Predigt

Wie Gott mir, so ich dir

Wie ein Teufelskreis durchbrochen wird

Wie du mir, so ich dir. Ein Teufelskreis, aus dem es kein Entrinnen gibt. Bis einer es wagt, auszubrechen: Wie Gott mir, so ich dir. Und plötzlich ist Versöhnung möglich.

Titelbild zur Predigt "Wie Gott mir, so ich dir".

Gottesdienste und Anlässe

  • 27.06.2021 · 10:30 Uhr · Philipp-Matthäus-Hahn-Kirche
    Gottesdienst

Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!

Aus dem letzten Kapitel des Buchs Genesis:

15 Die Brüder Josefs aber fürchteten sich, als ihr Vater gestorben war, und sprachen: Josef könnte uns gram sein und uns alle Bosheit vergelten, die wir an ihm getan haben. 16 Darum ließen sie ihm sagen: Dein Vater befahl vor seinem Tode und sprach: 17 So sollt ihr zu Josef sagen: Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde, dass sie so übel an dir getan haben. Nun vergib doch diese Missetat uns, den Dienern des Gottes deines Vaters! Aber Josef weinte, als man ihm solches sagte. 18 Und seine Brüder gingen selbst hin und fielen vor ihm nieder und sprachen: Siehe, wir sind deine Knechte. 19 Josef aber sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes statt? 20 Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk. 21 So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen. Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen. (1. Mose 50,15–21)

Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus,

Wenn ich es nicht besser wüsste, dann könnte ich glauben, die biblische Josefsgeschichte sei als Serie für Netflix geschrieben worden. So viel spannender Stoff wird darin verarbeitet: Liebe und Hass. Streit unter Geschwistern. Entführung und Verführung. Macht und Verrat und Tränen. Höhen und Tiefen. Dieses Drama hat das Zeug für einen echten Hit.

Mitten drin: Josef, in der Hauptrolle. Der Lieblingssohn seines Vaters, emotionale Erinnerung an die Lieblingsfrau Jakobs, der nun einmal in der damaligen Kultur mehrere Frauen hatte. Das allein ist Stoff genug für ein Drama. Josef, dem Gott im Traum verspricht, etwas ganz Großes aus ihm zu machen. Und dann die Gegenspieler, die Antagonisten: die elf Brüder, die mit dem allen nicht umgehen können. Eifersucht ist ein ganz großes Motiv. Die Brüder lassen sich davon zu drastischen Handlungen hinreißen. Josef wird verprügelt, in einen Brunnen geworfen. Sogar ein Brudermord wird diskutiert. Schließlich verkaufen sie ihn an durchreisende Händler. Als Sklave landet er in Ägypten, weit weg von der Heimat. In der Ferne, allein, im Unbekannten. Ganz unten.

Josef dagegen ist der ideale Held der Geschichte. Er bleibt sich treu, selbst als er ganz unten angelangt ist. Er bleibt Gott treu. Als Sklave im Haus des Potiphar, eines reichen Ägypters, macht er schnell Karriere mit seiner Integrität. Schnell steht im wieder ganz vieles offen. Sogar die Arme von Frau Potiphar, die sich in den neuen Diener verguckt hat. Ob er da hineinfällt? Nein, er widersteht. Nicht ohne Folgen: Noch ein Verrat. Verleumdet von der geschmähten Frau landet er im Gefängnis. Wieder ganz unten.

Spätestens hier lässt sich eine Art Kreislauf ausmachen in der Geschichte. Oben und unten. Höhen und Tiefen. Ein Leben wie auf der Achterbahn. Und unser Held fährt mit, ob er will, oder nicht.

Wieder ganz unten.

Doch Josef bleibt treu, macht auch im Gefängnis -- man glaubt es kaum -- Karriere. Er steigt zum Helfer auf, deutet Mitgefangenen mit Gottes Hilfe ihr Träume. Und eines Tages kommt der Wendepunkt, der alles verändert. Einer der inzwischen entlassenen Zellengenossen erinnert sich an Josef, als der Pharaoh, Herrscher des ägyptischen Großreichs, von einem seltsamen Traum erzählt. Schnell holt man den Gefangenen, der nicht nur mit Gottes Hilfe Antwort weiß, sondern in der Folge vom Pharaoh zum zweitmächtigsten Mann in Ägypten erhoben wird. Ganz oben.

Als einige Jahre später die im Traum vorhergesagte Hungernot anbricht und Ägypten durch Josef gut darauf vorbereitet ist, kommt es zu einem unerwarteten Wiedersehen mit den Brüdern. Die kommen nämlich um in der reichen Fremde Nahrung einzukaufen. Es braucht mehrere Anläufe und eine ganze Reihe von Umwegen, die Josef arrangiert, um seine Brüder zu testen. Dann gibt er sich endlich zu erkennen.

Die Geschichte endet mit einem Finale wie aus dem Drehbuch: Der alte Jakob reist nach Ägypten und trifft seinen lange totgeglaubten Lieblingssohn. Die Familie ist glücklich vereint in einer guten Umgebung und hat ein sicheres Auskommen für die Zukunft. Alle fallen sich in die Arme und der alte Vater gibt allen seinen Segen.

Bei Netflix muss man sich die Haare raufen, dass man dieses Drehbuch nicht als erste ergattert hat.

Im 50. Kapitel der Genesis ist eigentlich schon alles vorbei. Der Plot der Erzählung hat sein sinnvolles Ende gefunden und alles ist gut. Der Text, den wir gerade gelesen haben, wirkt wie ein ungelenk hinzugefügter Anhang. Fast so, als habe da jemand erfolglos versucht, an den Serienhit noch eine zweite Staffel anzuhängen. Völlig unnötig.

Aber das kennen wir: Die Geschichten, die das Leben schreibt, folgen nicht immer den idealen Drehbuchregeln.

Jakob ist gestorben. Der Tod eines Menschen lässt oft Dinge aufbrechen, die lange unter der Oberfläche verborgen waren. Er stellt uns vor existenzielle Fragen. Wir schauen zurück und im Rückblick wird manches noch einmal neu bewertet. Konfrontiert mit der Endlichkeit auch unseres eigenen Lebens hinterfragen wir den Sinn, die Rolle anderer Menschen in unserer Geschichte, unsere eigenen Beitrag im Beziehungsgeflecht unseres Lebens. Plötzlich wiegt manches, was versäumt wurde ganz schwer. Schuld wird aufgedeckt. In diesen Momenten, wo man das Vergangene nicht zurückholen und ändern kann, findet sich mancher plötzlich in einer sehr unrühmlichen Rolle.

Bei Josefs Brüdern macht sich noch einmal ganz neu das Schuldbewusstsein breit. Sie waren es ja, die damals den Stein ins Rollen brachten. Den Bruder geschlagen, in den Brunnen geworfen, verkauft! Sie sind schuld, dass er so viel leiden musste. Sklaverei, Heimatferne, Verleumdung, Verrat, Gefängnis -- das geht alles auf ihr Konto.

Und die Brüder wissen, was jetzt die Stunde geschlagen hat. Jetzt ist die schützende Hand des Vaters ja weg. Jetzt muss Josef nicht mehr die nette Fassade wahren. Jetzt ist sein Stunde gekommen. So schnell hat das Blatt sich gewendet. Josef ist jetzt ganz oben. Er hat die Oberhand.

Wie du mir, so ich dir.

Die Brüder kennen dieses Lebensprinzip, das sie oft genug selbst angeleitet hat. Wie du mir, so ich dir. Selbstgeschaffene Gerechtigkeit. Ausgleich für die Tiefschläge des Schicksals und für die Schuld, die andere tragen am eigenen Leiden. Jetzt ist die Gelegenheit.

Wie du mir, so ich dir.

Dieses Grundgesetz des Lebens ist einfach nachvollziehbar. Jeder, der auch nur einmal durch fremde Schuld zu leiden hatte, kann es nachvollziehen.

Wie du mir, so ich dir.

Dieses Gesetz setzt ein Pendel in Gang, das ewig hin und herschwingt.

Du mir. Ich dir. Du mir. Ich dir.

Du mir. Immer bestimmt durch das, was an mir geschieht. Passiv. Bewegt und motiviert durch das, was andere mir antun.

Ich dir. Ein Spiegel meiner Umwelt. Ein Spielball der anderen, die mir Böses wollen.

Ein teuflischer Kreislauf beginnt sich zu drehen -- und keiner wagt es, ihn zu unterbrechen.

Muss es denn nicht einen fairen Ausgleich geben? Muss denn nicht irgendwo Gerechtigkeit geschaffen werden?

Du mir. Ich dir.

Wie du mir, so ich dir.

Der Kreis dreht sich weiter.

Manchmal über Generationen.

Manchmal mit ganzen Nationen.

Geschwister sind entzweit. Nachbarn reden nicht mehr miteinander. Frühere Freund sind sich spinnefeind.

Immer weiter.

Wie du mir, so ich dir.

Dieser unerbittliche Kreislauf ist schon den kleinsten bekannt. Auf jedem Schulhof kann man das beobachten. Dieses ewig drehende Rad begleitet uns unser Leben lang. Es dreht sich in unseren Begegnungen, in unseren Beziehungen. In Freundschaften. In der Nachbarschaft. Im Kollegenkreis. In der Verwandtschaft. Es dreht und dreht sich und wir sind mitten drin.

Immer weiter.

Wie du mir, so ich dir.

Der Hass verzehrt uns. Er macht sich breit, wie ein Geschwür. Die bloße Erwähnung des anderen löst in mir Gefühle aus, über die ich lieber schweige an dieser Stelle.

Immer weiter.

Wie du mir, so ich dir.

Bis einer ausbricht. Josef.

"Stehe ich denn an Gottes statt?"

Da ist einer, der heraustritt aus dem Kreis. Der sich dem ewigen Ping-Pong-Spiel verweigert.

Du mir. Ich dir. Du mir. Ich dir.

Die Brüder sind verblüfft. Josef schaut ganz anders auf die Dinge. Er hat den Mut, nicht nur zwei gegensätzliche Parteien zu sehen.

"Stehe ich denn an Gottes statt?"

Aus Josefs Perspektive stehen alle Beteiligten nebeneinander, vor Gottes Angesicht.

Es braucht ganz schön Mut und vor allem ganz viel Ehrlichkeit vor mir selbst, um mir einzugestehen, dass es nicht nur schwarz und weiß gibt. Nicht nur die gute und die schlechte Seite. Dass nicht nur ich das arme Opfer bin und die anderen die bösen Übeltäter. Es braucht Mut, mich selbst da zu sehen, wo ich wirklich stehe: Mittendrin unter denen, die verantwortlich sind für Leid bei anderen. Die auch schon ihren Teil dazu beigetragen haben, dass der Teufelskreis sich weiter dreht. Die nicht immer die strahlenden Helden sind.

"Gemeinde der Sünder" heißt die Überschrift über diesen vierten Sonntag nach Trinitatis.

Gemeinde der Sünder. Da gehöre ich auch dazu.

Und niemand hat das Recht, sich auf die Seite des unparteiischen Richters einzuzeichnen. Dessen, der wirklich Gerechtigkeit schaffen kann. Der fair sein kann im Hin und Her des ewigen Ping-Pong-Spiels.

"Stehe ich denn an Gottes statt?"

Nur wer den Mut hat, den Richterstuhl zu verlassen, auf den wir uns so gerne setzen, hat die Chance, den Teufelskreis zu durchbrechen.

Stattdessen bietet Josef eine andere Art, auf die Dinge zu blicken, an:

"Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk."

Aber Gott gedachte, es gut zu machen.

Im Rückblick kann Josef erkennen, was Gott für ihn getan hat. Wie viel Gutes Gott aus den widrigen Umständen seines Lebens gemacht hat. Wie Gott in jedem Moment seines Lebens an seiner Seite war.

Im Brunnen hat sich das sicher nicht so angefühlt. Im Gefängnis auch nicht.

Aber im Rückblick kann er es sehen.

Gott gedachte es gut zu machen.

Statt "wie du mir, so ich dir" ergibt sich für Josef ein neues Grundgesetz des Lebens:

Wie Gott mir, so ich dir.

Und der ewige Kreislauf kommt quietschend zum Stehen.

Versöhnung. Friede. Freundschaft.

Wie Gott mir, so ich dir.

Wenn ich von Josef lernen will, muss ich darauf schauen, was Gott für mich getan hat. Neben all den individuellen Zügen jedes einzelnen Lebens bietet es sich für Christen da immer als Erstes an, auf Jesus Christus zu schauen. In ihm sehen wir schließlich Gott selbst, der dem ewigen Rad in die Speichen greift und den ewigen Teufelskreis zum Stillstand bringt. In Christus begibt er sich ja hinein in das menschliche Hin und Her. Er lässt sich selbst zum unschuldigen Opfer machen. Er lässt sich zermalmen vom Rad des Teufelskreises, bis in den bitteren Tod.

Und er steht auf zum neuen Leben. Nicht Rache war sein Sieg. Nicht "wie du mir, so ich dir". Er hat das alles auf sich genommen und hat es überwunden. Überwunden zum Leben.

Dieses Leben schenkt Gott uns. Nicht: Wie du mir, so ich dir. Sein Leben, seine Gerechtigkeit gibt er uns unverdient, aus Gnade, weil er uns liebt.

Ganz plötzlich hat das Rad keinen Ansatzpunkt mehr, wo es greifen könnte.

Unverdient. Aus Gnade. Weil er uns liebt.

Versöhnung. Friede. Freundschaft.

Das feiern wir heute wieder miteinander im Abendmahl.

Wie Gott mir, so ich dir.

Wo wir mit diesem Blick auf andere zugehen, da zerbrechen wir den Teufelskreis.

Da gibt es Raum für etwas Neues. Für Versöhnung.

Für ein echtes Happy End, um das uns sogar Netflix beneiden würde.

Lasst uns die sein, die das Rad zum stehen bringen! Am besten gleich heute.

Wie Gott mir, so ich dir.

Amen.

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