Predigt
Denn er lässt nicht von mir
Gesänge aus dem Fischbauch
Man kann schon einmal blass werden, wenn Gott Anspruch auf unser Leben erhebt. Manche laufen da lieber davon. Aber Gott lässt sich nicht abschütteln. Selbst in der größten Ferne lässt er nicht von uns. Seine Liebe und Gnade holt uns immer wieder ein. Und das ist gut so.
Gottesdienste und Anlässe
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10.06.2021
· 10:00 Uhr
· Augustenhilfe
Gottesdienst
Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus unserem Herrn!
Liebe Geschwister in Jesus Christus,
Es hätte ganz anders kommen können. Er hätte ein Star werden können. Ganz groß rauskommen: Der Prophet des Herrn. Von Gott selbst auserwählt zu einer großen Mission: Gottes Gesandter in die Hauptstadt des großen Weltreiches seiner Zeit. Ins Zentrum der Welt sozusagen. Der Auserwählte. Gott scheint ihm was zuzutrauen. Gott beauftragt ihn, Sprecher des Gotteswortes zu werden. Des Gotteswortes, das aus Licht Finsternis schafft, aus Nichts die ganze Welt. Des Gotteswortes, von dem es heißt, bei seinem Klang erzittere die Erde und die Berge schmelzen wie Wachs vor diesem Gotteswort. Er hätte es weitersagen können. Er.
Gott traut ihm das zu. Gott vertraut es ihm an. Gott erhebt einen Anspruch auf sein Leben: Ich will dich. Du sollst mein Prophet sein.
"Mache dich auf und geh in die große Stadt Ninive und predige wider sie; denn ihre Bosheit ist vor mich gekommen."
Gott erhebt einen Anspruch, angesichts der Bosheit. Die Zustände in der Welt lassen ihn nicht kalt. Er ist der Schöpfer dieser Welt, der seine Geschöpfe liebt. Er lässt nicht einfach alles laufen, schaut nicht einfach unbeteiligt zu, auch wenn alles "den Bach runter geht." Er nimmt Teil, nimmt Anteil an seiner Schöpfung. Und er erhebt Ansprüche. Immer wieder.
Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus Ägyptenland geführt hat. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben.
So fängt es an. Anspruch. Das ist sein gutes Recht, als Gott, als Schöpfer.
Welchen Anspruch er wohl an uns erhebt, heute, hier, in Tailfingen, im Jahr 2021. Angesichts von Corona, und Klimawandel, und Armut, und Einsamkeit. Gottes Anspruch an uns, an seine Geschöpfe. Und jenseits der großen Fragen, hier, im kleinen Miteinander des Alltags, auch hier im Haus in der Augustenhilfe? Gottes Anspruch an uns, seine Geschöpfe.
Seine Ansprüche waren nie diktatorisch, selbstsüchtige Wünsche eines selbstverliebten Alleinherrschers. Sein Anspruch war immer ein gerechter Umgang seiner Menschen miteinander, mit ihren Mitgeschöpfen, mit Gottes Schöpfung -- in Verantwortung vor ihm, der alles gemacht hat. Nichts Überzogenes, eigentlich. Gut für alle.
Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus Ägyptenland geführt hat. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben.
Damit fängt es an. Der Rest ist Auslegung: Erklärung, was das bedeutet im täglichen Miteinander.
Anspruch.
"Mache dich auf und geh in die große Stadt Ninive und predige wider sie; denn ihre Bosheit ist vor mich gekommen."
Und dann kommt es ganz anders. Man kann es ihm irgendwie gar nicht verübeln, angesichts des Schicksals, das viele seiner Vorgänger als Gottes Propheten erleben mussten. Gottes Anspruch kommt durchaus mit seinen Kosten. Elia ist daran fast völlig ausgebrannt. Jeremia musste am schlammigen Grund einer Zisterne um sein Leben fürchten. Jona -- will das alles nicht. Gottes Anspruch ist ihm zu viel.
Klaus-Peter Hertzsch hat das einmal nacherzählt: "Der ganze Fisch war voll Gesang." Eine biblische Ballade zum Vorlesen. Ein paar Ausschnitte davon sollt ihr heute hören.
Doch Jona wurde blaß vor Schreck
und sagte zu sich: "Nichts als weg!"
Ich lösch mein Licht, verschließ mein Haus.
Ich mach mich fort. Ich reiße aus.
Den Blick nach Westen wandte er.
Erst lief er nur. Dann rannte er.
Am Feld entlang. Am Wald entlang.
Er sah sich um. Es awar ihm bang.
Der Staub flog hoch. Er keuchte sehr,
als liefe einer hinter ihm her.
Gott, aber, der den Weg schon kannte,
sah lächelnd zu, wie Jona rannte.
Am Ende kam der müde Mann
am weiten blauen Meere an.
Da roch die Luft nach Salz und Tag.
Da fuhrn die Fischer aus zum Fang.
Matrosen sah man lachend schlendern,
erzählten sich von fremden Ländern.
Noch lag ihr Schiff an festen Tauen,
noch sangen die Matrosenfrauen.
Als Jona alles angestaunt,
da war er wieder gut gelaunt.
Er sagte zu dem Kapitän:
"Wohin soll denn die Reise gehn?"
"Nach Tarsis geht es", sagte der,
"weit weg von hier. Weit übers Meer."
"Je weiter", rief er, "desto besser.
Hört zu: Ich bin kein starker Esser.
Ich nehme wenig Platz euch weg
und zahle gut. Nehmt mich an Deck!"
So zahlte er und ging an Bord
und bald darauf, da fuhrn sie fort."
"Von Gott will ich nicht lassen" haben wir gesungen. Kein Jonalied. "Nur weg von hier", wäre sein Gesang. Gottes Anspruch ist mir zu viel. "Von Gott will ich lassen", hätte Jona vielleicht gesungen.
Aber die zweite Zeile bleibt die Gleiche: "Er lässt nicht von mir."
Auf einmal gab es einen Stoß.
Das Schiff stand schief. Ein Sturm brach los.
Die Wellen schwappten über Deck
und spülten alle Bänke weg.
Das Ruder schlug und brach zuletzt.
Das große Segel hing zerfetzt.
Nun rollten Donner, zuckten Blitze.
Der hohe Mast verlor die Spitze.
Das Schiff, es wurde hochgehoben
und zeigte manchmal steil nach oben.
Den armen Leuten auf dem Schiff
war bange, als der Sturmwind pfiff.
Sie liefen ängstlich hin und her.
Ihr Boot schien ihnen viel zu schwer.
Sie nahme alles, was sie hatten,
den Anker und die Hängematten,
den Kompass und das Wetterhaus
und warfen es zum Schiff hinaus.
Dann wollten sie in ihren Nöten,
ein Lied anstimmen oder beten.
So riefen sie -- weil sie nicht wussten,
zu wem sie wirklich beten mussten,
denn Gott war ihnen unbekannt:
"Hilf, wer das kann! Hilf uns an Land!"
Denn er lässt nicht von mir.
Gott hat seinen Anspruch an Jona nicht aufgegeben.
Gott hat Jona nicht aufgegeben.
Denn er lässt nicht von mir.
Was geschieht eigentlich mit Menschen, die Gottes Anspruch nicht genügen?
Die ihn ablehnen? Die vor ihm davonrennen -- vor ihm und seinen gerechten Ansprüchen an das, was wir leben sollen -- vielleicht sogar ihr ganzes Leben lang?
Denn er lässt nicht von mir.
Jonas Flucht ist noch nicht zu Ende. Sein Abstieg wird sehr grafisch beschrieben im Jonabuch. Es geht immer weiter hinunter:
Hinunter zum Hafen nach Joppe.
Hinunter in den Bauch des Fisches, wo er das Tosen des Sturms zunächst verschläft.
Hinunter ins Meer. Jona lässt sich noch gar nicht umstimmen. Alle beten, selbst zu unbekannten Gottheiten. Jona betet nicht. Er verweigert sich Gott immer noch. Lieber lässt er sich über Bord werfen.
Hinunter ins Meer.
Als die Wellen über ihm zusammenschlagen, als er sein Ende gekommen glaubt, als man denkt, tiefer könne man gar nicht mehr fallen, schickt Gott in dieser Erzählung einen großen Fisch. Und es geht noch einmal hinunter. Jona wird mit Haut und Haar verschlungen.
Erst jetzt ist er ganz unten. Am Tiefpunkt. Unter den Wellen, tief im Meer, im Bauch des Fisches.
Und dieser Tiefpunkt wird zum Wendepunkt.
Denn er lässt nicht von mir.
Da hat er in des Bauches Nacht
ein schönes Lied sich ausgedacht.
Das sang er laut und sang er gern.
Er lobte damit Gott, den Herrn.
Der Fischbauch war wie ein Gewölbe:
das Echo sang nochmal dasselbe.
Die Stimme schwang, das Echo klang,
der ganze Fisch war voll Gesang.
Der ganze Fisch war voll Gesang.
Ich rief zu dem HERRN in meiner Angst,
und er antwortete mir.
Ich schrie aus dem Rachen des Todes,
und du hörtest meine Stimme.
Du warfst mich in die Tiefe, mitten ins Meer,
dass die Fluten mich umgaben.
Alle deine Wogen und Wellen gingen über mich, / dass ich dachte, ich wäre von deinen Augen verstoßen,
ich würde deinen heiligen Tempel nicht mehr sehen.
Wasser umgaben mich bis an die Kehle,
die Tiefe umringte mich, Schilf bedeckte mein Haupt.
Ich sank hinunter zu der Berge Gründen,
der Erde Riegel schlossen sich hinter mir ewiglich.
Aber du hast mein Leben aus dem Verderben geführt,
HERR, mein Gott!
Als meine Seele in mir verzagte, gedachte ich an den HERRN,
und mein Gebet kam zu dir in deinen heiligen Tempel.
Die sich halten an das Nichtige, verlassen ihre Gnade.
Ich aber will mit Dank dir Opfer bringen.
Meine Gelübde will ich erfüllen.
Hilfe ist bei dem HERRN.
Hilfe ist bei dem Herrn.
Denn er lässt nicht von mir.
Ich bin überzeugt: Bevor Jona zu singen anfing, hat er gelacht. Gelacht und gesungen, dort unten im Fischbauch.
Denn dort, am tiefsten Punkt angekommen, hat Jona begriffen, was geschieht, wenn Menschen vor Gottes Anspruch davonrennen:
Er lässt nicht von mir.
Hilfe ist bei dem Herrn.
Schaut, das ist Evangelium: Gott lässt nicht von mir. Gott lässt nicht von denen, die seinen Ansprüchen nicht genügen. Gott lässt nicht von denen, die vor ihm davonrennen. Gott lässt nicht von denen, die ihm so fern sind, wie man ihm nur fern sein kann. Nicht einmal dort unten im Fischbauch.
Gott lässt nicht von mir.
Er lässt sich nicht abschütteln. Er lässt sich nicht abweisen. Ihn kann man nicht loswerden, indem man ihn ignoriert.
Warum?
Weil er dann böse wird, gemein und rachsüchtig?
Weil er dann Stürme schickt und alles kurz und klein schlägt?
Weil er dann nur noch Gericht im Sinn hat über den Sünder, der seinen Anspruch so frech verweigert?
Nein. Das ist ist Evangelium. Gott lässt nicht von mir. Und Jona lacht, denn alles, was bisher geschehen ist, das führt hin zu dem einen Satz, der jetzt kommt. Das ist das Ziel von allem Handeln Gottes, seit Jona seine Haustür aufriss und davonrannte:
Und der HERR sprach zu dem Fisch, und der spie Jona aus ans Land.
Hilfe ist bei dem Herrn.
Denn er lässt nicht von mir.
Gott gibt Jona eine neue Chance. Er fängt noch einmal von vorne mit ihm an. Er holt ihn aus der Tiefe und stellt ihn auf sicheres Land. Er erbarmt sich dessen, der ihn verlassen wollte.
Aber du hast mein Leben aus dem Verderben geführt,
HERR, mein Gott!
Natürlich erhebt Gott Anspruch. Auch auf unser Leben. Sein Anspruch ist gerecht und gut und hat unser Bestes im Sinn. Sein Anspruch ist -- nun ja, anspruchsvoll. Nicht immer einfach und nicht immer das, was wir selbst gerade für das Beste halten. Gott erhebt Anspruch.
Aber lange vor seinem Anspruch steht seine Liebe zu uns. Seine Gnade, die auch dem Weglaufenden nacheilt. Seine Barmherzigkeit, die tiefer ist als das Meer.
Gott holt mich immer wieder ein, immer wieder ab. Er tut alles, damit ich zu ihm zurückkann.
Wer wissen will, wie weit er geht, der schaut auf Jesus Christus.
Eigentlich hätten wir das längst merken können.
Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus Ägyptenland geführt hat.
Pause.
Du sollst keine anderen Götter neben mir haben.
Sein Zuspruch steht vor seinem Anspruch.
Und seine Liebe und Gnade stehen unerschütterlich fest.
Von Gott will ich nicht lassen, denn er lässt nicht von mir,
führt mich durch alle Straßen, da ich sonst irrte sehr.
Er reicht mir seine Hand;
den Abend und den Morgen tut er mich wohl versorgen,
wo ich auch sei im Land.
Hilfe ist beim Herrn.
Amen.
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