Predigt
Verrat
Judas, Jesus und ich
Wie konnte Judas, der sprichwörtliche Verräter, nur so untreu sein. Mir wäre das sicher nicht passiert! Oder doch? Und wenn ja, was wäre, wenn ich Gott genausowenig die Treue halten würde? Eine Begegnung mit dem, der dem Verräter das Brot reicht... [Kurzversion für den Telefongottesdienst]

Gottesdienste und Anlässe
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21.02.2021
· 9:15 Uhr
· Telefonkonferenz
Gottesdienst
Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!
Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus,
O Judas!
Wie konntest du nur so etwas tun? Dreißig Silberstücke -- das war alles, was er dir wert war, dein Jesus?
O Judas!
Wie konntest du nur?
Warst du denn nicht dabei in den letzten drei Jahren? Hast du denn nicht gesehen, dass dies kein gewöhnlicher Mensch ist? Einer, der mit Vollmacht von Gott redet wie keiner vor ihm? Einer, der den Menschen das Heil und die Zuwendung Gottes auf eine nie gekannte Art und Weise nahe bringt? Einer, der mit Zeichen bestätigt, was seine Worte sagen: Wasser wird zu Wein. Blinde sehen, Lahme gehen. Taube Ohren hören die gute Nachricht vom anbrechenden Reich Gottes.
O Judas!
Wie konntest du nur?
Da "fuhr der Satan in ihn", schreibt Johannes. War Judas am Ende einfach gar nicht mehr selbst Herr seiner Gedanken und Taten? Das System des Bösen hatte ihn im Griff. So weit hatte er sich darauf eingelassen. Der Satan fuhr in ihn, sagt Johannes. Wie auch immer es dazu gekommen ist: Das System hat ihn in der Mangel und er ist nicht mehr einfach frei, das Gute über das Böse zu wählen.
O Judas!
Aber da sitzen ja noch andere mit am Tisch!
Und die trifft die Ansage Jesu genau so tief: "Einer unter euch wird mich verraten."
Bange Blicke. Gebannte Stille.
"Meint der mich? Ich hoffe, der meint nicht mich."
Noch einer sitzt mit an diesem Tisch. Einer, von dem das Johannesevangelium nichts weiß. Ich bin es, der sich mit zu den Jüngern gesetzt hat.
Ein stiller Beobachter. So habe ich mir das zumindest vorgestellt. Neutral, distanziert, beobachtend, abwägend. Aber dieser Invokavittext entwickelt ein Eigenleben. Er entlässt mich nicht einfach aus der Geschichte und zwingt mich heraus aus meiner neutralen Beobachterrolle. Er hält mir dieselbe bange Frage vor, die sich die Jünger stellen: Hätte ich der Verräter sein können?
"Niemals!", entfährt es mir unwillkürlich. Nie hätte ich mich wie Judas zu solcher Untreue hinreißen lassen. Nie hätte ich meinen Glauben, meine Werte und Prinzipien so verraten! Und Jesus schon gleich zweimal nicht!
Die Stille am Tisch ist kaum auszuhalten.
Die Frage steht im Raum, wird immer lauter, bohrender, quälender.
Ich?
Mein sorgsam geplegtes Selbstbild gerät ins Wanken. Ich denke an all die Male, in denen meine Lebensentscheidungen alles andere als konsequent und werteorientiert sind.
Ich weiß, dass morgen ein langer Tag ist, aber ich bleibe trotzdem noch lange auf.
Ich weiß, dass es ungesund ist und greife trotzdem gerne zum Burger.
Ich weiß, dass ich schon genug hatte und esse trotzdem noch gerne ein Stück Schokolade.
Ich weiß, dass es Gemüse auch unverpackt gibt, aber ich lege trotzdem die schon gewaschene, in Plastik verschweißte Version in meinen Einkaufswagen.
Ich habe noch so viel spannende Bücher zu lesen, aber ich schaue trotzdem lieber Netflix.
Ich weiß, dass der Anruf wichtig wäre, aber ich schiebe ihn trotzdem hinaus.
Ich weiß, dass der Andere jetzt einen aufmerksamen Zuhörer braucht, aber ich lasse mich trotzdem ablenken.
Ich weiß das alles.
Und trotzdem.
TROTZDEM.
Es gibt nichts, was mir sagt, dass ich dieser Verräter niemals hätte sein können.
Zum ersten müssen wir wissen, wie sehr wir Kinder des Zornes sind und alle unserer Werke, Sinne und Gedanken gar nichts. Dafür müssen wir einen klaren , starken Spruch haben, der solches anzeigt, so merk dir gut den Spruch des Paulus an die Epheser 2,3 -- denn obwohl viele solche in der Bibel sind, will ich euch nicht mit vielen Sprüchen überschütten--: "Wir sind alle Kinder des Zornes." (Martin Luther)
O Judas?
O Christoph!
Es ist halt viel zu einfach, Texte wie die Erzählung vom Sündenfall oder diesen von der Tischgemeinschaft Jesu an historischen Einzelpersonen festzumachen -- Adam und Eva und Judas -- und damit selbst fein raus zu sein. Diese Texte betreffen mich genauso. Sie betreffen uns alle. Sie erzählen unsere Geschichten.
Was mache denn jetzt nur?
Vielleicht müssen wir die Geschichte des Judas noch einmal neu zu Ende denken. Von Christus her, wie wir die Bibel zu lesen gelernt haben. Von der "Mitte der Schrift" her, dem Evangelium von der Rechtfertigung des Sünders. Von dem her, der dem Verräter das Brot reicht und den Kelch mit dem Wein. Und dann sind wir plötzlich ganz nahe bei dem, was wir selbst hier immer wieder miteinander feiern, wenn Christus uns an seinen Tisch einlädt. Uns, auch mich, der ich hätte der Verräter sein können.
In Vézelay im französischen Burgund steht die ehrwürdige Abteikirche Ste Marie-Madeleine aus dem 12. Jahrhundert. Ihre Türen, Wände und Säulen sind mit gotischen Meisterwerken der Steinhauerkunst übersäht. Hoch oben auf einer Säule findet man auch den Judas wieder. Ein unbekannter Steinmetz aus dem Mittelalter hat hier den Menschen vor Augen gemalt, was mit denen passiert, die Gott nicht die Treue halten. Drastisch sieht man das Ende des Verräters, der sich selbst erhängt hat.
An der anderen Ecke der Säule taucht Judas noch einmal auf. Nach seinem Tod. Eine unbekannte Figur hat ihn aufgeladen. Beinahe zärtlich, so wie ein Hirte seine Schafe trägt, hat er den Leichnam des Verräters auf seiner Schulter. Lange blieb dieses Bild unbeachtet, bis im Jahr 2017 der Jesuitenpater Peter Wrembek ein Buch darüber schrieb: "Judas, der Freund", ist der Titel. Für ihn ist Jesus dieser unbekannte Träger. Wie ein Hirte sein verlorenes Schaf zurückbringt, trägt er Judas nicht in die Hölle, sondern nach Hause, dorthin "wo kein Leid und keine Tränen mehr sind. Wo Wandlung geschieht. Wo alles neu wird. Wo Gott selbst alles in allem ist."
Der Jesus, der auch dem Verräter das Brot reicht, hat sicher auch für mich noch Gnade übrig!
Amen.
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