Predigt

So sehnt sich meine Seele nach dir

Ein Hirsch sucht Wasser. Ein Mensch sucht Gott. Psalm 42 gibt der Sehnsucht und der Klage eine Stimme – und hält an der Hoffnung fest, dass Gott das Leben nicht loslässt.

Gottesdienste und Anlässe

  • 07.11.2026 · 17:00 Uhr · Stephanskirche
    Abendmusik

Ein Hirsch läuft durch die Landschaft. Der Boden ist trocken. Vielleicht gab es hier einmal einen Bach. Jetzt liegt das Bachbett leer. Der Hirsch sucht Wasser.

Er bleibt stehen. Hebt den Kopf. Wittert. Dann läuft er weiter. Vielleicht findet er irgendwo noch eine feuchte Stelle. Eine Quelle, die nicht ausgetrocknet ist. Er sucht, weil er Wasser braucht. Nicht irgendwann. Jetzt.

Wir kennen solche trockenen Landschaften inzwischen auch hier. Der Sommer zieht sich hin. Der Regen bleibt aus. Der Boden wird hart. Wiesen werden braun. Bäume lassen die Blätter hängen. Und wenn endlich ein Gewitter kommt, ist der Boden manchmal so trocken, dass er das Wasser kaum aufnehmen kann.

Die Trockenheit verändert, was auf der Erde wächst. Sie verändert, wo Tiere noch Nahrung und Wasser finden. Und sie trifft Menschen, die kaum ausweichen können. In manchen Gegenden wird der Regen immer unzuverlässiger. Die Ernte fällt schlechter aus. Menschen verlieren ihre Lebensgrundlage und müssen ihre Heimat verlassen.

Das alles hat viele Gründe. Aber der Klimawandel macht manches schlimmer. Er bringt mehr Hitze und längere Trockenzeiten. Was für manche hier ein heißer Sommer ist, kann andernorts bedeuten: Die Quelle versiegt. Der Brunnen gibt nichts mehr her. Das Feld trägt kaum noch etwas.

Der Hirsch sucht Wasser. Er kann den Durst nicht einfach wegschieben. Er kann sich nicht sagen: Jetzt denke ich an etwas anderes. Sein Körper verlangt nach Wasser. Der Durst treibt ihn weiter.

Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir.

Der Hirsch bleibt vor unseren Augen. Und plötzlich geht es auch um einen Menschen, der Gott sucht. Ein Mensch, der etwas vermisst. Der nicht einfach zur Tagesordnung übergeht.

„So sehnt sich meine Seele nach dir, Herr.“

Der Beter sagt das nicht aus einer sicheren, ruhigen Lage heraus. Er sagt es, weil Gott ihm fehlt. Er ist traurig. Er weint. Andere fragen ihn: „Wo ist denn nun dein Gott?“ Und er selbst findet keine schnelle Antwort.

Vielleicht erinnert er sich an die Gottesdienste von früher. An den Weg zum Tempel. An die vielen Menschen. An das Singen und Feiern. Früher war er mittendrin. Jetzt liegt das weit zurück. Und gerade die Erinnerung macht den Abstand spürbar.

Wo ist Gott jetzt? Warum hilft er nicht? Warum muss ich das aushalten?

Der Psalm beantwortet diese Fragen nicht. Er erklärt nicht, warum Menschen leiden. Er sagt nicht: Wer fest genug glaubt, der zweifelt nicht. Der Beter darf sagen, dass er Gott vermisst. Er darf sagen, dass ihm die Kraft fehlt. Er darf schreien.

Vielleicht ist das schon ein Gebet: Gott zu vermissen und ihm genau das zu sagen. Nicht erst die passende Antwort abzuwarten. Nicht erst die Zweifel zu sortieren. Einfach zu sagen: „Meine Seele sehnt sich nach dir.“

Der Hirsch kann die Quelle nicht herbeizaubern. Er kann nur suchen. Der Beter kann Gott nicht herbeizwingen. Er kann nur rufen und hoffen, dass sein Ruf gehört wird.

Dem Beter fehlt Wasser. Und zugleich fühlt es sich an, als gingen Fluten über ihn hinweg. So fühlt sich seine Not an: erst die Leere, dann das Übermaß.

Und dann sagt der Psalm noch etwas. Immer wieder fragt der Beter seine eigene Seele: „Was betrübst du dich, und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott.“

Er sagt das nicht, weil die Trauer plötzlich verschwunden wäre. Der Durst ist noch da. Die Fragen sind noch da. Aber mitten in der Unruhe hält er sich an einer Hoffnung fest. Vielleicht ist sie kaum mehr als ein Satz, den er sich selbst vorsagt: Ich will Gott nicht aus den Augen verlieren. Ich will weiter nach ihm suchen.

Der Beter ist nicht stark. Er hofft, dass Gott ihn nicht loslässt.

Wir hören diesen Psalm als Christ:innen weiter. Er erzählt von einem Menschen, der Gott vermisst. Das Evangelium erzählt von Gott, der sich auf den Weg zu den Menschen macht.

In Jesus Christus kommt Gott selbst in unsere Welt. Er bleibt nicht fern von dem, was Menschen aushalten müssen. Jesus kennt Hunger und Durst. Er kennt Angst. Er kennt den Schmerz, wenn andere ihn verlassen. Am Kreuz ist er nicht Zuschauer des Leidens. Er geht hindurch.

Psalm 42 erzählt nicht von Jesus. Aber Christ:innen hören seine Klage im Licht des Kreuzes noch einmal neu. Jesus selbst kennt den Schrei nach Gott. Am Kreuz betet er: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Jesus spricht den Schmerz nicht schön. Er schreit zu Gott. Er legt seine Verlassenheit vor Gott.

Und dann kommt Ostern. Der Psalm selbst erzählt davon noch nicht. Aber Christ:innen bekennen: Gott hat den Gekreuzigten nicht im Tod gelassen. Das Grab bleibt nicht das letzte Wort. Der, der am Kreuz nach Gott gerufen hat, lebt. Das erklärt nicht, warum Menschen leiden. Aber es sagt: Gott lässt den Gekreuzigten nicht los. Und der Tod behält nicht das letzte Wort.

Darum können Christ:innen sagen: Gott ist da. Nicht, weil wir ihn jederzeit spüren. Nicht, weil wir auf jede Frage sofort eine Antwort hätten. Sondern weil Gott sich in Jesus Christus an unsere Seite gestellt hat. Auch in der Dürre. Auch in der Angst. Auch dann, wenn wir ihn nicht gleich wahrnehmen.

Manchmal wird Gottes Nähe durch einen Menschen spürbar, der bleibt. Der zuhört, mit aushält und hilft, ohne für alles eine Erklärung zu haben.

Vielleicht fühlt es sich trotzdem manchmal an, als läge das Bachbett leer. Als wäre Gott weit weg. Dann darf der Satz des Psalms heraus: „So sehnt sich meine Seele nach dir, Herr.“ Dieser Ruf gehört nicht nur einem einzelnen Beter. Viele kennen solche Zeiten: Gott fehlt. Die Not bleibt. Und die Seele dürstet. Und zugleich kann ein anderer Satz danebenstehen: Du bist nicht allein. Christus kennt diesen Weg. Er ist hindurchgegangen. Und Gott hat ihn aus dem Tod ins Leben gerufen.

Der Ruf des Hirsches erinnert auch daran, dass Wasser nicht selbstverständlich ist. Der Hirsch braucht eine Quelle. Menschen brauchen Wasser. Alles Leben ist darauf angewiesen, dass die Erde etwas hergibt und dass Wasser erreichbar bleibt.

Wieder sehen wir die Landschaft: trockene Bachbetten, Tiere auf der Suche nach Wasser, Menschen, die unter Hitze und Dürre leiden.

Der Psalm lässt die Frage offen: Wo finden sie Wasser? Wer sorgt dafür, dass eine Quelle nicht versiegt? Wer teilt, wenn genug da ist? Wer hilft, wenn andere vor leeren Brunnen stehen?

Vielleicht führt der Psalm damit auch zu einer einfachen Frage: Was kann ich tun, damit Leben möglich bleibt? Wasser sparen. Einen Baum schützen. Etwas teilen. Menschen unterstützen, die von Dürre betroffen sind. Nicht wegsehen, wenn andere die Folgen des Klimawandels längst tragen.

Das löst nicht alles. Und es stillt nicht jeden Durst. Aber es kann einem anderen Leben helfen. Nicht jede Not lässt sich durch eigenes Handeln wenden. Und nicht jeder Mensch kann selbst für sich sorgen. Darum ist es wichtig, dass Menschen füreinander da sind. Und dass Hilfe wirklich erreichbar ist.

Heute hören wir Mendelssohns Musik zu diesem Psalm. Sie kann den Ruf des Hirsches und die Sehnsucht des Beters hörbar machen. Sie muss nicht erklären, warum Gott manchmal fern scheint. Sie darf die Klage stehen lassen. Und sie darf die Hoffnung dazwischenklingen lassen: Gott ist da. In Jesus Christus ist er in unsere Nähe gekommen. Am Kreuz hat er das Leiden geteilt. In der Auferstehung hat er dem Tod widersprochen.

„So sehnt sich meine Seele nach dir, Herr.“

Vielleicht ist das für heute genug. Ein Satz aus einer trockenen Zeit. Ein Ruf aus der Sehnsucht heraus. Ein Gebet, das noch keine Antwort hat und trotzdem bei Gott bleibt.

Und vielleicht klingt darin schon die Hoffnung von Ostern mit: Der Beter hofft, dass Gott seinen Ruf hört. Christ:innen vertrauen darauf: Gott kommt den Menschen nahe. Und er lässt das Leben nicht los. Auch dann, wenn diese Hoffnung noch gegen die eigene Erfahrung steht. Ostern nimmt den Durst nicht weg. Die Hoffnung von Ostern erklärt das Leid nicht weg. Aber sie sagt: Die Trockenheit hat nicht das letzte Wort. Der Tod hat nicht das letzte Wort. Gott lässt das Leben nicht los.

Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.

Amen.

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