Predigt

Der Ruf

Von der Angst zum Vertrauen

Ein Ruf genügt – und Menschen lassen alles stehen und liegen. So ist es bei der Feuerwehr. So erzählt es auch das Evangelium. Doch Jesus ruft nicht die Starken und Erfolgreichen. Sein erstes Wort lautet: „Hab keine Angst.“

Titelbild zur Predigt "Der Ruf".

Gottesdienste und Anlässe

  • 05.07.2026 · 10:00 Uhr · Feuerwehr Gäufelden
    Feuerwehrgottesdienst

Audio

MP3 herunterladen · 11:39

Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn.

Hört, ihr von Gott geliebten, aus dem Evangelium nach Lukas, aus dem 5. Kapitel:

Jesus steht am See Gennesaret. Viele Menschen drängen sich um ihn. Sie wollen hören, was Gott sagt.

Jesus sieht: Zwei Boote liegen am Ufer. Die Fischer sind ausgestiegen. Sie waschen ihre Netze.

Jesus steigt in eines der Boote. Es gehört Simon. Jesus bittet ihn: „Fahr ein kleines Stück vom Ufer weg.“ Dann setzt sich Jesus. Vom Boot aus spricht er zu den Menschen.

Jesus ist fertig mit Reden. Er sagt zu Simon: „Fahrt hinaus auf den See. Fahrt dorthin, wo das Wasser tief ist. Dann werft eure Netze aus.“

Simon antwortet: „Meister, wir haben die ganze Nacht hart gearbeitet. Wir haben nichts gefangen. Aber weil du das sagst, werde ich die Netze auswerfen.“

Sie tun, was Jesus gesagt hat. Sie fangen sehr viele Fische. Ihre Netze reißen fast.

Sie winken den Fischern im anderen Boot. Sie sollen kommen. Sie sollen helfen. Miteinander machen sie beide Boote voll. Sie gehen fast unter.

Simon Petrus sieht das. Er fällt vor Jesus auf die Knie. Er sagt: „Herr, geh weg von mir. Ich bin ein Mensch mit Schuld.“

Simon und alle anderen Fischer waren erschrocken. Sie konnten kaum glauben, wie viele Fische sie gefangen hatten.

So ging es auch Jakobus und Johannes. Sie sind die Söhne von Zebedäus. Sie arbeiten mit Simon zusammen. Jesus sagt zu Simon: „Hab keine Angst! Von jetzt an wirst du Menschen für das Leben gewinnen.“

Sie bringen die Boote an Land. Sie lassen alles zurück. Sie gehen mit Jesus. (Lukas 5,1-11; von mir in leichte Sprache übertragen)

Vielleicht war es doch zu heiß und zu trocken, um im Garten zu grillen. Vielleicht stand der Grill einfach an der falschen Stelle. Ein Funke reicht. Die Hecke zum Nachbarn steht in Flammen.

Der Feuerlöscher? Viel zu klein.

Du zückst dein Handy. 112.

„Feuerwehr.“

Dass die Stimme so ruhig ist, tut gut. Du bist aufgeregt. Die Worte kommen nur stockend. Was ist passiert? Wo? Wer ist betroffen? Die Stimme am Telefon fragt ruhig weiter. Du antwortest.

Während du noch redest, piepsen überall in Gäufelden schon die Melder. Ein Blick aufs Display: B1. Heckenbrand. Straße. Hausnummer. Mehr braucht es nicht.

Aus allen Richtungen treffen hier im Feuerwehrhaus die Männer und Frauen der Freiwilligen Feuerwehr ein. Wenige Augenblicke später verlässt das LF 16/12 das Gelände. Florian Gäufelden 44 meldet sich bei der Leitstelle.

Schon von weitem hörst du die Sirene. Welch eine Erleichterung! Jetzt übernehmen die Profis. Schnell ist die Hecke gelöscht. Zum Glück ist nichts Schlimmeres passiert!

Alles beginnt mit einem Ruf. Ein paar Worte. Ein Piepsen. "Komm! Wir brauchen dich!" Und Menschen lassen stehen und liegen, was sie gerade tun. Sie machen sich auf den Weg.

Aber genau genommen erzählt das Evangelium heute eine andere Geschichte.

Jesus löst keinen Alarm aus. Nirgendwo brennt es. Niemand ruft um Hilfe.

Jesus tritt einfach an einen Fischer heran. Einen erfahrenen Fischer. Er kennt den See. Er kennt die Netze. Er kennt die besten Fangplätze. Und trotzdem bleibt das Netz heute leer.

Jesus ruft gerade nicht die Menschen, die alles im Griff haben. Die tausendmal den Einsatz geübt haben und sich auf ihre Erfahrung verlassen können. Jesus ruft nicht die Erfolgsgaranten.

Die Menschen die er ruft, sind gerade mit ihrem eigenen Scheitern konfrontiert. Sie stoßen hart an die eigenen Grenzen.

"Wir haben uns die ganze Nacht lang abgemüht."

Das hört man diesem Satz an. Die Müdigkeit. Die schmerzenden Arme. Die Enttäuschung. Die leeren Netze.

Eine ganze Nacht. Kein einziger Fisch.

Genau da spricht Jesus ihn an.

Dann sagt Jesus: „Fahr noch einmal hinaus.“

Das ist eigentlich absurd. Ein Prediger erklärt einem Fischer seinen Beruf. Das ist, als würde ein Pfarrer der Feuerwehr sagen, wie sie einen Brand löschen soll! Jetzt fischen? Am hellen Tag? Nach einer durchgearbeiteten Nacht?

"Aber weil du das sagst...", sagt Petrus. Ob das schon Glaube ist? Vielleicht noch zögernd. Vielleicht noch zweifelnd. Vielleicht einfach nur aus Höflichkeit. "Weil du das sagst..."

Wer hätte geahnt, dass die Netze so voll werden? Simon erschrickt -- und die anderen mit ihm. Nicht die Fische machen ihm Angst. Sie merken plötzlich, wer da in ihrem Boot sitzt. In einem Augenblick ist aus dem Prediger der Herr geworden.

Und Simon fällt vor Jesus auf die Knie. Ganz kleinlaut: "Herr, geh weg von mir. Ich bin ein Mensch mit Schuld."

Da ist sie – die Angst.

Ich bin nicht gut genug. Ich bin nicht der Richtige. Ich bin nicht geeignet.

Wer so denkt, wagt keinen Schritt mehr.

Ich glaube, diese Angst kennen viele.

Vielleicht nicht vor Gott. Aber vor dem Leben.

Ich bin nicht gut genug. Nicht gut genug als Vater. Nicht gut genug als Mutter. Nicht gut genug als Partner. Nicht gut genug im Beruf. Nicht gut genug für dieses Ehrenamt. Nicht gut genug für diese Verantwortung.

Vielleicht kennst du das sogar von hier. Die Melder piepsen. Alle fahren los. Und du fragst dich:

Hoffentlich mache ich nichts falsch. Hoffentlich kann ich helfen. Hoffentlich werde ich der Lage gerecht.

Und irgendwann wird daraus eine tiefere Frage. Bin ich eigentlich der Richtige? Reicht das, was ich kann? Reicht das, was ich bin?

In unserer Zeit hat Angst so viele Gesichter: Angst nicht zu genügen. Angst zurückzubleiben.

Simon bringt all das in einen einzigen Satz. „Herr, geh weg von mir. Ich bin ein Mensch mit Schuld."

Und Jesus... geht nicht.

Er bleibt bei Simon. Gerade bei dem, der ihn wegschickt.

Gottes Ruf setzt nicht voraus, dass ein Mensch sich geeignet fühlt. Er erreicht Menschen gerade dort, wo sie an ihre Grenzen kommen. Berufung beginnt nicht mit dem Gefühl, gut genug zu sein. Sie beginnt damit, dass Christus einen Menschen anspricht. "Aus Gnade seid ihr gerettet", haben wir heute im Wochenspruch gehört. "Gottes Gabe ist es."

„Hab keine Angst", sagt Jesus.

"Hab keine Angst."

Alle vier Evangelien berichten von der Berufung des Simon. "Folge mir nach", sagt Jesus in der Regel. Und man könnte sich fragen, was das genau heißt. "Hab keine Angst", sagt Jesus in Lukas' Erzählung.

Nicht: Beweis erst, dass du geeignet bist. Nicht: Komm wieder, wenn du besser geworden bist. Nicht: Streng dich mehr an. Nicht einmal: "Du schaffst das schon."

"Hab keine Angst."

Ob dasam Ende vielleicht sogar die Berufung ist? Vielleicht beginnt Berufung genau hier.

Nicht mit einem Auftrag. Sondern mit einer Befreiung. „Hab keine Angst."

Jesus lässt der Angst nicht das letzte Wort. Dem, was das Leben lähmt. Was klein macht. Was dich hindert, das Leben zu leben, zu dem Christus dich ruft. Was dich hindert, der Mensch zu werden, als den Gott dich sieht. Was dir die Freiheit nimmt.

„Hab keine Angst." Hör auf, dich zu fürchten. Lebe nicht länger aus der Angst!

Vielleicht beginnt Nachfolge genau da: Mit dem Zuspruch Christi. Mit dem Vertrauen, aus dem man leben kann. Er stellt sich selbst der Angst entgegen. Sein Wort ist es, das alles verändert:

Die Angst verliert die Macht. Jesus öffnet einen neuen, weiten Raum. Vertrauen wächst, weil Christus spricht. Eine Zukunft öffnet sich. Gottes Zukunft. Eine Zukunft, die in Jesus bereits begonnen hat.

"Hab keine Angst."

Dieser Satz ist fast die Grundmelodie des Evangeliums. Der Refrain der ganzen Heilsgeschichte Gottes.

Abraham muss seine Heimat verlassen? "Hab keine Angst!"

Mose steht vor dem brennenden Dornbusch? "Hab keine Angst!"

Jesaja erschrickt im Tempel? "Hab keine Angst!"

Die selben Worte hört Maria: "Hab keine Angst!"

Zacharias. Die Hirten. Simon. Die Frauen am Ostermorgen. Die Jünger.

Immer wieder: "Hab keine Angst!"

Und jedes Mal, wenn wir eine Taufe feiern, hören wir diesen Zuspruch Gottes. Das ist Gottes erstes Wort über deinem Leben. "Hab keine Angst.

Schau: Ich habe dich befreit. Ich habe dich beim Namen gerufen. Du gehörst zu mir."

Und genau das verändert alles.

Wer nicht mehr aus der Angst leben muss, kann anfangen, aus dem Vertrauen zu leben.

Wer sich von Gott getragen weiß, muss sich nicht mehr dauernd selbst beweisen.

Und jetzt?

Jetzt öffnet sich der Blick. Weg von dir. Hin zu den anderen.

Wer das hört, muss niemanden mehr von sich überzeugen. Er kann anfangen, für andere da zu sein.

Erst jetzt kann Jesus sagen:

„Von jetzt an wirst du Menschen für das Leben gewinnen."

Eigentlich hat Jesus Simon gerade selbst für das Leben gewonnen.

Aus der Angst. Ins Vertrauen.

Und genau dazu wird Simon nun auch für andere gebraucht.

Jesus schickt Simon nicht los, anderen etwas beizubringen. Er schickt ihn los, das weiterzugeben, was er selbst gerade erfahren hat.

Dass Angst ihre Macht verlieren kann. Dass Vertrauen wachsen kann. Dass Gemeinschaft sich verändern kann. Dass Gottes Zukunft sich öffnet.

Genau dafür braucht Jesus Menschen. Menschen, die selbst erfahren haben, wie befreiend sein Ruf ist. „Hab keine Angst."

Simon wird auf seinen ganz eigenen Weg gerufen. Nicht jeder muss Prediger werden. Nicht jeder wird alles stehen und liegen lassen.

Aber den Ruf, der davor steht, hört jeder Mensch: „Hab keine Angst."

Heute feiern wir Feuerwehrfest.

Ich bin dankbar für Menschen, die bereit sind, sich rufen zu lassen.

Die ihr Zuhause verlassen. Den Grill. Den Geburtstag. Den Schlaf.

Weil andere sie brauchen.

Die Melder werden weiter piepsen.

Es wird weiter Brände geben. Unfälle. Hochwasser. Einsätze.

Aber unter all diesen Rufen gibt es einen, der zuerst gilt. Weil er alles verändert.

„Hab keine Angst."

Das ist es, wozu Christus dich ruft. „Hab keine Angst." Das macht dich frei. Frei zum Leben.

„Hab keine Angst."

Amen.

Nutzung

Dieser Inhalt wird unter einer CC-BY-SA 4.0-Lizenz veröffentlicht. Was das bedeutet, steht hier.

Verwandte Predigten