Predigt

Fest des Lebens

Vom Sinn der Taufe

Mit auf den ersten Blick gar nicht festlichen Worten erklärt Paulus, worum es bei der Taufe geht. Tod und Sterben spielen dabei eine Rolle. Von Gott mit Christus verbunden weiß ich: Er schenkt mir neues Leben. Nichts kann mich aus seiner Hand reißen.

Titelbild zur Predigt "Fest des Lebens".

Gottesdienste und Anlässe

  • 24.07.2022 · 11:00 Uhr · Versöhnungskirche
    Gottesdienst mit Taufe(n)
  • 24.07.2022 · 9:30 Uhr · Nikolauskirche Bitz
    Gottesdienst

Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!

Aus dem Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Rom, aus dem 6. Kapitel:

3 Oder wisst ihr nicht, dass alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft? 4 So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, auf dass, wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, so auch wir in einem neuen Leben wandeln. 5 Denn wenn wir mit ihm zusammengewachsen sind, ihm gleich geworden in seinem Tod, so werden wir ihm auch in der Auferstehung gleich sein. 6 Wir wissen ja, dass unser alter Mensch mit ihm gekreuzigt ist, damit der Leib der Sünde vernichtet werde, sodass wir hinfort der Sünde nicht dienen. 7 Denn wer gestorben ist, der ist frei geworden von der Sünde. 8 Sind wir aber mit Christus gestorben, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden, 9 und wissen, dass Christus, von den Toten erweckt, hinfort nicht stirbt; der Tod wird hinfort nicht über ihn herrschen. 10 Denn was er gestorben ist, das ist er der Sünde gestorben ein für alle Mal; was er aber lebt, das lebt er Gott. 11 So auch ihr: Haltet euch für Menschen, die der Sünde gestorben sind und für Gott leben in Christus Jesus.

(Röm 6,3–8(9–11))

Geliebte Gottes in Burladingen,

Da sitzen sie nun: Finn-Oliver und seine Familie -- Eltern, Geschwister. Paten mit dabei und Freunde. Festlich angezogen. Mit einem Lächeln im Gesicht. Wir haben schon angefangen, miteinander zu feiern, als Finn-Oliver gerade eben getauft wurde. Und ich bin mir sicher, das Fest wird nach dem Gottesdienst noch weitergehen. Grund zur Freude gibt es ja heute.

Da sitzen wir nun: Taufe im Gemeindegottesdienst heißt für alle anderen oft, die Freude von Menschen mitzubekommen, die man vielleicht selbst gar nicht näher kennt. Für manche ist es fast eine Art Fremdkörper im Gottesdienst, wenn sich eine Zeit lang alles nur um eine kleine Gruppe von Menschen dreht und alle anderen eben warten müssen. Ich hoffe immer, dass die Freude irgendwie überschwappt. **Denn Taufe ist ja nicht nur eine Dienstleistung,**die die Kirche eben im Rahmen des Gottesdienstes für Einzelne erbringt. Die Taufe eines Menschen, diese von Christus angeordnete Zeichenhandlung, die sich mit dem gesprochenen Wort seines Versprechens verbindet, kann und -- so denke ich -- sollte ja auch für mich immer wieder neu Tauferinnerung werden. Wenn ich sehe und höre, was hier geschieht und was Gott verspricht, dann wird mir bewusst, dass dieses Versprechen ja auch mir gilt. Dass ich ein Teil bin von Kirche, der Gemeinschaft der Getauften, und dass Gott mir einst schon genau dasselbe zugesprochen hat, das er heute zu Finn-Oliver sagt.

Da kann ich mich mitfreuen. Nicht nur für Finn-Oliver und seine Familie, sondern auch, weil mich das selbst berührt.

Vielleicht ein guter Grund, sich noch einmal eingehend mit dem zu beschäftigen, was Taufe für mich, für uns, für Finn-Oliver und alle anderen Getauften hier im Raum, bedeutet. Nur: Ob dieser Paulustext aus dem Römerbrief für heute wirklich der Richtige ist? Ob es gut und hilfreich ist, wenn mitten hinein in dieses fröhliche Fest des Lebens die Erinnerung an Tod und Sterben platzt? Ein richtiger Stimmungskiller, dieser Apostel Paulus!

Oder vielleicht müssen wir einfach noch einmal genauer hinhören. Denn das, was Paulus hier schreibt, sollte uns eigentlich nicht die gute Laune vermiesen. Im Gegenteil: Paulus versucht hier, noch einmal ganz deutlich zu machen, was in der Taufe geschieht. Und das ist Grund zu Freude und Dankbarkeit!

Alles fängt mit der Einsicht an: In der Taufe werden wir auf geheimnisvolle Art und Weise mit Christus verbunden. Wir sind "mit ihm zusammengewachsen", schreibt Paulus. Auf irgendeine mir noch rätselhafte Art und Weise knüpft Gott in der Taufe ein Band zwischen mir -- oder dir, oder heute ganz besonders: Finn-Oliver -- und seinem Sohn Jesus Christus. Er stellt eine Verbindung her, die so fest ist, dass sie durch nichts mehr zerstört werden kann. Nichts kann mich mehr von Christus und seiner Liebe trennen. Zwei Kapitel später bringt Paulus das noch einmal auf den Punkt, wenn er schreibt: "Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn." (Römer 8,38-39) Ich bin "festgemacht an Christus."

Geliebte Gottes in Burladingen,

Genau das ist es, woran sich Generationen von Christen durch die Jahrhunderte hindurch festgehalten haben. Das ist, wie sie in den Katechismen schrieben, der "einzige Trost im Leben und im Sterben": Dass, egal was kommt, egal was geschieht, egal wie ich drauf bin und mich fühle, egal, ob ich gerade die schönste Zeit meines Lebens verbringe oder durch das undurchdringliche Dunkel von Leid und Trauer und Verzweiflung tappe, nichts mich trennen kann von Jesus Christus, in dem Gott zu mir hält durch dick und dünn.

Martin Luther ist vielleicht das bekannteste Beispiel dafür, wie dieses Wissen durchträgt. Heute von uns als Glaubensheld und Vorbild gefeiert, hatte er zeit seines Leben ja mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen. Was wir heute als die Erfolgsgeschichte der Reformation hochhalten, stieß damals keineswegs nur auf Begeisterung. Im Gegenteil: Von Kaiser, Papst und Mächten verfolgt, hat Martin Luther oft um Leib und Leben bangen müssen. Das hat ihn auch in so manchen Zweifel an sich selbst und seinem Weg gestürzt. Oft fühlte er sich regelrecht vom Satan selbst bedrängt, als säße dieser leibhaftig vor ihm und klagte ihn an. Dann nahm er ein Stück Kreide und schrieb auf den Tisch, auf die Wand, oder wohin er sonst schreiben konnte: "Baptizatus sum. Ich bin getauft." Luther wusste: Ich bin Gottes geliebtes Kind. Nichts kann mich aus seiner Hand reißen. In der Taufe hat er mich für immer mit Christus verbunden. "Fürchte dich nicht", hat er zu mir gesagt. "Ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein." (Jesaja 43,1).

Wir sind mit Christus zusammengewachsen.

Mehr noch, sagt Paulus: Wir sind nicht nur irgendwie lose verbunden. Wir sind eins geworden mit Christus, "ihm gleich in der Taufe". Und dann kommt all das Reden von Tod und Sterben. Paulus deutet die Taufe als ein Bild auf ein Begräbnis: Verbunden mit Christus sind wir mit ihm gestorben und begraben worden. Und wie Christus von Gott auferweckt wurde zu neuem Leben, so sind auch wir zu neuem Leben auferstanden aus dem Wasser der Taufe. Die symbolische Geste des Wasserschöpfens bei der Taufe heute lässt uns nur noch andeutungsweise sehen, was für die Menschen zu Paulus' Zeiten viel offensichtlicher war. Damals wurden in der Regel Erwachsene getauft. Menschen die das Evangelium gehört hatten und in denen Glaube an Jesus Christus gewachsen war, ließen sich taufen. Ein klares Zeichen: Das alte Leben ohne Gott ist zu Ende. Das neue Leben mit Jesus Christus beginnt jetzt. Sichtbar wurde das in der Taufhandlung selbst. Damals wurden die Täuflinge in einem Wasserbecken oder einem Fluss komplett untergetaucht. Man konnte sich vorstellen, wie hier jemand ins Grab gelegt wurde und daraus dann neu auferstand.

Diese Praxis gibt es heute vor allem noch in einigen Freikirchen. Bei uns hat sie sich auf eine symbolische Handlung reduziert. Aber die Form ist nicht das, worauf es ankommt. Der Inhalt bleibt derselbe: Wir sind mit Christus verbunden dem alten Leben gestorben. Gott schenkt uns durch Jesus Christus neues Leben.

Von Anfang an haben Christen aus dem Evangelium gehört, dass dieses "auferstehen zum neuen Leben" noch viel mehr bedeutet als eine zweite Chance hier und jetzt. Mit der Taufe steht unser Leben unter neuen Vorzeichen. Wir haben eine neue Hoffnung. Denn, schreibt Paulus, "sind wir aber mit Christus gestorben, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden." Als Menschen, die bereits das Sterben Christi geteilt haben, stellt unser eigenes Sterben keine Bedrohung mehr dar. Wir leben aus der Hoffnung auf ein Leben, das weit über diese sichtbare Welt hinausreicht bis in Gottes Ewigkeit. Noch einmal Martin Luther: "All das Leben, das ein rechtgläubiger Christ nach der Taufe führt, ist nicht mehr als ein Warten auf die Offenbarung der Seligkeit, die er schon hat."

So weit sind wir noch nicht. Wir sind noch hier, in diesem Leben. Und doch ist alles anders geworden. Wir sind mit Christus verbunden. Bis zu unserem eigenen Sterben oder bis sein Tag anbricht, sind wir herausgefordert, das hier und jetzt zu gestalten. Als Menschen zu leben, deren Leben von Gott her kommt. Das ist nicht immer einfach. Das bringt für jeden seine eigenen Herausforderungen, Schwierigkeiten und Zweifel mit. Und deshalb brauchen wir immer wieder neu diese Erinnerung wie heute, bei Finn-Olivers Taufe: Wir sind getauft. Wir gehören zu Gott. Wir sind mit Christus verbunden.

Vielleicht müssen wir da den Mut aufbringen, von Martin Luther zu lernen. Es muss ja nicht gleich die weiße Wand im Wohnzimmer sein. Vielleicht reicht ein Zettel am Badezimmerspiegel. Am Kleiderschrank. An der Kühlschranktür. Eine Taufkerze, die nicht nur in der Schrankwand im Wohnzimmer Staub ansammelt, sondern die immer mal wieder bewusst angezündet wird. Vielleicht findest du deine ganz eigenen Erinnerungsmöglichkeiten. "Baptizatus sum. Ich bin getauft. Ich gehöre zu Gott. Ich bin mit Christus verbunden. Ich bin dem alten Leben gestorben. Ich bin zu Gottes neuem Leben auferstanden." Sag dir das. Mach dir das bewusst. Antworte damit auf die Zweifel und Herausforderungen des Lebens.

Vielleicht kann auch heute morgen dazu Gelegenheit sein, wenn du selbst hier vorne am Taufbecken den Finger ins Taufwasser tauchst und dir das Zeichen des Kreuzes auf die Stirn malst. Sag es, vor Gott und dir selbst. "Ich bin getauft."

Und freu dich dran. Weil heute ein Fest des Lebens ist. Und kein Raum für lange Gesichter.

Amen.

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