Wo wir alles teilen

Wie Segen unter uns gedeiht

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Die Predigt "Wo wir alles teilen" von Christoph Fischer und alle dazu gehörigen Ressourcen (Predigtzettel, Aufnahme) sind lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz. Verwendete Bilder stehen eventuell unter eigenen Lizenzbedingungen. Ausdrücklich von der Creative Commons-Lizenz ausgenommen sind die Logos und Namen der Gemeinde, in der die Predigt gehalten wurde und ihrer Arbeitsbereiche.

Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!

Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus,

"Komm, Herr, segne uns", singen wir in einem bekannten Kirchenlied. "Komm, Herr, segne uns", das beten wir in jedem Gottesdienst wieder neu. Und am Ende des Gottesdienstes stehen wir dann auf und stellen uns ganz bewusst unter Gottes Segen, den er uns bereits versprochen hat, bevor wir hinausgehen in unseren Alltag.

"Komm, Herr, segne uns", beten wir und gebrauchen dabei ein Wort, das ursprünglich aus der lateinischen Sprache kommt. "Signum" heißt Zeichen. "Zeichne uns", beten wir -- also eigentlich "kennzeichne uns als die Deinen." Wenn vom Pfarrer im Gottesdienst oder von uns selbst beim Beten noch das Zeichen des Kreuzes gemacht hat, dann erinnern wir uns an eben diese "Kennzeichnung", an das Kreuz, das als Zeichen steht für die Zuwendung Gottes zu uns in Jesus Christus. Das ist es dann auch, was wir eigentlich meinen, wenn wir beten "Komm, Herr, segne uns." Dieses Gebet ist eine Bitte um Gottes Zuwendung zu uns. "Bleibe bei uns, Herr, wenn wir weitergehen", sagen wir damit. "Bitte, bleib uns zugewandt. Wir brauchen dich nämlich. Ohne deine Nähe, deine Güte und deinen Beistand sind wir sonst hoffnungslos verloren."

Komm, Herr, segne uns.

Wenn wir um Gottes Zuwendung zu uns bitten, dann bitten wir um eine ganze Menge: Wir bitten um die Gewissheit, dass wir nicht allein sind. Dass wir gehalten sind in Gottes liebevoller Hand. Wir bitten um Mut und Kraft für die nächsten Schritte. Wir bitten darum, dass er uns den Glauben erhält, wenn uns widrige Umstände zum Zweifeln bringen. Wir bitten, dass uns seine starke Hand leitet, wenn wir verantwortungsvolle Entscheidungen in unserem Leben zu treffen haben. Wir bitten, dass er uns aufrichtet, wenn uns der Sturmwind des Lebens fast umhaut. Und wir bitten, dass nicht immer nur Sturm ist, sondern Friede herrsche in unserem Leben. Dass Hoffnung sich breit macht und Wärme und Licht.

Komm, Herr, segne uns.

Alle die bisher genannten Dinge kann man nicht sehen, nicht anfassen, nicht "be-greifen". Manche davon sind nur Gewissheiten, tief in unserem Herzen, unsichtbar für alle anderen und manchmal, wenn dann eben doch die Stürme des Lebens heulen, fast unsichtbar für uns selbst.

Komm, Herr, segne uns.

Wenn wir um Gottes Zuwendung zu uns bitten, dann stehen wir in der guten Tradition der Bibel, wenn wir damit immer auch mehr als diese unsichtbaren Dinge meinen. Wer die Geschichten des ersten Testaments liest, der merkt, dass "Segen" dort immer sehr sichtbar, sehr greifbar verstanden wurde. Gottes Segen, dass war das Land, der Boden unter den Füßen: der Ort, den man "Zuhause" nennen konnte und der Acker, den man bebauen konnte, um dann zu ernten. Und zu essen. Um satt zu werden. Um zu leben. Gottes Segen, das war ein "Land, wo Milch und Honig fließt" -- natürlich nicht wörtlich in den Bächen und Flüssen Israels, aber sprichwörtlich: eine Land, das mehr als genug zum Leben her gab. Fülle. Überfluss. Segen, eben.

Komm, Herr, segne uns.

So verstehen wir Segen ja durchaus auch. Wenn wir beten, "Komm, Herr, segne uns", dann beten wir auch, "unser tägliches Brot gib uns heute". Und, was wir vielleicht nicht sagen, aber doch in Gedanken dazu legen: "Gib uns auch noch etwas drauf, auf unser tägliches Brot, Herr." Wurst und Käse. Und Nutella. Und zum Mittagessen ein Schnitzel, Spätzle, Kartoffelsalat. Und vielleicht noch einen guten Wein.

Wir sind Gesegnete

Komm, Herr, segne uns.

Das beten wir. Immer wieder. Das haben wir auch dieses Jahr schon viel gebetetet.

Und dann stehen wir am Sonntag überall in Kirchen in diesem Land vor reich geschmückten Erntedanktischen. Und plötzlich begreifen wir:

Wir sind Gesegnete!

Ja, wir sind bereits Gesegnete! Wir haben so viel! Fülle. Überfluss. Segen, eben.

Auch wenn das "Ernte-Dankfest" im engen Sinne ja ein landwirtschaftliches Fest ist, geht es bei dieser Feststellung natürlich noch um sehr viel mehr. Schon Martin Luther macht das deutlich, als er im Katechismus die Bitte um "unser täglich Brot" erklärt:

Tägliches Brot ist alles, was Not tut für Leib und Leben, wie Essen, Trinken, Kleider, Schuh, Haus, Hof, Acker, Vieh, Geld, Gut, fromme Eheleute, fromme Kinder, fromme Gehilfen, fromme und getreue Oberherren, gut Wetter, Friede, Gesundheit, Zucht, Ehre, gute Freunde, getreue Nachbarn und desgleichen.

Und wenn wir dann noch an die vorher aufgezählten "unsichtbaren" Zeichen des Segens denken, dann müssen wir eigentlich auch dort dieselbe Feststellung treffen: Wir sind Gesegnete!

Liebe Schwestern und Brüder in Christus,

Wenn der Pfarrer am Ende des Gottesdienstes uns zuruft, "Geht in diese Woche als Gesegnete des Herrn", dann steckt darin viel mehr als ein frommer Wunsch für uns alle. In diesem Satz steckt immer wieder neu die Gewissheit, ja sogar die Feststellung dessen, was uns oft so selbstverständlich erscheint: Wir sind bereits Gesegnete!

Das liegt nicht an uns: Auch wenn wir froh sind über so manche technische Fertigkeit, über viel Wissen und gutes Handwerk -- gerade auch im Bereich der Landwirtschaft --, dass für eine gute Ernte notwendig ist. Das Gesegnet-sein geht dem allen noch voraus. Es kommt von unserem Gott, unserem guten, gnädigen Gott, der uns in allem immer vorauseilt und uns schon da beschenkt, wo wir noch gar nichts dafür getan haben. Wir sind nicht nur Gesegnete. Wir sind "Gesegnete des Herrn."

Nie sind wir allein

"Komm, Herr, segne uns", singen wir. Wir, die Gesegneten. Die Gesegneten des Herrn.

Komm, Herr, segne uns. Nie sind wir allein, stets sind wir die Deinen. Lachen oder Weinen soll gesegnet sein.

Und dann, im zweiten Vers:

Keiner kann allein Segen sich bewahren.
Weil du reichlich gibst, müssen wir nicht sparen.
Segen kann gedeihn, wo wir alles teilen...

Plötzlich sind wir ganz nahe bei diesem Text aus dem Prophetenbuch des Jesaja. In dessen dritten Teil, dem sogenannten "Trito-Jesaja", erinnert ein namentlich unbekannter Prophet daran, dass Gottes Segen uns ja nicht in einem luftleeren Raum zufällt. Wir sind schließlich nicht allein. Es gibt noch andere um uns herum. Andere, die vielleicht nicht aus der Fülle leben. Die Mangel haben, keinen Überfluss. Die noch nicht "gesegnet" sind. Aber es vielleicht noch werden könnten. Zum Beispiel durch uns!

Segen kann gedeihn

Der Text des Propheten ist ein Segenstext. Das kann man nicht übersehen, wenn man ihn aufmerksam liest:

Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte,
und deine Heilung wird schnell voranschreiten,
und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen,
und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen.

Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten.
Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich.

[d]ann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen,
und dein Dunkel wird sein wie der Mittag.

Und der HERR wird dich immerdar führen
und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken.

Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten
und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt.

Und es soll durch dich wieder aufgebaut werden, was lange wüst gelegen hat,
und du wirst wieder aufrichten, was vorzeiten gegründet ward;
und du sollst heißen: "Der die Lücken zumauert und die Wege ausbessert, dass man da wohnen könne".

Welche eine Fülle von Bildern! Welch eine Liste von Zusagen, von Versprechen. Plastischer kann man die Zuwendung Gottes, um die wir bitten, eigentlich kaum beschreiben. "Komm, Herr, segne uns", beten wir, so wie die Menschen damals. Und, damals wie heute, spricht Gott den bereits Gesegneten zu: "Ihr seid bereits gesegnet. Aber, schaut, Segen kann gedeihen. Segen kann noch wachsen. Segen kann noch mehr werden, als ihr euch das bisher vorstellen konntet."

Ja, wie eigentlich?

Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte...
Dann wirst du rufen und der Herr wird dir antworten...
Dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen...

Dann. Und dann. Und dann.

Ja, wann eigentlich?

Dann...

"Segen kann gedeihn, wo wir alles teilen", schrieb Dieter Trautwein in seinem Kirchenlied, komponiert für den Kirchentag 1979. Damit hat er genau die gleiche Perspektive wie der alte Prophet aus dem Jesajabuch:

Brich dem Hungrigen dein Brot,
und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus!
Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn,
und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!

Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst
und nicht mit Fingern zeigst
und nicht übel redest,
sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt
und den Elenden sättigst,
dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen,
und dein Dunkel wird sein wie der Mittag.

Segen ist wie ein Samenkorn

Wir sind Gesegnete des Herrn. Aber, liebe Geschwister in Christus, dieser Segen, den Gott uns gibt, den muss man sich vorstellen wie ein Samenkorn. Das Samenkorn steht ganz am Anfang der Geschichte. Das Samenkorn haben nicht wir gemacht. Es ist einfach da. Wir haben es bekommen. Wir sind ja Gesegnete des Herrn.

Ein Samenkorn kann man für sich behalten. Man kann es anschauen und darüber staunen. Man kann sich darüber freuen. Wir sind Gesegnete des Herrn!

Ein Samenkorn kann man auch zu Mehl malen. Das gibt zwar nicht viel, aber immerhin etwas. Eine kleine Menge feines Mehl. Und mit Wasser und Hefe und Zucker und Salz einen richtig feinen Hefeteig. Für ein kleines Brot. Ein sehr kleines Brot. Aber ein gutes. Oder sogar für einen winzigen Kuchen. Zum Feiern. Wir sind Gesegnete des Herrn!

Man kann ein Samenkorn aber auch in die Erde legen. Dann gibt es erst einmal kein Brot. Und keinen Kuchen. Nur Dreck und Arbeit. Und dann lange nichts.

Aber irgendwann schiebt sich ein kleiner grüner Halm aus der Erde. Die Sonne scheint, der Wind weht und der Regen fällt. Und die Zeit vergeht. Irgendwann ist es Zeit zum Ernten. Aus dem Samenkorn ist eine große Ähre geworden. Und daran: Viele Körner. Fülle. Überfluss. Segen, eben.

Liebe Schwestern und Brüder,

Wir sind Gesegnete des Herrn. Darüber sollten wir uns freuen und Gott danken.

Aber was machen wir mit diesem Segen?

"Segen kann gedeihn", singen wir. Wann? Wo? "Segen kann gedeihn, wo wir alles teilen." Wo wir hergeben von unserem Überfluss. Wo wir den Segen, den Reichtum, den Gott uns schenkt, als Samenkorn sehen bei den Menschen um uns her.

Da gedeiht Segen. Da wird er noch schöner. Da entfaltet sich erst das wahre Wunder. Wir sind noch mehr gesegnet. Und die anderen auch.

Alles teilen

"Brich dem Hungrigen dein Brot", sagt der Prophet. Und wir haben gesehen: Es geht um viel mehr, als nur um's tatsächliche Brot. "Segen kann gedeihn, wo wir alles teilen." Hier, im Haus Raichberg, gibt es vermutlich wenig Grund, dem Mann im Nachbarzimmer ein Stück Brot zu bringen. Oder die Suppe mit der Tischnachbarin zu teilen. Hier bekommt jeder genug zu essen und keiner muss hungern. "Brich dem Hungrigen dein Brot", kann hier vielleicht etwas ganz anderes bedeuten: Zeit miteinander zu teilen, vielleicht. Füreinander da zu sein, damit keiner alleine sein muss. Einander zu helfen, wo dem anderen die Kraft fehlt. Ermutigende Worte zuzusprechen, wenn der andere die Hoffnung verliert.

Segen kann gedeihn, wo wir alles teilen.

Wir sind Gesegnete des Herrn. Weil Gott immer derselbe ist, wird das voraussichtlich so bleiben. Weil er reichlich gibt, müssen wir nicht sparen.

Also, lasst uns nicht sparen. Lasst uns miteinander den Segen teilen.

Dann geht er auf. Und wächst. Wir können uns miteinander freuen. Und Gott von Herzen danken.

Amen.

 

 

 

Predigttext

Jesaja 58,7-12

In aller Kürze

"Komm, Herr, segne uns!", beten wir. An Erntedank stellen wir fest: Wir sind so reich gesegnet! Doch dieser Segen kann noch wachsen, sich entfalten! Wie und wann? Darum geht es in dieser Predigt.

Über Christoph

Christoph Fischer (* 1978) ist Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg auf der Pfarrstelle „Erlöserkirche“ in Albstadt-Tailfingen.

Christoph ist verheiratet mit Rebecca. Gemeinsam haben sie drei Töchter.

Pfarrer