Predigt
Wann kommt das Reich Gottes?
Gelassenheit, Weisheit und Hoffnung in spannenden Zeiten
Alle warten auf die umfassenden Veränderungen, wenn Gott sein Reich aufrichtet. Nur tut er das ganz anders, als wir denken. Wer die Augen aufmacht, entdeckt sein Reich mitten unter uns -- und sieht die Welt mit neuen Augen.

Gottesdienste und Anlässe
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10.11.2022
· 10:00 Uhr
· Augustenhilfe
Gottesdienst
Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!
Geliebte Gottes in der Augustenhilfe,
"Wann sind wir endlich da?", tönt es vom Rücksitz des Autos. Zugegeben, die jährliche Fahrt in den Sommerurlaub kann sich ganz schön lange ziehen. Ich kann mir auch Schöneres vorstellen als den Tag in einem Autositz zu verbringen. Und wenn die Stunden vergehen und die Kilometer, dann sende ich mir auch zunehmend das Ende der Reise herbei. "Wann sind wir endlich da?" Ich kann mich an Urlaubsfahrten ans Meer erinnern, bei denen wir bei der Ankunft am Zielort direkt an den Strand gefahren sind. Die Ferienwohnung konnte warten. Nur erst einmal raus, den Sand unter den Füßen spüren und die Zehen von den Wellen umspülen lassen. Endlich da! Wenn es doch nur nicht so lange dauern würde!
"Wann ist es endlich da?" haben schon damals bei Jesus Menschen gefragt, wenn es um das Reich Gottes ging. Auch die wichtigen Leute, die Gelehrten und Führer des Volkes, trieb diese Frage um. Wann kommt Gott denn endlich? Wann tut er denn etwas? Sie hatten schließlich große Erwartungen: Dass Gott selbst sichtbar für die ganze Welt kommen würde und auf dem Thron sitzen, auf dem Zionsberg in Jerusalem. Dass er von dort herrschen würde über die ganze Welt in einem Reich von Frieden und Gerechtigkeit. Das hieß aber auch, dass er erst einmal ein Ende machen würde von all dem Bösen, von aller Ungerechtigkeit. Dass er den Feinden seines Volkes Israel ein Ende bereiten würde -- wahrscheinlich ein schreckliches. Gerade in Zeiten von Fremdbesatzung und Unterdrückung malte man sich das gerne aus, wie es wäre, wenn die Mächtigen plötzlich den Kürzeren ziehen würden, weil der Allermächtigste vor ihnen stünde. "Heulen und Zähneklappern". "Die Berge schmelzen wie Wachs in der Gegenwart des Herrn." Schon die Propheten hatten den großen "Tag des Herrn" in den schillerndsten Farben ausgemalt. Nur: Wann? Wann?
"Wann kommt es endlich, das Reich des Friedens?", fragt die Sehnsucht vieler Menschen in diesen Tagen, wo Krieg wieder die Nachrichten beherrscht. Wo Gewaltherrscher immer noch ihre Fantasien ausleben. Wann kommt das Friedensreich? "Wann kommt sie endlich, die neue Erde?", fragt die Sehnsucht derer, die mit Schrecken beobachten, wie wir diese von Gott geschaffene Welt immer mehr zerstören und die Folgen davon drohen, überhand zu nehmen. Wann kommt die neue Erde? "Wann kommt es endlich, das Reich der Gerechtigkeit?", fragt die Sehnsucht derer, die keine Chance haben im Leben. Die vor Krieg und Armut fliehen oder schon hier leben, in einem der reichsten Länder der Erde, aber selbst kaum Anteil haben am Wohlstand der Vielen. Wann kommt die Gerechtigkeit, fragen die, die gemobbt und ungerecht behandelt wurden, die betrogen und verlassen wurden, die psychisch oder körperlich fertig gemacht wurden. Wann kommt die Gerechtigkeit?
"Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!" Mit dieser guten Nachricht zieht plötzlich einer durchs Land. Die Menschen horchen auf. Kommt es jetzt, das Gottes Reich. Werden wir es erleben, wie Gott sich auf den Thron setzt auf dem Zion und alles verändert?
Dass sich mit ihm große Erwartungen verbinden, das wissen Leser des Lukasevangeliums schon von den ersten Seiten an. Geschickt stellt Lukas dem Herrscher des römischen Reichs, Kaiser Augustus, einen anderen gegenüber. Der Engel, der auf dem Feld den Hirten gute Nachricht verkündigt, verwendet gängige Kaisertitel wie "Herr" und "Heiland" und wendet sie auf einen ganz anderen an. Im letzten Vers der Weihnachtsgeschichte verrät uns Lukas seinen Namen: "Man gab ihm den Namen Jesus".
Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freuet sich Gottes, meines Heilandes; denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder. Denn er hat große Dinge an mir getan, der da mächtig ist und dessen Name heilig ist. Und seine Barmherzigkeit währet für und für bei denen, die ihn fürchten. Er übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen. Er gedenkt der Barmherzigkeit und hilft seinem Diener Israel auf, wie er geredet hat zu unsern Vätern, Abraham und seinen Nachkommen in Ewigkeit. (Lukas 1,46-55)
Maria singt schon vor seiner Geburt von den umwälzenden Veränderungen, die Gott auf dieser Erde vornehmen wird.
Das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen.
Aber wann?
"Das Reich Gottes", sagt er selbst, "kommt nicht mit äußeren Zeichen; man wird auch nicht sagen: Siehe, hier!, oder: Da! Denn sehet, das Reich Gottes ist mitten unter euch."
Man hätte es ahnen können, als man das kleine Kind in der Krippe sah -- in Windeln gewickelt: Gottes Reich kommt anders, als wir uns das gedacht haben. Mit Jesus nimmt es seinen Anfang unter uns. Aber nicht als apokalyptisches Ereignis, das die ganze Welt auf einen Schlag verändert. Es beginnt ganz klein. Unscheinbar. Von den meisten unbemerkt. Es beginnt ganz ohne große Show und großen Glitzer, ganz ohne Macht und Trara und Tamtam. Es beginnt mit einem Kind.
"Wem ist das Reich Gottes ähnlich, womit soll ich es vergleichen?", fragt er selbst einmal. "Es ist wie ein Senfkorn, das ein Mann in seinem Garten in die Erde steckte; es wuchs und wurde zu einem Baum und die Vögel des Himmels nisteten in seinen Zweigen. " (Lukas 13,18-19)
Man muss genau hinschauen, wenn man es sehen möchte: Das anbrechende Reich Gottes. Wenn man aber hinschaut, dann kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus. Das Reich Gottes sprengt alle menschlichen Maßstäbe. Gott selbst kommt, ja. Er kommt als einer von uns. Er verändert die Welt dadurch, dass er sich verändert - sich hineinbegibt in die Welt der sterblichen Menschen. Er verändert das Machtgefüge der Welt, nicht indem er noch mächtiger dreinhaut und alles kurz und klein schlägt, was ihm nicht gefällt, sondern, indem er machtlos wird. Er stellt sich in einer ungerechten Welt an die Seite der Verlierer. Der ungerecht behandelten. Der Opfer. Er stellt sich auf die Seite der kleinen. Er lässt sich hineinziehen in die Maschinierie der unbarmherzig drehenden Räder des Systems. Er lässt sich zermalmen. Ungerecht verurteilen. Foltern. Hinrichten. Er lässt sich vom Tod überwältigen.
Das ersehnte Reich Gottes kommt wahrlich anders, als wir es uns vorstellen. Bis wir anfangen zu begreifen, was da geschieht. Dass die Mächtigen verloren haben, weil sie ihn nicht überwältigen konnten. Er ist auferstanden. Dass die Maßstäbe der Welt, die ihn zum Verlierer stempelten, sich als falsch erwiesen haben. Er ist auferstanden. Dass die Selbstgerechten, die glaubten, ihm überlegen zu sein, daneben lagen. Er ist auferstanden. Dass die, die ihn niedertrampelten, am Ende nicht die Oberhand haben. Er ist auferstanden. Dass die Verlierer, die Opfer, die Verachteten und Machtlosen, deren Platz und Rolle er einnahm, als er starb, am Ende mit ihm triumphieren: Er ist auferstanden!
Das Reich Gottes hat wahrlich ganz anders begonnen, als wir es uns vorgestellt haben. Aber es lebt, es ist stark und es wächst unter uns, überall da, wo er da ist und in uns lebt. Und das seit 2.000 Jahren. Es ist stark und wächst und regt sich und es sprengt die Systeme der Welt immer wieder, da wo Menschen seine Gerechtigkeit, seinen Frieden, seine Liebe zu sich, zu anderen und selbst zu den Feinden leben, auch gegen alle Maßstäbe der alten Reiche, die doch längst ausgedient haben.
Das Reich Gottes ist mitten unter uns.
Vielleicht denken wir selbst, wir, die wir daran doch Teil haben, viel zu oft in den Maßstäben und Kategorien der "alten Welt"?
Das Reich Gottes ist mitten unter uns.
Mit Jesus haben spannende Zeiten begonnen. Das Reich Gottes ist nahe gekommen und doch können wir es an so vielen Stellen noch nicht so greifen, dass wirklich überall Friede und Gerechtigkeit herrschen. Das Reich Gottes ist da und doch leben wir weiterhin aus der Hoffnung auf sein Kommen -- sein Wieder-kommen, das er uns versprochen hat. Aus der Hoffnung auf den endgültigen Triumph von Gerechtigkeit und Friede, auf die Erneuerung der Erde und das Ende von Gewalt, Leid und Tod. Wir sind mittendrin in dieser Spannung. Spannende Zeiten.
"Wann kommt es endlich, das Reich Gottes?", fragen wir immer noch. Und Jesus sagt uns: "Schaut hin. Es ist ja schon mitten unter euch."
Was macht das mit uns?
Das Reich Gottes ist mitten unter uns und doch wird der Tag kommen, an dem er wiederkommt.
Ich finde, zum einen darf es uns Gelassenheit geben. Das Kommen des Gottesreiches ist keine plötzliche Weltveränderung. Das Gottesreich wächst langsam auf, wie die kleine Senfpflanze. Es gibt mir keinen Grund zu hektischen Aktivismus, keinen Grund, Nachrichten von wundersamen Ereignissen nachzurennen, keinen Grund, dringend alles in den Griff bekommen zu müssen. Das Reich Gottes ist mitten unter uns -- und ich darf es einfach nur suchen, sehen und darin leben. Erleben, wie Gott selbst Wachstum schenkt. Wo andere jeder neuen Welle hinterher rennen und rufen "Siehe, da!" und "Siehe, hier!", darf ich gelassen darauf vertrauen, dass er am Werk ist. "Geht nicht hin und lauft nicht hinterher!", sagt er selbst. Das tut gut, in einer Welt, die sich manchmal immer schneller zu drehen scheint. Gelassenheit.
Das Reich Gottes ist mitten unter uns und doch wird der Tag kommen, an dem er wiederkommt.
Das regt mich an, die Zwischenzeit weise zu nutzen. Nicht in Aktivismus zu verfallen und so zu tun, als müsse ich selbst -- oder als müssten wir gemeinsam -- die Welt retten oder verändern, den Frieden schaffen und die universelle Gerechtigkeit. Das können wir gar nicht. Das kann nur er. Auf der anderen Seite auch nicht die Hände in den Schoß zu legen und so zu tun, als sei eh morgen alles vorbei. Als sei diese Welt dem Untergang geweiht und wir müssten alles nur aussitzen, bis Gott von selbst alles zum Guten wendet. Weisheit ist gefragt. Das Reich Gottes ist mitten unter uns und wächst und blüht, wo wir und für Gerechtigkeit und Frieden einsetzen -- ohne selbst Weltretter sein zu wollen. Weisheit und das richtige Maß.
Das Reich Gottes ist mitten unter uns und doch wird der Tag kommen, an dem er wiederkommt.
Das gibt mir Hoffnung für all die Dinge, die ich mir ersehne für die Welt und für die ich mich einsetze, aber doch immer wieder so machtlos fühle. Es bleibt spannend, bis er kommt und das muss ich aushalten. Aber ich darf vom Ende her denken, das er schon zugesagt hat. Das gibt mir immer wieder Kraft und Mut. Ich darf auf das Ende zuleben, das er verheißen hat. Auch, wenn ich nicht weiß, wann es kommt. Ich weiß, dass es kommt. Und wer kommt: Er selbst nämlich. Hoffnung.
Von Anfang bis Ende lädt Jesus (und das Lukasevangelium, das von ihm berichtet) dazu ein, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Nicht in den Kategorien zu denken, die wir Menschen gewohnt sind: Macht und Einfluss, Reichtum und Wohlstand, Titel und Bedeutung. Sondern, zu entdecken, dass Gott ganz anders ist und anders handelt und damit bereits begonnen hat, mitten unter uns. Ein Teil von dem zu werden. Wo ich mich dazu einladen lasse, da verändert das meinen Umgang mit der Welt und mit mir selbst. Es gibt mir Grund zu Gelassenheit, der Suche nach weisen Entscheidungen und Hoffnungsmut.
Davon können wir noch viel brauchen, gerade in dieser Zeit. Möge Gott uns das schenken.
Amen.
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