Predigt

Wie ein Senfkorn

Vom kleinen Glauben an einen großen Gott

Wir brauchen keinen großen Glauben, sondern einen Glauben an einen großen Gott.

Titelbild zur Predigt "Wie ein Senfkorn".

Gottesdienste und Anlässe

  • 16.09.2021 · 10:00 Uhr · Augustenhilfe
    Gottesdienst

Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!

Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus,

Heute Nachmittag ist Einschulungsgottesdienst. Die neuen Erstklässler kommen mit ihren viel zu großen Schulranzen und ihren riesigen Schultüten zuerst in die Kirche und dann in die Schule. Wir sprechen ihnen Gottes Segen zu. Und wir geben ihnen etwas mit auf den Weg, das ihnen Mut machen soll für alle Herausforderungen, die in dieser Zeit möglicherweise auf sie zu kommen. Es fängt ja etwas ganz Neues an. "Der Ernst des Lebens", hat man uns früher immer gesagt und ich war damals furchtbar beeindruckt und habe mir in den grellsten Farben ausgemalt, was das wohl bedeuten könnte. So schlimm war es hinterher eigentlich gar nicht.

Heute Nachmittag erzähle ich den neuen Erstklässlern die Geschichte von der Stillung des Sturms. Von Jesus im Boot mit seinen Jüngern auf dem ruhigen See. Von Jesus, der müde ist und einschläft. Vom plötzlich aufkommenden Sturm, der immer stärker wird, so dass gestandene Fischersleute um ihr Leben fürchten. Von Jesus, der immer noch schläft. Von verzweifelten Anstrengungen, das Boot zu retten und vom Hilfeschrei, mit dem sie ihn dann endlich aufwecken. Und vor allem natürlich von Jesus, der dann ruhig aufsteht, die Hand ausstreckt und mit einem einzigen Satz den Sturm beendet.

Im Gegensatz dazu ist das, was der durchschnittliche Erstklässler erlebt, wahrscheinlich relativ harmlos. Niemand muss in den Tailfinger Grundschulen um sein Leben fürchten.

Aber hier im Raum sitzen jetzt gerade lauter Leute, die schon viel mehr Lebenserfahrung gesammelt haben als ein Erstklässler. Wir wissen, dass die Stürme des Lebens manchmal auch hier mindestens genauso heftig toben können wie damals auf dem See Genetsaret. Wassermassen sind es nicht, die wir zu fürchten gelernt haben. Aber dass die Wellen hoch schlagen, so dass uns Angst und Bange wird, das kennen wir alle irgendwoher. Da wünscht man sich dann einen Jesus, der mit einem Wort den Sturm stillt und die Wogen glättet. Die Erstklässlern werde ich heute Nachmittag daran erinnern, dass Jesus versprochen hat, immer mit im Boot zu sein. Euch alle erinnere ich jetzt auch gerne daran. Es tut gut, zu wissen, dass wir nicht alleine sind. Wir sitzen sprichwörtlich "im selben Boot" -- Jesus und ich. Und es gibt keinen besseren Ort, als mit Jesus im Boot zu sein.

Was mir an dieser Geschichte aber seit vielen Jahren immer wieder aufstößt, ist das Ende. Nachdem nämlich der Sturm gestillt ist und die Jünger sich einmal mehr wundern über diesen einzigartigen Jesus, da geht er mit ihnen -- so klingt es für mich zumindest -- ganz schön hart ins Gericht. "Ihr Kleingläubigen, warum seid ihr so furchtsam?", zitiert ihn das Matthäusevangelium.

Kleingläubige.

Das finde ich ganz schön hart für gestandene Fischer, die sich dazu durchgerungen haben, ihr Vertrauen nicht auf ihre jahrelange Erfahrung, sondern einzig und allein auf einen Zimmermann, eine Landratte aus Nazaret zu setzen.

Kleingläubige.

Vor allem zucke ich bei dem Wort doch auch zusammen, weil ich mich angesichts dieser Geschichte fragen muss, ob mein eigener Glaube im Ernstfall nicht noch wesentlich kleiner wäre.

Kleingläubige.

Auch die Jünger sind vermutlich zusammengezuckt und haben sich Gedanken gemacht über das Maß oder das Fehlen ihres Glaubens. Es ist daher nicht weiter verwunderlich, dass der heutige Text davon erzählt, wie sie mit einer Bitte zu Jesus kommen: "Stärke uns den Glauben."

Stärke uns den Glauben.

Das sagt eigentlich alles. Das könnte mein Gebet sein. Unser Gebet. Heute, wo die Wellen meines Lebens relativ ruhig und klein sind, und morgen, wenn sie vielleicht schon deutlich höher schlagen, sowieso.

Stärke uns den Glauben.

Und dann ist Jesus dran.

Stärke uns den Glauben.

Ich weiß gar nicht, was ich eigentlich wirklich erwartet habe als Antwort auf diese Bitte. Eine mitreißende Predigt vielleicht oder eine Zeichenhandlung, nach der man gar nicht mehr zweifeln kann. Ein Wunder vor unseren Augen oder einfach ein Wunder an mir selbst, das auf unerklärliche Art und Weise aus meinem kleinen Glauben einen viel größeren Macht. Einen sturmfesten Glauben, mindestens. Einen, den nichts mehr aus der Ruhe bringen kann. Wahrscheinlich habe ich so etwas erwartet. Etwas Glaubensstärkendes eben.

Stärke uns den Glauben.

Ich weiß auch nicht, was die Jünger genau erwartet haben. Sicher aber -- genausowenig wie ich -- das was jetzt geschieht. Denn die Antwort, die Jesus gibt, besteht aus einem Satz und der ist alles, nur nicht glaubensstärkend.

"Wenn ihr Glauben hättet wie ein Senfkorn, würdet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Reiß dich aus und verpflanze dich ins Meer!, und er würde euch gehorsam sein."

Wenn ihr Glauben hättet wie ein Senfkorn...

Das Bild vom Senfkorn taucht immer wieder auf. Es ist das kleinste Samenkorn, das die Leute damals kennen. Es steht als Symbol für etwas ganz winzig kleines, dem man keine große Kraft zutrauen kann. Ich habe euch ein Senfkorn mitgebracht. Ich halte es hier in der Hand. Wenn ihr das jetzt von eurem Platz gar nicht sehen könnt, dann habt ihr genau verstanden, worum es geht. So winzig klein ist das Korn.

"Wenn ihr Glauben hättet wie ein Senfkorn, würdet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Reiß dich aus und verpflanze dich ins Meer!, und er würde euch gehorsam sein."

Man kann diesen Satz auf zwei ganz unterschiedliche Arten lesen. Ich glaube, die meisten Leute lesen ihn so:

Schon ein winzig kleiner Glaube würde reichen, um Großes zu bewirken. Aber euer Glaube ist ja noch nicht einmal winzig klein. Er reicht noch nicht einmal dafür aus. Er ist noch viel kleiner -- sonst hättet ihr ja schon längst die Fähigkeiten eines großen Glaubens. Man könnte fast fragen, ob er überhaupt da ist. Ja, wenn ihr Glauben hättet wie ein Senfkorn... Habt ihr aber nicht. Und das ist auch schon das Problem.

Das sitzt. Das tut weh. Das geht tief, noch tiefer als "Ihr Kleingläubigen" damals auf dem See.

Vor allem, weil es mir so wahr scheint. Weil es doch genau so ist: mein verschwindend kleiner Glaube reicht nicht aus, um Bäume auszureißen.

Der britische Autor Adrian Plass nimmt in seinem "Tagebuch eines frommen Chaoten" so manche christliche Einstellung auf die Schippe. Von sich selbst erzählt er da, wie er auf diesen Vers stieß und sich dann Gedanken machte, wie weit sein Glaube wohl reichen würde. Bäume auszureißen oder gar Berge zu versetzen (wie es im Markusevangelium zitiert wird), traute er sich jedenfalls nicht zu. Er wollte lieber klein anfangen und setzte sich an seinen Schreibtisch, wo er dann versuchte, allein durch den Glauben eine Büroklammer einige wenige Zentimeter zu bewegen. Natürlich blieb sie genau da liegen, wo er sie hingelegt hat. Ihr lacht jetzt vielleicht, und mir ist auch nicht ganz klar, wie viel Sinn es macht, durhc Glauben Büroklammern bewegen zu wollen. Aber ich weiß auch, dass sich auch bei mir nichteinmal ein Büroklammer von der Stelle rühren würde. Wie soll mein Glaube dann reichen, den Stürmen des Lebens zu trotzen? Je mehr ich darüber nachdenke, desto kleiner scheint mein Glaube noch zu werden. Vom Senfkorn bin ich meilenweit entfernt.

"Wenn ihr Glauben hättet wie ein Senfkorn, würdet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Reiß dich aus und verpflanze dich ins Meer!, und er würde euch gehorsam sein."

Man kann -- und ich denke: man sollte -- diesen Satz aber auch ganz anders lesen. Besonders, wenn man Jesus kennt und sich fragt, warum er die Bitte seiner Jünger ausgerechnet damit beantworten sollte, dass er sie mit seiner Antwort völlig fertigmacht.

"Wenn ihr Glauben hättet wie ein Senfkorn, würdet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Reiß dich aus und verpflanze dich ins Meer!, und er würde euch gehorsam sein."

"Stärke uns den Glauben", haben sie ihn gebeten.

Ihr braucht gar keinen großen Glauben, höre ich da von Jesus. Schon ein winzig kleiner Glaube reicht völlig aus -- dafür steht das Senfkorn.

Warum das so ist, versteht man, wenn man sich vor Augen führt, was Glaube eigentlich ist. Glaube ist nämlich gar keine Leistung, die ich irgendwie erbringen kann. Glaube ist auch keine messbare Größe. Glaube ist einfach das Vertrauen auf Gott. Im schlingernden Boot auf dem See Genetsaret ist Glaube, wenn man sich darauf verlässt, dass mit Jesus im Boot alles gut wird. In allen anderen Stürmen des Lebens ist Glaube das Vertrauen darauf, dass mein Leben immer in Gottes Hand ist.

Beim Glauben kommt es also gar nicht darauf an, wie groß oder klein oder winzig mein Glaube ist. Es kommt nur darauf an, wie groß mein Gott ist.

Wir brauchen keinen großen Glauben. Wir brauchen nur einen Glauben an einen großen Gott.

Der britische Theologe Tom Wright schreibt dazu:

Glaube ist wie ein Fenster, durch das man etwas sehen kann. Es kommt nicht darauf an, ob ein Fenster 20 Zentimeter oder 2 Meter hoch ist. Entscheidend ist, auf welchen Gott dein Glaube schaut. Wenn es der Schöpfergott ist, der in Jesus und im Geist handelt, dann gibt das kleinste Guckloch Zugang zu einer Kraft, von der wir nie geträumt hätten.

Wir brauchen keinen großen Glauben. Wir brauchen nur einen Glauben an einen großen Gott.

Und den haben wir.

Möge das unser Glaube sein.

Amen.

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