Predigt

Ob der Eselskönig helfen kann?

Vom Glauben, auch wenn ich mir alles ganz anders vorgestellt hatte

Vieles haben wir uns ganz anders vorgestellt. Und so, wie es nun kam, zerdrückt es unsere Hoffnung und nagt an unserem Glauben. Was kann da noch helfen?

Titelbild zur Predigt "Ob der Eselskönig helfen kann?".

Gottesdienste und Anlässe

  • 28.03.2021 · 9:30 Uhr · Galluskirche
    Gottesdienst
  • 28.03.2021 · 10:30 Uhr · Philipp-Matthäus-Hahn-Kirche
    Gottesdienst

Psalm 69 im Jahr 2021

umgeschrieben von Bettina Schlauraff

Gott, hilf mir! Mein Alltag drückt mir auf die Brust.

Ich verliere den Faden. Ich finde mich nicht mehr zurecht.

Die Welt scheint sich aufzulösen.

Mir schwimmen wichtige Teile meines Lebens davon.

Das nimmt mir die Lebensfreude.

Das dreht die Flamme meiner Energie immer kleiner.

Ich habe mich müde gehört an all den Prognose.

Meine Stimme ist erschöpft von all den Diskussionen.

Mein Geist hat genug von all der Akrobatik immer neuer Zustände.

Meine Augen haben Sehnsucht nach dem Meer und können das kleine Glück nicht mehr sehen.

Weil alles so lange dauert.

Weil alles so gegen mein Leben läuft.

Weil so vieles ohne mich entschieden wird.

Lass mich nicht kleben bleiben an den Nachrichten des Tages.

Lass die Dinge keine Gewalt haben über meine Seele.

Lass mich nicht gewöhnen an Abstand und Ferne und traurige Sehnsucht.

Höre auch meine Wut und meine Zerschlagenheit!

Ich will sie nicht mehr.

Sieh an, wie fremd mein Leben geworden ist.

Ich sehne mich zurück.

Spüre du meine ungeweinten Tränen, die mir peinlich sind,

weil ich ja noch lebe.

Komm doch, du, Gott, komm, Geistkraft, mit deiner guten Hilfe.

Ich bete zu dir in dieser Zeit.

Sieh meine innere Not.

Lass nicht die Traurigkeit mein Herz besetzen.

Verbirg das Leben nicht vor meinen Augen.

Hol mich heraus aus Selbstmitleid und Bitternis.

Lass mich deinen Trost schmecken

und deinen Himmel atmen.

Meine Hände wollen keine Schwere mehr tragen.

Mein Mund will lachen und singen,

meine Füße tanzen und schlendern.

Mein Herz will aufleben.

Mein Leben will sich regen.

Ich habe das Ausharren satt.

Es tut gut, das jetzt loszuwerden.

Du kannst mir helfen, Gott:

meinen Tränen und meinem Geist,

meinem Körper, der Seele, den Händen, dem Gemüt,

den Augen, meinem Mund

und meinem Herzen. Amen.

Ein Psalm für das Jahr 2021.

"Gott, hilf mir!", schreibt Bettina Schlauraff.

"Gott, hilf mir!", bete ich mit. Ich hatte mir das alles ganz anders vorgestellt. Ostern 2021. Da war doch mal die Hoffnung, dass jetzt langsam alles wieder besser gibt. Dass alles wieder aufgeht. Dass alles -- gut wird. Die Hoffnung, dass wir an Ostern wirklich ganz real den Sieg des Lebens feiern könnten.

Stattdessen sind wir noch nicht aus dem zweiten Lockdown raus und jetzt droht die dritte Welle endgültig über unserem Kopf zusammenschlagen.

Gott, hilf uns!

Hilf den Einsamen, denen schon so lange der Kontakt, die menschliche Nähe fehlt.

Hilf den Familien, deren Geduldsfaden mit Homeoffice und Fernunterricht immer länger gezogen wird, immer dünner wird.

Hilf denen, die Angst haben, weil sie nicht wissen, wie es beruflich weitergeht. Wie lange sie noch eine Job haben, ihre Rechnungen zahlen können.

Hilf den Händlern und den Betriebsinhabern und den Gastronomen und all denen, die Monat für Monat darauf warten, endlich wieder Umsätze zu haben und den Betrieb und sich selbst über Wasser halten zu können.

Hilf gerade dort, wo die Verzweiflung sich in Gewalt ausdrückt, wo Leiden herrscht hinter geschlossenen Türen und Fenstern und niemand da ist, der es sehen könnte.

Gott, hilf uns!

Wir hatten uns das alles ganz anders vorgestellt. Wir hatten Hoffnung. Wir hatten Glauben. Wir haben schon so lange ausgehalten. Wir waren vernünftig und haben schon so viele Einschränkungen hingenommen, so viele Zeichen der Solidarität gesetzt, so viel erduldet. Und unser Geduldsfaden wird immer dünner.

Gott, hilf uns!

Stimmen werden laut, von denen, die es nicht mehr auszuhalten glauben. Nicht nur die Unvernünftigen. Man brauche einfach mehr "Leadership" in der Politik, habe ich diese Woche gehört, nachdem sich die Bundeskanzlerin für einen Fehler entschuldigt hat. "Leadership". Und viele haben geklatscht und da war gar keiner mehr, der bedacht und gesagt hat, dass "Leadership" auf Deutsch übersetzt "Führung" heißt und dass starke "Führer" nun wirklich das Allerletzte sind, was wir in Deutschland jemals wieder brauchen. Wo die Hoffnung schwindet und die Geduld strapaziert wird, da erscheint so etwas plötzlich wieder als Lösung.

Gott, hilf uns!

Diese Stimmen sind nicht neu. Man hat sie am Palmsonntag gehört, schon damals, als sie am Wegrand standen und jubelten. Hosianna! Gelobt sei der, der da kommt im Namen des Herrn! Viele haben sich schon ausgemalt, wie es sein würde, wenn er kommt, als König, und die Macht übernimmt mit der Autorität, die Gott im gibt. Wenn die verhassten Römer und der Klüngel des Establishments und der ganze "Filz da oben" plötzlich abgemeldet wären und machtlos und endlich ihren verdienten Lohn bekämen für alles, was das Volk in all den Jahren erdulden musste.

Aber wahrscheinlich haben sich auch schon am Palmsonntag die ersten zweifelnden Stimmen gemeldet, die darauf hinwiesen, dass das jetzt eben doch gar nicht königlich aussah, wie er da auf einem Esel dahergeritten kam, mit Palmzweigen statt Fahnen und verschwitzten Überkleidern statt eines roten Teppichs. Die Stimmen des Zweifels, die dann lauter wurden, als die Gefechte der folgenden Tage nur Wortgefechte waren mit den Einflussreichen. Die Stimmen, am Karfreitag rufen, er solle doch seine Macht zeigen und heruntersteigen vom Kreuz mit Legionen von Engeln an seiner Seite und endlich tun, was alle von ihm erhofften. Die Stimmen, die vorher schon genug hatten, enttäuscht und tief verletzt, mit einstimmten in das vielfache "Kreuzige ihn!" der Menge.

Das hätten wir uns alles ganz anders vorgestellt.

Gott, hilf uns!

Die Stimmen des Zweifels höre ich hier bei uns heute. Nicht nur bei den Begegnungen auf der Straße oder auf dem Parkplatz beim Supermarkt. Nicht nur in den Leserbriefen und den Kommentarspalten auf Facebook. Ich höre sie auch tief in mir drin, mit jeder neuen Nachricht, die wieder ein Stück Hoffnung auf baldige Öffnung und Besserung und Normalität auslöscht.

Gott, hilf uns!

Das hätten wir uns alles ganz anders vorgestellt.

Das sagen auch die, die ein paar Jahrzehnte nach dem Palmsonntag Geduld und Ausdauer brauchen, um weiter zum Glauben an diesen Jesus vom Kreuz und vom leeren Grab zu stehen. Klar, er hatte sie begeistert. Sie hatten ja auch begriffen, dass der König vom Palmsonntag nicht einer ist, der mit Macht und Gewalt und großen Armeen kommt. Dass mit ihm das Reich Gottes Einzug hält -- Friede und Gerechtigkeit und Freude im Heiligen Geist. Ganz anders, als irgendwelche politischen Fantasien. Und sie waren ihm gefolgt, hatten sich eingelassen auf den Friedenskönig, der auf dem Esel reitet. Was war der Lohn? Undank war der Lohn: Ausgrenzung und Verachtung. Wilde Gerüchte, die sie zum Sündenbock für alles mögliche machten. Freunde verloren. Wirtschaftlichen Schaden erlitten. Geschlagen. Erniedrigt. Verfolgt.

Das hätten wir uns ganz anders vorgestellt.

Gott, hilf uns!

Er schreibt einen Brief an die verfolgten Nachfolger Jesu. "Glaubt!", schreibt er. "Haltet durch!", schreibt er. "Es lohnt sich nämlich."

"Haltet euch fest an eurem Glauben" -- auch wenn ihr gerade nichts seht, was dafür spricht.

"Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht dessen, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.", schreibt er im elften Kapitel des sogenannten Hebräerbriefs.

Vielleicht auch ein Tailfingerbrief. Für 2021.

"Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht dessen, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht."

Feste Zuversicht. Nichtzweifeln.

Das könnte auf einer Postkarte stehen. Zu Ostern 2021, mit freundlichen Grüßen Ihrer Kirchengemeinde.

Feste Zuversicht? Nichtzweifeln?

Mir geht doch zunehmend die Puste aus!

Mir fällt da nur noch die vielleicht passendste aller Jahreslosungen ein, die von 2020: "Ich glaube, Herr. Hilf meinem Unglauben!"

Gott, hilf uns!

"Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht dessen, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht."

Und dann fängt er an zu erzählen. Von anderen, die eine schwere Zeit hatten. Von Abraham, der sein Land verließ, nur auf ein Wort Gottes hin. Er wurde nicht umgehend belohnt. Jahrelang trug er seine Hoffnung vor sich her, durch Wüsten und fremde Länder, durch Streit und Auseinandersetzungen und schwere Glaubenskrisen. Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht. Erst ganz am Ende hat er es gesehen, was Gott ihm so lange zuvor versprach. Sein Glaube hat sich gelohnt.

"Glaubt wie Abraham", will uns da einer schreiben.

Er schreibt von Sara, Abrahams Frau. Von der Verheißung von vielen Nachkommen. Von der Scham, nie ein Kind geboren zu haben. Von unerfüllter Sehnsucht. Von verzweifelten Versuchen, das Problem selbst irgendwie zu lösen. Und vom Glauben: "Durch den Glauben empfing auch Sara, die unfruchtbar war, Kraft, Nachkommen hervorzubringen trotz ihres Alters; denn sie hielt den für treu, der es verheißen hatte."

"Glaubt wie Sara", will uns da einer schreiben.

Von Noah erzählt er und von Mose, von Isaak, Jakob und Josef, von Rahab und Josua, und von unzähligen anderen, deren Namen in keinem Buch einzeln aufgeschrieben sind: "Die Zeit würde mir zu kurz,", sagt er, "wenn ich erzählen sollte von Gideon und Barak und Simson und Jeftah und David und Samuel und den Propheten. Diese haben durch den Glauben Königreiche bezwungen, Gerechtigkeit geübt, Verheißungen erlangt, aLöwen den Rachen gestopft, des Feuers Kraft gelöscht, sind der Schärfe des Schwerts entronnen, aus der Schwachheit zu Kräften gekommen, sind stark geworden im Kampf und haben fremde Heere in die Flucht geschlagen. Frauen haben aihre Toten durch Auferstehung wiederbekommen. Andere aber sind bgemartert worden und haben die Freilassung nicht angenommen, auf dass sie die Auferstehung, die besser ist, erlangten. Wieder andere haben Spott und Geißelung erlitten, dazu Fesseln und Gefängnis. Sie sind gesteinigt, zersägt, durchs Schwert getötet worden; sie sind umhergezogen in Schafpelzen und Ziegenfellen; sie haben Mangel, Bedrängnis, Misshandlung erlitten. Sie, deren die Welt nicht wert war, sind umhergeirrt in Wüsten, auf Bergen, in Höhlen und Klüften der Erde. Diese alle haben durch den Glauben Gottes Zeugnis empfangen..." (Hebräer 11,32-39a)

"Glaubt doch, wie diese", will uns da einer schreiben. "Ihr seht doch: Es lohnt sich."

"Darum auch wir: Weil wir eine solche Wolke von Zeugen um uns haben, lasst uns ablegen alles, was uns beschwert, und die Sünde, die uns umstrickt. Lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist..."

O, wenn wir das doch nur so einfach könnten.

Ablegen. Glauben. Mit Geduld laufen.

Gott, hilf uns!

Mir raubt die lange Liste der Glaubenshelden eigentlich erst recht den Atem. Da, wo ich sowieso schon schwach bin, erscheinen sie mir plötzlich alle als unerreichbare Überflieger, weit weg von meiner Realität und meiner Fähigkeit zu glauben.

Das hätte ich mir alles ganz anders vorgestellt.

Gott, hilf uns! Hilf mir! Hilf meinem Unglauben.

"Lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist", schreibt er, "und aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens, der, obwohl er hätte Freude haben können, das Kreuz erduldete und die Schande gering achtete und sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones Gottes. Gedenkt an den, der so viel Widerspruch gegen sich von den Sündern erduldet hat, dass ihr nicht matt werdet und den Mut nicht sinken lasst."

Aufsehen zu Jesus.

Endlich ist da etwas, mit dem ich etwas anfangen kann.

Jesus hält er mir vor Augen. Den Eselskönig vom Palmsonntag.

Jesus, als Vorbild. Noch ein Held, der durchgehalten hat. Der sogar Kreuz erduldet und Widerspruch und Schande. Der auf dem Esel einreitet und eine Woche später mit Macht als unerreichbarer Sieger triumphierend aufersteht. Der jetzt nicht mehr auf einem Esel sitzt, sondern zur Rechten des Thrones Gottes.

Jesus.

Aber mehr noch: Jesus als Anfänger und Vollender des Glaubens.

Das ist es, was mir hilft, gerade auch jetzt, in dieser Zeit meiner Schwäche, meiner Fragen und Zweifel: Jesus, der Anfänger und Vollender meines Glaubens.

Da werde ich nämlich neu dran erinnert, dass Glaube keine Superleistung von Überfliegern ist, die ich als Normalbürger und sogar als Normalpfarrer sowieso nie erbringen kann. Der Glaube, der tief in mir drin mit den zweifelnden Fragen und den drückenden Enttäuschungen kämpft, ist nichts, was ich mir selbst angeeignet und erarbeitet habe. Mein Glaube hat bei Jesus angefangen. Der hat mich gepackt, durch seinen Heiligen Geist. Ergriffen hat er mich, hat mir sein neues Leben geschenkt und Glauben dazu. Ja, geschenkt. Daher kommt Glaube, wenn es ihn gibt. Man kann ihn nicht selbst zusammenrühren. Man kann ihn nur geschenkt bekommen, von Jesus, dem Anfänger, dem Urheber unseres Glaubens.

Jesus, der Anfänger, der Grund meines Glaubens ist der, auf dem all die Hoffnung ruht, die durch das, was so offensichtlich vor Augen liegt, leider immer wieder unter die Räder kommt. In ihm sehe ich ja, wie alles angefangen hat: Mit Gott, dem das Leid und Leiden der Menschen nicht egal ist, sondern der sich hineinbegibt und es auf sich nimmt und es trägt, bis an dieses Kreuz auf Golgata, wo er mit diesem dicken Bündel stirbt. Da ist alles drin, auch das Leid, das mich heute erdrücken will. Und weil er der Anfänger meines Glaubens ist, hat das zarte Hoffnungspflänzchen, das gerade immer wieder plattgewalzt wird, gute Wurzeln. Es lässt sich nicht so einfach zerdrücken. Es steht wieder auf und grünt wieder und sprießt, weil nach Palmsonntag nicht nur Karfreitag kommt und Tod, sondern Ostern und Leben.

Jesus, der Anfänger meines Glaubens.

Jesus, er hilft mir.

Jesus, der Anfänger und Vollender meines Glaubens ist der, durch den auch das Ende der Geschichte schon geschrieben ist. Denn der, der am Palmsonntag noch auf einem zweifelhaften Esel einzieht bringt mit sich das Reich Gottes, das spätestens an Ostern triumphiert und mit dem er wiederkommen wird, wie er an Ostern wiedergekommen ist, und ich darf dazugehören zu seinem Reich, auch wenn ich das heute immer wieder vergesse, weil ich es nicht sehe. Das Ende ist doch schon gewiss: Jesus, der Vollender meines Glaubens.

Natürlich ist das für mich noch Zukunftsmusik, so gewiss es auch sein mag in ihm. Ich bin noch nicht dort. Im Gegenteil: Genau hier bin ich, in einer Situation, die ich nicht schönreden kann und möchte, weil sie immer noch genauso bedrückend ist, wie am Ende der Predigt.

Aber der unbekannte Schreiber des Hebräerbriefs hat mich an das erinnert, was ich in der Zwischenzeit tun kann: Auf Jesus schauen. Unbeirrt auf den Starren, in dem nicht nur der Ursprung, sondern auch das Ziel meines kleinen Glaubens liegt. Auf den, der mir diesen Glauben geschenkt hat und der vollenden wird, was er angefangen hat.

"Du kannst mir helfen, Gott", betet Bettina Schlauraff, "meinen Tränen und meinem Geist, meinem Körper, der Seele, den Händen, dem Gemüt, den Augen, meinem Mund und meinem Herzen."

"Und meinem kleinen Glauben", sage ich. "Jesus, Anfänger und Vollender meines Glaubens. Ich schaue zur dir. Hilf mir. Amen."

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