Predigt

Und die Krümel?

Vom Glauben, der Gott nicht loslässt.

Was, wenn Gott schweigt? Wenn die Tür verschlossen scheint und selbst Jesus auf Abstand hält? Eine kanaanäische Frau gibt nicht auf. Sie widerspricht – und Jesus nennt ihren Glauben groß. Eine Predigt über einen Glauben, der Gottes Güte mehr zutraut als dem, was er gerade erlebt.

Titelbild zur Predigt "Und die Krümel?".

Gottesdienste und Anlässe

  • 27.09.2026 · 9:00 Uhr · Stephanskirche
    Gottesdienst
  • 27.09.2026 · 10:30 Uhr · Kirche Tailfingen
    Gottesdienst mit Taufe

Audio

MP3 herunterladen · 11:01

Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn.

Aus dem Evangelium nach Matthäus, aus dem 15. Kapitel:

Jesus geht von dort weg. Er zieht sich zurück. Er geht in die Gegend von Tyrus und Sidon.

Schaut: Da kommt eine Frau. Eine Kanaanäerin. Sie ist dort aus der Gegend. Die Frau schreit laut: „Herr, hab Erbarmen mit mir! Sohn Davids! Eine böse Macht beherrscht meine Tochter. Meine Tochter leidet sehr.“

Aber Jesus antwortet der Frau gar nicht. Da kommen seine Jünger:innen zu Jesus. Sie bitten Jesus: „Schick die Frau weg. Sie schreit hinter uns her.“

Jesus antwortet: „Gott hat mich geschickt. Aber nur zum Volk Israel. Das Volk Israel ist wie eine Schafherde. Diese Schafe haben sich verirrt.“

Aber die Frau kommt zu Jesus. Sie wirft sich vor ihm nieder. Sie sagt: „Herr, hilf mir!“

Jesus antwortet: „Stell dir vor, wir sitzen beim Essen. Jemand nimmt den Kindern das Brot weg. Jemand wirft es den Hunden hin. Das ist nicht recht.“

Die Frau antwortet: „Ja, Herr. Das stimmt. Aber vom Tisch der Herren fallen Brotkrümel. Die Hunde fressen diese Brotkrümel.“

Jesus antwortet der Frau: „Frau, dein Glaube ist groß. Was du willst, soll geschehen.“ Sofort wird ihre Tochter gesund. (Matthäus 15,21-28; von mir in leichte Sprache übertragen).

Es ist, als wäre der Himmel verschlossen. Nur graue Wolken, die keinen Sonnenstrahl durchlassen. Eine bleierne Decke liegt über allem und raubt dir fast den Atem. Du dringst einfach nicht durch.

Es ist, als wäre die Türe zu. Du klopfst und klingelst, du hämmerst mit den Fäusten. Keiner hört dich. Keiner macht dir auf.

Es ist, als bliebe für dich nichts mehr übrig. Alle bekommen. Alle freuen sich. Nur du stehst am Rand und schaust traurig zu.

Da ist jemand, den du liebst. Dein Kind vielleicht. Deine alten Eltern. Ein Freund, eine Freundin. Eine Nachbarin in Not. Einem geliebten Menschen geht es schlecht. Und du leidest mit. Was kann man denn tun? Du versuchst zu helfen. Du hörst zu. Du telefonierst herum. Du suchst jemanden, der helfen kann. Du gehst mit zum Arzt. Du hältst eine Hand. Du bist einfach da. Aber ist das genug?

Da ist eine Beziehung in der Krise. Ihr schweigt euch an. Oder sagt Dinge, die verletzen. Du suchst das Gespräch. Du versuchst zu verstehen. Du machst den ersten Schritt. Vielleicht zum wiederholten Mal. Aber reicht das?

Da ist die Sorge um die Zukunft. Um den Arbeitsplatz. Um Haus und Wohlstand, um Kinder und Enkel. Du rechnest. Du planst. Du versuchst vorzusorgen. Aber kannst du die Zukunft damit sicher machen?

Da ist die Gesellschaft, die sich verändert. Der Ton wird rauer. Aus „wir“ wird viel zu oft „die“ und „ich“. Du versuchst, anders zu reden. Du widersprichst, wenn Menschen schlechtgemacht werden. Aber kannst du damit etwas verändern?

Vielleicht tust du das, was Christ:innen seit jeher tun: Du kommst zu Gott mit deinem Anliegen. Du wendest dich vertrauensvoll an ihn. Vielleicht sprichst du zum ersten Mal seit langem ein Gebet. Vielleicht weißt du gar nicht wirklich, wie du das tun kannst. Aus einem Psalm, gemeinsam gesprochen mit anderen, kannst du dir Worte ausleihen. Sie werden zu deinen Worten, während wir beten. Vielleicht hast du gar keine Worte. Nur Stille vor Gott. Ein Seufzer, ein Flehen. Eine Kerze, als stummer Ausdruck deiner Bitte. Egal, wie du dich ausdrückst: Du bist an der richtigen Stelle. Du kommst zu Jesus.

"Nicht zuständig."

Wie ein roter Stempel auf deinem himmlischen Antragsformular. Abgelehnt. Nicht zuständig.

Der Jesus in dieser Geschichte irritiert mich ohne Ende. Er passt so gar nicht in das, was ich erwartet habe.

Hat er denn nicht zugehört? Wie kann er deinen Verzweiflungsschrei überhören? Wie kann er sein Herz verschließen vor deiner Not?

"Kyrie, eleison." "Herr, erbarme dich."

"Jemand nimmt den Kindern das Brot weg. Jemand wirft es den Hunden hin." Redet der über mich? Ist es das, was Gott über mich denkt?

Ist Gott wirklich so? Jesus, bist du wirklich so?

Worum geht es Jesus hier eigentlich? Seine Antwort hat einen ganz bestimmten Grund. Jesus ist Jude. Er gehört zum Volk Israel. Und seinen Auftrag auf seinem Weg durch Israel beschreibt er hier so: „Gott hat mich geschickt. Aber nur zum Volk Israel. Das Volk Israel ist wie eine Schafherde. Diese Schafe haben sich verirrt.“

Die Frau in der Geschichte gehört nicht zum Volk Israel. Matthäus nennt sie ausdrücklich eine Kanaanäerin. Eine Fremde. Eine, die nicht dazugehört.

Deshalb das Bild mit dem Tisch. Die Kinder – das ist Israel. Für sie ist das Brot bestimmt. Jesus nimmt Israel nichts weg. Auch diese Geschichte nimmt Israel nichts weg.

Aber wo bleibt dann diese Frau? Wo bleibt sie mit ihrer Tochter, mit ihrer Not, mit ihrem Vertrauen auf diesen Jesus?

"Hunde"?

Das alles macht das Bild nicht weniger verletzend. Die Frau muss sich ihren Raum ausgerechnet in Worten suchen, die sie zunächst auf Abstand halten.

"Hunde"?

Dann kann ich ja gehen.

Aber du tust es nicht. Du gibst nicht auf. Du bleibst dran. Liebe kann unglaublich hartnäckig machen.

Du suchst nach einem Spalt in dieser Tür – und du findest ihn. Ausgerechnet in dem Bild, mit dem dich Jesus hier auf Abstand hält.

Ja, Herr. Und die Krümel?

Du entdeckst etwas in Jesu Bild, das bisher keiner gesehen hat: Da fällt etwas vom Tisch. Da ist etwas da. Auch für dich. Gottes Güte liegt da wie Brot. Wenn Gottes Güte wirklich so ist, wie Brot auf einem gedeckten Tisch--kann sie dann so exakt an einer Grenze enden?

Ja, Herr. Und die Krümel?

Du lässt Jesus nicht los. Und er lässt sich auf dein Wort ein.

„Frau, dein Glaube ist groß.“

Erstaunt schauen alle zu Jesus. Die, die dich eben noch wegschicken wollten. Und du. Hast du damit überhaupt noch gerechnet? Nach allem, was gerade geschehen ist?

„Frau, dein Glaube ist groß.“

Wenn die Antwort auf sich warten lässt... Wenn Gott schweigt... Wenn du auf Widerstand stößt... Wenn der Himmel verschlossen ist... Das ist gar nicht einfach. Frustrierend. Zermürbend. Wie soll man da noch glauben?

Schau, "großer Glaube" heißt ganz offensichtlich nicht: Dass alles eindeutig ist. Großer Glaube heißt nicht: Alles verstehen. Heißt nicht einmal, zu allem Ja sagen, was Jesus sagt. Obwohl du gerade sagst: „Ja, Herr.“ Ein merkwürdiges Ja. Ein Ja, das widerspricht.

Großer Glaube heißt nicht: Du musst nur stark genug glauben. Diese Frau zeigt nicht, was du leisten musst – sondern woran du dich halten darfst.

Der Glaube hier klammert sich an Jesus -- und widerspricht ihm zugleich.

Der Glaube traut Gottes Güte mehr zu als dem, was er gerade erlebt. Glaube hofft tiefer, als die Erfahrung reicht. Auch als Jesus schweigt und der Himmel verschlossen scheint, verlässt sich Glaube auf die Güte Gottes.

Woher nimmst du dieses Vertrauen, wenn gerade nichts danach aussieht?

"Hab Erbarmen, Herr", ruft die Frau in der Geschichte. "Kyrie, eleison." Und: "Sohn Davids." Sie weiß, wen sie da vor sich hat. Oder vielleicht besser: Sie setzt alles darauf, wer dieser Jesus ist.

"Hab Erbarmen", könnte dein Gebet sein. "Kyrie eleison." Du weißt ja auch, wen du vor dir hast.

Du hast von ihm gehört. Von Jesus, der Menschen nicht aufgegeben hat. Der Kranke berührt hat. Der Menschen ihre Schuld nicht vorgehalten hat. Der mit ihnen neu angefangen hat. Der Menschen an seinen Tisch geholt hat. Der selbst unseren Tod stirbt--am Kreuz.

Du hast ihn doch bekannt, hier, mit allen anderen: Den, der vom Tod auferstanden ist. Der Hoffnung selbst ins Dunkel des Grabes hineinbringt. Der neues Leben für die ganze Welt bringt. Darum reicht diese Hoffnung weiter als bis zu mir. Sie hofft darauf, dass Gott mit seiner ganzen verwundeten Welt noch nicht fertig ist.

Sollte diese Hoffnung nicht auch für dich reichen?

Du kennst ihn doch schon lange.

Es ist ja nicht nur Nico, heute, der sein Versprechen hörte. Du bist doch selbst auch jemand, dem dieses Gotteswort gilt. Du bist getauft. Du gehörst zu Christus. "Fürchte dich nicht. Siehe, ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein." Und: "Ich bin bei dir alle Tage, bis an der Welt Ende."

Ich verlass dich nicht. Verlass dich drauf. Genau das ist, was "Glaube" heißt.

Du hast Gottes Zusage. Und Gott hat dich.

Gottes Zusage hängt nicht daran, dass alles wieder gut oder heil wird. Sie gilt auch mitten in dem, was bleibt.

Wenn die Tür verschlossen scheint: Du darfst mit deinem Widerspruch bei Christus bleiben. Du darfst ihm sogar seine eigene Güte entgegenhalten.

"Erbarm dich, Herr." "Kyrie eleison." Du hast es mir zugesagt.

Glaube muss Gott nicht immer verstehen. Manchmal besteht Glaube einfach darin, Gott nicht loszulassen.

Wir haben Hoffnung. Amen.

Nutzung

Dieser Inhalt wird unter einer CC-BY-SA 4.0-Lizenz veröffentlicht. Was das bedeutet, steht hier.

Dieser Inhalt ist in einem Git-Repository auf GitHub verfügbar.

Verwandte Predigten