Predigt
Found
Nicht mehr verloren
Lost ist, wenn alles sinnlos scheint. Dann kommt Jesus, der Messias. Du findest Hoffnung: Found ist, wenn Gott dich hält.

Gottesdienste und Anlässe
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19.04.2026
· 10:30 Uhr
· Stephanskirche
Gottesdienst
Audio
Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn.
Von Gott geliebte,
Hört aus dem ersten Petrusbrief, aus dem 2. Kapitel:
Der Messias hat für euch gelitten. Er hat euch gezeigt, wie man leben kann.
Wir haben das Ziel verfehlt. Er hat das auf sich genommen. Auf sein Leben. Er ist am Kreuz gestorben. Jetzt können wir ohne das Böse leben. Jetzt können wir für das Gute leben. Er wurde verletzt. Wir sind dadurch gesund geworden.
Ihr wart wie Schafe. Verirrt. Verloren. Jetzt seid ihr zurückgekommen. Ihr seid wieder bei eurem Hirten. Er behütet euer Leben.
(1. Petrus 2,21b–25; von mir in leichte Sprache übertragen)
Du stehst da. Du schaust dich um. Wohin? Du weißt nicht mehr weiter. Alles fühlt sich an wie ein Kreis. Ohne Anfang. Ohne Ende. Ohne Ausgang. Du spürst es in den Beinen. Dieses Schwere. Dieses Nicht-mehr-weiter-Können. Du spürst es im Kopf. Wie dicker Nebel. Dieses Nicht-mehr-weiter-Wissen. Dein Herz pocht laut und immer schneller. Panik?
Lost.
So heißt das heute.
Lost.
Verloren. Verirrt.
Lost ist man in der fremden Großstadt, mitten im Trubel, im Verkehr. Wenn man im Dickicht der Kreuzungen den Weg nicht findet. Wenn man keinen Menschen kennt, der einem helfen könnte. Wen der Plan nicht zur sichtbaren Wirklichkeit zu passen scheint.
Verloren. Verirrt.
Lost kann man auch zu Hause sein, auf vertrautem Terrain. Wenn der Durchblick fehlt. Wenn man eine Sache absolut nicht versteht. In der Schule bei den Matheaufgaben. Bei der Steuererklärung. Bei der Verwendung eines neuen, verwirrenden Geräts, dessen Anleitung automatisch aus dem Chinesischen übersetzt wurde.
Verloren. Verirrt.
"Wie Schafe", meint der Verfasser des Petrusbriefs. Für Menschen in einem wasserarmen Land ist das einleuchtend. Da wächst nicht an jeder Ecke saftiges Gras für die Schafe. Ziegen wissen sich da zu helfen. Die sind schlau und finden den Weg zum nächsten Grün. Schafe fressen an Ort und Stelle alles ab. Dann schauen sie dumm aus der Wäsche--äh, Wolle. Sie wissen nicht, was sie tun sollen. Sie laufen ziellos davon. Sie verenden in der Wüste.
Lost.
Wie Schafe ohne Hirten.
Lost kann man auch im Leben sein. Wenn sich kein Ausweg auftut. In einer Beziehung, die einen klein macht. Wenn man immer wieder hört: Du bist schuld. Du bist nicht gut genug. Wenn man sich fragt: Wer bin ich noch, wenn ich nur noch funktionieren soll?
Lost ist man, wenn man nur noch für andere lebt. Wenn man denkt: Ich muss es aushalten. sonst bricht alles zusammen. Wenn man merkt: Ich trage eine Last, die nicht meine ist.
Lost ist man, wenn man ausgegrenzt wird. Wenn die anderen über einen lästern. Wenn man sich fragt: Warum immer ich?
Lost ist man, wenn die Worte fehlen. Wenn man nicht mehr weiß, wie man es erklären soll. Wenn man schweigt, weil sowieso niemand zuhört.
Verloren. Verirrt. Wie Schafe ohne Hirten.
Genau an diese Menschen richtet sich dieser Petrusbrief. Der Verfasser schreibt an Sklav:innen, die unter ungerechten Bedingungen leiden. An Diener:innen, die sich ausgebeutet fühlen. An Ehefrauen in einem patriarchalischen System. Wo Männer die Macht haben. Er schreibt an Menschen, die "lost" sind in einem System, das sie unterdrückt und leiden lässt. Er schreibt... ein Danklied! Ein Danklied an Jesus, den Messias, der am Kreuz für diese Menschen starb.
Das kommt jetzt überraschend. Es passt in den Zusammenhang eines Briefs, der von der Hoffnung schreibt, die wir Christ:innen durch Jesus haben. Der nicht müde wird, davon zu erzählen, dass Gott auch im Leid Freude schenken kann.
Vielleicht doch nicht so lost?
Dabei löst der Text in mir erst einmal Widerstand aus. Was heißt denn das jetzt für Menschen, die Gewalt in einer Beziehung erleben? Für Schüler:innen, die gemobbt werden? Für alle, die keinen Ausweg aus einer hoffnungslosen Situation zu finden scheinen? "Freu dich! Dir geht's wie Jesus. Nimm dir ein Beispiel an ihm. Er hat das alles ertragen. Also sei still. Ertrag dein Schicksal – und sei dankbar dafür."
Viel zu oft war genau das die Botschaft. Viel zu oft hat die Kirche genau solche Texte instrumentalisiert, um den Status quo zu rechtfertigen. Hat Unrecht und Unterdrückung legitimiert mit dem Verweis auf Christus, der ja auch gelitten hat.
Ist das Evangelium? In mir sträubt sich alles gegen so eine Lesart.
Doch dann lese ich den Text noch einmal. Und plötzlich sehe ich etwas anderes.
Theolog:innen wie Dorothee Sölle, Luise Schottroff und Elisabeth Schüssler-Fiorenza haben gefragt: Was bedeutet dieser Text für Frauen, denen gleiche Teilhabe verwehrt wird? An der Seite der Armen in den Favelas, den Slums Lateinamerikas, haben Theolog:innen wie Leonardo Boff oder Gustavo Gutierrez versucht, diesen Text "von unten" zu lesen. Aus der Perspektive der Unterdrückten.
Dann steht da nicht mehr: "Ertrag dein Leid." Sondern: "Du bist nicht allein. Gott sieht dein Leid--und in Jesus, dem Messias, steht er auf der Seite der Unterdrückten."
Wie kann ein Text, der von Leiden handelt, gleichzeitig Hoffnung stiften – ohne das Leid zu verherrlichen?
"Der Messias hat gelitten.", heißt es. "Er hat uns gezeigt, wie man leben kann."
Aber was bedeutet das denn? Heißt das: Leid ist gut? Heißt das: Bleib still und ertrag es?
Nein.
Dieser Text ist kein Aufruf zur Passivität.
Er ist ein Aufruf, hinzusehen.
Denn der Messias hat nicht gesagt: „Leidet weiter.“
Er hat das Böse auf sich genommen.
Er hat es nicht gutgeheißen.
Er hat es getragen – um es zu überwinden.
Er hat sich selbst zu einem der Unterdrückten gemacht.
Das ist das Befreiende: Am Kreuz stellt sich Gott klar auf die Seite der Leidenden.
Und ich sehe: Jesus zeigt uns nicht nur, wo Gott steht. Ich sehe auch: Er zeigt mir, wie ich leben kann. Nicht mit Gewalt. Nicht mit Rache. Sondern mit der Gewissheit, dass Gott gerecht richtet – und dass ich dieser Gerechtigkeit vertrauen darf.
Wie liest sich dieser Text, wenn man ihn nicht von oben herab betrachtet – sondern von unten?
Von den Sklav:innen aus, die unter der Peitsche ihrer Herren stöhnen. Von Arbeiter:innen, die ausgebeutet werden, bis nichts mehr übrig bleibt. Von den Frauen, denen man sagt: Schweig und füg dich. Von Gemobbten, Missbrauchten, Co-Abhängigen--von allem, was "lost" ist, her:
Plötzlich ist da kein Aufruf mehr, das Leid zu ertragen.
Sondern eine Zusage:
Du bist nicht allein. Gott sieht dein Leid. Und in Jesus, dem Messias, steht er auf deiner Seite.
Er hat nicht gesagt: „Halt aus.“ Er hat gesagt: „Ich halte mit dir aus.“ Er hat das Böse nicht romantisiert. Er hat es auf sich genommen – um es zu brechen.
Wo ist das Böse heute?
Wo wird es Menschen aufgebürdet?
Oft steckt es in Systemen, die wir kaum sehen – bis sie uns selbst treffen.
In den Fabriken, in denen unsere Kleidung genäht wird. Auf den Feldern, auf denen unser Essen wächst. In den Büros, in denen Menschen ausgebeutet werden, bis sie zusammenbrechen.
In einer Politik, die am liebsten bei den Schwächsten spart.
In den Familien, in denen Gewalt herrscht. In den Schulen, in denen Kinder gemobbt werden. In den Köpfen, in denen die Stimme sagt: Du bist nichts wert.
Das sind die, die „lost“ sind.
Die, die unter der Last zusammenbrechen. Die, die keinen Ausweg sehen. Die, die schreien – und niemand hört sie.
Die gibt es auch hier bei uns, in Gäufelden. Auch hier, heute, in den Reihen unseres Kirchraums.
Und hier, in unserer Mitte, wird unsere Hoffnung greifbar – wenn wir sie teilen:
Euch sagt dieser Text:
Ihr seid nicht allein. Gott sieht euer Leid. In Jesus, dem Messias, stellt er sich auf eure Seite.
Er sagt nicht: "Halte durch." Sondern: "Ich halte es mit dir aus."
Jesus hängt nicht nur am Kreuz von Golgatha.
Er sitzt mit am leeren Tisch der Alleinerziehenden. Er steht im Schulhof, wenn wieder gelästert wird. Er hört die Stimme, die flüstert: „Du bist nichts wert.“
Er geht freiwillig in das äußerste "Lost-sein" hinein. Gott selbst füllt die Verlorenheit.
Seine Wunden sind die Risse in unserem Leben.
Doch durch diese Risse bricht Licht ein: Gott ist hier. Nicht als Richter. Sondern als der, der mit uns leidet. Unfassbar nah – und doch ganz anders, als wir es erwarten.
Und als der, der uns auffordert, hinzusehen.
Uns, die wir vielleicht gar nicht Teil der Angesprochenen sind: Lost. Verloren. Hilflos unterdrückt.
Als reicher, weißer Mann in Baden-Württemberg ist das nicht unbedingt mein Schicksal. Nicht jeder darf sich in die Opferrolle hineinlesen. Nicht jeder ist ein Opfer.
Was bedeutet das für uns?
Für die, die nicht unter der Last zusammenbrechen. Für die, die Auswege sehen. Für die, die schreien – und gehört werden.
Wir gehören vielleicht nicht zu den „Lost“. Aber wenn wir wegschauen, wenn wir nicht hinhören, wenn wir sagen: „Das geht mich nichts an“ – dann sind wir nicht dort, wo sich Gott befindet.
Man kann auch auf der falschen Seite stehen. Papst Leo XIV. hat das kürzlich so gesagt: "Gott hört nicht auf die Gebete derer, die Krieg führen." Was, wenn das auch für die gilt, die Unterdrückung rechtfertigen--statt sich zu den Schwachen zu stellen?
Gott stellt sich immer auf die Seite der Leidenden. Er ist immer an der Seite der Unterdrückten.
Wenn wir den Weg Jesu dorthin nicht mitgehen, dann sind vielleicht wir die, die wirklich lost sind.
Denn wo wir Jesus nicht auf diesem Weg folgen, wo wir die Risse nicht sehen wollen, da fehlt uns sein Licht. Da sind wir die, die den Weg verloren haben.
Dieser Text muss für uns ein Aufruf sein: Hinzusehen. Mitzugehen. Die Risse zu füllen – nicht mit Worten, sondern mit Präsenz.
Da, wo es in unserer Macht steht, etwas zu verändern, dürfen wir nicht still bleiben.
Nicht stumm ertragen, wo Unrecht geschieht.
Die Hoffnung, die wir haben, muss laut werden für die, denen die Hoffnung versagt wird.
Hoffnung, die schweigt, ist keine Hoffnung.
Unsere Hoffnung wird zum Aufstand der Barmherzigkeit.
Lasst uns also hingehen. Mitgehen. Und auch mal laut sein.
Denn: Veränderung ist möglich. In diesem Text, der von Gegensätzen lebt, wird das sehr deutlich.
Mehr noch: Veränderung, sagt der Text, ist bereits geschehen. Gott selbst hat das getan, durch Jesus, den Messias.
Vorher. Nachher. Früher. Jetzt.
Durch das, was Gott getan hat, wird das Leiden verwandelt.
Sein Tod war nicht das Ende. Sondern der Anfang von etwas Neuem – für uns alle.
Jetzt gibt es Hoffnung.
Jetzt gibt es Gott an unserer Seite.
Jetzt gibt es Grund zur Freude, zum Danklied gar, auch mitten im Leid.
Überall da, wo das Böse uns noch bedrängt, da hören wir:
Vielleicht sind wir doch nicht so lost.
Verloren. Verirrt. Wie Schafe ohne Hirten.
Wir haben doch ihn. Wir haben doch Gott, der unser Leben hält.
Wir sind nicht hilflos. Wir sind nicht allein.
Wir sind ... found.
Das müsste der Titel dieser Predigt sein.
Nicht lost -- verloren.
Found -- gefunden.
Du stehst da. Du schaust dich um. Wohin? Du weißt: Es gibt einen Weg. Alles fühlt sich an wie ein Kreis – aber einer, der sich öffnet. Du spürst es in den Beinen. Dieses Standhalten. Dieses Weiter-Können. Du spürst es im Kopf. Wie ein Riss, durch den Licht fällt. Dieses Nicht-mehr-allein-Wissen. Dein Herz schlägt – nicht mehr gegen dich. Sondern mit dir.
Found.
So heißt das heute.
Found--gefunden.
Amen.
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