Predigt

Gott erkannt

Vom Christus in Herrlichkeit und Lieden

Ganz unterschiedliche Erwartungen richten sich an den Messias--damals, wie heute. In Christus zeigt sich Gott in seiner ganzen Herrlichkeit. An ihm kann man wirklich Gott sehen. Und überrascht werden, wie er wirklich ist. [Kurzversion für das Seniorenzentrum]

Titelbild zur Predigt "Gott erkannt".

Gottesdienste und Anlässe

  • 14.04.2022 · 10:00 Uhr · Augustenhilfe
    Gottesdienst

Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!

Geliebte Gottes in Tailfingen,

Er kommt!

Die Kinder sind die ersten, die den Esel gesehen haben. Rufend und winkend rennen sie im voraus, um es allen zu sagen: "Er kommt!" Schon kann man das Hufgetrappel hören. Er kommt. Auf einem Esel, wie der Prophet es gesagt hatte. Er kommt, um nun endlich sein Friedensreich aufzurichten. Der König der Könige. Der Nachfolger Davids auf dem ewigen Thron. Hosianna! Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn! Die, die auf dem Weg sind -- Pilger, zum Fest in Jerusalem, Menschen aus der Stadt, erwartungsvoll, gespannt, aufgeregt -- sie reißen Zweige von den Palmen, um ihn zu empfangen wie einen König. Sie reißen sich die Kleider vom Leib, um sie auszubreiten vor ihm. Er kommt! Habt ihr gehört? Er kommt! Hosianna!

Er kommt!

"Vater", sagt er selbst. "Die Stunde ist gekommen."

1 Solches redete Jesus und hob seine Augen auf zum Himmel und sprach: Vater, die Stunde ist gekommen: Verherrliche deinen Sohn, auf dass der Sohn dich verherrliche; 2 so wie du ihm Macht gegeben hast über alle Menschen, auf dass er ihnen alles gebe, was du ihm gegeben hast: das ewige Leben. 3 Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen. 4 Ich habe dich verherrlicht auf Erden und das Werk vollendet, das du mir gegeben hast, damit ich es tue. 5 Und nun, Vater, verherrliche du mich bei dir mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, ehe die Welt war. 6 Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast. Sie waren dein, und du hast sie mir gegeben, und sie haben dein Wort bewahrt. 7 Nun wissen sie, dass alles, was du mir gegeben hast, von dir kommt. 8 Denn die Worte, die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben, und sie haben sie angenommen und wahrhaftig erkannt, dass ich von dir ausgegangen bin, und sie glauben, dass du mich gesandt hast.

(Johannes 17,1–8)

"Vater", sagt er. "Die Stunde ist gekommen."

Jetzt. Jetzt ist es soweit. Jetzt geht es los. Jetzt wird es sich erfüllen. Jetzt.

Gott wird seine Macht zeigen.

Gottes Herrlichkeit wird sichtbar sein.

Jetzt. Er kommt.

Herrlichkeit.

Davon gibt es eine ganze Menge in diesem Text.

Andere haben das Wort mit "Glanz" übersetzt. "Kabod" ist das, was die Menschen damals auf Hebräisch kennen. Glanz. Gottes herrliches Leuchten.

Damals, als er mit seinem Volk in der Wüste war, da war seine Wohnung im Innersten des Heiligen Zeltes. Im Allerheiligsten. Streng abgeschirmt von den Blicken der Öffentlichkeit. Nur der Hohepriester durfte da hinein, einmal im Jahr. Eigentlich hätte es dort, im innersten Zelt, ganz dunkel sein müssen. Aber das war es nicht. "Kabod" leuchtete da. Herrlichkeit. Gottes eigener, herrlicher Glanz. Immanuel. Gott bei den Menschen. Strahlend, leuchtend, hell. Keine Nacht besteht vor seinem Glanz.

Alte Geschichten von Herrlichkeit. Vom früheren Glanz.

Und jetzt... Er kommt.

...auf dass er ihnen alles gebe, was du ihm gegeben hast: das ewige Leben.

Leben!

Leben gibt es da. Leben, echtes Leben. Ewiges Leben. Leben wie nur Gott es geben kann.

Gott, von dem ja schon immer alles Leben kommt. Jetzt gibt er es noch einmal. Noch einmal in ganz neuer Qualität. Ewiges Leben.

Unvorstellbar.

Ewiges Leben. Von Gott. Jetzt. Er kommt!

Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen.

Als Jesus das betet, ist er allein mit seinen Jüngern. Keine Jubelschreie mehr. Keine Palmzweige. Kein roter Teppich. Kein Thronsaal, wo er regiert. Keine besiegten Feinde. Keine Macht. Keine Herrlichkeit.

Gerade haben sie das Passahfest gefeiert. Still ist es geworden. Er spricht von Leiden. Von Verrat. Von turbulenten Zeiten. Von Angst. Von seinem Weggehen. Still ist es geworden, als er betet.

Vater, die Stunde ist gekommen.

Verherrliche deinen Sohn, auf dass der Sohn dich verherrliche.

Hm.

Das ist nicht das Bild, das sie vor Augen hatten -- sie, die ihm gefolgt sind durch dick und dünn. Die seine Wunder gesehen haben. Die Gottes Kraft erlebt haben an ihm. Die ihn verklärt sahen auf dem Tabor. Die mit jedem Tag mehr und stärker ahnten, ersehnten, wussten, glaubten, dass er der Christus ist, der versprochene Retter, der Sohn Gottes. Immanuel. Gott mit uns. Mit seiner Macht und Herrlichkeit. Die mit ihm durch die fast greifbare Spannung hinaufgezogen sind nach Jerusalem. Mitten hinein ins Zentrum der Macht. Der Macht seiner Feinde. Die wussten, dass die endgültige Auseinandersetzung unabwendbar bevorstand. Und die alles darauf setzten, dass Gott seine Macht an ihm erweisen würde. Macht und Herrlichkeit.

Das ist nicht das Bild, das sie vor Augen hatten.

Und ich frage mich: Welches Bild haben wir da vor Augen? Wie sieht der Christus aus, auf den wir unsere Hoffnung setzen? Wonach sehnen wir uns? Welche Erwartungen bringen wir mit?

Macht und Herrlichkeit...

Vater, die Stunde ist gekommen.

Verherrliche deinen Sohn, auf dass der Sohn dich verherrliche.

Der Christus, der Gottessohn, betet's und geht nach dem "Amen" hinaus in den Garten. Dorthin, wo er verraten wird. Wo man ihn verhaftet und abführt. Er sagt's und geht mit offenen Augen auf den Weg, der ihn ans Kreuz bringt. In den Tod.

An dieser Stelle haben sich viele von ihm abgewendet. Weil sie bei ihm nicht die erhoffte Macht und Herrlichkeit fanden, schreien sie jetzt "Kreuzige ihn" statt "Hosianna." Weil er nicht Macht und Herrlichkeit und höchste Lebensqualität zu bieten hat, lassen sie ihn links liegen. Selbst seine Anhänger sind still geworden. Viele lassen sich leise zurückfallen und sind plötzlich nicht mehr da. Manche packt die Angst und sie fliehen, so schnell sie nur können. Andere sagen im Brustton der Überzeugung: "Ich kenne ihn nicht."

Dabei hätte man es ja wissen können.

Man hätte wissen können, dass der Gott, der sich auf die Seite der Sklaven stellt und sie aus Ägypten führt, nicht ein Gott der auftrumpfenden Macht und alles überwältigenden Herrlichkeit ist.

Man hätte wissen können, dass der Immanuel, der als Kind in der Krippe kommt, nicht plötzlich mit dem Recht des Stärkeren gewinnt.

Man hätte wissen können, dass der, der Feindesliebe predigt, am Ende nicht mit Legionen von Engeln alle Feinde vernichtet.

Man hätte wissen können, dass es anders kommt. Dass er anders ist.

Man muss nur hinschauen.

Man muss ihm folgen auf dem Weg des Leidens, auf dem Weg ans Kreuz, in den Tod.

Dann sieht man's.

Dann sieht man Gott.

Gott, wie er wirklich ist.

Vater, die Stunde ist gekommen.

Verherrliche deinen Sohn, auf dass der Sohn dich verherrliche.

So viele hätten ihn sich anders gewünscht. Ich will keinen anderen.

So viele hätten gerne anderes gehört. "Ich aber predige Christus, den Gekreuzigten", sage ich mit Paulus. Ich habe keinen anderen.

Und das ist gut so.

In all den Höhen und Tiefen dieses Lebens will ich keinen anderen Christus haben, als den, an dem sich die ganze Herrlichkeit Gottes eben genau mitten im Leiden zeigt. Im Elend. Und wenn ich da selbst mitten drinstecke oder an der Welt und ihrem Elend verzweifle, dann leuchtet mir genau da das herrliche Evangelium auf, dass Christus schon immer da ist, schon immer da war, wo der Sumpf am tiefsten und die Nacht am dunkelsten ist. Einen anderen Christus will ich nicht.

In all dem Schmerz und Leid, in Sorgen und in Zukunftsängsten, wenn ich an der Welt zu zerbrechen drohe, will ich keinen Christus haben, der von oben herab hehre Worte von Macht und Herrlichkeit ruft. Nein, da bleibe ich bei dem Christus, dessen Worte genau da Wahrheit wurden, wo sich Gott im Leiden für seine Freunde, seine Menschen zeigte. Die ganze, riesige, unendliche Macht der Liebe, die sich selbst verschenkt. Einen anderen Christus will ich nicht.

Und wenn ich eines Tages selbst sterben muss, dann will ich keinen anderen Christus haben, als den, der die Herrlichkeit Gottes in den Tod hineintrug und durch den Gottes Herrlichkeit die Macht des Todes zerbrochen hat. Der mir vorangegangen ist und keinen Schritt dahin gescheut hat und der dann mit mir geht über die Schwelle des Todes, hindurch durch das Dunkel und hinein ins Morgen der Auferstehung. Einen anderen Christus will ich nicht.

Vater, die Stunde ist gekommen.

Verherrliche deinen Sohn, auf dass der Sohn dich verherrliche.

Nie hat Gott herrlicher geleuchtet als dort, wo sich sein Christus in den Tod gibt.

Nie gab es größere Macht als die Liebe des Immanuel, die Leid und Sterben auf sich nimmt und überwindet.

Ich schau ihn an. Mir stockt der Atem. In meinen kühnsten Träumen hätte ich mir das nicht ausgemalt.

Macht und Herrlichkeit.

Ich habe Gott erkannt.

An ihm.

Und da ist Leben.

Amen.

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