinen Feinden entkommt. Dieser Apostel kennt die Frustrationen, die erfolglosen Projekte, die Schmerzen und Leiden und Enttäuschungen eines menschlichen Lebens und weiß, dass sie sich nicht einfach mit ein bisschen Glauben in Luft auflösen. "Alles vermag ich..." schreibt er und dieses "alles", wohlgemerkt ist Teil eines Satzes, der bereits im vorigen Vers beginnt. Wenn man "alles" verstehen will muss man vermutlich auch "alles" lesen:

Ich kann niedrig sein und kann hoch sein; mir ist alles und jedes vertraut: beides, satt sein und hungern, beides, Überfluß haben und Mangel leiden; ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht. (Philipper 4,12-13)

"Alles", das sehen wir schnell, sind für Paulus die Höhen und Tiefen des Lebens. Überfluß und Mangel. Satt sein und Hungern. Niedrig sein und hoch. Die ganze Achterbahn der Gefühle und Lebenslagen ist da mit eingeschlossen. Und gerade die Tiefpunkte verschwinden nicht einfach, weil er ja "alles kann." "Alles vermögen" heißt für Paulus, der aus seiner Gefangenschaft schreibt: Ich halte das aus. Ich kann auch mit den schwierigen Lebenslagen umgehen. Ich kann auch durch die tiefen Talsohlen des Lebens gehen. Ich bin nicht nur als geistlicher Superheld gut, sondern ich überlebe auch in der Gefangenschaft.

Nicht, weil Gott mich immer wundersam aus allem heraushaut. Sondern ganz einfach, weil Christus bei mir ist. Weil er in mir lebt. Weil der Tröster, den er im Evangelium versprochen hat, in meinem Leben gegenwärtig ist. Das gibt mir Mut. Das macht mich stark. Ich weiß mich in seiner Hand geborgen. Ich bin nicht allein. Ich bin gehalten, getragen. Da kann selbst in der Not der Gefangenschaft dieser Brief immer wieder von der Freude sprechen, die solch ein Leben erfüllt. Christus macht mich stark. Und gibt mir Zuversicht, denn das stand bereits im ersten Kapitel: "ich bin darin guter Zuversicht, daß der in euch -- und in mir natürlich auch -- angefangen hat das gute Werk, der wird's auch vollenden bis an den Tag Christi Jesu."

Alles vermag ich durch ihn, der mir Kraft gibt.

Möge Christus, der auch in uns lebt, uns, wie Paulus, mit dieser Hoffnung, dieser Freude und dieser Stärke erfüllen.

Amen.

Predigttext

Philipper 4,10-13

In aller Kürze

"Wir können alles. Außer Hochdeutsch.", behaupten die Schwaben augenzwinkernd von sich selbst. "Ich vermag alles", schreibt Paulus an die Philipper und setzt damit einen steilen Maßstab für Glauben und Leben. Ob das wohl für mich auch möglich ist?

Fragen zur Vertiefung

Zu dieser Predigt hat Christoph eine Reihe von Fragen hinterlegt, die in der Kleingruppe zur Vertiefung weiter besprochen werden können:

  1. Wo erlebe ich, dass Christus mich stark macht?
  2. Wo bitte ich darum, dass Christus bei mir ist und mir hilft?
  3. Kann "ich vermag alles" auch heißen, dass Christus mein "Problemlöser" wird?

Über Christoph

Christoph Fischer (* 1978) ist Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg auf der Pfarrstelle „Erlöserkirche“ in Albstadt-Tailfingen.

Christoph ist verheiratet mit Rebecca. Gemeinsam haben sie drei Töchter.