Wie kann man nur so blind sein?

Oder: Hilft Glaube etwa doch?

Bild: pixabay / RyanMcGuire, Lizenz: CC0
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Die Predigt "Wie kann man nur so blind sein?" von Christoph Fischer und alle dazu gehörigen Ressourcen (Predigtzettel, Aufnahme) sind lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz. Verwendete Bilder stehen eventuell unter eigenen Lizenzbedingungen. Ausdrücklich von der Creative Commons-Lizenz ausgenommen sind die Logos und Namen der Gemeinde, in der die Predigt gehalten wurde und ihrer Arbeitsbereiche.

Gnade sei mit euch und Frieden von dem, der da war und ist und der da kommt.

Eine Wundergeschichte soll uns heute abend begleiten--eine Geschichte von Blindheit und Sehen, von Glauben und Realität; eine Geschichte mit überraschenden Wendungen und der Frage nach dem, was wirklich hilft im Leben (nicht nur in Geschichten, sondern in der manchmal harten Realität dieses wahren Lebens, auch 2018 in Tailfingen). Wir lesen dazu die Geschichte aus dem Evangelium nach Markus, Kapitel 10, die Verse 46 bis 52.

Und sie kamen nach Jericho. Und als er aus Jericho hinausging, er und seine Jünger und eine große Menge, da saß ein blinder Bettler am Wege, Bartimäus, der Sohn des Timäus. Und als er hörte, dass es Jesus von Nazareth war, fing er an zu schreien und zu sagen: Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Und viele fuhren ihn an, er sollte schweigen. Er aber schrie noch viel mehr: Du Sohn Davids, erbarme dich meiner!
Und Jesus blieb stehen und sprach: Ruft ihn her! Und sie riefen den Blinden und sprachen zu ihm: Sei getrost, steh auf! Er ruft dich! Da warf er seinen Mantel von sich, sprang auf und kam zu Jesus. Und Jesus antwortete ihm und sprach: Was willst du, dass ich für dich tun soll? Der Blinde sprach zu ihm: Rabbuni, dass ich sehend werde. Und Jesus sprach zu ihm: Geh hin, dein Glaube hat dir geholfen. Und sogleich wurde er sehend und folgte ihm nach auf dem Wege. (Markus 10,46-52)

Kann denn Glaube helfen?

"Dein Glaube hat dir geholfen." Wenn nur mehr Probleme im Leben mit solch einem Happy End gelöst werden könnten! Probleme, meine ich, nicht nur in Geschichten, sondern im wahren Leben, also in meinem Leben (und in deinem wahrscheinlich auch). "Dein Glaube hat dir geholfen" sagt Jesus dem Ex-Blinden, der jetzt wieder sehen kann und ihn mit großen Augen anstarrt. "Dein Glaube hat dir geholfen." Das Problem hat sich in Luft, oder buchstäblich in Licht aufgelöst. Wie würde ich mir das für manches Problem, das mir auf der Seele liegt, wünschen. Allerdings erscheint mir im harten Licht der Realität der Glaube oft denkbar ungeeignet, um da irgendetwas zum Positiven zu wenden. Kann Glaube wirklich helfen?

Beim Thema "Glaube" fällt mir immer zuerst Herr Matschkal, mein ehemaliger Biologielehrer, ein. Der fragte gern zum Anfang der Schulstunde irgendjemand ab, vor der ganzen Klasse und mit einer Note. Dabei wollte er schon präzise Antworten und nichts hasste er mehr, als wenn ein Schüler, der sich nicht ganz sicher war, seine Antwort mit "Ich glaube..." begann. "Glauben heißt: Nicht wissen.", fiel Herr Matschkal dann regelmäßig dem verunsicherten Schüler ins Wort. "Glauben", das war er sich sicher, "das tut man in der Kirche." In den Naturwissenschaften, da "weiß" man Dinge. Da ist man sich sicher. Darauf kann man sich verlassen. Glaube hat in dieser Realität nichts verloren. Glaube taugt vielleicht für die Kirche, für irgendeinen sentimentalen Moment, in dem man die Realität vergessen möchte und vor seinen Problemen in ein Traumland flieht. Wirklich helfen, kann Glaube ganz sicher nicht.

Das Tragische ist, dass ich manchmal den Eindruck habe, Herr Matschkal könnte recht gehabt haben! Und weil ich das als Pfarrer natürlich so nicht stehen lassen kann, möchte ich euch alle mit in diese Blindengeschichte hineinnehmen, um diesem Dilemma zu entrinnen. Oder zumindest, es zu versuchen. Ein Experiment also.

Blind ist, wer nur menschliche Bedenken sieht

Ein Experiment, das schon im ersten Moment zu scheitern droht. Wenn ich eintauche in diese Geschichte, wenn ich mich zu den Menschen stelle, die dort Jesus aus Jericho hinausbegleiten, dann packt mich als erstes der Wunsch, mir diesen Bartimäus mal vorzuknöpfen. Der hat ja durchaus meine Sympathien in seiner misslichen Situation. Und gerade deshalb wäre es doch nötig und wichtig, mal ein ernstes Wörtchen mit ihm zu reden:

"Bartimäus, halt ein!", möchte ich rufen. "Siehst du denn nicht, was du tust? Merkst du denn nicht, dass du dabei bist, dir noch mehr kaputt zu machen, als das, was bisher schon so schlimm war?" "Bartimäus, hör auf", möchte ich dazwischen fahren. "Kann man denn wirklich so blind sein?"

"Halt den Mund", rufen die Leute um mich her. Und eigentlich haben sie doch recht! Da kommt nun dieser berühmte Rabbi; dieser Superstar, den das Volk liebt; dieser Jesus aus Nazareth, von dem alle schon so viel gehört haben, nach Jericho. Ein Jahrhundertereignis! Die ganze Stadt steht Kopf! Alle wollen ihn sehen! Groß und klein drängt sich auf der Straße um zu hören, was er sagt, mitzuerleben, was er tut und zu sehen, mit wem er redet. Keine Frage, dass das natürlich zuerst die wichtigen Leute der Stadt sein werden. Die Rabbis vor Ort. Die Pharisäer, diese besonders heiligen, die auch nicht jeder mag. Mancher wird sich insgeheim freuen, wenn die in einer zünftigen Debatte mit dem Wanderprediger aus dem Norden mal eins auf den Deckel bekommen. Die Schriftgelehrten, die immer alles besser wissen. Die müssten auch mal in ihre Schranken gewiesen werden. Und überhaupt... Ich meine, stellt euch die Situation einmal vor. Stellt euch vor, die Bundeskanzlerin kommt nach Albstadt. Da würde sich doch auch alles drängen, wenn die Fahrzeugkolonne am Rathaus vor fährt. Die Stadt hätte den roten Teppich ausgerollt und das goldene Buch bereitgelegt. Oberbürgermeister Konzelmann steht bereit, um die Bundeskanzlerin zu begrüßen. Die Menge drängt sich hinter den Absperrungen. Manche wollen einfach nur sagen können, dass sie dabei waren. Andere haben vielleicht Plakate und Transparente dabei -- Protest, hoffentlich ohne Tomaten und faule Eier. Und dann, gerade als es spannend wird, als der Bürgermeister die Hand ausstreckt zur Begrüßung, da grätscht irgendeiner dazwischen. Wo er herkommt, wie er die Absperrung überwunden hat -- keiner weiß es! Aber er ist laut. Und unglaublich peinlich. Das wird in die Abendnachrichten kommen. Alle werden über Albstadt lachen. Welch eine Blamage! So ungefähr muss das in Jericho gewesen sein.

"Halt den Mund", rufen die Leute hier. "Du störst den Ablauf. Du blamierst uns alle. Du bist jetzt nicht dran, Bartimäus." Und eigentlich haben sie doch recht, oder? Das kann man doch verstehen. Dabei mögen sie den Bartimäus vielleicht sogar. Mancher hat ihm sicher schon etwas zugesteckt. Wahrscheinlich haben viele Mitleid mit dem blinden Bettler. Und man kennt sich doch in der Kleinstadt Jericho, wo er am Weg sitzt.

Keine schlechte Position übrigens: Jericho ist eine wichtige Etappenstadt an einer der zentralen Handelsstraßen, die durch Israel verlaufen und Nordafrika mit Europa und Asien verbindet. Ägypten im Süden ist eine der Kornkammern des römischen Reichs. Riesige Bodenschätze gibt es in Afrika. Aus dem Osten endet die Seidenstraße aus dem fernen China am Mittelmeer in Cäsarea. Und Handel geht ja immer in alle Richtungen. Karawanen kommen von überall her. Viele von ihnen ziehen durch's Jordantal, der wichtigen Nord-Süd-Verbindung. Und trotz des Flusses ist dort vor allem Wüste. Hart und heiß und unbequem. Da läuft der Schweiß und die Zunge klebt, die Füße tun weh und die Sonne brennt unbarmherzig vom Himmel. Alle warten nur darauf, endlich in der Ferne die Palmen von Jericho zu sehen. Die kühle Oase mit Schatten und frischem Wasser lässt sich kein Händler entgehen. Kein schlechter Platz also für einen Bettler, dort, am Eingang der Stadt, wo all die reichen Karawanen vorbei kommen. Ein Einkommen, ein Auskommen. "Siehst du denn nicht, Bartimäus, dass du gerade alles das auf's Spiel setzst? Kann man denn wirklich so blind sein?"

"Und überhaupt, wie kommst du denn auf die Idee, dass der Rabbi etwas mit dir zu tun haben will? Dass dieser wichtige Mann sich mit dir abgeben würde? Der spielt doch in einer ganz anderen Liga!" Behinderte wie Bartimäus haben keinen Platz in der jüdischen Gesellschaft. Sie sind von vielem ausgeschlossen, besonders auch vom Gottesdienst. Als ob sich Gott, der Perfekte, der Heilige, mit irgendetwas Unvollkommenen abgeben würde! Auf der Rangliste der jüdischen Society befinden sich die religiöse Elite und der blinde Bettler an den entgegengesetzten Enden. "Siehst du das denn nicht, Bartimäus? Kann man denn wirklich so blind sein?"

"Und was willst du überhaupt von diesem Jesus? Geld wirst du sicher keines bekommen. Geh woanders betteln! Heilung erhoffst du dir? Du armer Kerl! Jetzt hast du wohl völlig den Verstand verloren? Jedes Kind weiß doch, dass Blindheit unheilbar ist. Siehst du das denn nicht Bartimäus? Kann man den wirklich so blind sein?"

Am Ende der Geschichte stehe ich da. Staundend, verwirrt. Ich begreife es nicht. "Dein Glaube hat dir geholfen!" Dabei waren doch alle unsere Bedenken gar nicht so unvernünftig. Gut begründet, realistisch, mit Bodenhaftung. Keine Spinnereien, einfach nur der unverstellte Blick auf die harten Tatsachen. So ist das Leben halt. Man kann sich doch keine Luftschlösser bauen. Wir leben nicht in Wolkenkuckucksheim. Man muss die Dinge realistisch sehen, auch wenn es unbequeme Wahrheiten gibt. Wie kann man das nicht einsehen? Kann man denn wirklich so blind sein?

Oder waren vielleicht wir am Ende die Blinden? "Dein Glaube hat dir geholfen." Das hatten wir nicht vorhergesehen. Damit hatten wir nicht gerechnet. Unsere ach so sachlichen Bedenken haben uns den Blick verstellt. "Dein Glaube hat dir geholfen." Und blind ist, wer nur die menschlichen Bedenken sieht."

Blind ist, wer sich an menschliche Sicherheiten klammert

"Dein Glaube hat dir geholfen." Aber so weit sind wir noch nicht. So schnell dürfen wir nicht ans Ende der Geschichte springen. Noch schreit er nur, der Bartimäus. Laut und grell und störend und unbequem. "Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!" Und wieder hält es mich kaum auf meinem Platz, ich möchte hinlaufen und dem armen Bartimäus noch einmal den Ernst der Lage erklären:

"Bartimäus, halt ein!", möchte ich rufen. "Siehst du denn nicht, was du tust? Merkst du denn nicht, was du aufs Spiel setzt?" Okay, seien wir mal fair und erlauben uns die leise Ahnung, dass vielleicht -- und sei es durch ein Wunder -- Blindheit in seltenen Einzelfällen doch geheilt werden könnte. Man hat ja schon manches gehört von diesem Jesus! Bleiben wir offen und gestehen dem Schreihals Bartimäus zu, dass seine Chancen vielleicht doch leicht höher als Null stehen könnten. Aber was, wenn nicht? "Was, wenn er vorrübergeht? Was, wenn er für dich heute kein Wunder tut? Werden denn alle geheilt? Gibt es eine Gewissheit, dass Gott plötzlich eingreift und für ein Happy End sorgt?" Selbst die Evangelien sind hier ganz ehrlich. "Er trieb die Geister aus durch sein Wort und machte alle Kranken gesund.", schreibt Matthäus an einer Stelle (Mt. 8,16). Parallel dazu erzählt Markus nur, "Und er half vielen Kranken, die mit mancherlei Gebrechen beladen waren, und trieb viele böse Geister aus." (Mk 1,34). "Alle" und "viele", das ist ein Unterschied! "Was, wenn du nicht dazugehörst, Bartimäus? Was wenn er dich nicht heilt? Dann hast du nichts gewonnen und alles aufgegeben. Willst du nicht wenigstens auf Nummer Sicher gehen? Siehst du das denn nicht? Kann man wirklich so blind sein?"

Aber Bartimäus schert das nicht. Der schreit und springt auf und gibt seinen Platz am Stadttor auf. Ein guter Platz, wie schon bemerkt. Einer der besten, wenn man weiß, dass am Stadttor damals Markt- und Gerichtsplatz, eigentlich das Zentrum schlechthin war. Alle kommen hier vorbei. Ein Bettler, der hier sitzt, ist ganz oben auf der Bettler-Karrierleiter. Der bleibt da auch sitzen. Bartimäus hat sowieso sicher schon lange kein eigenes Zuhause mehr. Der hat da keinen geregelten Acht-Stunden-Arbeitstag und geht dann heim zu Frau und Kindern. Der wohnt vermutlich quasi da. Er bettelt, ist und schläft dort sicher auch, in kalten Nächten eingewickelt in seinen Mantel. Der geht da nicht mehr weg. Und wenn er geht, dann warten da sicher schon andere, um seinen Platz einzunehmen. So ein guter Platz bleibt nicht lange leer. "Und wenn du dann doch blind zurückkommst, Bartimäus? Dann hast du nicht einmal mehr deinen Platz! Den hat dann ein anderer und du kannst dich sowieso hier nicht mehr blicken lassen nach deinem Geschrei! Dann ist alles futsch! Geh doch wenigstens auf Nummer Sicher, Bartimäus! Vielleicht kommt er ja her zu dir, dieser Jesus. Und wenn nicht, dann kannst du wenigstens weitermachen wie zuvor. Siehst du das denn nicht? Wie kann man denn so blind sein?"

Ach ja, und dann der Mantel. Den gibt er auch auf. Er lässt ihn nicht nur einfach liegen, aus Vergesslichkeit oder bewusst, um den Platz zu reservieren--so wie die Deutschen ihr Handtuch auf den Liegestuhl am Strand von Mallorca legen. Nein, den Mantel wirft er weg. In hohem Bogen. Das geht leicht unter, dieses Detail. Aber es muss beachtet werden! Der Mantel, das ist der Regenschutz bei schlechtem Wetter und die Decke bei Nacht, wenn es empfindlich kalt werden kann in der judäischen Wüste. Der Mantel ist ein lebensnotwendiges Besitzstück und -- mehr noch -- er ist vermutlich das einzige Besitzstück. Wer sich wie Bartimäus seit Jahren durchbettelt, weil er sich den Lebensunterhalt nicht anders verdienen kann, der hat längst alles andere verloren. Verkauft, verpfändet, eingetauscht. Vielleicht auch das Erbe. Vielleicht auch liebgewordene Erinnerungsstücke. Vielleicht manches, was er selbst ganz dringend gebraucht hätte. Irgendwann ist alles weg. Alles. Restlos. Bis auf den Mantel. Im jüdischen Gesetz ist der Mantel nämlich geschützt. Als einziger Besitz eines Menschen darf er zwar auch, wie alles andere, gepfändet werden. Aber spätestens am Abend muss er dann zurück zu seinem Besitzer--Geld hin oder her. Der braucht ihn nämlich zum Schlafen, damit er in der kalten Nacht nicht erfriert. Den Mantel darf man einem Menschen nicht wegnehmen. Auch Bartimäus nicht. Wer längst alles verloren hat, hat immernoch einen Mantel. Nur einen Mantel. Das ist sein letzter Besitz. Das Wertvollste, das er hat, weil es das Einzige ist, das er hat. Und den wirft er weg! In hohem Bogen! "Spinnst du jetzt völlig, Bartimäus? Ist dir jetzt alles egal? Halt doch ein! Den brauchst du doch noch, den Mantel! Wie willst du heute nacht schlafen, dort am Stadttor? Und wie willst du ihn den wiederfinden, dort, im geschäftigen Trubel des Stadttors, noch dazu, ohne etwas zu sehen? Siehst du das denn nicht Bartimäus? Wie kann man den so blind sein?"

Und wenn du dachtest, das war jetzt alles, dann muss ich dich leider enttäuschen. Denn dieser Bartimäus, der würde heute wohl Bungee-Springen oder Sky-Diven. Der setzt nicht nur seinen Platz und seinen Mantel aufs Spiel, nein, er riskiert gleich Kopf und Kragen. Er wirft seinen Mantel weg und springt auf. Rennt zu Jesus. Mal ehrlich: Hast du schon einmal einen springenden und rennenden Blinden gesehen? Ich kenne nicht viele Blinde, aber ich kann mich gut an einen erinnern, den ich in meiner Kindheit kannte. Heinrich hieß er. Heinrich ging bei schönem Wetter oft nachmittags im Dorf spazieren. Immer mit dabei: sein Blindenstock. Mit dem tastete er sich vorsichtig an der Bordsteinkante entlang und prüfte den Weg vor sich auf mögliche Hindernisse. Das geht nicht besonders schnell, wenn man Stolperfallen nicht bereits zehn Meter vorher mit den Augen erkennen kann. Langsam und bedächtig heißt die Devise! Das weiß auch Bartimäus. Aber es ist ihm egal. Er will nur schnell zu Jesus. Und das im Trubel der Menschenmenge, am Stadttor von Jericho, wo sich Handelskarawanen und Jesus-Fans kreuzen. Wie soll das nur gutgehen? Ich sehe schon die Schlagzeilen vor mir: "Blinder von Eselskarren überrollt." Oder: "Einheimischer Bettler von Kamel totgetrampelt." "Was hast du dir dabei eigentlich gedacht, Bartimäus? Aufspringen und losrennen? Hast du dir überlegt, was da passieren könnte? Siehst du das denn nicht, Bartimäus? Wie kann man denn so blind sein?"

Am Ende der Geschichte stehe ich da. Staundend, verwirrt. Ich begreife es nicht. "Dein Glaube hat dir geholfen!" Ja, natürlich kann man sagen: Glück gehabt. Aber eine Absicherung für den Fall der Fälle wäre doch gut gewesen, oder? Man muss doch vorsorgen, meint auch mein Versicherungsberater. Und der hat gar nicht so unrecht! Wie kann man das nicht einsehen? Kann man denn wirklich so blind sein?

Oder waren vielleicht wir am Ende die Blinden? "Dein Glaube hat dir geholfen." Ganz ohne Sicherheitsnetz. Und ich stelle mir still und leise und immer lauter werdend die Frage, ob ich an Bartimäus' Stelle mit meiner Vollkasko-Mentalität überhaupt je zu Jesus gekommen wäre. "Dein Glaube hat dir geholfen." Und blind ist, wer sich an menschliche Sicherheiten klammert.

Wer Christus erkennt, der sieht mehr als andere

Überhaupt: "an Bartimäus' Stelle." Vielleicht ist das ja der Schlüssel. Vielleicht ist es einfach Zeit, dass ich aufhöre, dem Bartimäus gute Ratschläge geben zu wollen. Immerhin ist er ja derjenige, dessen Glaube am Ende geholfen hat. Er ist der, der geheilt nach Hause geht. Er ist der, dessen Story hier ein Happy End nimmt. Und ich bin doch der, der lernen muss, weil mein Alltag und mein Glaube sich noch nicht so hilfreich zu ergänzen scheinen. Ich will mich also, über alle Bedenken hinweg und jenseits aller Sicherheitsleinen einmal in diesen Bartimäus selbst hineinversetzen. Wie tickt der denn--er, dessen Glaube hilft, weil er ihn zu Jesus führt?

Von seinem Geschrei war jetzt schon viel die Rede. Aber, das fällt mir hier plötzlich auf, niemand hat bisher so richtig zugehört, was der eigentlich schreit. "Hab Mitleid mit mir, Jesus" -- oder so ähnlich halt. Hören wir nochmal genauer hin: "Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!" "Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!" " Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!", schreit er immer lauter und hört gar nicht auf die Einwände der Menschen um ihn her. "Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!" Und wenn wir schon beim genau Hinhören sind, dann sollte uns der Wechsel der Bezeichnung für Jesus in unserem Text auffallen, denn der kommt nicht von ungefähr:

Und als er hörte, dass es Jesus von Nazareth war, fing er an zu schreien und zu sagen: Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!

Hört ihr das? Nein, das ist kein unwichtiges Detail. Je mehr ich hinhöre, je mehr ich mich in diesen schreienden Bartimäus hineinversetze, desto mehr ahne ich, dass sich genau an dieser Stelle das Geheimnis des Glaubens des Bartimäus befindet: "Jesus, du Sohn Davids, ..." schreit er, während alle um ihn herum über "Jesus von Nazareth" reden. "Jesus, du Sohn Davids..." -- Moment mal, war Jesus nicht der Sohn Josefs, des Zimmermanns? Doch, war er. Augenscheinlich. Für alle anderen hier. Nur nicht für Bartimäus. Der hat nämlich etwas entdeckt. "Sohn Davids", das ist keine einfache Herkunftsbezeichnung. "Sohn Davids", das ist ein Messiastitel. Der "Sohn Davids" unter den vielen Nachkommen Davids von Bethlehem in Judäa ist doch der, von dem Gott sagt, dass er für immer als König regieren wird. Kein einfacher Mensch also--nein, viel mehr als das: der versprochene Retter. Und Bartimäus hat ihn gefunden, während alle um ihn her noch den tollen Mann aus Nazareth feiern.

Warum habe ich das eigentlich nicht früher gesehen? Hätte ich das nicht merken müssen, ich der ich doch immer von Jesus "Christus", als von "Jesus, dem Messias" rede? Warum ist mir denn nicht gleich aufgefallen, dass das alles verändert? Wie kann man nur so blind sein?

Der schreiende Bartimäus hier neben mir, der versucht doch nicht, durch sein Geschrei einen OP-Termin bei einem berühmten Augenarzt zu erbetteln! Der ist doch gar nicht auf irgendeine Art von menschlicher Dienstleistung aus. Was er sucht, das können Menschen gar nicht geben. Ohne die Erkenntnis, wer dieser Jesus ist, macht sein Schreien ja wirklich keinen Sinn. Warum habe ich das nicht gesehen? Warum sehen das alle anderen nicht? Wie kann man nur so blind sein?

"Dein Glaube, Bartimäus, dein Glaube hat dir geholfen." Was ist denn Glaube? Glaube ist doch in allererster Linie keine Position, keine theologische Aussage, zu der ich "ja" sagen kann. Die dann vielleicht irgendwie das rationale Gegenargument zu all den berechtigten Bedenken liefert. Und alle sagen dann, "Ach so. Na wenn das so ist..." Eine Position, die vielleicht eine verlässliche Sicherheit liefert, die irgendwie noch größer, weitgehender und beruhigender ist, als alles, was ein Bartimäus hier aufs Spiel setzt. Aber das ist Glaube nicht. Genau da lag ja der Irrtum von Herrn Matschkal. Glaube ist keine Argumentationsstruktur. Glaube ist immer eine Beziehungssache. Glauben heißt Vertrauen, heißt sich einer Person anzuvertrauen. Heißt zu wissen, dass ich mich in die Arme eines anderen fallen lassen kann und dass er mich auffängt und in seinen Händen hält. Das ist ein enormes Risiko. Jeder von uns weiß, wie einfach es ist, dabei enttäuscht zu werden -- auch von Menschen, auf die ich glaubte, mich verlassen zu können.

"Dein Glaube, Bartimäus, dein Glaube hat dir geholfen. Weil dein Glaube, Bartimäus, dir die Augen dafür geöffnet hat, dass hier einer ist, auf den man vertrauen kann. In dessen Arme man rennen kann. Bei dem man gehalten wird. An den man glauben kann. Weil er anders ist. Nicht nur ein Mensch, nein viel mehr: Jesus, der Sohn Davids. Der Retter. Der Heiland. Der Messias. Der Christus. Das hast du erkannt, Bartimäus. Da hast du mehr gesehen, als alle Anderen!"

Wie kann man nur so blind sein? Die Ironie der Geschichte liegt darin, dass die Blindheit ganz woanders liegt, als wir es vorschnell vermuten. Bartimäus ist der Einzige hier, der wirklich sieht. Und sein Glaube hat geholfen!

Ach, möge Gott mir, uns, so einen Glauben schenken! Ach, möge Gott mir die Augen öffnen!

Denn wer nur menschliche Bedenken (so verständlich sie auch sein mögen) sieht, ist blind.
Wer sich nur an menschliche Sicherheiten (so weise sie auch zu sein scheinen) klammert, ist blind und ganz arm dran.
Wer Christus erkennt und sich ihm anvertraut, der sieht mehr, als alle anderen.
Plötzlich sieht auch meine Situation, mein realer Alltag, meine Lebenswelt ganz anders aus, wenn ich ihn mit einbeziehe.
Und dann hat Glaube schon geholfen.

Gott gebe uns erleuchete Augen des Herzens, damit wir erkennen, zu welcher Hoffnung wir in Christus berufen sind.
Amen.

 

 

Predigttext

Markus 10,46-52

In Kürze

"Glauben heißt nicht wissen." "Glauben, das ist nur für die Kirche." Im Gegensatz zu den biblischen Geschichten scheint Glaube in Betracht meines Alltags oft blind für die harte Realität des Lebens zu sein. Oder doch nicht? Wer ist denn nun blind und wem wird am Ende geholfen? Ein Experiment zum Thema Blindheit, Realität und Glaube...

Hauptpunkte der Predigt

  1. Blind ist, wer nur menschliche Bedenken sieht.
  2. Blind ist, wer sich an menschliche Sicherheiten klammert .
  3. Wer Christus erkennt, der sieht mehr als andere.

Fragen zur Vertiefung

Zu dieser Predigt hat Christoph eine Reihe von Fragen hinterlegt, die in der Kleingruppe zur Vertiefung weiter besprochen werden können:

  1. Wer ist Jesus für dich? Ändert das etwas an deiner Perspektive für den Alltag?
  2. Was macht es dir schwer, den Glauben an Christus und die Realität des Alltags zu vereinbaren? Woran hältst du dich fest?
  3. Wo hast du erlebt, dass Glaube hilft?

Über Christoph

Christoph Fischer (* 1978) ist Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg auf der Pfarrstelle „Erlöserkirche“ in Albstadt-Tailfingen.

Christoph ist verheiratet mit Rebecca. Gemeinsam haben sie drei Töchter.