Predigt
Lieb und teuer
Was darf Liebe kosten?
Martin teilt seinen wertvollen Mantel. Was habe ich zu teilen? Was darf Liebe eigentlich kosten? Gott hat diese Frage für sich schon beantwortet. Und wer zuerst auf Jesus und dann auf die anderen schaut, erkennt, wie echte Liebe zu der Kostenfrage steht.

Gottesdienste und Anlässe
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11.11.2021
· 10:00 Uhr
· Augustenhilfe
Gottesdienst
Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus!
Geliebte des Herrn in der Augustenhilfe,
Das ist mir lieb und teuer...
Was darf Liebe eigentlich kosten?
Diese Frage stellt sich ganz konkret, als der Apostel Paulus seinen Brief an die Gemeinde in Korinth schreibt. Der ist nämlich nicht ohne praktische Hintergedanken. In Israel -- sozusagen im Stammland des Glaubens -- herrscht unter den Christ:innen Not. Viele aus der Gemeinde in Jerusalem sind akut von Armut betroffen. Warum das so ist, wissen wir gar nicht genau. Vielleicht lag es daran, dass viele von ihnen eigentlich aus dem ländlichen Galiläa im Norden Israels kamen und dort alles verlassen hatten, um Jesus nachzufolgen. In der Stadt fehlte ihnen dann vielleicht einfach die Lebensgrundlage. Aber das ist Spekulation.
Was dagegen klar ist: Weit weg sind die. Keiner in Korinth kennt sie persönlich. Um ehrlich zu sein, haben sie mit dem Leben der Korinther:innen eigentlich gar nichts zu tun. Ihr Schicksal berührt die niemanden in Korinth persönlich. "Wir schulden denen nichts." Das ist trifft zu.
Trotzdem wirbt Paulus in seinem Brief neben vielen anderen Dingen um Spenden für die Christ:innen in Jerusalem. Ein Zeichen der Liebe sei es, etwas vom eigenen Überfluss abzugeben.
Zeichen der Liebe gibt es viele. Ein nettes Wort zur rechten Zeit ist auch ein Zeichen der Liebe. Eine schöne Karte, ein lieber Brief an die Schwestern und Brüder in Jerusalem, mutmachend, hoffnungsvoll, glaubensstärkend, wäre ja auch ein Zeichen der Liebe. Und -- da kommt vielleicht auch der Schwabe in mir durch -- das wäre doch auch deutlich günstiger. "Wemmer gäbet, gäbe mir gern und reichlich – aber mir gäbet nix." Muss Liebe unbedingt gleich so teuer sein?
Was darf Liebe eigentlich kosten?
Wie ihr aber in allen Stücken reich seid, im Glauben und im Wort und in der Erkenntnis und in allem Eifer und in der Liebe, die wir in euch erweckt haben, so gebt auch reichlich bei dieser Wohltat. Nicht als Befehl sage ich das; sondern weil andere so eifrig sind, prüfe ich auch eure Liebe, ob sie echt sei. Denn ihr kennt die Gnade unseres Herrn Jesus Christus: Obwohl er reich ist, wurde er doch arm um euretwillen, auf dass ihr durch seine Armut reich würdet. (2.Korinther 8,7-9)
Was darf Liebe eigentlich kosten?
1700 Jahre ist es her, da trat in der Lombardei ein junger Mann, Sohn eines Soldaten aus Ungarn, selbst in die Armee ein und ließ sich zur Kavallerie ausbilden. Ein paar Jahre weniger ist es her, da kam derselbe junge Mann zum Glauben an Jesus Christus und wurde Teil der Gemeinschaft derer, die sich zu ihm bekennen. Noch in seiner Zeit als Katechumene -- so nannte man die Zeit von ein oder zwei Jahren vor der Taufe, in der neue Gläubige den christlichen Glauben erst einmal erlernen sollten -- kam es zu jener denkwürdigen Begegnung mit einem, der wirklich gar nichts hatte -- nicht einmal mehr die Kleider am Leib. Nackt und elend sitzt der Bettler am Wegesrand und das Herz des Kavallerieoffiziers ist so bewegt, dass er gar nicht vorbei kann, ohne irgendwie geholfen zu haben. Vielleicht hat er kein Geld dabei, und vielleicht hat er einfach gesehen, dass es am Dringendsten erst einmal Kleidung und Wärme brauchte. Kurz entschlossen zieht er sein Schwert und teilt seinen großen Offiziersmantel in zwei Hälften.
Ein Zeichen der Liebe.
Heute noch ziehen die Kinder mit Laternen durch die Straßen und feiern das Vorbild des Martin von Tours.
Geliebte des Herrn in der Augustenhilfe,
Ich habe auch einen Mantel. Einen schönen, wolligen, schwarzen Mantel, der in diesen kalten Tagen gut warm gibt. Ich habe kein Schwert, aber eine Schere würde es ja auch tun. Wenn ich meinen Mantel halbiere, dann hat niemand etwas davon. Nur zwei halbe Mäntel, die zu nichts zu gebrauchen sind. Wenn Sie ihre schöne Strickjacke zerschneiden, ist das auch nicht anders. Mäntel zu teilen, wie Martin das tat, bringt uns heute nicht weiter.
Natürlich hatte ein Mantel damals eine ganz andere Bedeutung. Die Leute hatten ja keinen vollen Kleiderschrank, wie wir es heute haben. Viele besaßen gerade einmal das, was sie am Leib trugen. Eine Art Untergewand, eine Tunika, und darüber eben den Mantel -- eher eine Art weite Decke, in die man sich einwickelte und die bei Nacht, wenn es kalt war, tatsächlich auch als Bettdecke diente. Der Mantel war oft der einzige Schutz vor den Elementen. Der Mantel war der Unterschied zwischen Erfrieren und Überleben. Noch etwas länger zurück, im Israel der Antike, war es sogar Teil von Gottes Gesetz, dass man auf keinen Fall den Mantel eines anderen als Pfand über Nacht behalten durfte. Der Mantel steht auch zeichenhaft für die allergrundlegendsten Bedürfnisse des Menschen.
Was habe ich denn heute zu teilen, wo es nichts mehr bringt, Mäntel zu zerschneiden?
Vielleicht ist es ja tatsächlich ein Mantel, ein zweiter, der sowieso nur noch in meinem Schrank hängt, weil ich längst einen neuen habe. Das Modell vom vorletzten Jahr, das mir inzwischen schon nicht mehr gefällt, obwohl er doch gut ist und warm gibt. Im Kauf-Wasch-Café bei der Diakonie bekommt mein zweiter Mantel ein neues Leben. Da freut sich jemand, der keinen hat und hat dann auch warm -- und ich habe Platz im Schrank.
Vielleicht ist es mein Auto, in dem ich jemand mit nehme, der sonst zu Fuß gehen müsste. Die Spende für einen guten Zweck, der anderen hilft. Vielleicht die Schokolade, von der ich abgebe. Der Kaffee, zu dem ich jemanden einlade. Vielleicht ist es auch einfach nur mein Platz in der Schlange vor dem Aufzug, den ich hergebe, weil jemand anders nicht so lange stehen kann.
Es muss ja gar nicht immer unbedingt etwas Materielles sein. Wir sind uns heute ja oft ganz schmerzlich bewusst, dass es wertvolle Dinge gibt, die kein Geld der Welt kaufen kann. Zeit zum Beispiel, die ich mit jemand anderem verbringe. Ein offenes Ohr, das sich anhört, was jemandem auf der Seele liegt. Eine liebevolle Berührung. Begleitung auf einem Weg. Auch das sind Zeichen der Liebe, die ich mit anderen teile.
Auch das sind nicht immer nur Dinge, die ich gerne gebe. Liebe -- da darf man sich nicht täuschen lassen -- kostet immer. Liebe kann ganz schön teuer sein.
Wie viel darf Liebe kosten?
Vielleicht muss die Antwort auf diese Frage jeder selbst finden.
Wen das so ist, so hat zumindest Gott das für sich schon getan. In seinem Brief an die Korinther:innen deutet der Apostel Paulus auf Jesus Christus. An ihm sieht man, wie viel Gott die Liebe gekostet hat: seinen eigenen Sohn. An Jesus sieht man die Bereitschaft, alles aufzugeben. Aus der himmlischen Herrlichkeit Gottes heraus Mensch zu werden. Klein und unbedeutend. Arm. Wir gehen auf Weihnachten zu: in einer Krippe geboren. Ein Mensch unter vielen, mit allen Beschwerden des menschlichen Lebens. Einer, der oft nicht wusste, wo er am Abend schlafen würde. Einer, der Ausgrenzung und Hass erfuhr. Bis hin zu dem Moment, an dem dieser eine stirbt, damit wir leben können. Das hat es Gott gekostet.
" Denn ihr kennt die Gnade unseres Herrn Jesus Christus: Obwohl er reich ist, wurde er doch arm um euretwillen, auf dass ihr durch seine Armut reich würdet." (2. Korinther 8,9)
So viel darf Liebe kosten. Findet Gott.
Und wir, meint Paulus, sollten uns ein Beispiel nehmen -- nicht nur an Martin, sondern an Christus selbst.
Geliebte Gottes in Tailfingen,
Wo Christen aus Liebe zu teilen bereit sind, da geschieht das nicht aufgrund einer moralischen Verpflichtung. Es geschieht nicht, weil Paulus, oder Pfarrer Fischer, oder sonst irgendjemand überzeugend geredet und genug Druck aufgebaut hat, damit jetzt endlich jeder und jede einsieht, was zu tun ist. Nein! In der Freiheit, die wir als begnadete Kinder Gottes haben -- beschenkt mit Leben aus dem Reichtum Gottes selbst -- schauen wir auf Jesus Christus, der für uns alles gegeben hat. Wie sollte man seine Liebe nicht unerwidert lassen?
Und wer von diesem Jesus Christus dann auf die anderen Menschen schaut ("Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan."), erkennt, dass echte Liebe nicht nach den Kosten fragt.
Also lasst uns -- reich geworden durch Jesus Christus -- von dieser Liebe großzügig weitergeben, wo immer sich eine Gelegenheit dazu bietet.
Amen.
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