Predigt
Anders da
Begleitet zwischen Abschied und Hoffnung
Feuerwagen. Sturm. Himmel. Die Himmelfahrtsgeschichten der Bibel wirken fremd und gewaltig. Und doch erzählen sie von etwas, das wir alle kennen: Abschied, Verlust und die Frage, wie es weitergeht. Christi Himmelfahrt führt nicht weg aus der Welt. Sondern mitten hinein ins Leben. Gott ist da. Immer und überall.

Gottesdienste und Anlässe
-
14.05.2026
· 10:00 Uhr
· Festzelt, Festplatz Nebringen
Gottesdienst
Audio
Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!
Die Erzählung von der Himmelfahrt klingt seltsam für unsere Ohren. Nicht so für die Menschen der Antike. Die kannten das längst aus den Geschichten ihrer Kultur.
Herakles, der große Held wird nach seinem Tod zu den Göttern aufgenommen. Romulus, der Gründer Roms verschwindet plötzlich im Sturm. Danach heißt es: Er lebt nun bei den Göttern. Auch Kaiser Augustus bekommt nach seinem Tod eine Art Himmelfahrt zugesprochen. Auf Münzen sieht man ihn schon zwischen den Sternen.
In Israel denkt da fast jede Person sofort an Elija. Vielleicht der größte Prophet der hebräischen Bibel. Jedenfalls einer, von dem besonders eindrücklich erzählt wird. Eine wilde Figur. Ehrfurchtgebietend. Einer, der Feuer vom Himmel fallen lässt und von Raben ernährt wird. Einer, der sich mit Königen anlegt. Einer, der gegen Gewalt und Götzendienst aufsteht. Einer, der durch die Wüste zieht. Rau. Unbequem. Voller Leidenschaft.
Und dann endet seine Geschichte nicht mit einem Grab. Sondern mit einem Abschied im Sturm: Ein Wagen aus Feuer. Pferde aus Feuer. Ein Mantel, der zurückbleibt. Und ein Schüler, der hinterherschaut.
Die Geschichte klingt groß. Gewaltig. Fast wie ein Mythos. Und doch liegt ihr Mittelpunkt nicht oben im Himmel. Sondern unten am Jordan. Bei Elischa. Dem Zurückbleibenden.
Hört, aus dem 2. Königebuch, aus dem 2. Kapitel:
Gott wollte Elija im Sturm in den Himmel holen. Elija und Elischa gingen von Gilgal los.
Elija sagte zu Elischa: „Bleib hier. Gott schickt mich nach Bethel.“ Aber Elischa sagte: „Ich schwöre bei Gott: Ich lasse dich nicht allein.“ Also gingen sie nach Bethel. Die Prophetenschüler aus Bethel kamen zu Elischa. Sie fragten ihn: „Weißt du, dass Gott Elija heute von dir wegnehmen wird?“ Elischa sagte: „Ja. Ich weiß das selbst. Seid still.“
Elija sagte zu Elischa: „Bleib hier. Gott schickt mich nach Jericho.“ Aber Elischa sagte: „Ich schwöre bei Gott: Ich lasse dich nicht allein.“ Also gingen sie nach Jericho. Die Prophetenschüler aus Jericho kamen zu Elischa. Sie fragten ihn: „Weißt du, dass Gott Elija heute von dir wegnehmen wird?“ Elischa sagte: „Ja. Ich weiß das selbst. Seid still.“
Elija sagte zu Elischa: „Bleib hier. Gott schickt mich an den Jordan.“ Aber Elischa sagte: „Ich schwöre bei Gott: Ich lasse dich nicht allein.“ Dann gingen beide weiter. Fünfzig Prophetenschüler gingen ihnen nach. Sie blieben weit entfernt stehen.
Elija und Elischa standen am Jordan. Elija nahm seinen Mantel. Er rollte ihn zusammen und schlug auf das Wasser. Da teilte sich das Wasser nach beiden Seiten. Die beiden gingen durch den Fluss, ohne nass zu werden. Als sie auf der anderen Seite waren, sagte Elija zu Elischa: „Hast du noch einen Wunsch? Ich erfülle ihn dir, bevor Gott mich zu sich holt.“ Elischa sagte: „Ich möchte eine doppelte Portion von deiner Geistkraft.“ Elija sagte: „Das ist schwer. Vielleicht siehst du, wie Gott mich holt. Dann bekommst du es. Wenn nicht, dann nicht.“
Sie gingen weiter. Sie redeten miteinander. Plötzlich kam ein Wagen aus Feuer. Mit Pferden aus Feuer. Der Wagen trennte die beiden voneinander. Elija fuhr im Sturm in den Himmel. Elischa sah es und schrie: „Mein Vater! Mein Vater! Du warst für Israel wie Pferde und Wagen!“ Dann konnte er Elija nicht mehr sehen. Da zerriss Elischa seine Kleider vor Trauer. Elijas Mantel blieb liegen. Elischa hob ihn auf. Er ging zurück. Er stellte sich an das Ufer des Jordan. Elischa nahm den Mantel von Elija. Er schlug damit auf das Wasser. Er rief: „Wo ist Gott? Wo ist Elijas Gott?“ Da teilte sich das Wasser nach beiden Seiten. Elischa ging hindurch.
Die Prophetenschüler aus Jericho sahen Elischa von weitem. Sie sagten: „Die Geistkraft von Elija ist jetzt bei Elischa.“ Sie gingen auf ihn zu. Sie verneigten sich vor ihm.
Das war ganz anders diese Woche bei Sonja. Viele Menschen standen an ihrem Grab. Mitten im Leben musste sie gehen. Viel zu früh. Kein Wagen aus Feuer kam. Kein Sturm vom Himmel. Da war ein Krankenzimmer. Erschöpfung. Hoffnung und Angst. Schwächer werden. Abschied auf Raten. Gemein ist das. Wenn ein Mensch langsam verschwindet. Wenn jemand, den man liebt, immer weniger wird. Und man nichts tun kann.
Es war kein feuriger Wagen, mit dem Werner die Firma verließ. Vierzig Jahre hat er dort gearbeitet. Frühschicht. Spätschicht. Überstunden. Und plötzlich war Schluss. Die Abteilung wird geschlossen. Der Spind leergeräumt. Ein Händedruck. Das war’s.
Es war kein spektakuläres Wunder, als Martinas Kinder auszogen. Erst stand das Zimmer noch offen. Dann blieben die Betten leer. Jetzt ist das Haus still geworden. Manchmal erschrickt sie selbst darüber, wie laut ein leerer Frühstückstisch sein kann.
Es war kein denkwürdiges Ereignis, mit dem Yasemins Freund:innen verschwanden. Das ging ganz langsam. Eine Krankheit. Ein Streit. Ein Umzug. Irgendwann blieb das Handy still. Und plötzlich merkt sie: Man kann einsam werden, obwohl die ganze Welt miteinander verbunden ist.
Und Dieters Kirche? Die Gemeinde als vertrauter Ort? Wann ging die eigentlich? Kein Sturm. Keine Feuerpferde. Nur immer weniger Menschen. Zusammengelegte Gemeinden. Abschiede. Vertraute Gesichter fehlen. Und manchmal sitzt er im Gottesdienst und denkt: Das hier war einmal anders.
Wir kennen das alle. Immer wieder erleben wir das. Die Himmelfahrtsgeschichten sind voll davon. Alle wissen irgendwie Bescheid. Niemand spricht es richtig aus. Man will nicht loslassen. Und muss doch. Andere reden darüber. Elischa sagt: "Seid still."
So stehen wir am Jordan. Alle zusammen. Die Jünger Jesu mit dabei. Auch sie bleiben zurück, voller Fragen: Wie soll es jetzt denn weitergehen?
Menschen verschwinden. Sicherheiten brechen weg.
Zurück bleibt die Erinnerung. Der Klang vertrauter Stimmen. Lachen. Bekannte Wege. Und Sehnsucht nach den großen Zeiten: Als der Prophet ins Wasser schlug und sich die Wellen teilten. Als Jesus da war und Zeichen und Wunder geschahen. Als wir einander noch hatten, und die gute, vertraute Zeit.
Ist Gott jetzt eigentlich auch weg?
Zerrissene Kleider. Ein Zeichen der Klage. Den Mantel in der Hand -- das letzte, was noch blieb. Ein Erinnerungsstück. Wir gehen zurück zum Jordan. Zurück in den Alltag. Aber nichts ist mehr wie vorher.
Wo ist Gott jetzt?
"Wo ist Gott? Wo ist Elijas Gott?"
Das ist vielleicht der ehrlichste Satz der ganzen Geschichte.
Das fragt kein Mensch auf der Höhe seines Glaubens.
Das fragt einer, der gerade jemanden verloren hat.
Einer, der jetzt allein weitergehen muss.
Einer, der nicht weiß, ob das alles noch trägt.
Und genau dort am Jordan, bei unseren zaghaften Schritten und unseren Zweifeln, da beginnt das Evangelium. Die frohe Botschaft dieser Himmelfahrtsgeschichte:
Der Große verschwindet nicht einfach. Und dann ist Ende.
Der Weg geht weiter. Nicht mit Feuerwagen. Schon gar nicht mit Elija.
Aber mit einem Mantel in der Hand. Mit einem Schritt ins Wasser.
Kann ich es wagen? Hoffnung, noch zaghaft vielleicht.
Ein Mensch, der trotzdem weitergeht. Und erlebt:
Gottes Geistkraft. Gottes Geist ist immer noch da. Anders. Auf ganz neue Weise.
Noch näher da. Bei dir.
In dir.
Näher geht es nicht mehr.
Das Evangelium beginnt draußen vor der Stadt. Bei den Nachfolger:innen Jesu, die in den Himmel starren. Ratlos. Wie Menschen am Grab. Wie Elischa am Jordan.
Jesus entzieht sich ihrem Blick. Aber nicht ihrer Welt. Seine Gegenwart wird nicht kleiner. Sie wird größer.
Er ist da wie nie zuvor. Nicht nur an einem Ort. Nicht nur bei wenigen Menschen. Nicht nur als Freund einer kleinen, ausgewählten Gruppe.
Der Auferstandene ist da: Mitten unter Menschen. Mitten im Leben. Mitten in Angst, in Zweifel und in Hoffnung.
In mir.
Näher geht es nicht mehr.
Da verbindet sich der Wochenspruch mit unserer Himmelfahrtsgeschichte:
"Wenn ich erhöht werde von der Erde,", sagt Jesus, "so will ich alle zu mir ziehen."
Himmelfahrt heißt nicht: Er entfernt sich. Sondern: Seine Gegenwart bei uns weitet sich.
Der Auferstandene lässt seine Menschen nicht allein.
Er ist nicht weg. Er ist nur anders da.
Immer und überall.
Immer wieder erleben wir solche Abschiede. Sie fühlen sich nie gut an. Es bleibt immer ein bitterer Geschmack.
In der Kirche, am Arbeitsplatz, ganz persönlich. Vertraute Formen verschwinden. Menschen sterben. Sicherheiten lösen sich auf.
Gott verschwindet nicht im Vergangenen. Der Jordan teilt sich noch einmal.
Er ist immer noch da.
Wie denn? Wo?
Wo ist Gott? Wo ist Elijas Gott?
Vielleicht genau dort, wo Menschen trotzdem weitergehen.
Wo jemand noch einmal ans Wasser tritt.
Wo Trauernde morgens wieder aufstehen.
Wo eine leere Wohnung langsam wieder Leben atmet.
Wo Menschen sich nicht abfinden mit Einsamkeit und Unrecht. Wo jemand widerspricht, wenn andere klein gemacht werden.
Wo Kirche kleiner wird -- und trotzdem noch singt, betet, hofft.
Wo einer dem anderen Mut leiht.
Wo sich jemand neben eine Trauernde setzt und einfach bleibt.
Wo jemand sagt: "Ich komme morgen wieder."
Wo jemand sagt: "Ich lasse dich nicht allein."
Vielleicht genau dort wirkt Gottes Geistkraft weiter.
Nicht laut. Nicht spektakulär. Nicht mit Feuerwagen.
Aber tragfähig.
Lebendig.
Nah.
Die Jünger Jesu werden das erst langsam begreifen. Noch stehen sie da und schauen in den Himmel. Bald aber werden sie aufbrechen. Werden erzählen. Werden heilen. Trösten. Teilen. Hoffen.
Pfingsten beginnt schon genau dort.
Der Geist Gottes bleibt in Bewegung.
Und vielleicht ist das die eigentliche Himmelfahrtshoffnung:
Dass Christus gerade dort gegenwärtig ist, wo Menschen einander nicht fallen lassen.
Mitten unter uns.
Mitten im Leben.
Anders da.
Aber da.
Immer und überall.
Amen.
Nutzung
Dieser Inhalt wird unter einer CC-BY-SA 4.0-Lizenz veröffentlicht. Was das bedeutet, steht hier.
Verwandte Predigten
- Die Zeit kommt · Jeremia 31,31-34 [BB]
- Du bist nicht allein. · Jesaja 43,1 [LUT17]
- Alles in allem · 1. Korinther 15,12-28 [LUT17]